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StartseiteSportgespräch"Medaillen zählen ist der falsche Weg"30.08.2015

Leichtathletik"Medaillen zählen ist der falsche Weg"

Die 15. Leichtathletik-Weltmeisterschaften sind zu Ende. Neben den sportlichen Leistungen waren Doping-Enthüllungen das bestimmende Thema der Tage von Peking. Die Leichtathletik befindet sich in einer Glaubwürdigkeitskrise. Welche Konsequenzen müssen aus der aktuellen Lage gezogen werden und wie geht es mit der Leichtathletik weiter?

Von Matthias Friebe

Derek Drouin bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Peking 2015. (picture alliance / dpa / Diego Azubel)
Die 15. Leichtathletik-Weltmeisterschaften sind zu Ende. (picture alliance / dpa / Diego Azubel)
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Im Sportgespräch diskutieren Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands, Prof. Perikles Simon, Sportmediziner und Dopingforscher von der Uni-Mainz und der ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt unter der Leitung von Matthias Friebe.

 

Matthias Friebe: Herr Prokop, es war die 15. Leichtathletik-Weltmeisterschaft. War das aus Ihrer Sicht eine gute? Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Clemens Prokop: Na ja. Zunächst mal betrachte ich natürlich so eine Weltmeisterschaft aus unserer nationalen Situation und da, muss ich sagen, sind wir voll zufrieden. Wir haben eine junge Mannschaft präsentiert, die durchaus erfolgreich sich verkauft hat. Vor allem für mich wichtig: Fast alle Athleten haben hier ihre Saison-Bestleistung erreicht oder sogar übertroffen. Wir sind, wenn man die Nationenwertung betrachtet, das heißt die Plätze eins bis acht, die erfolgreichste europäische Mannschaft. Das sind Dinge, die mich sehr optimistisch nach Rio blicken lassen. Diese WM war die Generalprobe für die Olympischen Spiele _16 in Rio und aus unserer Sicht, aus nationaler sportlicher Sicht, denke ich, war es eine erfolgreiche WM.

Friebe: Über diese Perspektiven und über die Bilanz der deutschen Mannschaft wollen wir gleich auch noch sprechen. Erst mal die gleiche Frage an die anderen beiden Gesprächsteilnehmer. Professor Perikles Simon, wie fällt Ihre WM-Bilanz dieser Leichtathletik-WM in Peking aus?

Perikles Simon: Mich schaudert's, muss ich ganz ehrlich sagen, wenn ich jetzt einfach auf den gesamtinternationalen Zusammenhang gucke und da mir auch die Medaillen-Spiegel angucke. Es ist eigentlich unglaublich! Wir haben im Vorfeld erlebt, wie wirklich die Funktionäre geschlossen den Athleten in Gedanken zuschreien: „Bitte, Athleten, holt alles aus euch heraus. Bitte, Athleten, betrügt! Bitte, Athleten, dopt doch endlich! Holt euch das dreckigste Zeug aus den Untergrundlaboren, spritzt es euch, gebt es euch, dopt euch meinetwegen tot. Aber wir sagen euch eines: Wir unterstützen euch. Wir machen das gleiche. Wir reichen uns Geschenke, wir betrügen auch. Aber eines muss ganz klar sein: Wenn es uns an den Kragen geht, uns Funktionären, dann werden wir euch fallen lassen, und zwar wir lassen euch fallen wie die Russen in die Medaillen-Bedeutungslosigkeit."

Wenn ich das so krass sehe, wenn ich sehe, dass Äthiopien mit sicherlich nicht viel finanziellen Steuermitteln bedacht, seinen Sport fördert und weit vor uns im Medaillen-Spiegel liegt, dann will ich unserem Innenminister zurufen: „Mensch, schmeiß doch die Typen raus, die Dich beraten." Wieso wollen wir uns noch an einem Medaillen-Spiegel orientieren, wenn das letztendlich die Aussage ist? Ein einzelner Journalist kann mit seiner Recherche dieses Ding komplett umkrempeln.

Für Kenia hat es leider nicht mehr im Vorfeld gereicht, aber immerhin sind sie jetzt hergegangen und haben mal zwei intelligente Kontrollen gemacht. Was passiert? Zwei Kenianerinnen überführt. Warum macht ihr denn das nicht schon seit Jahren?

Friebe: Dieser einzelne Journalist ist uns ja auch zugeschaltet, Hajo Seppelt in Peking. Russland im Medaillen-Spiegel abgestürzt, sagt Perikles Simon. Waren da also nur die sauberen Athleten dabei in Peking?

