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StartseiteBüchermarktLeidenschaft mit Kennerschaft16.08.2005

Leidenschaft mit Kennerschaft

Ulrich Greiner will zum Lesen verführen

Wo Elke Heidenreich befiehlt, möchte Ulrich Greiner lieber ködern und locken. "Lesen!" heißt es imperativ in der Fernsehsendung der Bücherschwärmerin. Ihr feinsinniger Kollege vom Intelligenzblatt bringt einen "Leseverführer" auf den Markt. Der wirbt zwar auch für einzelne Titel, aber bloß exemplarisch, denn eigentlich geht es ihm um das Lesen an sich, genauer: um das richtige Lesen, und wer das einmal beherrscht, der liest dann auch die richtigen Bücher (und das sind dann nicht unbedingt die, die Kollegin Heidenreich empfiehlt).

Von Martin Ebel

Lesen, aber mit Spaß (Stock.XCHNG / Matt Aiello)
Lesen, aber mit Spaß (Stock.XCHNG / Matt Aiello)

Eine "Gebrauchsanweisung zum Lesen schöner Literatur" verheißt der Untertitel des "Leseverführers", und die Aufmachung erinnert auch an die Länderreihe, die unter eben dem Titel - "Gebrauchsanweisung für England, Polen" und so weiter im selben Verlag erscheint.

Braucht denn der Leser schöner Literatur überhaupt so etwas? Muss man ihm seinen Zeitvertreib, seine Leidenschaft, sein Laster so erklären wie eine Waschmaschine oder einen Bausatz für einen Badezimmerschrank? Will das Publikum, an das Greiner sich wendet, nicht einfach lesen, weil es gerne liest? Natürlich. Und natürlich weiß das der Autor. Er glaubt indes, und das mit Recht, dass man von der Leidenschaft mehr hat, wenn sich zu ihr etwas Kennerschaft gesellt. Diese Kennerschaft will er vermitteln. Greiner selbst nennt es "Rüstzeug"; wie er die Lektüre seiner Lektürehilfe überhaupt mehrfach mit einer Bergwanderung vergleicht, die aus den Ebene der Mühelosigkeit zu den Gipfeln führt, wo scharfe Grate und tiefe Abgründe drohen, aber auch herrliche Aussichten winken.

Ulrich Greiner ist ein ungemein kluger und belesener Mensch, hochkultiviert und hochsensibel, mit einem Faible für die schwierige, die sperrige, die selbstreferentielle Literatur. Seit Jahrzehnten ist sein Name mit der Wochenzeitung "Die Zeit" verbunden, die nicht gerade in der Ruf der Volkstümlichkeit steht. Genau dieser hat sich der Autor für seinen Leseverführer aber verschrieben. Als wolle er die TV-Kollegin in Buchform noch übertreffen, bemüht er sich, Fremdwörter und lange Sätze zu vermeiden, Bilder sprechen zu lassen, Pointen zu setzen und dann und wann sogar ein Witzchen zu machen.

Die Anstrengung hat sich durchaus gelohnt - denn die Lektüre ist ganz und gar unanstrengend. Greiner gelingt es, Fragen der Erzählperspektive oder des Erzähltempos, über die sich Generationen von Germanisten in dicken unlesbaren Schwarten ausgelassen haben, plausibel und mit gut gewählten Beispielen anschaulich zu machen. Ein Problem liegt eher im Ton, den Greiner anschlägt und der das Onkelhafte nicht nur streift. Immer wieder klopft er seinem Leser auf die Schulter, nimmt ihn an der Hand, stößt ihn aber auch schon mal unsanft in den Rücken.

Es sind widersprüchliche Signale, die von diesem rhetorischen Körpereinsatz ausgehen. Einerseits versäumt Greiner keine Gelegenheit, diesem Leser zu sagen, dass er die vollkommene Freiheit hat, zu tun und zu lassen, was er will: "Als Leser muss man gar nichts müssen", heißt es, also weder die richtigen Bücher lesen noch sie richtig lesen oder sie überhaupt zu Ende zu lesen. Ja, es gibt sogar, man glaubt es kaum, Momente, wo es noch etwas besseres gibt als das Lesen: Es sei "nur das Zweitschönste", bedeutet Greiner uns, und wir meinen ihn zwischen den Zeilen ganz frivol mit den Augen zwinkern zu sehen.

