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StartseiteCampus & KarriereNachhilfeschulen bieten Hilfe an31.08.2015

LehrermangelNachhilfeschulen bieten Hilfe an

Bundesweit fehlen rund 30.000 Lehrkräfte. Unterstützung könnte von den Nachhilfe- und Nachmittagsschulen kommen, doch bisher hätten die Schulbehörden kaum Interesse gezeigt, sagte Cornelia Sussieck, Vorsitzende des Bundesverbandes der Nachhilfeschulen, im DLF. Dabei stehe man beim Bundesverband bereit, um zu helfen.

Cornelia Sussieck im Gespräch mit Kate Maleike

Der Blick in ein Container-Klassenzimmer (picture-alliance / dpa/Bernd Weißbrod)
Bundesweit fehlen 30.000 Lehrer, hinzu kommen fehlende Lehrkräfte für den Unterricht von Flüchtlingen. (picture-alliance / dpa/Bernd Weißbrod)
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Kate Maleike: Großer Ansturm, wenig Personal, leere Kassen und die Diskussion um Zuständigkeiten – der Unterricht von Flüchtlingskindern wird in vielen Bundesländern zum Problem, obwohl gerade diese Kinder Zugang dringend benötigen.

Der Philologenverband schlägt heute zudem Alarm, dass bundesweit zurzeit etwa über 30.000 Lehrkräfte fehlen. Unterstützung tut also Not und die könnte, so sagt der Bundesverband der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen, von uns kommen. Cornelia Sussieck ist Vorsitzende dieses Bundesverbandes, guten Tag!

Cornelia Sussieck: Schönen guten Tag!

Maleike: Wie soll denn diese Unterstützung genau aussehen?

Sussieck: Wir sind bereit und stehen schon seit langer Zeit bereit, zum Beispiel Kooperationen zu schließen mit den Schulen, mit den Schulträgern, also den Gemeinden, und das wird schon in einigen Gemeinden erfolgreich durchgeführt, aber halt viel zu wenig im Augenblick.

"Wir haben die Lehrkräfte und würden sie wirklich gerne anbieten und einsetzen"

Maleike: Das heißt, Sie wären vorbereitet zu unterstützen, zum Beispiel sowas wie Vorbereitungsklassen mit zu organisieren?

Sussieck: Ja, das ist richtig. Wir könnten hier kurzfristig ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung stellen, die dann in den Schulen die Lücken schließen, wo eben staatliche Lehrkräfte fehlen.
Das wird zum Beispiel in Schwetzingen gemacht, da hat die Gemeinde einen Vertrag mit der Nachhilfeschule gemacht. Wir haben im Süden von Hessen solch einen Kollegen, und sogar in Hamburg war das der Fall, allerdings haben da die Politiker vorgezogen, einen Erlass zu formulieren, dass die Schulen sich nicht mehr sozusagen auf dem freien Arbeitsmarkt bedienen dürfen und keine Kooperationen mehr mit den Nachhilfeschulen führen dürfen.

Maleike: Jetzt wird sich so mancher denken, klar, dass der Verband da die Hand hebt, das ist vermutlich ein gutes Geschäft, angesichts der bundesweiten Notlage – was halten Sie dem entgegen?

Sussieck: Es ist natürlich richtig, dass wir auch für Geld arbeiten, aber das macht ja auch jeder Lehrer, der engagiert wird. Es ist ja nicht weiter schlimm. Hier geht es ja an erster Stelle darum, die Schüler mit Unterricht zu versorgen, wenn Lehrer fehlen, nach Aussagen der Schulen und auch der Schulbehörden – wir haben ja die Lehrkräfte und würden sie wirklich gerne anbieten und einsetzen.

"Es gibt eine klassische Feindschaft"

Maleike: Wie erklären Sie sich denn dann, dass Sie sozusagen nicht gerufen werden, ihr Unterstützungsangebot ins Leere läuft. Sind Sie zu teuer?

