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StartseiteBüchermarktLektüre für Kirchentagsbesucher18.02.2007

Lektüre für Kirchentagsbesucher

Buch der Woche: "Das stille Mädchen" von Peter Hoeg

Die Hauptfigur Kasper Krone in "Das stille Mädchen" vereinigt in sich ein ganzes Bündel von Rollenbildern. Er wirbelt durch den Roman wie ein Action-Held, er ist ein Neubekehrter, er ist auf der Heilssuche wie ein moderner Parzival. Doch so gewunden und halsbrecherisch die Wege und Abenteuer des Helden sind, so kompliziert und bedeutungsschwanger ist die Art, wie Peter Hoeg davon erzählt.

Von Eberhard Falck

Kasper ist ein europaweit berühmter Clown. (AP)
Kasper ist ein europaweit berühmter Clown. (AP)

Kann man das Innenleben von Menschen hören? Lässt sich die Beschaffenheit von Stadtteilen, Gebäuden oder Gegenständen durch klangliche Ausstrahlungen erraten? Was ist von einem zu halten, der ebensogut das Geräusch seiner Vergangenheit wie das von Kartoffeln zu erlauschen vermag?

Wer wie die meisten von uns bestenfalls das Gras wachsen oder die Nachtigall trapsen hört, und auch das nur im bildhaften Sinn, der kann ziemlich ins Grübeln geraten über Kasper Krone und seine außerordentlichen Fähigkeiten.

"'Menschen machen Geräusche', sagte er. 'Ihr Körper lärmt. Aber auch ihre Gedanken. Und ihre Gefühle, wir machen alle Lärm. Ich höre gut, ungefähr wie ein Tier, seit meiner Kindheit, das ist nicht immer lustig, weil man es nicht einfach abstellen kann. Am leichtesten ist es, wenn Menschen schlafen. Deshalb bin ich in der Nacht häufig wach. Dann ist die Welt am stillsten. Aber der Lärm verschwindet nie ganz, ich habe oft Menschen gelauscht, die schliefen. Wenn Menschen schlafen, machen sie ein Geräusch, das vielleicht von den Träumen verursacht wird [...] Sogar der Tod macht ein Geräusch', sagte er."

Glücklicherweise vermag Kasper Krone sich gegen den Lärm der Welt zu wehren. Musikkenner, der er ist, vergegenwärtigt er sich vornehmlich die Kompositionen von Johann Sebastian Bach, gewissermaßen als musikalische Heilsbotschaft, die sich über das Niedrige kunstvoll, schön und himmlisch erhebt.

Kein Zweifel, Peter Hoegs Romanhelden sind nun einmal mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet, mit einer ganz eigenen Sensibilität, da bildet Kasper Krone keine Ausnahme. Die berühmteste unter ihnen, das auch zur Filmheldin avancierte Fräulein Smilla, ist für niemanden mehr denkbar ohne ihr außerordentliches Gespür für Schnee. In allen Fällen wird dabei die besondere Empfindsamkeit der Figuren zu einem Antrieb, der gemeinen Wirklichkeit Opposition und Widerstand entgegenzusetzen.

Nun also Kasper Krone mit seinem erstaunlichen, alles durchdringenden Gehörsinn. Resultat eines Unfalls in seiner Kindheit, dient ihm diese besondere Hellhörigkeit nicht zuletzt zur gesteigerten Wahrnehmung der Misstöne des Daseins. Kasper ist ein europaweit berühmter Clown, ein ebenbürtiger Nachfolger solcher Größen wie Grock und Charlie Rivel. Seine Auftritte in der Manege sind unter Kennern legendär. Der verunglückte Artist Franz Fieber, der Kasper als Taxifahrer und hilfreicher Freund durch die turbulente Romanhandlung begleitet, beschreibt es so:

"1999 habe ich dich zum ersten Mal gesehen. Im Zirkusgebäude in Kopenhagen. Das war einer der Gründe, warum ich zum Varieté übergewechselt bin. Nicht nur wegen des Geldes.

Es waren zweitausend Zuschauer. Du hast jeden einzelnen von uns gehört.[...] Nach etwa zwanzig Minuten kam ein besonderer Augenblick. Vielleicht zwei Minuten lang. Das war Liebe. Du hast jeden einzelnen von uns geliebt.

'Du bist nicht ganz dicht', sagte Kasper. 'Niemand kann so viele Menschen lieben.'"

