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StartseiteBüchermarktLebenspralle Menschenschilderung28.06.2009

Lebenspralle Menschenschilderung

Buch der Woche: Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel. Manesse, München.

Ein Südstaatenroman von 1929 ist "Schau heimwärts Engel", eine sexuelle Coming-of-age Geschichte. Neu übersetzt von Irma Wehrli gewinnt das Epos textlich erheblich, was den Konsum des nicht geradlinigen Plots erleichtert und bereichert.

Eine Besprechung von Wolfgang Schneider

Eine Sklavin hält ihren jungen Master auf den Armen, 1850 (AP Archiv)
Eine Sklavin hält ihren jungen Master auf den Armen, 1850 (AP Archiv)

An der amerikanischen Literatur wird hierzulande oft die Lakonie geschätzt, die Short-Story-Coolness. Also: Hemingway, Fitzgerald, Salinger, Carver. Aber es gibt auch die andere große Traditionslinie: das Überbordende, Hochfahrende, Rhapsodische. Man denke an Walt Whitmans Gesänge, an Melvilles "Moby Dick", an Henry Miller oder Burroughs. Eine Form der Übertreibungskunst ist hier am Werk; steile, manchmal aufgeblasene Rhetorik verbindet sich mit abgründiger Komik. Dieses Amerika zahlt nicht in kleiner Münze, sondern liebt die große literarische Gebärde. In diese Tradition gehört auch Thomas Wolfe. Wenn Schreibschulprofessoren das Weglassen und den Adjektivverzicht lehren, müsste dieser Autor für sie ein wahrer Schreckensmann sein: ein Hinzufüger, Draufleger, Aufpumper, der Big-Mac-Sätze schreibt. Ein paar Adjektive passen immer noch rein.
Wolfes junger Held, Eugene Gant, kennt die Stunden des grandiosen Selbstgefühls. Im entgrenzenden, das Ich erhebenden Weltgenuss wird er zum Schwärmer und Ekstatiker:

Er befand sich in einem Zustand nie gekannter rauschhafter Verzückung. Er war ein Zentaur, mondäugig und wildmähnig, der sich nach der goldenen Welt verzehrte. Manchmal kam ihm fast die Fähigkeit der zusammenhängenden Rede abhanden. Mitten im Gespräch wieherte er seinem Gegenüber plötzlich laut ins Gesicht und hüpfte davon, mit idiotisch verklärter Miene. Kreischend stürzte er durch die Straßen und über die Wege, erfüllt von der Verzückung tausenderlei unausgesprochener Wünsche. Die Welt lag vor ihm wie eine Frucht – voll opulenter Städte, goldener Ernten, glorreicher Triumphe, anmutiger Frauen ... Nichts war öde und befleckt. Die wundersamen fremden Küsten lagen unberührt da. Er war jung und würde nie sterben.

"Schau heimwärts, Engel", erschienen 1929, hat keinen zielführenden Plot. Es ist ein episodischer Roman am Leitfaden der Autobiografie. Mit seinem Protagonisten Eugene bohrt sich Thomas Wolfe hinein in die eigene Geschichte – inklusive der Vorgeschichte der Eltern, deren kinderreiche Ehe einer Kollision von Naturgewalten ähnelt.
Eugene wird geboren im Jahr 1900 – als jüngster Sohn des pennsylvaniadeutschen Steinmetzen Oliver Gant, zuständig für Grabsteine, Marmorengel und Friedhofsschmuck. Und ein schwerer Quartalssäufer. Nach Jahren des Umherwanderns und einer tragisch geendeten ersten Ehe hat er sich niedergelassen in Altamont am Fuß der Appalachen. Aus seiner Heimatstadt Asheville formte Wolfe diesen Luftkurort – und die Bürger waren über seine Beschreibungen des Kleinstadtlebens nicht weniger verstimmt als die Lübecker, die sich in den "Buddenbrooks" karikiert sahen.
Der Roman lebt von seiner lebensprallen Menschenschilderung. Mit welcher Lust macht Thomas Wolfe aus den Eltern titanische Portalsfiguren seines Lebens! Wenn der Vater seinen Suff ausschläft, scheppern die Fenster. Sogar bei Eugenes Geburt ist er schwer alkoholisiert, tobt und muss von Nachbarn gebändigt werden. Auch beim Essen kennt er kein Maß – ein amerikanischer Gargantua, der seiner Familie mit verschwenderischer Lebenslust Riesenportionen auftischt, was dem Roman wunderbar opulente Beschreibungen einträgt:

