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StartseiteKulturfragenLeitkultur - Neue Inhalte für eine alte Debatte?05.03.2006

Leitkultur - Neue Inhalte für eine alte Debatte?

Bundestagspräsident Norbert Lammert im Gespräch mit Ernst Elitz im Rahmen der "Pausengespräche" in dem Berliner Reichstag

Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte sich schon lange bevor der Karikaturen-Streit entbrannte für eine erneute Debatte um die Leitkultur eingesetzt. Und bewusst hat er nie von einer <em>deutschen</em> Leitkultur gesprochen, da das, was für die deutsche Kultur prägend sei, weit über nationale Grenzen hinausgehe. Ihm ging es um die Frage, welche gemeinsamen Überzeugungen eine Gesellschaft hat und wie diese legitimiert werden können. Sich Gedanken um die Leitkultur zu machen, heißt für Lammert die geistige Verfassung einer Nation zu beleuchten.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) (Deutscher Bundestag)
Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) (Deutscher Bundestag)

Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz sprach mit dem Präsidenten des Deutschen Bundestags, Norbert Lammert, in der gläsernen Kuppel des Berliner Reichstags. In den Pausen einer Kammermusikreihe mit Mitgliedern des Deutschen Symphonie-Orchesters geht es dort regelmäßig um die Erörterung kulturpolitischer Perspektiven.

Ernst Elitz: Herr Präsident, der Kulturbegriff in Deutschland ist beliebig geworden. Es gibt nichts, was nicht Kultur wäre: Hauptstadtkultur, Trinkkultur, Streitkultur, Freikörperkultur. Nur der Begriff Leitkultur, den wollen einige nicht hören. Warum eigentlich nicht?

Norbert Lammert: Ja, das geht glaube ich tief in die deutsche Seele, was Sie da gerade nachfragen, und ich will gerne noch eine ergänzende Bemerkung zu Ihrer Einleitung hinzufügen. Ich habe in meinem Bücherschrank eine schmale, aber eindrucksvolle Publikation stehen, die, wenn ich mich recht erinnere, heißt "356 Kulturen". Also es gibt eigentlich keinen Zusammenhang, in dem die Kultur nicht in Anspruch genommen wird, und um so auffälliger ist, wie schwer wir uns tun, diesen Begriff in Zusammenhang mit einer prägenden leitenden Vorstellung für unsere Gesellschaft im Ganzen zu bringen. Allerdings gehört zu einer ruhigen und nüchternen aktuellen Bestandsaufnahme dann auch der Hinweis, dass es im Unterschied zu einer gar nicht erst geführten Diskussion bei einem ersten Anlauf vor vier oder fünf Jahren inzwischen eine lebhafte kontroverse, aber sehr konstruktive Diskussion über diesen Zusammenhang gibt, bei dem sich die allermeisten, auch diejenigen, die sich mit diesem Begriff Leitkultur schwer tun - zu denen ich übrigens auch gehöre - inzwischen beeilen hinzuzufügen: Aber die Debatte müssen wir wohl führen, unabhängig von dem Begriff. Genau das war meine Ambition, als ich eine zweite Runde in Gang gesetzt habe.

Elitz: Vielleicht fällt es Ihnen am Ende unseres Gespräches leichter, sich zu dem Begriff Leitkultur zu bekennen. Sie gehören schließlich zu denen, die diesen Begriff in die Debatte gebracht haben, und erstaunlicherweise waren es immer Unionspolitiker, die das Thema aufgeworfen haben: der Minister Schönbohm, Herr Merz und jetzt Sie. Woran liegt denn das? Haben die Konservativen ein besonderes Faible für die Leitkultur, für das Nationale, was sich dabei mittlerweile verbindet in der öffentlichen Debatte?