Dennoch posiert Kasper Krone gottlob nicht als zirzensischer Heilsbringer, sondern sehr abwechslungsreich. Künstlernatur, Prominenter, Außenseiter und kapriziöser Schlawiner zugleich, ist er eine vielfach schillernde Persönlichkeit und eine faszinierende dazu. Peter Hoeg, der in seinem mittlerweile 50-jährigen Leben schon als Schauspieler, Tänzer, Matrose, Literat und Wohtätigkeitsaktivist wirkte, weist natürlich alle Vergleiche zwischen dem Autor und seinem Helden zurück. Dennoch dürften sich die beiden, was ihre Aura betrifft, ziemlich nahe stehen. Wie sehr es Peter Hoeg auf heilsame Perspektiven ankommt, heilsam im humanen ebenso wie im ökologischen Sinne, das haben seine Romane ja zunehmend deutlich gemacht.

Tatsächlich gibt sich Kasper Krone nicht allein damit zufrieden, sein Publikum in der Manege mit den Wohltaten der Komik zu unterhalten. Vielmehr nutzt er seine außergewöhnlichen Fähigkeiten auch zu therapeutischen Zwecken.

"Im Alter von etwa neunzehn Jahren, in der Zeit seines endgültigen Durchbruchs, hatte er entdeckt, dass mit der Fähigkeit, einen Zugang zur akustischen Essenz der Menschen zu finden, Geld zu machen war - besonders, wenn es sich um Kinder handelte. Er hatte sofort Kapital daraus geschlagen. Nach zwei Jahren hatte er zehn Privatschüler am Tag, genauso viele wie Bach in Leipzig.

Es waren Tausende von Kindern gewesen. Spontane Kinder, zerstörte Kinder, Wunderkinder, katastrophale Kinder.
Am Schluss kam das Mädchen."

Gemeint ist "Das stille Mädchen", von dem der Roman seinen Titel hat. Da kommt das Mädchen ganz am Anfang. Sie wird von einem eiskalten, mit Sonnenbrillen maskierten Paar zu ihm gebracht. Die akustische Aura dieser beiden Erwachsenen verheißt nichts Gutes. Kasper vernimmt das feine Schnarren von Lügnern. Bevor er aber mit dem Mädchen die Therapie richtig beginnen kann, wird sie ihm schon wieder entzogen. Allmählich kristallisiert sich der Verdacht heraus, dass die Neunjährige zusammen mit einem Dutzend anderer Kinder entführt wurde oder zumindest irgendwo festgehalten wird, um finsteren Plänen zu dienen. Kasper beschließt, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Doch das Interesse ist gegenseitig. Wie aus dem Nichts taucht die Kleine manchmal auf, zum Beispiel in Kaspers Wohnwagen, um danach wieder zu verschwinden. Dabei zeigt sich, dass auch sie eine eigenartige Kraft und ein verblüffendes Einsichtsvermögen besitzt.

"Irgend etwas stimmte nicht mit ihrem System. Seine Intensität entsprach nicht ihrem Alter.

Nicht dass andere Kinder keine Energie hätten. Er hatte fünfunddreißig Jahre lang mit den Kindern anderer Artisten Tür an Tür gelebt. [...] Aber das System dieser Kinder war sozusagen defokussiert gewesen, es war der reinste Flohzirkus. Das Mädchen hingegen ruhte vollkommen in sich.

'Ich habe dich im Zirkus gesehen. Ich habe gespürt, dass es dir guttun würde, mit mir zu sprechen.'

Er traute seinen Ohren nicht. Sie sprach wie eine Königin. Ohne sie aus den Augen zu lassen, suchte seine rechte Hand die Schublade mit den Premierengeschenken.

'Hier, nimm dir ein Kinderverführerleckerli', sagte er. 'Und wieso sollte mir das guttun?'

'Du bist krank im Herzen. [...] Du mußt unbedingt diese Dame wiederfinden. Die dich verlassen hat. Und das ist nur der Anfang.'"

Kasper ist nicht allein von der wunderbaren Stille, die er im Soundprofil des Mädchens wahrnimmt, bezaubert, er fühlt sich von ihr auch in einem Maße erkannt wie bisher noch von niemandem. Es ist wahr: Er hat die Trennung von Stine Claussen, einer sehr eigenwilligen Geologin wie auch Fräulein Smilla eine war, nie überwunden. Und er möchte sie, die sich bei jedem Zusammentreffen ungeheuer spröde gibt, zurückgewinnen. Umso mehr erfüllt ihn die Sorge um das stille Mädchen, die ihm als kindlich-unschuldige Botschafterin einer besseren Zukunft erscheint. Um nach ihr zu fahnden, entwickelt er fast solche kriminalistische Findigkeit wie Henning Mankells Kommissar Wallander und nicht viel weniger Tollkühnheit als James Bond, nur mit dem Unterschied, dass es bei Peter Hoeg noch um unendlich viel mehr geht. Was da gesucht und angestrebt wird, ist über die Aufdeckung einer kriminellen Intrige hinaus nichts Geringeres als die Liebe, die Versöhnung, der rechte Lebensweg und die Befreiung der Welt von der Kleinherzigkeit ihrer Ausbeuter und Verwalter.