Gant kaufte ganze Schweine beim Schlachter und kam früh von der Arbeit heim, um sie einzupökeln, wozu er eine lange Arbeitsschürze trug ... Räucherschinken hingen in der Speisekammer, die großen Kästen waren randvoll mit Mehl ... Alles, was seine Hände berührten, reifte zu prallem, prickelndem Leben heran: Im Frühling prangten in seinem Garten, den er in der schwarzen, feuchten Erde unter den Obstbäumen angelegt hatte, große, krause Salatköpfe, die, schwarze Erdklümpchen am knackigen Strunk, mühelos nachgaben, wenn man sie aus dem lehmigen Grund zog; ferner dicke rote Radieschen und fleischige Tomaten. Überreife Pflaumen lagen aufgeplatzt im Gras; seine großen Kirschbäume strotzten vor schweren, klebrigen Kleinodien; seine Äpfelbäume bogen sich unter den schweren grünen Lasten. Die Erde war fruchtbar für ihn wie eine dralle Frau.

"Schau heimwärts, Engel" hat als Roman einer von zerreißenden Spannungen geprägten Familie Schule gemacht: All die Autoren, die seither die Mittelstandsfamilie zum Spiegel der amerikanischen Gesellschaft gemacht haben – man denke nur an John Updike, Richard Yates oder Jonathan Franzen –, stehen in der Schuld von "Schau heimwärts, Engel" und der Gants. Familie als Kampfplatz der Egoismen; aber auch als Kraftquell der Zusammengehörigkeit.

Gant ergab sich dem Leiden, er verlangte tyrannisch nach Aufmerksamkeit und eifersüchtig nach Zuwendung. Ihre Gleichgültigkeit seinem Befinden gegenüber machte ihn rasend und weckte ein morbides Verlangen nach Mitleid und Tränen. Manchmal betrank er sich sinnlos und versuchte sie dadurch zu erschrecken, dass er sich tot stellte, einmal so erfolgreich, dass Ben, über die starre Gestalt im Flur gebeugt, vor Gewissheit erbleichte.
"Ich kann seinen Herzschlag nicht spüren, Mama", sagte er mit einem nervösen Beben um den Mund.
"Na", sagte sie, mit Bedacht ihre Worte wählend: "Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht. Ich wusste, dass es früher oder später soweit kommt."
Aus schmalen Augenschlitzen warf er ihr einen vernichtenden Blick zu.
Skeptisch, mit ergeben gefalteten Händen, musterte sie ihn. Und das verstohlene Atmen entging ihrem Blick nicht. "Nimm seine Börse an dich, mein Sohn, und alle Papiere, die er bei sich trägt", befahl sie. "Ich werd den Bestatter rufen."
Mit einem zornigen Aufschrei erwachte der Tote.


Während Eugenes Vater für den amerikanischen Pioniergeist und Idealismus steht, dröhnend, naiv, aber kraftstrotzend, erleben wir mit Mutter Eliza den eingefleischten Geschäftsgeist und Materialismus der Staaten. In Altamont entwickelt sich gerade der Kurbetrieb für Lungenkranke, und die Immobilienpreise steigen, zu Elizas Entzücken. Ihre Raffgier hat tiefe Wurzeln – in einer Kindheit, geprägt von Armut und Entbehrung.
Mit großer Kunst entwickelt Wolfe dieses Motiv des getriebenen Erwerbszwangs als Kontrapunkt zum väterlichen Freiheitsdrang. So wie dieser aber immer wieder nur in neuen Alkoholexzessen mündet, so hat auch Elizas dominierender Charakterzug die Tendenz zum Tragischen: Ihre Immobiliengeschäfte haben seelenschädigende Nebenwirkungen; sie bringen Unglück über die Familie.
Der alte Gant ist ein wandelndes antikapitalistisches Menetekel zu Beginn des amerikanischen Imperiums: Geld vergiftet die menschlichen Beziehungen. Elizas Wunsch nach möglichst viel Besitz steht sein Widerwille gegen jedes Eigentum gegenüber. Unvereinbare Temperamente und Lebenseinstellungen der Eltern sind immer der Anfang eines romanhaften Lebens.
Von grandioser Komik sind die Szenen, in denen der alte Säufer als bekehrter Abstinenzler auftritt und schon etwas vom Geist der Prohibition ahnen lässt: Alkohol, doziert er, habe mehr Elend über die Menschheit gebracht als alle anderen Übel zusammen. Auch seine Anfälle von Läuterungswut können jedoch nicht verhindern, dass sich Eliza von ihm trennt, zumindest räumlich. Sie eröffnet Dixieland, eine Pension für Kurgäste. Aber die beiden bleiben einander verbunden in Hassliebe. Täglich kommt der Vater vorbei, um Fluch und Lamento in Dixieland abzuladen:

Gant nannte es bereits "Der Schuppen"; morgens nach dem üppigen Frühstück zu Hause eilte er finster durch die Spring Street zur Stadt und verfertigte en route die Schmährede, die früher seinem Wohnzimmer vorbehalten war. Er stürmte durch die große, frostige Halle von Dixieland, platzte rein und stieß auf Eliza und zwei oder drei Negerinnen, die mit der Zubereitung des Frühstücks für die hungrigen, ungeduldig auf der Veranda schaukelnden Pensionsgäste beschäftigt waren. Allen Einwänden und Vorhaltungen ließ er nun freien Lauf: "Frau, du hast mein Bett und meinen Tisch verlassen, du hast eine Witzfigur aus mir gemacht vor aller Welt und deine Kinder ins Elend gestürzt. Scheusal, das du bist, hast du nichts ausgelassen, um mich zu quälen, zu demütigen und zu erniedrigen. Du hast mich an meinem Lebensabend im Stich gelassen; du hast mich einem einsamen Tod ausgeliefert. O Gott! Was für ein bitterer Tag war das für uns alle, als dein begehrlicher Blick zum ersten Mal auf diesen verdammungswürdigen, diesen abscheulichen, diesen mörderischen und verfluchten Schuppen fiel. Keine Schandtat, zu der du dich nicht herbeilässt, wenn du denkst, sie könnte dir fünf Cent einbringen. 'Nicht Tier noch Mensch ist je so tief gefallen.'"
- Und in den Vorratskammern, am Herd, im Speisezimmer, überall glucksten die warmen Stimmen der Negerinnen vor Lachen: "Das 'n Mann, wie der reden kann!"


Unweigerlich denkt man bei diesem monströsen, hochpathetischen, aber auch komisch-sympathischen Vater an jenen Autor, den er am liebsten selbst im Mund führt: Shakespeare. Der alte Gant ist ein König Lear aus der Kleinstadt, ein chronisch enterbter Familienmonarch. Natürlich hat Wolfe sich mit dieser Gestalt auch eine Vorgeschichte der eigenen Begabung geschrieben: Bereits der Vater ist ein skurriles Sprachgenie, dessen Kraft in prahlerischen Improvisationen und Lamentationen verpufft. Auch die Alkoholiker-Maßlosigkeit kehrt in sublimierter Form wieder bei Eugene: Mit vergleichbarer Gier schüttet er in seiner Jugend die Literatur in sich hinein, ein Buchsäufer vor dem Herrn.
Der Erzählfluss dieses Romans gleicht dem mäandernden Mississippi – "die alles verschluckende, gelbe, gemächlich wogende Schlange" wird der Fluss einmal genannt. Thomas Wolfe ist kein literarischer Feinmechaniker, sondern ein kraftstrotzender Draufloserzähler, der gerne die Dienste seines Lektors in Anspruch nahm, damit aus mehrtausendseitigen Manuskriptstapeln lesbare Bücher von 700 Seiten wurden. Aber er war mehr als ein naiver Epiker. Die erzähltechnischen Revolutionen der Moderne hat er mit intuitiv-imitatorischem Kunstverstand in sein Repertoire aufgenommen. So ist der Einfluss des "Ulysses", nur wenige Jahre zuvor erschienen, in "Schau heimwärts, Engel" deutlich zu spüren: Da gibt es lange innere Monologe, in denen der alte Gant gewissermaßen zum Leopold Bloom von Altamont wird; da gibt es Passagen, die durch ständigen Perspektiven- und Szenenwechsel ein panoramatisches Bild der Stadt liefern, ganz ähnlich, wie es James Joyce im "Wandering Rocks"-Kapitel seines Romans getan hat.
Faszinierend sind auch die Geschwister Eugenes mit ihren markant gezeichneten Eigentümlichkeiten: der verhasste älteste Bruder Steve mit seiner schalen, ewig nach Nikotin stinkenden Schweißfahne; die sehnsüchtige Helen, die nach einer missglückten Ehe als Pflegerin ihres maladen Vaters das Leben verpasst; der schroffe, verschlossene, vom Tod des Zwillingsbruders überschattete und bald selbst kranke Ben; der schlagfertige Stotterer Luke mit seinen dämonischen Späßen und seinem charismatischen Talent als Vertreter und Verkäufer. Mit Vergnügen liest man, wie sich Luke und Eugene die Stadt erschließen als gewitzte Zeitungsjungen, die dank familiärer Schwadronierbegabung die Ware immer an den Mann zu bringen wissen. Bei dieser Gelegenheit entwickelt Eugene eine Faszination für die dunkle Seite von Altamont, wo das Leben eine andere Temperatur hat, wo die Sinnlichkeit brodelt:

Eugene war inzwischen vom Gedanken an die Neger besessen. Er schwärmte nachmittags nach der Schule ruhelos im Bienenkorb von Niggertown. Der Gestank des braunen Flüsschens, das die braunen Abwasser über seine glatten Steine wälzte, der Geruch nach Holzrauch und Wäsche, die im Hof in einem schwarzen Eisentopf sott, die sanften Dschungelrhythmen der Dämmerung, Gestalten, die in einem leise klingenden Geräuschkonzert vorbeihuschten, abtauchten und verschwanden. Sprachkaskaden im Halbdunkel, das schmalzige Zischen von gebratenem Fisch, ein traurig näselndes Banjo und von weither das schwache Stampfen schwerer Füße ( ... ) und das tranige Licht von viertausend Funzeln in den Hütten und Wohnungen ...

"Schau heimwärts, Engel" schildert die Südstaaten, in denen der Rassenkonflikt weiter schwelt. Vier Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg ist der Süden schwer mit seiner eigenen Romantisierung beschäftigt:

Eugene dachte an die wunderbare Einrichtung der Sklaverei, für deren Erhaltung seine sklavenlosen Vorfahren mütterlicherseits so tapfer gekämpft hatten. Gott bewahr, Massa! Der alte Mose will doch kein freier Nigger nich sein. Wie soll er'n leben ohne 'n Massa. Er will nich verhungern mit'n freien Niggern. Jajaja!

Irma Wehrlis Neuübersetzung des Romans war notwendig. Sie ernüchtert den Text nicht, sondern befreit ihn von manchen unnötigen Verblasenheiten, die sich seinerzeit aus der Begegnung der sprachlich riskanten Vorlage mit dem jugendbewegten, idealismusgetränkten Starkdeutsch von 1930 ergaben. Sie bewahrt den Glanz und die Kraft des Originals und macht dessen weiten stilistischen Frequenzgang zwischen Hymnus und Ironie, hohem Ton und Slang deutlich. Korrigiert werden manche Fehler und Missverständnisse der alten, übrigens in den achtziger Jahren noch einmal revidierten Fassung, etwa wenn an einer Stelle statt von "Totenköpfen" nun zutreffend von "Karteileichen" die Rede ist. Vor allem die Dialoge wirken jetzt frischer und lebhafter. Nur selten fallen Missgriffe ins Auge – wie die neumodische Floskel "die Seele baumeln lassen".
"Schau heimwärts, Engel" hat hierzulande Furore gemacht, nicht zuletzt, weil sich das Buch wie die berserkerhafte Version eines Bildungsromans las. Zugleich ist es aber auch eine sexuelle Coming-of-age Geschichte. Wo dermaßen der Lebenshunger beschworen wird, da laufen die Figuren allerdings nicht ohne Unterleib herum. Im Wolfes heißem Süden ist eine etwas klebrige Sinnlichkeit zuhause; der vornehmen "Southern Belle" tritt die "Southern Bitch" an die Seite. In der Pension der Mutter mieten sich auch allerhand Damen mit zweifelhaftem Ruf ein, die sich um das Wohl der Kurgäste verdient machen. Die alte Fassung lavierte bei diesem Thema manchmal zwischen Beschwichtigung und Schwulst; die Neuübersetzung kommt deutlich auf den Punkt. Und ergänzt einige Passagen aus dem Originalmanuskript, die wegen ihrer sexuellen Unverblümtheit bisher fehlten. Nicht zu vergessen auch die 614 Anmerkungen, in denen der außerordentliche Anspielungsreichtum des Romans erschlossen wird.
Zu den historisch starken Passagen gehören die Schilderungen der amerikanischen Heimatfront im Ersten Weltkrieg: Hier ereignet sich die Geburt der modernen, imperialistischen Großmacht USA. Viele Studenten ziehen an die europäischen Fronten, um den kinderfressenden Hunnen Einhalt zu gebieten. Eugene macht sich auf in den Norden, nach Norfolk, zu den Waffenschmieden der Freiheit:

Im Lauf des Frühlings schwoll das Kriegsgesumm an. Im Land flossen Milch und Honig. Man munkelte geheimnisvoll von einem Eldorado im Norden, in der Kriegsindustrie an der Küste Virginias. Zwölf Dollar am Tag könne man dort verdienen, ohne Erfahrung.
Der Krieg schien Schätze zutage zu fördern, wie sie das Land noch nicht gekannt hatte: Es kam zu einer ungeheuren Entfaltung und Zurschaustellung von Reichtum und Macht. Und irgendwie fügte sich dieser imperiale Reichtum, dieses Imponieren mit Männern und Geld, in Eugenes Kopf zu einem sinfonischen Getöse. Das Zeitalter der Mythen und Wunder war wieder über die Welt gekommen. Alles schien möglich.


Bei der Darstellung von Eugenes Schüler- und Studentenleben passt Wolfes Wucht des Erzählens dagegen oft nicht ganz zum Gegenstand. Bisweilen läuft die Pathosmaschine leer, kein Zweifel. Aber wenn sie Stoff zu fassen bekommt, dann liest es sich grandios. Der zu Tränen rührende Höhepunkt des Romans ist das Kapitel, das vom qualvollen Sterben des Bruders Ben berichtet. Hier versammelt sich die Familie noch einmal: die Geschwister, der grotesk klagende, selbst schon von der tödlichen Krebskrankheit geschlagene Vater, die mühsam ihr Schuldgefühl überspielende Mutter, die vom moribunden Sohn aus dem Sterbezimmer gewiesen wird. Hinreißend vergegenwärtigt Wolfe Leid und Verzweiflung der Familie:

Eliza betrat das Zimmer nur einmal. Sie kam mit einer Wärmflasche, linkisch und scheu wie ein Kind, und verschlang Bens Gesicht mit ihren stumpfen schwarzen Augen. Aber als seine glänzenden Augen über dem laut röchelnden Mund sie erblickten, verkrallten sich seine weißen Finger noch mehr in den Laken, und er keuchte heftig, wie in panischem Schrecken: "Geh raus! Raus! Ich will dich nicht."
Eliza verließ das Zimmer. Beim Gehen stolperte sie, als ob ihre Füße taub und leblos wären. Ihr weißes Gesicht hatte eine aschgraue Farbe angenommen. Sie lehnte sich gegen die Wand und schlug eine Hand vors Gesicht. Einen Augenblick später ging sie wieder zu ihren Töpfen hinunter.
Außer sich, wütend, mit zuckenden Gliedern verlangten sie einander Ruhe und starke Nerven ab; sie wollten sich vom Krankenzimmer fernhalten – und landeten doch immer wieder, wie von einem machtvollen Magneten angezogen, vor der Tür, horchten auf Zehenspitzen, mit angehaltenem Atem und unstillbarem Durst nach dem Grauen, auf das heisere Keuchen, mit dem er darum rang, Luft in seine erstickten, einbetonierten Lungen zu bekommen.


"O verloren!" – diese Formel, die ursprünglich auch der Titel des Romans sein sollte, durchzieht ihn als dunkles, doppelsinniges Leitmotiv. Verloren ist der Mensch in seiner existenziellen Trauer und Einsamkeit – ein Fremder in den düsteren Waldschneisen des eigenen Lebens. Verloren ist aber auch die erlebte Zeit, sofern sie nicht in Werk und Erzählung gerettet wird. Das ist hier auf faszinierende Weise geschehen. "Schau heimwärts, Engel" ist kein perfekter Roman, aber eine große Leseerfahrung.

Thomas Wolfe: Schau heimwärts, Engel. Aus dem Amerikanischen von Irma Wehrli. Manesse, München. 783 S., 29,90 Euro.

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