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StartseiteBüchermarktLeicht und schwer20.03.1998

Leicht und schwer

Siebzig Jahre im Gedicht

Es ist recht still um ihn geworden. Wenn Themen auf den Foren der Publizistik verhandelt werden, meldet er sich nicht mehr zu Wort. Und das ist schade. Denn sein Wort mag immer leise gewesen sein, bestimmt war es allemal. Und man braucht nicht lange nachzudenken: es gibt genügend aktuelle Anlässe, zu denen man den Autor von "Das Brandopfer" oder "Das Löffelchen" hätte fragen können, ja vielleicht hätte fragen müssen. Zu Ernst Jünger zum Beispiel, den er recht schroff als "Militaristen" bezeichnen konnte. Oder auch zu Bert Brecht, dessen "Laotse-Legende" in der Privatanthologie des jetzt 90jährigen Albrecht Goes auch heute noch einen besonderen Platz einnimmt.

Matthias Sträßner

Es ist still um ihn geworden. Und das mag genau mit der "Laotse-Legende" von Bert Brecht erklärbar sein. Denn schließlich gehört auch Albrecht Goes zu jenen sprichwörtlich "weichen Wassern", denen man zutrauen mag, daß sie mit der Zeit den mächtigen Stein besiegen. Heute scheint es freilich fast so, als laufe hier ein recht anfechtungsfreies Leben mit den leisen Schlägen einer Uhr fast unhörbar weiter. Aber so ist es nicht, und so ist es nie gewesen: "Die Gnade eines anfechtungsfreien Lebens habe ich nicht, habe ich nie gehabt und die Risse sind da. Aber es gibt verschiedene Weisen diese Risse sichtbar zu machen. Sie können, wie ich manchmal dachte, jeweils durch die Andeutung deutlicher gesagt werden, als durch die Ausführung. Und das ist ein künstlerisches Urprinzip, dem ich heimlich von allem Anfang an gefolgt bin. Das ist keine Absicht, aber das ergab sich so."

Goes künstlerisches Urprinzip ist die leise Andeutung. "Sprache ruft immer ins Geheimnis hinein", heißt es in der Erzählung "Unruhige Nacht", die den Ruf von Albrecht Goes als Autor mit begründete. Und der Autor deutet, indem er andeutet. Genug, daß er Atmosphäre schafft. Manchmal muß schon ein kennerhafter Hinweis reichen wie "Köchel 515, Mozart/Quintett in C-Dur", und der Leser ist aufgerufen, das Gelesene zu etwas Erlesenem zu machen, das Gehörte zu etwas Unerhörtem. Daß sich diese Philosophie des Geheimnisses, diese Liebe zum Kleinen, die im Wassertropfen eine ganze Welt versteckt weiß, sich vor allem der Lyrik als eines dichterischen Mediums bedient, liegt auf der Hand. Der S. Fischer-Verlag war deswegen gut beraten, zum runden 90. Geburtstag des Autors eine Anthologie Goesscher Gedichte aus insgesamt siebzig Jahren vorzulegen. Goes verstand sich immer eher als ein Autor der Verse und der Zeilen, denn als ein Autor der vielen Seiten: " Darauf ist rasch und klar zu antworten, daß ich noch immer sagen würde, daß mir zehn Zeilen wichtiger sind als zehn Seiten. Und das hieße also, daß ich mich zuerst als den verstehe, der sich in den Büchern ‘Lichtschatten du’ oder in dem ersten Gedichtband manifestiert, und daß ich auch die Prosaarbeiten erst als den zweiten Weg in mir wahrnehme. Glückt ein Gedicht einmal im Jahr, so ist das das eigentliche Jahresglück für mich."

Schon das letzte Bändchen "Vierfalt" war eine bewußt vierteilige Komposition und verriet eine Nähe zu hermetischer Zahlen-Mystik. Die vier Disziplinen wurden benannt, in denen sich das Leben von Albrecht Goes bewegt hat: die Musik, die Dichtung, die Politik und die Theologie. Auch diese neue kleine Anthologie mit Gedichten aus Goesscher Hand ist vierfältig. Deren innere Ordnung folgt zwei Gedichtzeilen von Clemens Brentano:

"O, Stern und Blume, Geist und Kleid, Lied, Leid und Zeit und Ewigkeit!"

Als Gedichtauswahl bringt das Bändchen nicht viel Neues. Es ist - um im Bild der von Goes geliebten Musik zu bleiben - tonale Poesie durch und durch. Aber so wie man einfache Dreiklänge und Kadenzen mit gedoppelter Oktav plötzlich neu durchhören kann, so merkt der Leser bei der Unendlichkeit im Einfachen und Kleinen doch immer wieder, fast erschrocken, auf. Dabei schreibt sich der Autor den Glückwunsch, der zum Geburtstag abzustatten wäre, fast selbst. In dem kurzen Gedicht "Karl Barths Altersbriefe" heißt es:

"Wenn dies das Altern ist: so weit, so frei sein, So immer noch in Ja und Nein dabei sein,... Wenn dies das Altern ist: komm, laß uns altern."

Dem ist nichts weiter hinzuzufügen.

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