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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenLeben in einer unübersichtlichen Welt14.03.2013

Leben in einer unübersichtlichen Welt

Die Philosophin Natalie Knapp untersucht neue Denkwege

In der hochgradig komplexen und dynamischen Welt stößt das Denken in Fachdisziplinen immer mehr an Grenzen. Dabei gibt es bereits funktionierende Modelle, wie beispielsweise gerade auch bei Großprojekten wie etwa Stuttgart 21 die Werteverständigung der Bürger integriert werden kann - und somit Probleme vermieden werden.

Von Dörte Hinrichs

Durch neue Denkansätze auch komplexe Großprojekte besser durchführen. (picture alliance / dpa / Marc Tirl)
Durch neue Denkansätze auch komplexe Großprojekte besser durchführen. (picture alliance / dpa / Marc Tirl)

Er ist einfach verführerisch und genau deshalb möchten wir uns nicht von ihm trennen: vom Mythos, dass die Zukunft berechenbar sei. Doch wer hat die Finanzkrise kommen sehen, die Reaktorkatastrophe von Fukushima und die in Deutschland damit ausgelöste Energiewende? Wer hat geahnt, dass die Revolutionen im arabischen Raum ausbrechen und dass das Internet dabei eine entscheidende Rolle spielen würde? Diese Beispiele führt die Philosophin Nathalie Knapp an für die Unberechenbarkeit und Komplexität unserer heutigen Welt. Im Strudel der politischen, beruflichen und persönlichen Veränderungen fühlen sich viele Menschen den Anforderungen unserer Gesellschaft nicht mehr gewachsen. Denn der Grad der Komplexität ist den letzten Jahrzehnten gestiegen:

"Der hängt eben immer auch von der Anzahl der Menschen und Sachverhalte ab, mit denen wir rückgekoppelt sind und die miteinander in Beziehung sind. Und das hat seit der Globalisierung und seit der Einführung des Internets enorm zugenommen. Also, dass die Arbeitsplätze in China an unsere Arbeitsplätze gekoppelt sind, das gab es um 1800 nicht. Das war nicht immer so. Und der zweite Aspekt ist, dass es viel mehr Freiräume und Freiheiten in unserem privaten Leben gibt."

Wissenschaftler haben sich schon Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem Phänomen der Komplexität beschäftigt. Sie haben sich gefragt: Wie lassen sich technische Systeme, biologische Organismen, Unternehmen und Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme steuern? Welchen Gesetzmäßigkeiten unterliegen diese komplexen Systeme? Als neue Disziplin wurde die Kybernetik begründet. Von 1946 bis 1953 trafen sich Anthropologen, Elektrotechniker, Psychologen, Naturwissenschaftler und Sozialwissenschaftler zu Tagungen in New York, die später als "Macy-Konferenzen" bekannt wurden. Doch die Hoffnung auf eine neue Denkkultur sollte sich nicht erfüllen, so Natalie Knapp:

"Die Kybernetik war ja wirklich die erste Wissenschaft, die sich mit der Steuerung komplexer Systeme auseinandergesetzt hat. Und die ist eben ganz schnell an ihre Grenzen gekommen, weil die verschiedenen Wissenschaftszweige, die da zusammengekommen sind – das war ja auch das erste interdisziplinäre Forschungsprojekt – und diese verschiedenen Wissenschaftszweige haben einfach keine gemeinsame Sprache gefunden. Dann gab es ganz schnell eine Spaltung. Es gab dann so einen technischen Zweig, der sich weiterhin um Berechnungsmethoden gekümmert hat, und einen eher biologisch orientierten Zweig, der sein Verständnis an der komplexen Wirkungsweise der Natur versucht hat abzuleiten. Und die konnten irgendwann nicht mehr so gut miteinander kommunizieren. Der Universalwissenschaftler Gregory Bateson, der ja auch Biologe war, aber eben auch Philosoph und da eine entscheidende Rolle auch gespielt hat, der hat diesen schönen Vergleich gebracht: "Wenn zwei Augen zusammen sehen, dann entsteht eine neue Dimension." Also das ist die Dimension der Tiefe. Ein Auge allein kann das nicht."