Lammert: Der Eindruck kann entstehen. Ob es wirklich einen so engen Zusammenhang mit Blick auf parteipolitische Orientierungen gibt, da bin ich gar nicht so sicher. Vielleicht sind wir näher an der Realität, wenn es im Bereich des im breiteren Sinne bürgerlich-konservativen Lagers vielleicht nicht ganz so große Berührungsprobleme mit dem Thema gibt als in anderen Lagern. Aber aus vielen Gesprächen mit vielen Repräsentanten aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur weiß ich, dass die Befassung mit diesem Zusammenhang mit und ohne besondere Freude an dem Begriff natürlich längst quer durch alle politisch halbwegs interessierten Gruppierungen unserer Gesellschaft geht. Im Übrigen, um das noch mal zu sagen: Ich habe persönlich überhaupt kein Problem mit dem Begriff. Ich weise nur immer wieder gerne darauf hin, dass ich die Einigung auf diesen Begriff für am wenigsten dringlich halte, aber die Debatte für völlig unverzichtbar.

Elitz: Als anstößiger gilt der Begriff Leitkultur bei vielen, auch wenn man das Wort deutsch davor setzt.

Lammert: Ja, dann wird’s auch falsch, denn deutsch ist in diesem Zusammenhang die Sprache.

Elitz: Die Sprache ist doch ein entscheidendes Merkmal und die Grundlage jeder Kultur, denn in der Sprache verständigt man sich. Sprachen gibt es viele auf der Welt, aber eine deutsche Sprache gibt es nur einmal. Die wird in drei Ländern gesprochen. Also kann doch eine Kultur durchaus auch etwas mit der Sprache, mit dem Deutschen zu tun haben?

Lammert: Ja, aber ganz selbstverständlich. Deswegen nehme ich ja auch mit einer Mischung und Beruhigung, Genugtuung und Amüsement zur Kenntnis, dass selbst die leidenschaftlichsten Gegner dieses Begriffs die Sprache als Leitkultur dieser Gesellschaft inzwischen ganz offenkundig und ausdrücklich akzeptiert haben. Aber das, was wir hier meinen, geht natürlich über diesen sprachlichen Aspekt weit hinaus.

Elitz: Aber es gehört schon mal dazu, wenn wir beim Definieren sind?

Lammert: Eben drum und insofern gibt es wie mir scheint an einer ganz wesentlichen Stelle inzwischen längst einen Konsens.

Elitz: Also wenn wir von deutscher Leitkultur sprechen, können wir das Attribut deutsch ohne besonderes Magengrimmen dazurechnen?

Lammert: Ja, aber eben nur in diesem Sinne. Wenn man im Ganzen das Thema mit dem Begriff deutsch versehen will, wird es entschieden zu eng, denn all die Orientierungen, um die es hier geht, die weltanschaulichen Überzeugungen, die religiös fundierten Überzeugungen, sind natürlich an keiner einzigen Stelle spezifisch deutsch. Sie sind mindestens europäisch und zu dieser europäischen Kultur haben Gott sei Dank viele Deutsche in einer beachtlichen Weise beigetragen. Aber das ist keine deutsche, sondern eine europäische, eine westliche, eine abendländische Kultur.

Elitz: Zu diesem Leitkulturkanon gehört dann die Würde des Menschen, Freiheit, Gleichheit, Pressefreiheit, Freiheit der Religionsausübung. Auch Fleiß, Respekt vor der Familie, Solidarität? Oder ist das schon wieder zu fein ziseliert? Nur das ganz generelle Allgemeine, wo jeder sagen kann, da bist du auch dabei?

Lammert: Die Lebenserfahrung zeigt, dass zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen dann doch meist Zusammenhänge bestehen. Auf der anderen Seite ist mein Ehrgeiz begrenzt, einen abschließenden Kanon dessen zu formulieren oder gar politisch durchzusetzen, was gefälligst alles dazu gehören müsse. Das ist übrigens für mich auch schon wieder ein Bestandteil meiner Vorstellung von Leitkultur in dieser Gesellschaft, dass es diese Absolutheitsansprüche nicht geben darf.