Hajo Seppelt: Wie soll ich das wissen? Es sind die Athleten in Peking am Start gewesen, von denen wir nur sagen können, zum Zeitpunkt des Wettkampfes, wenn dann ordentlich getestet worden ist, wenn vor allem auch ordentlich vorher getestet worden ist, dann sind die offensichtlich nicht beim Doping-Test erwischt worden. Das kann heißen, dass sie sauber sind; das kann heißen, dass man Substanzen nicht nachweisen konnte. Solange Doping-Kontrollen bedauerlicherweise entweder zu lasch gehandhabt werden, oder manche Tests gewisse Substanzen oder Methoden nicht nachweisen können, oder wenn Funktionäre wegschauen, was ja immer wieder in manchen Ländern der Welt in unterschiedlichen Graduierungen passiert, wenn das so ist, kann man einfach gar nicht sagen, ob da jemand sauber ist oder nicht. Wir wissen es schlicht nicht.

Wir werden natürlich - das muss man auch sagen - es wahrscheinlich nie abschließend wissen, denn dafür, muss man ganz ehrlich sagen, ist natürlich es auch nicht möglich, ein weltumspannendes flächendeckendes Kontrollnetz so anzulegen, dass man wirklich in jeden Winkel der Welt schauen kann und bei jedem Athleten alle Substanzen dann auch nachweisen kann, wenn sie denn im Labortest überhaupt gesucht werden würden. Das ist schwierig. Aber trotzdem die Frage - ich bekomme sie ja häufig gestellt: Sind denn die Spiele sauber? Sind die Wettkämpfe sauber? Sind die Athleten sauber? - Ehrlicherweise: Diese Frage kann man einfach nicht beantworten.

Friebe: Das heißt, Sie ziehen das gleiche Fazit wie Perikles Simon?

Seppelt: Ich weiß nicht, ob ich jetzt vielleicht sagen würde, dass die Funktionäre sagen - das war ja auch eine gewisse Polemik, die ich aus den Worten rausgehört habe -, versucht alles, dopt wie ihr wollt. So weit würde ich vielleicht nicht gehen. Aber ich würde ganz sicher sagen, dass es ganz vielen Funktionären weltweit (und Clemens Prokop hat das ja vor Ort selber erlebt bei dem Kongress) relativ egal ist, was das Thema Doping angeht, was da für Konsequenzen drohen oder wie schlimm dieses Problem wirklich weltweit ist. Ich glaube, das interessiert die meisten ehrlicherweise nicht. Es ging ja sogar so weit, dass das bisherige Council-Mitglied der Deutschen im IAAF-Präsidium, Helmut Digel, noch vom bisherigen Präsidenten Diack quasi angezählt worden ist in einer internen Sitzung, was die Deutschen denn da machen würden. Auch das ist übrigens ganz bemerkenswert, welches Demokratieverständnis dahinter steckt, dass man nämlich offensichtlich glaubt, dass Herr Digel mit für die deutsche Presse verantwortlich ist.

Friebe: Im neuen IAAF-Council sitzt dann kein Deutscher mehr. Clemens Prokop als deutscher Leichtathletik-Präsident hat nicht die erforderlichen Stimmen bekommen. Herr Prokop, wie klingen diese Worte, die Sie gerade gehört haben, in Ihren Ohren?

Prokop: Ja, schwer zu sagen. - In der Tat, ich stimme Hajo Seppelt zu: Doping ist kein Thema, mit dem man Wahlen auf internationalen Kongressen gewinnt. Doping ist eher ein sehr unbeliebtes Thema. Ich glaube, vielen Funktionären ist in der Tat noch nicht klar, dass die Zukunft des Sports ganz engmaschig damit zusammenhängt, wie wir dieses Problem angehen, welche Initiativen wir ergreifen gegen Doping im Sport, und manchem Funktionär, glaube ich, auf internationaler Ebene ist es auch noch nicht ausreichend klar geworden, dass wir momentan noch zu wenig machen und dass unsere Anstrengungen hier noch verstärkt werden müssen, um eines ganz wichtiges einfach wieder zu erringen, nämlich die Glaubwürdigkeit im Sport, weil ohne die Glaubwürdigkeit der sportlichen Leistungen wird der sportliche Wettkampf als solcher an Bedeutung verlieren.

Friebe: Haben Sie denn den Eindruck, dass da auf internationaler Ebene genau das versucht wird?

Prokop: Das ist natürlich für mich auch schwierig, jetzt insgesamt und abschließend zu beurteilen, weil ich weder bei der WADA, noch bei der Anti-Doping-Abteilung der IAAF tätig bin. Aber ich will zwei Dinge sagen. Das erste ist: Was mich ein bisschen irritiert auf der Ebene der WADA, sind E-Mails, die nun veröffentlicht worden sind, des WADA-Präsidenten an den russischen Sportminister.