Doch inzwischen sind 60 Jahre vergangen und an den Hochschulen werden schon lange Interdisziplinarität und Transdisziplinarität gefördert. Da gibt es gemeinsame Forschungsprojekte, die Prozesse aus verschiedenen Perspektiven beleuchten, in der Hoffnung, neue und tiefere Einblicke zu bekommen. Mit bescheidenen Ergebnissen, meint Nathalie Knapp:

"Auch da hat sich dieser neue Denkstil eben noch nicht entwickelt, weil die gemeinsame Sprache nicht gefunden wurde. In den meisten Fällen ist das ein Nebeneinander der Wissenschaften. Wenn Sie solche Konferenzen besuchen und den unterschiedlichen Leuten zuhören, da sind einerseits die Geisteswissenschaftler, andererseits die Naturwissenschaftler, und in den seltensten Fällen gelingen die Verbindungen. Weil wir gar nicht bedenken, dass die unterschiedlichen Sprachen tatsächlich ganz verschiedene Voraussetzungen haben. Also die Geisteswissenschaftler haben sehr viel mehr Spielraum in ihrer Begrifflichkeit und für die Naturwissenschaftler ist Information und Faktenwissen das Wichtigste. Die einen sagen, die anderen denken zu eng und die anderen finden, die nehmen es nicht so genau."

Voraussetzung für eine gemeinsame Sprache ist nach Ansicht von Natalie Knapp, die jeweilige Kompetenz des anderen anzuerkennen und offen zu sein. Die Philosophin sieht darin eine besondere Stärke ihrer Disziplin:

"Ich glaube wirklich, eines der größten Potenziale der Philosophie ist, mit offenen Fragen umgehen zu können und es aushalten zu können, noch keine Antworten zu haben. Und das ist im Moment eine entscheidende Qualität und Fähigkeit, die die meisten Menschen nicht mehr haben, weil sie eben gewohnt sind, sofort nach Lösungen und Absicherungen und so weiter zu suchen und das schult tatsächlich die Wahrnehmungsfähigkeit und das ist, was man braucht, um mit komplexen Situationen umgehen zu können. Und es gibt ja auch Wissenschaftler, die das können. Zum Beispiel der Stuart Kaufmann, der amerikanische Komplexitätsforscher. Der ist Biologe, aber gleichzeitig hat er sehr starke philosophische Kompetenzen. Und der ist auch da in der Lage, sich da auseinanderzusetzen. Aber auch hier in Deutschland der Harald Welzer hat solche Fähigkeiten. Auch der Thomas Metzinger, der Philosoph. Aber ganz oft finden diese vielversprechenden Forschungen, die sich meist an einzelne Menschen, die eine offene Weite in ihrem Denken haben, knüpfen, eher am Rand des Wissenschaftsbetriebes statt. Weil man sich eben etwas von der Tradition seiner Zunft entfernen muss, um so dialogfähig zu werden."

Wenn dieser Dialog in Gang kommt, kann es möglicherweise besser gelingen, komplexe Ökosysteme oder Finanzsysteme zu durchschauen und zu steuern. Eine Intuition für Nebenwirkungen und Fernwirkungen kann dabei nicht schaden.

"Schon in den 1980er-Jahren hat man in der Komplexitätsforschung Leuten sehr komplexe Aufgaben zu bewältigen gegeben, zum Beispiel einen Staat zu regieren, und hat sie dabei beobachtet. Und dabei hat sich sehr schnell sehr klar herausgestellt, dass die guten Problemlöser die Nachdenklichen und Vorsichtigen waren. Diejenigen, die immer wieder ihre eigenen Strategien überdacht haben und genau hingeguckt haben, was jetzt daraus geworden ist. Und nicht die, die einen Plan gemacht haben und ihren Plan durchgezogen haben und am Ende vielleicht auch erreicht haben, was sie erreichen wollten, aber übersehen haben, dass woanders gerade eine Hungersnot aufkam oder was auch immer."

Diese Erkenntnisse lassen sich Natalie Knapp zufolge auch nutzen, um öffentliche Großprojekte zu realisieren. Man denke nur an den Berliner Flughafen, Stuttgart 21 oder die Hamburger Elbphilharmonie. Komplexe Vorhaben, die irgendwann aus dem Ruder gelaufen sind, weil zu viele unplanbare Faktoren und Fehlkalkulationen deren Realisierung verzögern oder gar verhindern.