Elitz: Dadurch unterscheidet sich eine solche Leitkultur von vielen anderen, dass sie nicht fundamentalistisch ist. Und Fundamentalistisches gibt es sowohl auf Seiten des amerikanischen Präsidenten wie auch bei den Islamisten. Also hat diese europäische Leitkultur sich schon mal in zwei Richtungen abgegrenzt.

Lammert: Ja gerade weil es solche ganz offenkundigen, viel zu lange übersehenen oder verdrängten Unterschiede gibt, werbe ich mit dieser Hartnäckigkeit für die Debatte über die Selbstverständigung dieser Gesellschaft über ihre spezifischen unverzichtbaren Grundlagen. Wir haben tatsächlich viel zu lange übersehen, dass Kulturen sich nicht nur wechselseitig bereichern, was ganz zweifellos so ist, sondern dass sie sich auch wechselseitig unterscheiden. Daß sie sich gelegentlich auch wechselseitig im Wege stehen, und dass es vor allen Dingen eine Reihe von jeweils kulturell begründeten Überzeugungen und Orientierungen gibt, die in ein und derselben Gesellschaft nicht gleichzeitig gelten können. Der Anspruch auf Gleichberechtigung von Mann und Frau, kulturell begründet, und der Anspruch auf Dominanz des Mannes, kulturell begründet, sind in ein und derselben Gesellschaft nicht zu realisieren. Die Vorstellung einer strikten Trennung von Staat und Religion, von Politik und Kirche, kulturell begründet, und die umgekehrte Vorstellung, dass es eine unmittelbare Umsetzung göttlich gesetzten Rechts in staatliches Handeln geben müsste, kulturell begründet, können offensichtlich nicht in ein und derselben Gesellschaft gelten.

Elitz: Dann hat die Definition einer Leitkultur natürlich auch die Funktion, sich abzugrenzen?

Lammert: Ja, jedenfalls klarzustellen, was im Konfliktfall gilt. Und wir haben in einer Mischung aus Treuherzigkeit und Oberflächlichkeit viel zu lange übersehen, dass es eben diesen Klarstellungsbedarf gibt und dass eine Gesellschaft nicht darauf verzichten darf, sich selbst darüber klar zu werden was gilt, wenn unterschiedliche, jeweils – ich sage das noch mal – kulturell begründete Orientierungen nicht miteinander in Übereinstimmung zu bringen sind.

Elitz: Dann hatte der Karikaturenstreit etwas Positives. Er zwingt, uns klar abzugrenzen: Freiheit der Meinungsäußerung oder Verletzung religiöser Gefühle. Wir können uns jetzt offener darüber unterhalten, als das noch vorher der Fall gewesen ist. Der Karikaturenstreit war ein Anlass, sich in wichtigen Positionen abzugrenzen.

Lammert: Ja! Ich hätte mir natürlich sehr gewünscht, dass uns dieser Streit erspart geblieben wäre, schon gar wenn man bedenkt, dass er ganz offenkundig mehrere hundert Menschenleben gekostet hat. Aber die Hilflosigkeit, mit der diese Debatte teilweise auch in deutschen Tageszeitungen geführt worden ist, war für mich der letzte fehlende Beleg dafür, wie dringend diese Selbstverständigung der Gesellschaft über das, was hier gelten soll, ganz offenkundig ist.

Elitz: Sie waren für den Abdruck der Karikaturen?

Lammert: Ich hätte sie hoffentlich, wenn ich Chefredakteur gewesen wäre, nicht gedruckt.

Elitz: Auch nicht als Chefredakteur einer dänischen Zeitung? Sie hätten sie hier als Chefredakteur einer deutschen Zeitung nicht nachgedruckt?

Lammert: Bei letzterem bin ich ziemlich sicher. Bei der ersten Frage muss man immer ein bisschen vorsichtig sein. Nach dem Gang zum Rathaus ist man natürlich viel klüger als vorher. Aber ich persönlich fand diese Karikaturen weder besonders gelungen, noch hat sich mir die Notwendigkeit dieser Karikaturen erschlossen. Ich fand sie zum Teil auch schlicht geschmacklos. Im Übrigen gehört zu unserem Kulturverständnis, dass es nicht nur möglich sein muss, unter dem Grundrecht von Meinungsfreiheit und Pressefreiheit auch Geschmacklosigkeiten zu veröffentlichen….