Friebe: Craig Reedie!

Prokop: Genau und in Kenia. Wenn diese E-Mails so zutreffend sind, ist das sehr merkwürdig, und dann stellt sich für mich eigentlich die Frage, ob die WADA und vor allem ihr Präsident wirklich ihrer Aufgabe hier gerecht werden.

Das Zweite ist natürlich, was die IAAF, den Weltleichtathletik-Verband betrifft. Da gibt es in der Tat einige Dinge, die für mich aufklärungsbedürftig sind - zum Beispiel: Wie wurde damit umgegangen, wenn auffällige Blutwerte aufgetaucht sind? Welche Kontrollen wurden am Ende veranlasst, um diesen Verdacht aufzuklären? Alles offene Fragen und ich hoffe, dass hier auf der Ebene der IAAF der neue Präsident für Klarheit sorgt.

Friebe: Diese Mails sind echt, sagt Hajo Seppelt.

Seppelt: Ja klar! Ich habe sie ja. Wir haben sie am Freitag publiziert und sie lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. In der Politik müsste wahrscheinlich derjenige, der eine solche Mail verfasst, sofort zurücktreten, weil deutlich klar würde, dass er offensichtlich ein doppeltes Spiel betreibt. Craig Reedie hat jetzt gesagt, nein, das sei alles völlig in Ordnung und er müsse halt auch diplomatische Wege beschreiten. Ganz offen: Wenn man WADA-Präsident ist, dann ist man Präsident einer Institution, die gegen Doping kämpfen soll. Wenn Russland ein Doping-Problem hat, das mutmaßlich auch damit zu tun hat, dass der russische Staat dieses Problem unter den Teppich kehren will und selbst in Teilen damit zu tun hat, dann ist es, glaube ich, nicht gut, wenn man mit solchen Menschen, die vor allem die ganze Zeit behaupten, dass alles, was im deutschen Fernsehen zu sehen war und was auch die Kronzeugen gesagt haben, ein Netz von Lügen sei, dass man mit solchen Leuten dann auch noch quasi solche Korrespondenz austauscht. Aber genau das hat Craig Reedie, der WADA-Präsident getan, der für mich nichts anderes als eine Marionette von Thomas Bach ist. Er ist installiert worden in der WADA als Präsident und der Mann ist momentan - das ist mein ganz klarer Eindruck - eine komplette Fehlbesetzung und müsste eigentlich sofort ausgetauscht werden, denn er ist nicht etwa ein Vertreter der Interessen des Sports an sich, sondern der Sportorganisationen. Und genau das ist der Fehler, weil die nämlich in einem Interessenkonflikt sind, wenn sie Doping bekämpfen sollen. Das was in Deutschland passiert und was auch gefordert wird, inzwischen sogar von Sebastian Coe, dem neuen Präsidenten, gefordert wird, ist richtig, nämlich zu sagen: Nehmt den Sportverbänden ein Stück weit die Verantwortung weg, nehmt ihnen die Doping-Kontrollen quasi weg, legt sie in vergleichsweise unabhängige Hände, damit zumindest da diese Interessenkonflikte nicht mehr herrschen.

Prokop: Ich glaube, was in Deutschland funktioniert, das sollte auch weltweit funktionieren. Darum habe ich auch hier immer offensiv Sebastian Coe unterstützt mit der Forderung, dass das Anti-Doping-Department von der IAAF nach außen auf eine neue Organisation verlagert werden soll. Allerdings muss ich einräumen: Ich habe dies auch zum zentralen Punkt meines Wahlkampfs um das Council gemacht. Das hat aber offensichtlich nicht viele Befürworter dann auf meiner Ebene gefunden.

Friebe: Ist denn Sebastian Coe der Hoffnungsträger, kann man sagen, für die Welt-Leichtathletik? Vielleicht auch Ihre Meinung, Professor Simon?

Simon: Ja. Aber vielleicht noch mal Herrn Reedie verteidigt. Der Punkt ist nämlich: Ich denke, die Konsequenzen, die jetzt vorgeschlagen wurden von Herrn Prokop, von Herrn Seppelt, die sind richtig. Die schlägt ja auch Herr Coe vor. Man müsste das Ganze noch unabhängiger gestalten. Wir brauchen Regeln der good governance, die müssen auf allen Ebenen im Sport umgesetzt werden, und da gibt es Riesenprobleme. Der Herr Bach hat beim IOC jetzt angefangen, Herr Coe macht es hoffentlich und vielleicht weiter bei der IAAF.

