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StartseiteBüchermarktLebenskunst und Sterbenskunst21.07.2008

Lebenskunst und Sterbenskunst

Ludger Lütkehaus schreibt über Anfang und Ende

"Vom Anfang und vom Ende" - so der Titel des jüngsten Bandes aus der "Bibliothek der Lebenskunst". Das Alpha und Omega also dessen, wovon philosophische Lebenskunst seit je handelt - vom Leben und davon, wie sinnvoll zu bestreiten, was mit der Geburt anfängt und mit dem Tod endet.

Von Astrid Nettling

Selbst die Geburt kann für die Geborenen zur Frage werden: Der Tod muss sein, warum aber sollte die Geburt sein?  (AP)
Selbst die Geburt kann für die Geborenen zur Frage werden: Der Tod muss sein, warum aber sollte die Geburt sein? (AP)

Während sich die Lebenskunst gewöhnlich um die Spanne kümmert, die zwischen Anfang und Ende den gestalterischen Spielraum menschlichen Daseins ausmacht, fragt Ludger Lütkehaus zu diesem Alpha und Omega allen Lebens zurück. Sicher - dass Lebenskunst immer auch Sterbenskunst ist und wir unser Dasein ebenso in Hinsicht auf den Tod zu bestreiten haben, wissen wir seit Sokrates, Seneca, Montaigne. Wie aber - so der Autor - sieht es aus in Rücksicht auf die Geburt?

Die Geburt scheint sich als das Natürlichste von selber zu verstehen. Im Unterschied zum Tod, der als das in der gewissen, aber noch unbestimmten Zukunft Liegende das Sein der Sterblichen von Grund auf erschüttert, ist sie als das für die Geborenen immer schon Zurückliegende von jener Irritationsfreiheit, die jedes "fait accompli" gewährt.

Doch selbst die Geburt kann für die Geborenen zur Frage werden. Der Tod muss sein, warum aber sollte die Geburt sein? "Sein oder Nichtsein?" - die berühmte Hamletfrage, die sich zumeist hinsichtlich des Endes stellt, lässt sich genauso rücksichtlich des Anfangs vorbringen. Dass das Leben das höchste Gut, die Geburt ein "Geschenk" und die Welt ein "Licht" sei, davon geht die philosophische und vor allem die christliche Tradition aus. Dieser Seinspositivismus aber - so der Autor - zieht einen gesteigerten Negativismus nach sich: Tod und Sterben werden zu einem Übel, bedeuten die Beraubung des Geschenks, den Entzug des Lichts.

In seinen beiden Essays plädiert Lütkehaus für einen mittleren Weg - für einen Weg, wie er schreibt, "zwischen der bislang federführenden natalen Euphorie und der zugehörigen letalen Depression". Oder anders gesagt für ein Denken, das sich den Dunkelheiten um Anfang und Ende nicht verschließt und ebenso wenig den Fragen, die das Nichtsein, aus dem wir anfangen und in dem wir enden, aufwirft.

Dass die Geburt durchaus nicht bloß als Geschenk betrachtet werden kann, sondern als etwas, was der Willkür zweier Personen geschuldet ist, die das Kind "ohne Einwilligung auf die Welt gesetzt und eigenmächtig in sie herüber gebracht haben", ist schon bei Immanuel Kant zu lesen. Sören Kierkegaard hat auf diesen Willkürakt mit einem ganzen Sturzbach von Fragen geantwortet: "Wo bin ich? Was will das sagen: die Welt? Wer hat mich in dieses Ganze hineingenarrt? Warum wurde ich nicht befragt?" "Geworfenheit" wird Martin Heidegger dann das Faktum nennen, dass wir uns aus dem pränatalen Nichts in die Welt katapultiert finden und mit diesem geworfenen Anfang selbst anfangen und mit unserem In-der-Welt-sein etwas anfangen, initiativ werden müssen - und dies aber auch können.

Denn dem Anfang, lateinisch 'initium', der mit unserer Geburt in die Welt kam, entsprechen wir - nach Hannah Arendt - dadurch, dass wir selbst aus eigener Initiative etwas Neues anfangen, womit der nicht von uns angefangene Anfang durch unser Handeln zu einem anfangenden Anfang wird. Notorischen Geburtsskeptikern mag dies schon zuviel Entgegenkommen für ein von Beginn an fragwürdiges Unternehmen sein, das andere ohne unsere Zustimmung ins Leben gerufen haben und wir bestenfalls nachträglich billigen können. "Nicht so übel wäre es auch, gar nicht erst geboren zu sein, aber das kommt immer seltener vor", zitiert Lütkehaus den Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer, der damit spöttisch, sarkastisch auf das "Nicht geboren zu sein, das geht über alles" anspielt, wie es bereits in der Antike bei Sophokles lautet.

Anfang und Anfangen werfen somit Fragen genug auf, denen Ludger Lütkehaus in bester essayistischer Manier nachgeht - mit Prägnanz und Mut zur gedanklichen Zuspitzung sowie mit kundigem Gang durch Philosophie, Literatur und Dichtung. Wer A sagt, muss nicht zwangsläufig B sagen, aber - so der Autor - wer "Leben" sagt, sagt unvermeidlich auch "Tod". Deshalb gehört zum Alpha das Omega, zum Anfang das Ende dazu. Dem kommt Lütkehaus mit seinem Durchgang nicht bloß durch das "Endspiel" von Samuel Beckett nach. Sokrates, Lichtenberg, Schopenhauer, Freud, Cioran sind ihm u.a. Gewährsleute dafür, den Schatten nicht ausgewichen zu sein, die Tod und Nichtsein auf unser Dasein werfen, auf das "Sein zum Tode", wie es bei Martin Heidegger heißt. Denn nur wer die End- wie die Anfangsdunkelheiten - paradox formuliert - nicht ausblendet und all die Fragen und Fragwürdigkeiten zulässt, welche Geburt und Tod, Anfangen und Enden, für die zugleich Geborenen wie Sterblichen bedeuten, kann zu jenem Mittelweg zwischen "nataler Euphorie" und "letaler Depression" finden. Und damit möglicherweise auch zu einem gelasseneren In-der-Welt-sein. Oder wie es der Autor mit einer skeptischen, aber freundlichen "Als-ob"-Maxime formuliert:

Handle so, als ob das Leben ein Geschenk, die Welt ein Licht sein könnte.

Ludger Lütkehaus: Vom Anfang und vom Ende
Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig, 2008, 92 S., Euro 15,00

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