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StartseiteCampus & Karriere"In den Schulen mangelt es an Fachkräften"15.02.2016

Lehrerstreik in der Slowakei"In den Schulen mangelt es an Fachkräften"

Knapp drei Wochen vor der Parlamentswahl in der Slowakei sind die Hochschullehrer der 14 wichtigsten Universitäten des Landes in den Streik getreten. Sie wollen eine bessere Bezahlung und eine Reform des Bildungssystems, um den Lehrerberuf wieder attraktiver zu machen, erklärte Jozef Tancer, Germanist an der Comenius-Universität in Bratislava im DLF.

Jozef Tancer im Gespräch mit Benedikt Schulz

Eine Pädagogikstudierende sitzt in einem Hörsaal. (picture alliance / dpa - Jan-Philipp Strobel)
Viele Lehramtsstudierende in der Slowakei entscheiden sich nach dem Studium für einen anderen Beruf, denn die Bezahlung als Lehrer ist einfach zu schlecht. (picture alliance / dpa - Jan-Philipp Strobel)
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Benedikt Schulz: Die Slowakei ist ein relativ kleines Land in der Mitte Europas mit einer reichen Hochschullandschaft mit immerhin über 20 staatlichen Hochschulen. Allein in Bratislava, Hauptstand und, wenn man so will, akademisches Zentrum des Landes, sind mehr als 60.000 Studierende eingeschrieben.

Man mag eigentlich kaum glauben, dass die Dozenten an den Hochschulen des Landes durch die Bank weg unterbezahlt sind. Vor drei Wochen sind die Lehrer in der Slowakei in den Streik getreten und heute ziehen die Hochschullehrer der 14 wichtigsten Universitäten nach. Und ebenso wie den Lehrern geht es den Dozenten nicht nur um mehr Lohn, sondern überhaupt um eine bessere Finanzierung der Bildung im Land.

Am Telefon ist Jozef Tancer, Germanist an der Comenius-Universität in Bratislava und einer der Organisatoren des Streiks. Ich grüße Sie!

Jozef Tancer: Ja, guten Tag!

"Der Lehrerberuf wird wenig attraktiv"

Schulz: Ist das slowakische Hochschulsystem unterfinanziert?

Tancer: Absolut. Ich möchte aber zuerst sagen: Im Zentrum dieses Streiks, dem sich auch die slowakischen Hochschullehrer angeschlossen haben, steht vor allem das Grund- und Mittelschulwesen steht. Wir Hochschullehrer ergreifen Partei für unsere Kollegen von diesen Schultypen und stellen vorerst keine eigenen Anforderungen.

Schulz: Also ist das slowakische Bildungssystem in Gänze unterfinanziert?

Tancer: Genau. Wenn ich ein konkretes Beispiel geben dürfte: Ein junger Absolvent des Lehramtsstudiums, der gerade mit seinem Lehrerberuf beginnt, bekommt netto ungefähr 500 Euro. Das ist auch für slowakische Verhältnisse sehr wenig. Sie müssen sich vorstellen, wenn jemand zum Beispiel in Bratislava wohnt und eine Ein-Zimmer-Wohnung mietet, muss er mindestens mit 300 Euro Miete rechnen.

Das heißt also, fürs Leben bleiben ihm etwa 200 Euro. Das ist absolut wenig und das ist auch ein Grund dafür, dass dieser Beruf wenig attraktiv wird, dass die Studenten, die das Lehramt an der Universität abgeschlossen haben, in ganz andere Branchen gehen. Das hat dann zur Folge, dass an den Schulen häufig ältere Lehrer arbeiten, die inzwischen im Ruhestand sind oder überhaupt nicht qualifiziert sind. Also, obwohl wir viele Lehrer in den Schulen selbst ausbilden, mangelt es an Fachkräften.