Aber jetzt mal Herrn Reedie und auch die Russen verteidigt: Jetzt stellen Sie sich mal vor, die Russen sind gar nicht alleine. Auf die Russen und die Kenianer wird jetzt einfach nur eingeschlagen. Mit beteiligt und das gleiche Problem haben vielleicht alle Verbände weltweit, auch auf nationaler Ebene, und ich meine, unabhängige Studien gehen davon aus, dass rund in etwa, sagen wir mal, 40 Prozent plus dieser Athleten bei der WM gedopt angetreten sind. Wenn man das weiß, dann kann man doch nicht einfach hinsehen und sehen, Mensch, auf die wird jetzt gerade massiv eingeschlagen, und ohne ein beschwichtigendes Wort zu sprechen in irgendeiner Form, sondern man wird wahrscheinlich schon sagen, diplomatisch so richtig ausgewogen war das jetzt nicht.

Aber was schon ein richtiges Problem ist, dass Athleten wie Bolt, wie Blake oder auch wie Mo Farah einfach nicht auf das getestet werden und es ist auch einfach überhaupt keine Transparenz da, ob sie jemals wurden, auch retrospektiv nie getestet wurden. Man kann auch nie nachvollziehen, wann dann auf Druck hin wer überhaupt nachgetestet wird. Nachher testen wir nur die Russen nach, um sie zu überführen, und alle anderen lassen wir in Frieden. Es herrscht einfach keinerlei Transparenz und es herrscht keine Konsequenz und keine good governance, und das ist eigentlich ein Hauptproblem.

Seppelt: Herr Simon, ich möchte Ihnen in vielen, vielen Punkten Recht geben, eigentlich in fast allen. Ich finde trotzdem, dass ein WADA-Präsident eine Distanz zu allen wahren muss, auch zu den Russen. Es kann nicht die Aufgabe des obersten Vertreters der Doping-Bekämpfung in der Welt sein, diplomatisch zu versuchen, Dinge ein wenig zu bereinigen, nur weil man - da haben Sie Recht - davon ausgehen kann oder auch muss, dass das in anderen Ländern auch passiert, wobei ich einschränkend schon sagen muss: Ich glaube, dass wir in Russland tatsächlich aufgrund der Strukturen und der Traditionen der alten Sowjetunion ein ganz besonderes Problem haben. Eines aber, da unterstütze ich Sie völlig. Wenn man sieht, wie Doping-Bekämpfung heute läuft, und wenn man sieht, dass häufig gesagt wird mit dem Argument des Datenschutzes, dass man bestimmte Dinge einfach nicht öffentlich sagen kann, und auch mit dem zweiten Argument, dass man ansonsten die Chancen, Athleten zu überführen, verringern würde, wenn man offen über Ermittlungsstrategien oder Taktiken spricht. All das, finde ich, kann man wunderbar öffentlich erzählen, warum auch nicht, und es müsste ja Usain Bolt auch recht sein, denn er sagt ja, er ist ein sauberer Athlet. Also bitte schön, dann testet doch alles nach, denn ich habe ja eigentlich nichts zu verstecken. Das müsste doch eigentlich die Argumentation sein.

Friebe: Das Deutschlandfunk-Sportgespräch zum Abschluss der Leichtathletik-WM mit den Gästen Clemens Prokop vom Deutschen Leichtathletik-Verband, Professor Perikles Simon von der Universität Mainz und ARD-Doping-Experte Hajo Seppelt. - In dem Film, der vor der Weltmeisterschaft veröffentlicht wurde, „Geheimsache Doping", da ging es vor allem um Russland und um Kenia. Jetzt sind gerade die Kenianer die, die hier die großen Abräumer bei dieser Weltmeisterschaft waren. Wir fragen vielleicht mal an dieser Stelle Clemens Prokop, den deutschen Leichtathletik-Präsidenten. Wie sehen Sie die kenianischen Leistungen?

Prokop: Sie sind natürlich in dieser Erfolgsbilanz sehr überraschend, und ich meine, es ist auch überraschend, in welchen Disziplinen inzwischen Kenia hier Erfolge einheimst. Ich denke, es war früher undenkbar, dass der Speerwurf-Weltmeister aus Kenia kommt. Ich muss allerdings auch fairerweise sagen: Wenn man die Leistungsbilanz Kenias bemisst, dann muss man auch berücksichtigen, Kenia hat natürlich gerade im Lang- und Mittelstreckenbereich ideale geographische Bedingungen. Nicht umsonst versuchen ja unsere Athleten auch sehr viel in Kenia zu trainieren, um diese geographischen Bedingungen mitzunehmen. Und in Kenia hat natürlich die Leichtathletik auch einen ganz wichtigen Punkt noch, nämlich die wirtschaftliche Abhängigkeit vom sportlichen Erfolg. Das heißt, über die Leichtathletik können Sie in Kenia einen sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg wahrnehmen, den Sie über einen anderen Sport in Kenia praktisch nicht erreichen werden. Allerdings zeigt sich auch, dass allein die geographische Lage und allein die Attraktivität der Leichtathletik als Sportart in Kenia nicht ausreicht.

