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StartseiteForschung aktuellLeberhaken aus dem Arzneischrank17.04.2008

Leberhaken aus dem Arzneischrank

Mediziner untersuchen Leberschäden durch Schmerzmittel

<strong>Medizin. - Impfungen gegen Hepatitisviren konnten die Fälle von akutem Leberversagen erheblich senken. Dadurch rückt ein anderer Grund für den Leberausfall jetzt stärker in den Vordergrund: die unbedachte und überdosierte Einnahme von Schmerzmitteln.</strong>

Von Martin Winkelheide

Auch frei verkäufliche Medikamente sollten nicht unbedacht angewendet werden. (Stock.XCHNG / Davor Fanton)
Auch frei verkäufliche Medikamente sollten nicht unbedacht angewendet werden. (Stock.XCHNG / Davor Fanton)

Im Labor der Klinik für Verdauungskrankheiten an der Universitätsklinik Essen. Der Biologe Guido Marquitan träufelt mit einer Pipette winzige Flüssigkeitsmengen auf eine Kunststoffplatte mit 96 Mulden.

"Den Patienten wird Blut abgenommen, und wir suchen halt nach einem Marker, der uns hoffentlich erlaubt, vorherzusagen, ob der Verlauf gut- oder bösartig sein wird für diese Patienten."

Wird sich die Leber der Patienten wieder erholen? Oder kann nur noch eine Transplantation ihr Leben retten? Der Test soll Klarheit bringen. Die Proben stammen von Patienten, bei denen eine Überdosis des Schmerzmittels Paracetamol dazu geführt hat, dass Leberzellen absterben. Der Labortest soll Auskunft geben, wie viele Zellen verloren sind. Spezielle Antikörper, die an einen Farbstoff gekoppelt sind, heften sich an ein Abbauprodukt der untergehenden Zellen. Ein Gerät misst die Farbintensität - darüber lässt sich auf die Schwere des Leberschadens schließen. Der Labortest befindet sich in der Erprobung. Er hat noch nicht Einzug gehalten in den Klinik-Alltag. Bislang kann ein Arzt sehr schlecht abschätzen, ab welcher Dosis, Paracetamol gefährlich wird.

"Die eine Leber verträgt zehn Gramm Paracetamol und heilt aus, die andere Leber ist mit zehn Gramm Paracetamol zerstört und muss transplantiert werden."

Professor Guido Gerken leitet die Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie der Universitätsklinik Essen.

"Paracetamol ist ein hervorragendes Schmerzmittel in einer adäquaten, gerechten Dosis. Eine normale Tagesdosis – nehmen wir mal an ein Gramm Paracetamol, das über zwei, drei Tage mal gegeben wegen eines Kopfschmerzes ist sicher kein Problem…"

Problematisch wird es erst, wenn Menschen über längere Zeit zu viel Schmerzmittel schlucken.

"Die andere Situation ist die, dass man chronische Schmerzen hat und einfach versäumt, ärztlichen Rat einzuholen, sondern immer wieder jeden Tag immer weiter, auch wenn es über Wochen ist, Schmerzmittel ungesteuert, ungebremst und sorglos einnimmt."

Nicht nur die Dosis macht das Gift. Paracetamol wird über die Leber verstoffwechselt. Ist die Leber nicht voll funktionstüchtig, dann kann sie das Medikament nicht gut verarbeiten.

"Eine schlechte Leber zum Beispiel ist eine Fettleber. Wir haben ja das Phänomen heutzutage, dass unsere Gesellschaft übergewichtig ist, in zunehmendem Maße. Und in dem Maße, wie die Verfettung in der Bevölkerung zunimmt, nimmt auch das Problem der Fettleber zu."

Starkes Übergewicht ist also ein Risikofaktor. Und die Kombination von Paracetamol mit anderen Medikamenten, die die Leber belasten können: Antibiotika etwa oder das Herzmedikament Macumar. Ganz ungünstig ist es, wenn zusätzlich auch noch Alkohol mit ins Spiel kommt.

"Mehr als 50 Prozent all unserer analysierten Fälle des akuten Leberversagens in den letzten fünf Jahren waren durch Paracetamol bedingt. In zweiter Linie dann noch durch Macumar-Fälle, aber die führende Substanzgruppe war das Paracetamol."

Wenn die Leberzellen sterben, hat das dramatische Folgen: es kann zur Gelbsucht kommen, in Folge von Gerinnungsstörungen zu inneren Blutungen. Der Kohlenhydrat- und Fettstoffwechsel bricht zusammen. Eine lebensbedrohliche Situation, so Guido Gerken von der Universitätsklinik Essen.

"Dann hilft eigentlich nur noch die Lebertransplantation. Das ist im Grunde die einzige Form einer Heilung dieses Krankheitsprozesses, indem man die Leber austauscht."

Mediziner prüfen zwar zurzeit, ob nicht auch die Gabe von Leberzellen helfen könnte, die kritische Situation zu überbrücken. Aber viele Fragen sind noch offen: Wie viele Zellen müssten wie oft gegeben werden und wie schnell bauen sich die Ersatzzellen in das kranke Organ ein? Vorbeugen ist also die Devise. Wer übergewichtig ist oder älter, wer Psychopharmaka, Antibiotika oder Macumar einnimmt, der sollte besonders vorsichtig sein mit der Einnahme von Schmerzmitteln. Denn Paracetamol ist zwar frei verkäuflich in der Apotheke – aber in hohen Dosen alles andere als harmlos.

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