"Es muss in bestimmten Projektphasen diese Art des Innehaltens geben, es muss diese Verlangsamung geben, und echte Pausen für echte Reflexion. Dafür gibt es erprobte Moderationsverfahren, die funktionieren. Und da kommen dann immer ganz schnell die blinden Flecken ans Licht. Aber das muss eben auch erwünscht sein. Es ist nicht notwendig, dass jeder immer überall mitredet, das vervielfacht die Komplexität dann auf eine Weise, dass wirklich Chaos entsteht. Auch das ist in der Komplexitätsforschung längst ans Licht gekommen. Also die Anzahl der Beziehungen und Mitentscheidungen darf nicht so groß sein, dass es völlig unübersichtlich wird. Es genügt aber, diese Reflexionspausen einzulegen, wo wirklich alle, die daran beteiligt sind, mit ihrer Aufmerksamkeit zeigen können, wo sie sehen, wo gerade etwas schief läuft. Und meistens ist das dann ganz einfach. In vielen Firmen wird das auch schon eingesetzt, da ist es eben aber wirklich wichtig, dass der Chef nicht am Kopfende sitzt. Weil man dann eben Angst hat, wenn man jetzt sagt, was dem nicht passt, dass man dann entlassen wird."

Schon bei der Planung jedes öffentlichen Mammutprojektes sollte zum Beispiel darüber nachgedacht werden, ob die gesellschaftliche Relevanz groß genug ist, um eine mögliche Kostenexplosion zu rechtfertigen. Doch wer entscheidet über die gesellschaftliche Relevanz? In ihrem aktuellen Buch "Kompass neues Denken" kritisiert Natalie Knappp, dass wir darüber als Gesellschaft auf breiter Basis gar nicht nachdenken. Und deshalb auch kein Gespür für komplexe Sachverhalte entwickeln, die immer wieder neu überdacht werden wollen. Andere haben da schon weitergedacht:

"Bürgerbefragung und Bürgerbeteiligung ist sicher was ganz Wesentliches. Und das muss aber nicht basisdemokratisch sein und auch nicht immer so unheimlich anstrengend. In Österreich hat man da beispielsweise eine Methode ausprobiert und ist damit sehr weit gekommen. Da hat man sogenannte Bürgerräte eingesetzt und die werden jetzt in vielen politischen Prozessen befragt und das geht so, dass man durch Zufallsprinzip zwölf Bürgerinnen oder Bürger auswählt und die kommen dann zusammen. Die haben keine Ahnung von dieser ganzen Problemlage, um die es gerade geht und die haben dann drei Tage Zeit, um zusammen mit jemandem, der das Ganze moderiert, eben auf so eine spezielle Art und Weise diese Sache zu durchdenken. Und das ist auch inzwischen wissenschaftlich begleitet worden und ausgewertet. Und die Wissenschaftler waren erstaunt, zu sehen, dass da nie unterkomplexe Lösungen dabei herauskamen. Aber es kamen natürlich auch keine technischen Detailplanungen dabei raus. Und für die technischen Detailplanungen braucht man keine Bürgerbefragung am Ende, aber man braucht sie eben für diese Werteentwicklung."

Über 30 Bürgerräte wurden inzwischen in Österreich durchgeführt, auf Landes- wie auf Bundesebene. Manchmal suchen sich die Räte ihre Themen selbst, manchmal sind sie vorgegeben. Viel schneller als viele Politiker haben die Bürgerräte eines erkannt: Nämlich wie wichtig es für tragfähige Entscheidungen ist, sich vorher in der Gemeinschaft über Werte zu verständigen:

"Wenn sie so ein großes Großprojekt beispielsweise haben, na, da gibt es natürlich immer Leute, die mehr für sich selber rausschlagen wollen. Das ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und wenn wir nicht uns regelmäßig über diese Werte Gedanken machen, dann entwickelt sich das eben so nach den Werten, die wir uns als Gesellschaft gegeben haben und das ist halt mehr Geld, mehr Erfolg und so weiter. Und da steht natürlich ein ganz bestimmter Wertebegriff dahinter, der nicht danach fragt, was will ich von den anderen haben, sondern eben, was kann ich geben, und was ist mir so wertvoll, dass ich es der Gesellschaft und für die Zukunft zur Verfügung stellen will? Und wenn mehr Menschen von diesem Ort aus agieren, dann werden die Dinge ganz sicher leichter."

Buchinfos:
Natalie Knapp: "Kompass neues Denken. Wie wir uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren können", Rowohlt-Verlag

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