Elitz: …auch Provokationen?

Lammert: …..Auch Provokationen! …, sondern dass es genauso möglich sein muss, Geschmacklosigkeiten als Geschmacklosigkeiten zu identifizieren. Aber das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Wenn ich mit dem Ziel der sorgfältigen und abschließenden Vermeidung von Geschmacklosigkeiten, um bei diesem Beispiel zu bleiben, dies verlässlich unterbinden will, brauche ich einen Zensor, im Zweifelsfall wieder einen staatlichen. Das ist der Anfang vom Ende der Meinungsfreiheit einer Gesellschaft. Deswegen ist die Vorstellung, dass sich Regierungen für solche Karikaturen, selbst wenn sie in provozierender Absicht publiziert gewesen sein sollten, entschuldigen könnten, schlicht abwegig.

Elitz: Kultur heißt auch Kultur des Zusammenlebens und danach müssten diejenigen, die in Deutschland leben - Eingeborene, Ausländer - sich auf einen solchen Kanon, wie Sie ihn eben ansatzweise vorgetragen haben, verständigen,. Soll es dazu Orientierungskurse geben, nicht nur Sprachkurse, und soll die Kenntnis und die Akzeptanz, die nachprüfbare Akzeptanz dieses kulturellen Kanons Grundlage für eine Einbürgerung sein?

Lammert: Da bin ich schon deswegen etwas zögerlich, weil ich Zweifel habe, wie viele Deutsche solche Kurse überstehen würden.

Elitz: Aber man muß sich ja nicht immer am niedersten Standard orientieren?

Lammert: Eben richtig und deswegen halte ich auch an der Stelle die Debatte für überfällig, die inzwischen auch geführt wird: Was sind denn eigentlich die Mindestanforderungen für Integration, auch die Mindestanforderungen für den Anspruch auf Erwerb der Staatsangehörigkeit dieses Landes. Es gibt keine Verpflichtung für jemand, der hier lebt, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben. Auch da haben wir gelegentlich mit einer heillosen Konfusion der öffentlichen Diskussion zu tun, als muteten wir den Leuten in der ersten Runde zu, gefälligst deutsche Staatsangehörige zu werden, und erschwerten ihnen in der zweiten Runde, dafür beliebig gesetzte Hürden zu nehmen. Davon kann keine Rede sein. Wenn jemand hier die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben will, ist er dazu nicht genötigt, sondern dann ist das seine persönliche Entscheidung. Und dann muss das schon ein bisschen mehr sein als das Interesse an einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung.

Elitz: Das heißt Kenntnis der deutschen Sprache sollte Voraussetzung sein und auch die Akzeptanz bestimmter kultureller Gegebenheiten?

Lammert: So ist es.

Elitz: Dann haben wir den zertifizierten Deutschen?

Lammert: Nein, den haben wir sicher nicht, obwohl das übrigens eine sehr deutsche Vorstellung ist. Was nicht zertifiziert ist, ist eigentlich nicht in der Welt. Das wäre aber ein schönes Thema für eine nächste Diskussionsrunde. Ich habe es persönlich ohnehin nicht so sehr mit den Zertifizierungen. Ich bin persönlich fest davon überzeugt, dass eine gründliche Debatte, die genau solche Zusammenhänge offen legt und wieder ins Bewusstsein - -

Elitz: …Das hört sich jetzt sehr nach runder Tisch an. Alle sitzen am runden Tisch, debattieren. Und das Debattieren ist dann die Leitkultur. Solch eine Debatte muss doch wie im Bundestag ein Ergebnis haben?

