Freitag, 24.11.2017
StartseiteKommentare und Themen der WocheSo mancher Baum wird weichen müssen30.10.2017

Lehren aus den ZugausfällenSo mancher Baum wird weichen müssen

Die Bahn handele richtig, wenn sie Züge aus Sicherheitsgründen ausfallen lasse, kommentiert Dieter Nürnberger. Zwar habe das Unternehmen es versäumt, für Unwetter Vorsorge zu treffen, aber Naturschutzgesetze erklärten inzwischen auch fast jeden Baum als sakrosankt. Die Stürme hätten aber gezeigt, dass gehandelt werden müsse.

Von Dieter Nürnberger

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Umgeknickte Bäume liegen dem Pfingst-Unwetter vor einem Tunnel auf Gleisen der Stadion Stadtwald in Essen (dpa / Rolf Vennenbernd)
"Alle reden vom Wetter - wir nicht." - Mit diesem Spruch kann die Deutsche Bahn leider nicht mehr werben, kommentiert Dieter Nürnberger (dpa / Rolf Vennenbernd)
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Sicherheit geht vor. Nach dieser Maxime handelte die Deutsche Bahn nun bereits zum zweiten Mal. Erst "Xavier" - nun also "Herwart". Die zwei großen Herbststürme dieses Monats sorgten dafür, dass der Bahnverkehr in weiten Teilen der Republik vorsichtshalber eingestellt wurde. Und die Tatsache, dass bis zur Stunde einige Strecken immer noch gesperrt sind - weil Bäume auf die Gleise gefallen sind oder Oberleitungen beschädigt wurden - spricht für die getroffenen Vorsichtsmaßnahmen. Auch wenn wieder Zehntausende Kunden auf Bahnhöfen strandeten oder sich kurzfristig nach Alternativen umsehen mussten.

Angenehm ist das für die Reisenden natürlich nicht, doch man stelle sich die andere Lösung vor. Die Bahn fährt trotz Sturms einfach weiter. Unfälle wären nicht ausgeschlossen, sogar wahrscheinlich. Und selbst wenn es nicht kracht, bei blockierten Gleisen müssten die Züge dann auf offener Strecke noch rechtzeitig zum Stehen kommen, wahrscheinlich sogar lange dort ausharren. Die Kritik an der Bahn ließe nicht lange auf sich warten. Deshalb ist der Grundsatz Sicherheit geht vor erst einmal richtig.

Es wurde zu lange gespart

Eine andere Frage ist aber, ob die Deutsche Bahn ausreichend Vorsorge betreibt, damit eben keine abknickenden Bäume Gleise oder technische Anlagen blockieren oder beschädigen können. Und hier lautet die Antwort: Nein. Zu lange wurde hier gespart. Wohl deswegen, weil bislang kaum etwas passiert ist, oder auch, weil inzwischen Naturschutzgesetze fast jeden Baum als sakrosankt erklären. Doch haben die beiden Stürme gezeigt, dass gehandelt werden muss.

Das heißt nicht, dass sämtliches Grün entlang der Strecken weichen soll: Natürlich ist eine Bepflanzung - beispielsweise mit robusten Hecken - weiterhin möglich und sogar geboten, damit bei Starkregen nicht auch noch die Bodenstabilität ins Wanken gerät. Aber so mancher gleisnaher Baum wird aus Sicherheitsgründen weichen müssen.

Die Bahn kann nicht so weiter machen

Es ist zu hoffen, dass die Herbststürme und ihre enormen Auswirkungen auf den Bahnverkehr ein Lernprozess sind. Die Bahn kann es sich langfristig nicht leisten, den Verkehr bei Sturm großflächig einzustellen. Finanziell nicht und auch nicht im Sinne einer zu Recht erwarteten Verlässlichkeit für die Kunden.

Vor Jahrzehnten, als das Unternehmen noch Deutsche Bundesbahn hieß, gab es einmal den schönen Werbespruch: "Alle reden vom Wetter - wir nicht." Diese Zeiten sind leider vorbei. 

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