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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenLeben um zu arbeiten, arbeiten um zu leben22.03.2012

Leben um zu arbeiten, arbeiten um zu leben

"Ulmer Denkanstöße" zur Wandlung des Begriffs "Arbeit"

Im Altertum war Arbeit vor allem Mühe. Im Mittelalter wurde sie als für das Seelenheil wichtiges Werk gedeutet. Hegel schließlich sah in ihr ein Mittel um die Bedürfnisse einer Gesellschaft zu befriedigen. Heute ist sie für einige Menschen der Sinn des Lebens.

Von Cajo Kutzbach

Wandel in der Arbeitswelt: Viele Menschen leben nur noch, um zu arbeiten.  (Stock.XCHNG / Thad Zajdowicz)
Wandel in der Arbeitswelt: Viele Menschen leben nur noch, um zu arbeiten. (Stock.XCHNG / Thad Zajdowicz)

Der Begriff "Arbeit" hatte im Laufe der Zeit viele Bedeutungen. Im Altertum war sie vor allem Mühe. Im Mittelalter wurde sie als Werk gedeutet, das für das Seelenheil wichtig sei. Der Philosoph Hegel schließlich sah in ihr ein Mittel um die Bedürfnisse einer Gesellschaft zu befriedigen. Heute ist sie für einige Menschen der Sinn des Lebens. Sie leben für die Arbeit. Jeder Misserfolg wird dann zur existenziellen Krise. Wer dem immer schnelleren Tempo nicht folgen kann, gilt als Versager, ist von Selbstzweifeln geplagt oder wird krank. Prof. Christoph Hubig, der an der Technischen Universität Darmstadt Philosophie der wissenschaftlich-technischen Kultur lehrt, bezieht sich auch auf Hegel:

"Probleme mit Begriffen bekommt man in der Regel, wenn man ihre Bedeutung unzulässig einschränkt. Das geschieht, was die Arbeit angeht, heute zutage in zweierlei Weise: Zum einen wird verschiedentlich Arbeit auf Produktionsarbeit eingeschränkt. Und wir haben nur noch 18 Prozent der Arbeitenden in der Produktion. Dabei wird übersehen, das Wissensdienstleistungen, soziale Dienstleistungen natürlich auch Arbeit sind.

Die zweite Einschränkung ist die, dass Arbeit oftmals mit Lohnarbeit gleichgesetzt wird und dann die Frage entsteht, wie sollen wir diesen Bereich erfassen, der explizit nicht entlohnt wird aus – meines Erachtens – nicht vertretbaren Gründen, zum Beispiel: Pflegearbeit, Familienarbeit, Bildungsarbeit als Nachhilfe und Unterstützung."

Hegel meinte, dass eine Gesellschaft bestimmte Bedürfnisse habe und diese Bedürfnisse seien durch die Arbeit aller zu befriedigen. Eines dieser Bedürfnisse ist dabei die Entfaltung der Fähigkeiten jedes Einzelnen zum Nutzen des Gemeinwohles.

Bei der Frage welche Arbeiten zu bezahlen seien, könnte man fragen, ob die Gesellschaft das Ergebnis dieser Arbeit braucht. Damit wären Teile der Hausarbeit oder die Erziehung zu entlohnen. Zum Teil geschieht das bereits. Christoph Hubig:

"Etwas lesen, um sich weiter zu entwickeln, ist natürlich Arbeit. Das heißt sie kommt der Gesamtgesellschaft zugute, die ja rollenteilig, arbeitsteilig verfasst ist, und in Ansätzen wird dies ja durch unsere Systeme der Stipendien und der Unterstützung von Studierenden und Schülern etc. gewährleistet. Aber dieser Bereich ist wesentlich auszubauen, damit er seine Funktion erfüllt und insbesondere die Herkunftsabhängigkeit derjenigen, die in den Bildungsprozessen sind, mildert."

In Hegels Sinne dienen Jobs, die den Menschen auf ein Werkzeug reduzieren, nicht seiner Entfaltung, und sind für die Gesellschaft weniger nützlich, als ein Beruf, der einen fordert und begeistert.