Lammert: Na ja, lieber Herr Elitz, es hat in der deutschen Geschichte schlimmere Verirrungen gegeben als runde Tische. Im Vergleich zu manchen Festlegungen, die es in der deutschen Geschichte gegeben hat, die wir uns nachträglich lieber schenken würden, ziehe ich dann die Unverbindlichkeit mancher runden Tische diesen markigen Festlegungen vor.

Elitz: Ist das christliche Erbe ein Stück deutscher und europäischer Kultur, Leitkultur?

Lammert: Ja, aber ohne jeden Zweifel. Man muss geradezu historisch ignorant sein, wenn man diesen ganz fundamentalen Zusammenhang bestreiten wollte. Übrigens haben wir seit geraumer Zeit in Jürgen Habermas - eine der nun wirklich überragenden Persönlichkeiten unserer Zeit, der sich selber in seiner berühmten Dankrede bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels als einen religiös-unmusikalischen Menschen vorgestellt hat – einen völlig unverdächtigen Zeugen, was die Unverzichtbarkeit dieser kulturellen Tradition betrifft, auch als für die Zukunft unaufgebbarem Bestandteil der Orientierung dieser Gesellschaft und der Selbstverständigung über ihre eigenen auch Verfassungsgrundlagen.

Elitz: Wenn ich lese, was die Verfassungsrichterin Christine Hohmann-Dennhardt neulich mal gesagt hat - sie hat die Begriffe national, Herrenmenschentum, christliches Abendland zusammengerührt und möchte neben den Kopftüchern auch christliche Symbole in öffentlichen Gebäuden verbieten - dann frage ich mich: Muss das christliche Erbe ausgestellt werden dürfen, oder soll man es demonstrativ verstecken, wie es ihr offenbar vorschwebt?

Lammert: Dass es versteckt werden müsste, kann ich nun überhaupt nicht erkennen. Mit den Demonstrationen ist das immer so eine Sache. Wir haben das vorhin ja an einem Beispiel verdeutlicht.

Elitz: Ein Kreuz im Klassenzimmer!

Lammert: Ich persönlich habe damit überhaupt kein Problem. Ich kann auch eigentlich nicht erkennen, wo da die Anstößigkeit liegen soll. Aber da wir hier auch einschlägige Verfassungsgerichtsurteile haben, werde ich nun als Vertreter eines anderen Verfassungsorgans nicht in einen unnötigen Clinch zwischen denselben eintreten. Meine persönliche Meinung habe ich damit aber hoffentlich hinreichend erkenntlich gemacht. Auch was das Verwenden von Symbolen angeht, die übrigens häufig die gleichen Leute, die sie im nationalen Zusammenhang für anstößig halten, im privaten, gesellschaftlichen, vereinsmäßigen Umgang für ganz selbstverständlich und unverzichtbar halten, ist die Frage eigentlich weniger die des Prinzips als die der Dosierung. Auch bei Fußballspielen kommt man manchmal sehr ins Grübeln. Aber es gibt dann auch wiederum Spiele, bei denen das Schwenken der deutschen Nationalflagge eigentlich das eindrucksvollste Ereignis der ganzen Veranstaltung war.

Elitz: Wahrscheinlich schwenkt sich eine Nationalflagge leichter, als den Text der Nationalhymne in der richtigen Fassung zu singen?

Lammert: Für diese Vermutung spricht sicher einiges.

Elitz: Ihr Parteifreund Bülent Arslan, der Vorsitzende des deutsch-türkischen Forums in der CDU, hat uns oder Ihnen neulich ins Stammbuch geschrieben, die Deutschen müssten lernen, ihre Nationalität so toll zu finden, dass sie dafür werben könnten. – Ein anderes Zitat: Arnulf Baring sagt, ich glaube, dass die Deutschen deshalb mit ihren aktuellen Problemen nicht zurande kommen, weil sie ihre historischen Proportionen verloren haben. Wir sind in Gefahr, den Holocaust absolut zu setzen, aber ein solches Verbrechen kann nicht Kern der Identität sein. – Haben Sie Widerspruch zu einer dieser beiden Formulierungen anzumelden?