Simon: Da muss ich widersprechen. Das geht so nicht. Ich meine, deutsche Athleten, die nach Kenia gehen, da kann ich Ihnen jetzt wirklich mal was zu sagen. Ideale geographische Bedingungen hätten Sie vielleicht auch in Flagstaff Arizona, wo die deutschen Athleten ja auch früher gerne hingegangen sind. Nur da haben Sie auch scharfe Doping-Kontrollen. Der Punkt ist in Kenia: Sie atmen Staub ein, Sie laufen da mit Athleten um die Bahn herum, Sie fressen Erde, Sie bekommen Durchfall-Erkrankungen, Sie sind nicht mehr optimal versorgt, Sie kommen in ein Umfeld, das Sie so in dieser Form überhaupt nicht kennen. Sie setzen sich gesellschaftlichen Risiken aus, vom Straßenverkehr bis über sonst was, und das Ganze nennt sich dann „ideale Bedingungen". Was ist an diesen Bedingungen ideal? - Ja, dass es dort Ärzte gibt, die Athleten einfach so unterm Ladentisch mit EPO versorgen und dass es auch dort entsprechend keine geeigneten Kontrolleure und Kontrollen gibt. Das ist ideal.

Prokop: Nun, glaube ich, übersehen Sie eines, dass unsere Athleten von der NADA, egal wo sie weltweit sind, lückenlos kontrolliert werden, ob sie jetzt in Kenia sind oder sonst wo. Ihr Argument trifft dann auf die Athleten auch nicht zu.

Simon: Auf die deutschen womöglich nicht, wobei es natürlich die NADA auch ein bisschen was kostet, dort extra runterzufliegen.

Seppelt: Was auf jeden Fall stimmt ist, dass tatsächlich eine Reihe von ausländischen Athleten auch über längere Zeiträume in Kenia sind - das ist ja bekannt -, in diesen Trainings-Camps, die dort ja auch durchaus gegen Geld dann aufgesucht werden, wo man sich dann monatelang aufhält. Das stimmt schon alles. Ich glaube, die Wahrheit liegt nach meinem Dafürhalten in der Mitte. Tatsächlich glaube ich - dass Herr Simon, ist schon ganz simpel - in manchen Gegenden in Kenia (ich war da auch unterwegs) tatsächlich interessanterweise gar nicht so schlechte Bedingungen gibt. Das sind dann solche Camps, die sind abgeschottet. Da ist dann auch das Niveau des Essens und da sind auch die hygienischen Bedingungen völlig anders. Da sind die dann halt ein paar Wochen und da, glaube ich, ist es tatsächlich gar nicht so schlecht. Das ändert aber nichts daran, dass natürlich trotzdem man dort relativ unbeobachtet ist und Dinge machen kann, die man womöglich an anderen Orten der Welt nicht machen kann.

Friebe: Bei all dem, wenn man das hört, Herr Prokop, wirkt sich das auf die Motivation des deutschen Teams aus, wenn man diese Recherchen hört und wenn man möglicherweise davon ausgeht, so wie Robin Schembera das gesagt hat, der 800-Meter-Läufer, dass man da gegen Monster läuft?

Prokop: Zunächst einmal glaube ich, das Problem für viele Athleten ist einfach der Generalverdacht, der ganz schnell losgetreten wird, nämlich der Verdacht, alle sind gedopt, und das ist einfach nicht zutreffend. Darum versuche ich auch immer, die Athleten zu überzeugen, dass wir uns beim Kampf um die Glaubwürdigkeit nicht allein auf das Doping-Kontrollsystem der NADA verlassen, dass wir den Staat mit einbeziehen, weil einfach gemeinsam Staat und NADA noch wirksamer Doping bekämpfen können und insofern hier auch die Glaubwürdigkeit gesteigert wird.