Sussieck: Nein, eigentlich im Gegenteil, wir sind sogar wahrscheinlich etwas preiswerter als wenn der Staat Lehrkräfte einstellt, aber es gibt einfach eine klassische Feindschaft, so muss man das wirklich sagen, von der eher unteren Lehrerbehörde, von der Schulbehörde, die der Meinung ist, dass sie nicht mit Nachhilfeschulen zusammenarbeiten möchten, und das kommt mit Sicherheit daher, dass sie einfach immer noch nicht verstanden haben, was wir tun und was wir können.

Mit den Schulen selbst haben wir häufig ein gutes Verhältnis, aber wenn es solche Kooperationen gibt, dann muss natürlich die Schulleitung und auch die Schulbehörde mitspielen.

"Es gibt grundsätzlich Berührungsängste"

Maleike: Denn Sie machen das Ganze ja schon, in Anführungszeichen, im "Normalbetrieb", zum Beispiel die Personalfeuerwehr, wenn an Schulen Lehrer ausfallen kurzfristig, übernehmen Sie ja auch – warum gibt es dann bei den Flüchtlingskindern Berührungsängste?

Sussieck: Nein, es gibt grundsätzlich Berührungsängste. Diese Fälle, dass Kollegen als Feuerwehr einspringen, sind ja nicht so oft, das sind nur Kooperationen, die an einzelnen Orten erreicht wurden, weil da persönliche Beziehungen guter Art stattgefunden haben, sodass man sich gegenseitig unterstützt.

Die Flüchtlingskinder sollen von Lehrkräften unterrichtet werden, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten können. Da gibt es natürlich auch eine ganze Menge Hürden häufig: Man muss Anträge stellen als Träger zugelassen zu werden und so etwas dauert erst einmal sehr lange, die Anträge sind sehr kompliziert zu stellen, man muss jahrelange Erfahrung nachweisen, und da sind einfach viel zu viele Hürden aufgebaut worden, um schnell zu helfen.

Maleike: Das heißt, Sie müssen erst einmal wieder Vertrauen gewinnen mit den angesprochenen Schulbehörden?

Sussieck: Ja, die Schulbehörden müssten eigentlich Vertrauen in uns setzen und da auf uns zukommen und uns fragen, was wir denn wirklich können, denn die Schulbehörden glauben immer, wir kontrollieren die Lehrer, wir arbeiten gegen die Schule. Es ist ja ganz im Gegenteil: Seit es Nachhilfe gibt, arbeiten wir immer mit den Schulen zusammen und für die Schüler.

"Wir reagieren ja nur auf den Bedarf, der vorhanden ist"

Maleike: Wenn Sie sagen, die Atmosphäre ist – ich überspitze das jetzt mal – vergiftet, warum ist das so?

Sussieck: Das ist eine gute Frage. Eigentlich müssten Sie das die Schulbehörden fragen. Ich erinnere mich nur an einen Ausspruch der Lehrergewerkschaft, da heißt es: Wir wollen den Nachhilfesumpf austrocknen. Ich denke, das sagt alles.

Also erstens sind wir kein Sumpf und zweitens wäre das ganz schlimm, wenn es keine Nachhilfeangebote mehr gäbe, sondern wir sind einfach eine Einrichtung oder wir vertreten Einrichtungen, die die Schüler und auch die Schulen unterstützen, und das wird einfach nicht eingesehen. Wir reagieren ja nur auf den Bedarf, der vorhanden ist und – um es noch genauer zu sagen – auf den Bedarf, der durch die Schulen und durch die Misswirtschaft in den Schulbehörden geschaffen wird.

Maleike: Sagt Cornelia Sussieck, die Vorsitzende des Bundesverbandes der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen in Deutschland zur Unterrichtssituation für Flüchtlingskinder und dem Angebot als Verband hier zu unterstützen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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