Genau so ist für die Gesellschaft am Besten, wenn sie sowohl die Stärken der Männer, als auch die der Frauen nutzt. Aber gerade die Führungsetagen tun sich da schwer und versagen damit als Vorbilder. Dr. Anna Gamma, Psychologin und Geschäftsleiterin im Lassalle-Institut im schweizerischen Bad Schönbrunn:

"Frauen ticken einfach anders, wie Männer, sie denken anders, sie gestalten anders, sie sind anders bezogen zum Mitmenschen und ich rede nicht nur von Mann und Frau, sondern von männlich und weiblich, weil ich einfach auch Psychologin bin und da differenziere zwischen diesen beiden Qualitäten. Die verändern sich ja auch im Laufe der Evolution. Und dann sag ich natürlich, die weiblichen Werte sind mehr verkörpert in der Frau, als im Mann. Aber es gibt – wenn ich so in die Führungsetagen gucke – gibt es ganz wenig Frauen, die ihre Weiblichkeit – ich sag dann auch die "wilde Schönheit der Frau" auch bewahrt haben, in der Auseinandersetzung mit den Männern."

Die Arbeitsteilung von Mann und Frau war lange Zeit sehr sinnvoll, weil sie den Notwendigkeiten folgte und auch die unterschiedlichen Fähigkeiten kultivierte. Anna Gamma plädiert für Zusammenarbeit, statt Geschlechterkampf:

"Die Menschheit entwickelt sich so weit, dass wir Beide, auch den Mann, in der Küche und bei den Kindern brauchen, und genauso die Frau in der Außenwelt. Und wenn wir lernen nicht nur in der Rivalität stehen zu bleiben und sagen das Eine ist besser, wie das Andere, sondern dass wir nach der Ergänzung suchen, dann wird es wirklich spannend."

Dieses Ziel ist noch weit entfernt. Das männliche "Allzeit bereit!" dominiert die Wirtschaftswelt. Der Wahn der ständigen Erreichbarkeit, der Selbstverbesserung und Selbstvermarktung macht immer mehr Menschen krank. Ihr Fehlen am Arbeitsplatz erzeugt, laut Gesundheitsministerium, Schäden von acht bis zehn Milliarden Euro jährlich.

Dass dies auch einem Mangel an Muße geschuldet ist, fand der Wissenschaftsredakteur und Autor des Buches "Muße" Dr. Ulrich Schnabel. Was ist das eigentlich?

"Für gemeinhin denkt man immer Muße sei so abhängen und faulenzen, aber im ursprünglichen Sinn bedeutet Muße eher in Übereinstimmung zu sein, mit dem, was das Leben so für einen ausmacht und das kann durchaus auch ne Aktivität sein, also Wandern, Musizieren, Tanzen und so weiter, das kann alles Muße sein.

Wichtig ist einfach, dass man Dinge tut, die einem Freude bringen und über die man selbst bestimmen kann, also nicht dass einem jemand anders sagt, Du sollst jetzt dies oder jenes tun, sondern, dass man selber aus sich heraus beschließt: Das mach ich, weil es mir Freude bringt."

Kinder tun das die allermeiste Zeit und lernen dabei nebenher eine große Menge. Aber das ist nicht das Entscheidende, fand die Forschung beim Blick ins Gehirn:

"Dieses Areal oder dieses Netzwerk heißt das Leerlauf-Netzwerk und es wird immer dann aktiv, wenn wir nicht zielgerichtet denken. Also wenn wir nicht irgend einen bestimmten Zweck verfolgen, rational denken, sondern in dem wir mal das Gehirn so’n bisschen schweifen lassen, sich selbst überlassen, Tagträumen, Schlafen, oder was auch immer. Und dann ist sozusagen das Gehirn in einem bestimmten Aktivitätsmodus aktiv, der, wie die Hirnforschung zeigt, offenbar sehr wichtig für uns ist, weil wir da zum Einen Gelerntes verarbeiten, Erinnerungen neu strukturieren und uns im Prinzip auch erzählen, wer wir selbst auch eigentlich sind."

Menschen, die nur arbeiten und keine Muße finden, sind in Gefahr sich selbst zu verlieren. Wie wichtig dieses Hirngebiet (und damit die Muße) ist, zeigt sich daran, dass es bei Alzheimer, aber auch anderen psychischen Erkrankungen gestört ist.

Eine gute Nachricht dagegen stammt von den Kindern, die ständig so leben und arbeiten, dass sie mit sich selbst im Einklang sind, und darum ihr Tun überhaupt nicht als belastend empfinden. Dahin, so eine These der Tagung sollte sich die Gesellschaft bewegen, die alltägliche Praxis, so eine andere These, weist allerdings in die entgegen gesetzte Richtung.

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