Friebe: Wenn Sie den Staat ansprechen, das ist vielleicht ein gutes Stichwort. Der deutsche Innenminister, der ja auch für den Sport zuständig ist, Thomas de Maizière, hat vor kurzem in einem Interview gesagt, gerade was Olympia angeht wird für den deutschen Finanzeinsatz, für die deutsche Sportförderung ein Drittel zu wenig Medaillen gewonnen. Über das Hin und Her von Medaillen zählen, über das Für und Wider kann man sich ja ohnehin streiten. Aber wenn Sie das hören, Herr Prokop, in diesen Doping-Zeiten, wie kann man da wirklich auf dieses Medaillen zählen aus sein?

Prokop: Zunächst einmal muss man fairerweise sagen, dass in dem gleichen Interview der Innenminister sich auch festgelegt hat, dass er nur für einen sauberen Sport steht, für einen ethisch verantwortbaren Sport.

Friebe: Das habe ich ja nicht unterstellt.

Prokop: Ja, ja. Aber ich denke, da muss man beides wissen. Natürlich kann man jetzt fragen, wie kommt der Innenminister dann auf die Idee, bei einem ethisch verantwortbaren Staat unter vergleichbaren Rahmenbedingungen die Medaillenzahl zu steigern. Ich persönlich halte von dem Medaillen zählen eigentlich nicht so viel, weil es ist oft Zufall, wer die Medaillen macht. Ich glaube, es gibt andere Kriterien, die für die Bemessung der sportlichen Leistung einfach wirksamer sind. Allerdings, muss ich auch da noch mal sagen, ist natürlich das Dilemma aus Sicht der Sportler schon auch ein bisschen, dass die öffentliche Wahrnehmung und vor allem sehr stark in den Medien die Wahrnehmung sportlicher Leistungen über sehr einfache Strukturen abläuft, nämlich beispielsweise hat jemand eine bronzene, eine silberne oder am besten eine Goldmedaille, und der vierte Platz ist der erste Verlierer.

Simon: Herr Prokop, darf ich da mal was einwenden? - Wenn wir aktuell auf die Geschichte des DLVs und dessen Rolle zu sprechen kommen wollen in diesem Zusammenhang, dann bewegen wir uns mal nicht nur bei den Medaillen. Schauen wir uns auch mal das Starterfeld an. Wer durfte denn nicht antreten? Es gab Athleten, die hatten eine gewisse Norm erfüllt. Die durften trotzdem nicht antreten. Wahrscheinlich hatten sie keine realistische Endkampfchance, Beispiel 1500.Meter-Lauf. Dann gab es Disziplinen, da sind vier Athletinnen angetreten, und es gibt auch Disziplinen - und da wird es richtig verrückt -, da treten in der Staffel alle an, aber in den Einzeldisziplinen dürfen sie nicht antreten. Mit welchem Grund macht man denn so eine restriktive Politik bei der Besetzung der Felder? Ich meine, was ist das für ein Signal an diese Athleten, die jetzt ihr Bestes gegeben haben, die hart gekämpft hatten und nicht antreten durften, und das selbst nicht, wenn sie die Norm erfüllt hatten? Das ist doch schon geradezu verrückt. Was soll denn das Signal an den Athleten sein? Soll das Signal sein, ich muss mich auf Gedeih und Verderb in diesen Bereich reinbewegen, wo ich dann eine Endkampfchance habe? Ist das das Signal, was Sie setzen möchten?

Prokop: Zunächst, was Sie mit den Staffeln angesprochen haben: Alle Athleten, alle Mitglieder der Staffel, die die IAAF-Norm für eine Einzelteilnahme hatten, sind auch im Einzel angetreten. Diejenigen, die dann nur in der Staffel gelaufen sind, hatten die Norm nicht. Das ist formal leicht erklärbar. Tatsächlich gibt es, ich glaube, zwei oder drei Athleten, die die Norm der IAAF hatten, aber nicht die DLV-Norm und dann nicht nominiert worden sind. Das sind immer heiß diskutierte Grenzfälle und tatsächlich ist die Politik derzeit ausgerichtet auf eine qualifizierte Endkampfchance, die bei den beiden nach Einschätzung unserer Leistungssportabteilung nicht gegeben war. Darüber kann man lang diskutieren. Ich persönlich könnte mir auch eine andere Entscheidung vorstellen. Aber das ist einfach eine Entscheidung, die auch im Rahmen der Absprachen mit dem Förderer des Leistungssports, dem Bundesinnenministerium hier so getroffen wurde. Ich gebe Ihnen Recht: Das sind Fälle, die kann man diskutieren.