Lammert: Ich beziehe mich jetzt mal vor allen Dingen auf die letzte. Für mich ganz persönlich ist der Holocaust eines der ungeschriebenen Gründungsdokumente dieser Republik, aber er ist natürlich nicht Kern nationaler Identität. Das ist ja eine absurde Vorstellung, sozusagen die monströseste Verirrung, die es in der deutschen Geschichte, vielleicht in der Menschheitsgeschichte gegeben hat, nun zum Kern der eigenen Identität hochstilisieren zu wollen. Das ist eher ein Beleg dafür, zu welchen akrobatischen Verrenkungen manche intellektuellen Betrachtungen dieses Zusammenhangs gelegentlich missraten. Aber wahr ist doch ohne Zweifel, dass die ganz außerordentliche im wörtlichen Sinne deutsche Geschichte uns eine ähnliche Unbefangenheit im Umgang mit der deutschen Geschichte schwerlich erlaubt und dass wir insofern vermutlich noch für mehrere Generationen ein anderes, ein komplizierteres Verhältnis zur eigenen Geschichte haben. Darin kann ich im Übrigen nicht nur ein Problem erkennen. Ich glaube, dass das auch eine große Chance ist. Und möglicherweise besteht sogar zwischen dem, wie das historisch nach meiner festen Überzeugung einmal unstreitig der Fall sein wird, überragenden deutschen Beitrag zum europäischen Integrationsprozess und der Befangenheit im Umgang mit der eigenen Geschichte ein kausaler Zusammenhang.

Elitz: Manch einer sagt: Aus schlechtem Gewissen sind die Deutschen jetzt besonders gute Europäer.

Lammert: Also wenn’s denn so wäre, was ich jetzt nicht, schon gar nicht abschließend untersuchen will, hat selten ein schlechtes Gewissen zu so überzeugenden Ergebnissen geführt.

Elitz: Für die Ausländer, die sich bei uns einbürgern lassen, ist dieses Gründungsdokument unserer Republik natürlich nicht so erlebbar wie für diejenigen, die hier in Deutschland geboren sind.

Lammert: Da mache ich etwas andere Erfahrungen, Herr Elitz. Ich bekomme in den letzten Wochen aufgrund dieser Diskussionen und der Kontroverse, die damit verbunden ist, viele Briefe auch von ausländischen oder deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit ausländischer Herkunft. Bei denen ist viel häufiger als bei den deutschen Zuschriften die Verzweiflung zu lesen, dass sich ausgerechnet das Land, in das sie aus welchem Grund auch immer irgendwann eingewandert sind und in dem sie sich irgendwann entschlossen haben, hier zu bleiben, weil ihnen hier nicht nur die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten besser scheinen als in ihren Herkunftsländern, sondern die kulturellen, die politischen Rahmenbedingungen, die freien Entfaltungsmöglichkeiten, die ihnen hier geboten werden - dass ausgerechnet dieses Land, für das sie sich deshalb entschieden haben, sich nicht traut, die Grundlagen offensiv zu vertreten, die es für sie attraktiv gemacht hat.

Elitz: Die Einbürgerung der Ausländer erfolgt heutzutage in einigen Kommunen auf eine etwas angenehmere Art und Weise. Es ist eine kleine Feierstunde. Das Dokument der Einbürgerung wird überreicht. Es gibt dabei Erläuterungen. Früher wurde und in den meisten Kommunen wird die Staatsbürgerschaftsurkunde wie so ein Abfallgebührenbescheid nach Hause geschickt. Das scheint auch dafür zu sprechen, dass sich in der Politik und bei den Behörden das klare Bekenntnis zur deutschen Geschichte, zu ihren Problemen und dem, was diese Nation bedeutet, erst so langsam durchzusetzen beginnt.

Lammert: Das ist auch mein Eindruck und wenn es sich tatsächlich durchzusetzen beginnt, wäre ich damit außerordentlich zufrieden.

