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StartseiteCampus & KarriereQuereinsteiger als Alternative31.08.2017

Lehrermangel in BerlinQuereinsteiger als Alternative

Da es zu wenige ausgebildete Lehrkräfte gibt, haben fast alle Bundesländer Probleme, die Lehrerstellen zu besetzen. In Berlin ist jeder zweite neu eingestellte Grundschullehrer ein Quereinsteiger - ein Umstand, der stark kritisiert wird von Gewerkschaften, Eltern- und Lehrerverbänden.

Von Claudia van Laak

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Eine Lehrerin steht mit einer Schülerin und einem Schüler an einer Tafel und schreibt eine 1. (dpa-Zentralbild/Jens Kalaene)
In Berlin werden unbesetzte Lehrerstellen mit Quereinsteigern besetzt - mit durchwachsenem Erfolg. (dpa-Zentralbild/Jens Kalaene)
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"So, zurück zum Thema, alle gut geschlafen?" Berufsschullehrer Stefan Franko startet den Tag im Oberstufenzentrum für Elektrotechnik in Berlin-Lichtenberg. Franko hat mit 51 noch einmal neu angefangen - der Elektroingenieur hatte zuvor Windanlagen in China aufgestellt, lange in leitenden Funktionen verschiedener Unternehmen gearbeitet. Dann die Entscheidung: Ich werde Lehrer.

"Man muss sich drauf einlassen, dass man auf einmal beim Einstieg in das Referendariat wieder Auszubildender ist, und zwar Auszubildender als Lehrer. Und ganz wenig Kenntnisse mitbringt, außer so ein bisschen Fachlichkeit, Empathie, die Bereitschaft, sich auf Menschen einzulassen, und gerne mit jungen Menschen zusammen zu sein."

Die Berufsschulen lecken sich die Finger nach Quereinsteigern wie Elektroingenieur Stefan Franko - wer weiß, wie Unternehmen ticken, der kann seinen Schülern eine Menge beibringen.

Versäumnisse der Senatsverwaltung

Schüler: "Man merkt, dass er nicht schon immer Lehrer war, sondern halt auch ordentlich gearbeitet hat, das macht es einfacher, etwas zu verstehen oder nachzuvollziehen, als wenn jemand, der einfach Lehramt studiert hat, aber noch nie einen Schraubenschlüssel in der Hand hatte, versucht, einem etwas beizubringen."

Ein gelungener Einstieg in den Lehrerberuf also. Es gibt aber auch andere Fälle. Quereinsteiger, denen die Schülerinnen und Schüler über den Kopf wachsen, die zu spät merken, dass sie gar nicht vor einer Klasse stehen können, die überfordert aufgeben.

Jeder zweite neu eingestellte Grundschullehrer in Berlin ist Quereinsteiger. Aber auch bundesweit fehlen ausgebildete Pädagogen - sagt Berlins Schulsenatorin Sandra Scheeres, SPD. "Deswegen ist dieses alternativlos. Was wäre denn die Alternative? Ich möchte nicht, dass wir größere Klassen haben und dass die Lehrkräfte mehr arbeiten müssen."

Berlin hat umgesteuert, hat mittlerweile die Zahl der Studienplätze erhöht. Zu spät - meint die Opposition, meinen Gewerkschaften, Eltern- und Lehrerverbände. Daniela von Treuenfels von der Stiftung Bildung ist der Ansicht: "Dass speziell das Land Berlin zu wenig Grundschullehrer ausgebildet hat in der Vergangenheit. Es gab Warnungen seitens der Universitäten, wir haben einen Bedarf und die Zahlen sagen, wir brauchen so und so viele Lehrer, und die Senatsverwaltung hat zu spät reagiert."

In NRW sind über 2.000 Stellen unbesetzt

Dies betrifft nicht nur Berlin. Fast alle Bundesländer haben Probleme, ihre Lehrerstellen zu besetzen. Besonders dramatisch ist es in Nordrhein-Westfalen - hier sind zum Schulstart nach den Sommerferien 2.140 Stellen unbesetzt geblieben. Berlin konnte alle besetzen - der Verband Bildung und Erziehung kritisiert allerdings die rasant angestiegene Zahl der Quereinsteiger - die Gesundheit würde man auch nicht in die Hand von Ärzten legen, die keine entsprechende Qualifizierung hätten, so der Lehrerverband. Berlins Bildungssenatorin Scheeres widerspricht - von mangelnder Qualifizierung könne keine Rede sein.

"Das sind Menschen, die ein Studium abgeschlossen haben, Fächer der Berliner Schule, aus der Berufstätigkeit kommen, 3.000 Euro brutto verdienen, und 19 Stunden in der Schule tätig sind, aber in der berufsbegleitenden Ausbildung sich befinden, gemeinsam mit den Referendaren und nach 18 Monaten eine Staatsprüfung ablegen.

19 Stunden wöchentlicher Unterricht, das sei zu viel, kritisiert die Stiftung Bildung. Quereinsteiger seien zwar eine Riesenchance für die Schulen, meint Daniela von Treuenfels, aber: "Diese Riesenchance wird zu wenig genutzt, weil diese Leute werden mit ihren 19 Stunden, die sie unterrichten müssen, regelrecht verbrannt, wenn sie in der Schule ankommen, die sind völlig überfordert."

Berlins Bildungssenatorin Scheeres widerspricht - die Quereinsteiger würden gut betreut, sie habe extra dafür Stellen geschaffen. Der Gesamtpersonalrat weist allerdings darauf hin, dass sich die Zahl der Quereinsteiger, die abbrechen oder ihr Referendariat nicht bestehen, in den letzten Jahren verdoppelt habe.

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