Seppelt: Als ich gestern die viermal 100-Meter-Staffel der Männer gesehen habe, das fand ich von der Kommentierung im Fernsehen angemessen. Ich fand das unglaublich, wie sympathisch die da angetreten sind. Jetzt setzen wir mal voraus und hoffen, dass die vier Jungs das ohne Doping-Methoden geschafft haben. Dann fand ich das toll, weil es war klar: Die sind zu dem Zeitpunkt als Fünfte ins Ziel gekommen und freuen sich wie die Schneekönige, und das war eine ganz sympathische Werbung. Plötzlich wurde mir klar: Es geht am Ende gar nicht immer nur darum, ums Gewinnen, und ich glaube, das war auch eine Message fürs Publikum und übrigens auch etwas, was vielleicht uns Journalisten mal nachdenklich stimmen sollte, ob wir nämlich immer da so gut aufgestellt sind, wenn wir tatsächlich diese angebliche Lust auf Medaillen, auf Titel, auf Rekorde, nur das ist spannend, in den Vordergrund rücken, oder ob es nicht sogar richtig ist, dass wir sagen, wir würdigen auch ganz andere Leistungen. Ich glaube das auch übrigens überhaupt nicht. Es heißt ja immer, die Leute wollen nur Rekorde sehen, die wollen nur Weltrekorde sehen. Ich glaube das überhaupt nicht.

Friebe: Das heißt, ein bisschen, wenn ich das richtig verstehe, Sympathiewerte gehören auch dazu. Oder muss man vielleicht auch darauf schauen, dass die deutschen Athleten dann zum Höhepunkt im Endkampf oder auch in der Qualifikation ihre persönliche Bestleistung anstreben, sie möglicherweise erreichen oder verbessern, wie wir es ja auch in Peking ein paar Mal gesehen haben, gerade heute, wie Speerwerferin Katharina Molitor?

Seppelt: In die Richtung geht es ja schon und das finde ich eigentlich eine ganz gute Entwicklung. Deswegen sagte ich ja auch: Von der Kommentierung her verändert sich einiges auch im Sportjournalismus - nicht sehr viel bisher, wie ich finde, aber das sind sehr, sehr positive Zeichen, finde ich, dass man in diese Richtung auch geht. Es geht darum, finde ich, dass man die sportliche Leistung würdigen muss und sollte und nicht ständig darauf schielen würde, was nutzt es uns, wenn man damit nur Platz sieben belegt. Dann ist es halt so, das ist das Feld der Weltbesten. Die Menschen, die bei Olympia und Weltmeisterschaften an den Start gehen, sind herausragende Athleten und da muss es nicht immer gleich der Olympiasieg sein. Es geht hier um die Sportler und es geht auch ehrlicherweise häufig gar nicht um die Doper, sondern es geht um das Umfeld, in dem Doping gedeihen kann und in dem es gefördert wird durch Funktionäre, die nicht genau hinschauen. Um Ihnen abschließend noch ein Beispiel zu bringen; das ist eigentlich so unverfroren, dass man es gar nicht glauben kann: Bei den Kenianern war der Teamchef dieses Mal der ehemalige Schatzmeister des Verbandes, der vor kurzem noch Kontozahlungen über 100.000 Dollar abgezweigt hat, in der ARD zu sehen war. Der wurde von den Kenianern zum Teamchef gemacht. Und der Verbandspräsident, der hier war, der hat Journalisten aus Kenia erzählt, nachdem die zwei positiven Fälle eigentlich schon so gut wie sicher feststanden, die sind krank, die können nicht antreten. Das hat der immer noch gesagt. Das heißt, die lügen bis zum Abwinken, und das wird alles noch getragen und gedeckelt von solchen Leuten in der IAAF, die sagen, wir sind doch alles eine große Familie.

Simon: Ja, Herr Seppelt, jetzt tauen Sie auf. Das sind nämlich genau diese klaren Gedanken, die Funktionäre transportieren, an die Athleten heran, die sich in einer extremen Drucksituation befinden, die wie ein Herr Dr. Gabius extreme Leistungen über Jahre hinweg erbringen müssen, an der Norm herumknabbern, sich schinden, sich schuften und es dann irgendwann schaffen, und ich meine, es geht da nicht nur um den Sportler. Es geht eigentlich um den Menschen und Menschen bei uns in der Leichtathletik leisten teilweise außerhalb vom Sport auch noch Enormes. Es sind Mütter, es sind Ärzte, es sind gestandene Menschen, die eine duale Karriere auch hinter sich haben. Man kann hier auch andere Aspekte als das reine Medaillen zählen zur Abschätzung eines Erfolges heranziehen, und natürlich sind solche Menschen unter Umständen größere Vorbilder als ein Olympiasieger.

Friebe: Und damit sind Sie auch einverstanden, Herr Prokop?

