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StartseiteKultur heuteLeibniz, Newton und die Differentialgleichung. Carl Djerassi debattiert in der Berlin-Brandenburgischen Akademie über Plagiate in der Wissenschaft09.03.2004

Leibniz, Newton und die Differentialgleichung. Carl Djerassi debattiert in der Berlin-Brandenburgischen Akademie über Plagiate in der Wissenschaft

Arno Orzessek im Gespräch

<strong>Auch Forscher können zu Kampfhähnen werden, wie der so genannte Prioritätsstreit zwischen Sir Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Freiherr von Leibniz beweist. Im Jahre 1710 erhob Newton gegen Leibniz den Vorwurf des Plagiats. Der Streit endete mit einem der größten Skandale der Wissenschaft in der Royal Society zu London vor den Augen der angesehensten Forscher ihrer Zeit. Dieser Streit um die Erfindung der Differentialgleichung ist in die Forschungsgeschichte eingegangen. Er war Thema einer Veranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, zu Gast gestern dort der Stanfort-Professor, und man nennt ihn "Vater der Pille" Carl Djerassi mit einer szenischen Lesung.</strong>

Arno Orzessek im Gespräch

Carl Djerassi (wdr.de)
Carl Djerassi (wdr.de)
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Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Schossig: Arno Orzessek in Berlin, Sie waren dabei. Wurde da nun ein Stück Wissenschaftsgeschichte aufgerollt oder das Problem des wissenschaftlichen Plagiats auch als aktuelle Frage aufgeworfen?

Orzessek: In der Tat stand im Vordergrund die Wissenschaftsgeschichte, also dieser Prioritätenstreit und das Thema, auf das das erzählte Stück dann abheben wollte, das war die Frage danach, was eigentlich eine Entdeckung ist und wem der Ruhm der Entdeckung gebührt. Carl Djerassi hat das schon an einem anderem Stück, in dem Stück "Oxygen" behandelt, und er wirft hier wie dort die Frage auf: "Wer ist es denn nun eigentlich, der die Entdeckung veröffentlichte oder derjenige, der sie gemacht hat als erstes, oder der, der die Bedeutung erkannt hat." Hier geht es um allgemeine Fragen, denn ein Anliegen von Djerassi ist ja immer die Stammeskultur, wie er es nennt, die Stammeskultur, der er sich zugehörig fühlt, die Stammeskultur der Wissenschaft in ihrer menschlichen Dimension sichtbar zu machen.

Schossig: Da geht es also um Stallgeruch, aber auch um wirklich interessant Fragen, wie man mit den Dingen umgeht. Wie Sie es andeuteten, wer hat was wann entdeckt. War das die Veröffentlichung, lag die Entdeckung schon weiter zurück. Das sind spannende Fragen. Beantwortet Djerassi diese Fragen in seinem Stück?

Orzessek: Die Fragen sind leider beantwortet, und das ist ein Problem dieses Stückes, denn man weiß heute, dass Newton zwar der erste gewesen ist, der die Differentialrechnung entdeckt hat, dass aber Leibniz unabhängig von ihm auf den selben Gedanken gekommen ist und die Differentialgleichung insbesondere in der bis heute verbindlichen Klammerschreibweise niedergelegt hat, also in der Notation entscheidend eleganter gewesen ist.

Schossig: Das ist also ein Phänomen der so genannten Zeitgenossenschaft, dass da immer wieder mal so eine Erfindung in der Luft liegt und wie zufällig an zwei verschiedenen Orten gedacht, erfunden wird?

Orzessek: Das ist in der Tat so, aber ich glaube, es ist mutig zu sagen, dass es Carl Djerassi nicht gelungen ist diesen Konflikt, der dort tatsächlich entstanden ist auf der Bühne, das heißt hier auf der szenischen Lesung, sichtbar zu machen. Djerassi zielt darauf ab, das ganze Drama in Gesprächen, die es im Umkreis von Newton gegeben haben mag, zu zeigen. Es treten verschieden Akademiemitglieder auf, es treten die Frauen der Akademiemitglieder auf, es treten dritte und reiche Baroninnen auf und sie alle sprechen eigentlich einen Alltagsdiskurs, den ich manchmal als das Plätschern eines zeitgenössischen Diskurses bezeichnen möchte. Darin soll dieses Herrschsüchtige in Newton sichtbar werden, wird es aber nicht. Allein in der fingierten Szene, als nämlich bereits 1723 ein Theaterbegabter eine Szene schreibt, in der Newton und Leibniz gemeinsam auftreten, kommt es zu dieser Verdichtung, die allerdings dann als Stück im Stück bereits gewissermaßen ein postmoderner Trick ist. Das soll heißen: Die Größe dieser Wissenschaftler, ihr Zusammentreffen in diesem einem Punkt, die unterschiedlichen Ausrichtungen, die sie gehabt haben, die Tatsache, dass Leibniz ein fanatischer Rechner war, der einmal gesagt hat, dass Gott am ersten Tag die Eins erschaffen hat. Auf der anderen Seite Newton, der noch ein größerer Alchemist als Wissenschaftler gewesen ist. All diese Dimensionen gehen in diesem Stück unter, weil sich Carl Djerassi darauf verlässt, in einem Alltagsgespräch dritter Person all dieses zeigen zu können, und das gelingt nicht.

Schossig: Nun ist es ja ein Ereignis, wenn dieser große Professor Carl Djerassi, Wissenschaftler ersten Grades jetzt in Berlin ist, aber es ist ihm also nicht gelungen sich gleichzeitig als begnadeter Theaterschriftsteller zu erweisen.

Orzessek: Es kommt Djerassi darauf an, dass die geschilderten naturwissenschaftlichen Vorgänge real, oder mindestens plausibel sind und die Charaktere möglichst authentisch. Djerassi hat noch ein anderes Anliegen. Er will, indem er Theaterstücke schreibt, den Dialog als Medium für naturwissenschaftliche Abhandlungen wiedergewinnen. Carl Djerassi lässt sich zuschulden kommen, dass er gleichsam über der Didaktik die Kunst vernachlässigt. Noch ein bisschen schärfer gesagt: Ich konnte mir gestern Abend nicht den Eindruck verschaffen, dass er in der Lage ist ein faszinierendes Theaterstück, das in den Dialogen eine innere Spannung und eine innere Dramatik hat, zu schreiben.

Schossig: Theater als Wissenschaft oder Wissenschaft am Theater.

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