"Wir rechnen mit einer Reform des Bildungswesens"

Schulz: Nun hat die sozialdemokratische Alleinregierung unter Ministerpräsident Robert Fico Zugeständnisse an die Lehrer vor der Wahl abgelehnt. Was erhoffen Sie sich jetzt von der Regierung? Oder hoffen Sie einfach, dass es in drei Wochen bei der Parlamentswahl einen Regierungswechsel gibt?

Tancer: Nein, das glaube ich nicht. Also, so wie die Wahlpräferenzen sind, wird dieser Streik kaum einen größeren Einfluss haben. Es ist ganz wichtig aber, dass das Thema Schulwesen und Bildungswesen so offen und so radikal thematisiert wurde, dass, egal welche Regierung jetzt an die Macht kommt nach März, das Bildungswesen und Schulwesen eines der zentralen Themen wird und wir also mit Reformen rechnen können und mit der Verbesserung der Arbeitsbedingungen.

Schulz: Nun ist die Unterfinanzierung des Bildungssystems in der Slowakei ja nun keine Neuigkeit und trotzdem hat sich in den letzten Jahren jetzt nun nicht allzu viel gebessert. Warum hoffen Sie dennoch, dass sich nach der Wahl etwas bessern wird?

Tancer: Erstens weil der Streik sich einer großen Unterstützung erfreut hat in der Slowakei. Nach den letzten Meldungen halten ungefähr 75 bis 80 Prozent der Befragten das Thema Schule und Bildung für eine Priorität. Ich glaube, das große wirkliche Ergebnis dieses Streiks ist, dass das Thema Schule wieder einmal im Zentrum des Gesprächs steht, und zwar quer durch das ganze politische Spektrum in der Slowakei.

"Streik könnte eine Vorbereitung für eine viel größere Bewegung sein"

Schulz: Befürchten Sie, dass, wenn sich an der Situation oder der Finanzsituation des Bildungssektors allgemein, wenn sich daran nichts ändert, befürchten Sie, dass über kurz oder lang Akademiker das Land verlassen könnten? Also es so eine Art Braindrain in der Slowakei geben könnte?

Tancer: Das passiert inzwischen. Wir haben Zehntausende von hochbegabten Universitätsstudenten, die die Slowakei verlassen, die hier nicht studieren. Das spüren wir auch. Also, in der Regel studieren sie dann in der Tschechischen Republik oder in den Nachbarländern, in Österreich oder in Deutschland oder in England, das ist also ein ganz großes Problem, dass die klügsten Schüler das Land verlassen.
Ich glaube, dass, wenn sich die Situation wirklich nicht bessert, es wahrscheinlich noch zu einer größeren Explosion kommen wird, und dass dieser Streik möglicherweise wirklich eine Vorbereitung ist für eine viel größere Bewegung, die dann noch im Herbst also zustande kommen könnte nach den großen Sommerferien. Falls also keine Zugeständnisse von der Seite der neuen Regierung kommen.

Schulz: Vor Beginn der Lehrerstreiks hieß es ja, dass streikbereite Lehrer unter Druck gesetzt worden seien. Haben Sie etwas Ähnliches auch erlebt?

Tancer: Nicht in dem Maße wie die Grund- und Mittelschullehrer. Aber unsere Kollegen und Kolleginnen vor allem aus der Ostslowakei, von den dortigen Universitäten, die etwas konservativer sind, wo die heutige Regierung also große Unterstützung hat, die berichten uns von sehr unangenehmen Gesprächen mit ihren Vorgesetzten. Also von Versuchen, sie einzuschüchtern. Und das ist natürlich vor allem, also, wenn man dann keinen Zuspruch von den Kollegen erfährt, sehr unangenehm.

Schulz: Knapp drei Wochen vor der Parlamentswahl in der Slowakei sind die Hochschullehrer der 14 wichtigsten Universitäten des Landes in den Streik getreten. Einer der Organisatoren ist Jozef Tancer, Germanist an der Comenius-Universität in Bratislava. Ich danke Ihnen ganz herzlich!

Tancer: Ja, gerne, auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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