Elitz: Die Debatte über das Zentrum für das Gedenken an die Vertreibungen in Europa ist auch im Zusammenhang mit der Leitkultur wieder intensiviert worden. Sind Sie für ein solches Zentrum in Berlin?

Lammert: Ja, weil ich auch an dieser Stelle fest davon überzeugt bin, dass es erstens ein eigentlich unaufgebbarer Bestandteil europäischer Kultur ist, sich nicht verdrängend, sondern aufklärend um die eigene Geschichte zu kümmern. Dazu kommt neben diesem vielleicht eher intellektuellen Ansatz, dass man die Geschichte nicht verdrängen darf, weder die nationale noch die europäische Geschichte, dass es doch offenkundig ein ganz vitales individuelles Bedürfnis gibt, da wo es beispielsweise von Vertreibungsschicksalen geprägt ist, sich zu dieser eigenen Vergangenheit, zu diesen eigenen Erfahrungen zu verhalten und mit dieser schwierigen Form des Umgangs mit einer eigenen biographischen Erfahrung nicht allein gelassen zu werden. Im Übrigen nehmen unsere Nachbarn das in ihrem Teil der Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte, insbesondere auch wo sie eine deutsch-polnische, deutsch-französische gemeinsame Geschichte ist, mit großer Selbstverständlichkeit für sich in Anspruch.

Elitz: Aber Sie nehmen es nicht als selbstverständlich in Anspruch, dass man an die Vertreibungen von Deutschen, Polen, Tschechen gleichermaßen denkt?

Lammert: Ja, das nehme ich zur Kenntnis und ich bedauere, dass das so ist, aber ich kann mich nicht entschließen, daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass deswegen diese Auseinandersetzung unzulässig sei. Ich halte sie ganz im Gegenteil für völlig unvermeidbar. Für genauso selbstverständlich halte ich, was allerdings unter allen Beteiligten auch unstreitig ist, dass gerade wegen dieser im wörtlichen und besten Sinne verständlichen Empfindlichkeiten die Beschäftigung mit diesem Thema nie ein nationaler Zugang sein darf, sondern wiederum ein europäischer sein muss.

Elitz: Teil der europäischen Leitkultur. – Wir haben vorhin davon gesprochen, dass es Sprachunterricht geben muss, eine Akzeptanz dieses kulturellen Kanons. Aber zu unserem kulturellen Kanon gehört auch die Akzeptanz anderer Religionen und Weltanschauungen. Da könnte man den offensiven Weg gehen, Lehrstühle für Islamstudien zu schaffen, Ausbildung islamischer Religionslehrer an den Universitäten zu intensivieren und das nicht nur dem Zufall zu überlassen, wie es jetzt offenbar der Fall ist?

Lammert: Ich bin sehr dafür, schon gar in der Verbindung, die Sie angesprochen haben, zwischen der wissenschaftlichen Beschäftigung und der Umsetzung auch in belastbare, nachvollziehbare, übrigens auch prüfbare pädagogische Konzepte. Der gegenwärtige Zustand nützt niemandem, am wenigsten den hier aufwachsenden jungen Leuten mit Migrationshintergrund, die im Ergebnis hilflos fundamentalistischen Beeinflussungen ausgesetzt bleiben.

Elitz: Dann könnten die islamischen Gemeinden – die Zahl der Moslems in Deutschland nimmt zu –irgendwann auch öffentlich-rechtlichen Status erhalten, Kirchensteuern erheben und die Fernseh- und Rundfunkräte beschicken wie die anderen Religionen?

Lammert: Mich schreckt diese Vorstellung überhaupt nicht. Wenn in gleicher Weise die seriösen Voraussetzungen für diese von Ihnen angedeuteten Partizipationserwartungen geschaffen werden, wüsste ich wiederum auch nach meinem Kultur- und Verfassungsverständnis keinen überzeugenden Grund, warum es an der Stelle eine prinzipielle Barriere geben müsste.

Elitz: Ich bedanke mich für dieses Gespräch, Herr Präsident!

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