Einerseits also ist der Leser der Chef; so sehr sogar, dass er mehr oder weniger bestimmt, was in dem Buch steht: Denn erst die Lektüre vollendet das, was der Autor gewollt hat.

Andrerseits - und hier spielt der Onkel sein Alter und seinen Wissensvorsprung aus - sollte der Leser dann doch: Kleists Novellen lesen. Von der Bibel eine Ahnung haben. Sich von den stoffverhafteten Romanen der Ebene zu den höheren Regionen emporlesen, in denen die Form zum Inhalt wird und Literatur über Literatur reflektiert. Sich eine gewisse Bildung aneignen. Es bei der Bergwanderung dann doch bis zu Stifters "Nachsommer" bringen. Die Widersprüchlichkeit zeigt sich am schönsten in der gewundenen Formulierung: "Ich empfehle dringend - ohne Gewähr".

Greiners Problem ist, marketingtechnisch formuliert, das der Zielgruppe. Deutlich wird es, dem Autor wohl unbewusst, in der Drehständerszene. Da beobachtet Greiner ein Paar an einem Bahnhofskiosk. Die Frau greift zu Fontanes "Effi Briest" und fragt ihren Mann, worum es da gehe. "Ich glaube", antwortet der Mann, "das ist so eine traurige Ehegeschichte." Darauf stellt die Frau das Buch in den Drehständer zurück. Greiner will damit sagen, dass nicht jedes Buch für jeden Leser taugt, und weiter, dass es auch unglückliche Momente für bestimmte Bücher gibt. Für mich hat diese Geschichte etwas unfreiwillig Entlarvendes: Greiner selbst schreibt, als wolle es sich an Leser vom Typus der Drehständergreiferin und Effi-Briest-Verächterin wenden. Solche brauchen und wollen aber keine Gebrauchsanweisung, sondern höchstens Tipps. Leser wiederum, die aufgrund von Greiners Namen und der Hochkultur-Assoziationen, die sich daran knüpfen, zu dem Bändchen greifen, haben ihre Effi schon gelesen. Ihnen wird der Ton zu schlicht und auch zu vertraulich erscheinen, sozusagen Heidenreich-haft. Greiner, wahrlich ein Stilist unter den deutschen Literaturkritikern, läuft hier ständig unter einer Latte durch, die er selbst so niedrig gehängt hat, dass das nicht ohne Verrenkungen geht.

Es fehlt ihm der Schwung der Begeisterung, der die 1000 Seiten von Rolf Vollmanns "Romanverführer" durchzieht, aber auch die Chuzpe eines Dietrich Schwanitz, der in seinem zu Unrecht geschmähten Kompendium "Bildung" tatsächlich geniale Vereinfachung betrieben hat.

Natürlich ist der "Leseverführer" insgesamt eine angenehme und sympathische Lektüre, dazu schreibt Greiner viel zu gut. So ist er auch ein großartiger Nacherzähler, der Lust auf die Originale macht, vom Parzival über den Kohlhaas bis zu Georges Perecs immer ein Geheimtipp gebliebenem Riesenroman "Das Leben. Gebrauchsanweisung". Die Wahl seiner Beispiele zeugt von Geschmack und von Originalität, mit ausgesprochener Bereitschaft, auch für das schwer Verdauliche zu werben. Und er ist Zeitgenosse; die jüngsten Hinweise betreffen Bücher von diesem und vom vergangenen Jahr, Juli Zehs "Spieltrieb" und Andreas Maiers "Kirillow". Und zu wenigstens einer weiteren Lektüre hat sein Buch verführt: Ich muss jetzt unbedingt und endlich den "Hiob" von Joseph Roth lesen.

Ulrich Greiner: Leseverführer. Eine Gebrauchsanweisung zum Lesen schöner Literatur. Verlag C. H. Beck, München 2005. 208 S., 14 Euro 90.

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