Prokop: Ich finde auch, die sportliche Leistung ist vielfältig zu betrachten. Ich denke, das Spannende am Sport sind zunächst mal die Persönlichkeiten und die Geschichten, die sie zu erzählen haben. Mich haben eigentlich immer Sportler vor allem durch die Fähigkeit beeindruckt, Ziele langfristig zu verfolgen, ihr Leben so einem Ziel unterzuordnen und vor allem sich auch an Werte zu halten. Insofern finde ich einfach - und da kann ich Hajo Seppelt nur zustimmen - ist manchmal ein siebter Platz eine fantastische Leistung, und wenn ich das Umfeld und die Rahmenbedingungen dann noch vergleiche, dann muss ich sagen, muss man diesen sportlichen Leistungen oft viel mehr Gewicht beimessen, als es bei uns bislang geschieht.

Friebe: Dann würde ich gerne eine ganz kurze Schlussrunde machen mit der Frage, wie es mit der Leichtathletik weitergeht und was das für die Perspektive Rio 2016 bedeutet. - Hajo Seppelt.

Seppelt: Die Leichtathletik hat jetzt quasi mal einen kleinen Holzhammer bekommen, die internationale. Die müssen jetzt mal darüber nachdenken, wie es weitergehen soll. Das hat der Radsport vor ein paar Jahren auch erlebt und hat sich ein Stück weit auch aus dem eigenen Sumpf herausgezogen. Und ich finde, die Leichtathleten haben jetzt die Chance, das auch zu tun. Wenn sie weiter negieren, abstreiten und so tun, als ob das Problem ja gar nicht so groß sei und sie alles schon dagegen getan hätten, dann sind sie, glaube ich, nicht gut beraten.

Simon: Als Sportmediziner mache ich mir arge Gedanken: Können wir Mediziner solche Spiele, auch die Olympischen Spiele in Rio überhaupt begleiten? Ist das mit unserem ärztlichen Ethos vereinbar? Und zwar unabhängig davon, dass wir uns da vielleicht hinstellen und sagen, wir sind nur für das Gute zuständig, das Böse, das findet woanders statt. Ich meine, es gibt irgendwann Veranstaltungen, wo man einfach prinzipiell sagen muss, nein, das kann man so nicht mittragen, weil die Rahmenbedingungen problematisch sind. Und dass die Rahmenbedingungen problematisch sind, dass es an der good governance mangelt, das haben wir einfach in der Konsequenz sehr schön an dieser Weltmeisterschaft gesehen. Und dass das extreme Verzerrungen mit sich bringt, dass Russland mal ganz oben im Medaillen-Spiegel ist, mal ganz unten im Medaillen-Spiegel und dass man dafür nicht viel tun muss, dass dem dann so ist, das ist sehr, sehr erschreckend. Und dass die Doping-Epidemiologie-Forschung eine relativ eindeutige Sprache spricht, nämlich dass wir über Disziplinen hinweg - wir müssen gar nicht nur über die Leichtathletik reden; wir sollten über alle Disziplinen des Sports reden, die wir in Rio sehen werden - ein Problem haben, ist auch klar geworden und wir müssen uns jetzt einfach überlegen, was sollten wir Mediziner sinnvollerweise im Spitzensport noch tun und was müssen wir lassen.

Seppelt: Die Leichtathletik gibt viel mehr Geld aus als viele andere Sportverbände. Was muss woanders los sein?

Prokop: Ich glaube vor allem, zunächst hat die Leichtathletik-WM gezeigt, dass Leichtathletik eine faszinierende Sportart ist, weil die menschlichen Grundmuster der Bewegung einfach perfektioniert werden. Aber ich gebe Hajo Seppelt Recht: Die Leichtathletik hat einen klaren Arbeitsauftrag hier mitbekommen, nämlich das Doping-Problem noch ernster zu nehmen, als das in der Vergangenheit geschehen ist, und im Prinzip alles auf den Prüfstand zu stellen: die Strukturen, die Fördermaßnahmen. Ich glaube, insofern ist die Situation jetzt eine große Chance für die Leichtathletik, sich weiterzuentwickeln, und ich hoffe hier sehr stark auf den neuen Präsidenten Coe, dass er die Zeichen der Zeit erkennt und hier so was wie eine Aufbruchsstimmung in diesem Bereich auch verbreiten wird. Und ich glaube, wo auch ein dringender Handlungsbedarf ist (und auch da hat die WM, aber auch das Vorfeld gezeigt, dass Handlungsbedarf besteht), ist die WADA. Ich glaube, über den Arbeitsauftrag der WADA und die handelnden Personen gilt es noch mal gründlich nachzudenken.

 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Das vollständige Gespräch können Sie bis mindestens 01. März 2016 als Audio-on-Demand nachhören.

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