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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie hässliche Fratze der "Sharing Economy"08.08.2017

LeiharbeitDie hässliche Fratze der "Sharing Economy"

Die Leiharbeit sei ein Albtraum für Beschäftigte, sie frustriere und mache krank, kommentiert Sina Fröhndrich. Außerdem sei sie keinesfalls Brücke für Langzeitarbeitslose in reguläre Beschäftigung, sondern eher eine Falle für oftmals gut Qualifizierte. Höchste Zeit, sie abzuschaffen.

Von Sina Fröhndrich

Auszubildende halten am 04.07.2014 während des Warnstreiks vor dem Werk Salzgitter AG in Salzgitter (Niedersachsen) Transparente hoch. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
Traurig, dass sich ausgerechnet Deutschland, das Land der erfolgreichen Exporteure, fast eine Million Leiharbeiter leiste, meint Sina Fröhndrich. (picture alliance / dpa / Peter Steffen)
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Der erste Tag bei einem neuen Arbeitgeber. Unbekannte Kollegen, unbekanntes Umfeld. Das ist aufregend, kann aber auch nervenaufreibend sein. Es gibt Menschen in Deutschland, die erleben das alle paar Monate. Leiharbeiter wechseln den Arbeitgeber wie andere ihre Zahnbürste. Jeder zweite Leiharbeiter bleibt nicht länger als drei Monate bei einem Unternehmen. Ein Albtraum für einen Beschäftigten.

Es gibt keine Sicherheit, keine Wertschätzung, und er ist der erste der gehen muss, wenn es schlecht läuft. Zuletzt gesehen bei Volkswagen. Die Leiharbeit schafft eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in einem Unternehmen. Gleiches Gehalt für gleiche Arbeit - das gibt es erst nach neun Monaten- und damit für die wenigsten Leiharbeiter. So ein Job macht nicht glücklich, im Gegenteil: Er frustriert und macht krank.

Milliardengewinne auf dem Rücken "atypisch Beschäftigter"

Es ist traurig, dass ausgerechnet Deutschland, das Land der erfolgreichen Exporteure, sich fast eine Million Leiharbeiter leistet. Haben wir das nötig? Meine Antwort lautet: Nein. Und es steht uns noch weniger gut zu Gesicht, dass es wirtschaftlich immer weiter nach oben geht - und es zugleich auch mehr Leiharbeiter gibt. Arbeitgeber betonen immer wieder, dass Leiharbeiter eine wichtige Stütze für deutsche Unternehmen sind. Aber wer stützt die Leiharbeiter?

Deutsche Firmen fahren teils Milliardengewinne ein. Sie können es sich eigentlich leisten, auf atypische Beschäftigte wie Leiharbeiter zu verzichten. Und genau das sollten die Gewerkschaften mit noch mehr Vehemenz fordern - und dabei nicht nur ihre Stammklientel, die feste Belegschaft, im Blick behalten.

Arbeitsagenturen befeuern die Entwicklung

Sicher, seit diesem Frühjahr ist die Arbeitszeit für Leiharbeiter begrenzt - auf 18 Monate. Danach müssen sie übernommen werden oder gehen. Aber kaum beschlossen, vereinbart die Metallbranche eine Ausnahmeregel. Mit dem Segen der IG Metall dürfen Leiharbeiter bis zu vier Jahre lang beschäftigt werden. Konsequent im Sinne der Beschäftigten ist das nicht.

Leiharbeit sei eine Brücke in eine reguläre Beschäftigung, argumentieren Befürworter - nur lässt sich das kaum belegen. Viele neue Leiharbeiter kommen aus dem ersten Arbeitsmarkt, sie hatten also eine reguläre Beschäftigung und waren nur kurz arbeitslos. Die Leiharbeit ist also keine Brücke für Langzeitarbeitslose, sie ist eine Falle für oftmals gut Qualifizierte. Und die Arbeitsagenturen befeuern diese Entwicklung auch noch. Jeder dritte Job, den sie vermitteln, ist ein Leiharbeitsjob.

Das Leihen und verleihen ist ein Wirtschaftstrend. Die "Sharing Economy" hat viele Gesichter, die Leiharbeit ist eine hässliche Fratze davon. Es wird Zeit, sich davon zu trennen.

Sina Fröhndrich, Jahrgang 1984, ist Redakteurin in der Abteilung "Wirtschaft und Gesellschaft". Sie ist aufgewachsen in Brandenburg und hat Alte Geschichte, Evangelische Theologie und Journalistik in Leipzig und Florenz studiert. Vor ihrem Volontariat beim Deutschlandradio hat sie beim Lokalradio der Universität Leipzig mephisto 97.6, MDR Info, MDR Sputnik und DRadio Wissen gearbeitet.

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