Denn wie das stille Mädchen gesagt hat: Kaspers Beziehungsprobleme sind nur der Anfang, sein Leiden an der Welt ist viel umfassender - obwohl er für seinen Gottesbegriff immerhin schon eine feministisch korrekte Form gefunden hat.

"Er war plötzlich zornig auf Gott die Herrin. Die Menschen um ihn herum hätten glücklich sein können. Er selbst hätte glücklich sein können. [...]

Stattdessen gab es Naturkatastrophen. Kindesmißbrauch. Entführungen. Einsamkeit. Das Auseinandergehen von Menschen, die sich liebten.

Der Zorn wuchs. Das Problem mit dem Zorn auf Gott ist, dass es keine höhere Instanz mehr gibt, bei der man klagen kann."

Zu den Schuldigen an der von Gier und Macht verursachten Misere der Welt gehört ein Geflecht von Immobilienfirmen, die unter Anleitung eines gewissen Josef Kain in der Innenstadt von Kopenhagen eine hundsgemeine Spekulationsverschwörung angezettelt haben. Nichts Geringeres als ein Erdbeben wird benutzt, um die Preisschwankungen auf dem Immobilienmarkt zu erzeugen, mit denen die Verschwörer ihren Profit machen wollen. Und dabei benutzen sie die besondere innere Verfassung des stillen Mädchens und der anderen verschwundenen Kinder, über die auch Kasper staunt.

"Die Kinder sandten gewöhnliche Geräusche aus, physische Geräusche wie alle Kinder, wie alle Menschen. Aber hinter diesen Geräuschen hatte sich eine andere Ebene aufgetan. Eine Ebene, die in die Stille hineinreichte. In dieser Stille beeinflußten sich die Systeme der Kinder wechselseitig, Kasper konnte es hören.

Es war eine Interferenz in Form von Herzlichkeit. Aber nicht die Herzlichkeit wie auf diesen Faltblättchen der Zeugen Jehovas, wo der Löwe mit dem Lamm weidet [...] Es war eine Wechselwirkung in einem Medium von gewaltiger Intensität."

Die Sache wird also wohl mit meditativen und mystischen Dimensionen zu tun haben. Damit jedenfalls hat sich Peter Hoeg in den zehn Jahren seiner Abwesenheit vom Kulturbetrieb auch beschäftigt. Einschlägige Hinweise, etwa auf Meister Eckart, finden sich über den ganzen Roman verstreut. Doch wie dem auch sei: Der Gipfel der Gemeinheit besteht darin, dass die Spekulantenmafia ausgerechnet die besten und hoffnungsvollsten Anlagen der Kinder ausbeutet, nämlich ihre stille Unschuld und Herzlichkeit. Gerade weil sie zu solch innerer Stille imstande sind, können sie zum Beispiel Erdbeben früher erspüren als irgendjemand sonst.

Kein Wunder, dass Kasper Krone alles daran setzt, diesem Missbrauch in die Parade zu fahren. Er keilt sich wie ein wahrer Action-Held, und wenn ihn der Schläger von der Gegenseite mit Eisenfäusten an den wandhohen Fenstern eines Bürobaus zerquetschen will, weiß er, was dagegen zu tun ist. Kasper ist ein ungebärdiger, handfester Sinnsucher, ein guter Mensch mit der Lizenz zum Kopfstoß. Dass er wegen der aus Sport und Showbusiness bekannten Steuerflucht mit einem Bein im Gefängnis steht, mindert sein moralisches Format nicht. Längst hat er das Großmannstum des Prominentenlebens hinter sich gelassen, jene Zeit, in der ihm der "Sinn des Lebens" abhanden kam. Nun, im Alter von Anfang Vierzig, hat er zu neuen Werten gefunden.

"'Ich hab mich geändert', sagte er. 'Ein neuer Mensch. Wiedergeboren. Ich bereue.'"

Zwar sind ihm die Steuerfahnder hart auf den Fersen, aber Mutter Maria, die Äbtissin eines russisch-orthodoxen Frauenklosters lässt ihre weit reichenden Beziehungen zu seinen Gunsten spielen.

Kasper Krone vereinigt in sich ein ganzes Bündel von Rollenbildern. Er wirbelt durch den Roman wie ein Action-Held, er ist ein Neubekehrter, er ist auf der Heilssuche wie ein moderner Parzival. Und außerdem will er mit Stine Claussen noch einmal von vorne beginnen, was ihm übrigens gelingt. Es gibt ein Happy End, den Bösen wird das Handwerk gelegt und zu alledem findet Kasper auch noch als verlorener Vater zu einer Tochter, die er bis dahin gar nicht kannte.

Doch keine Angst: Damit ist bestimmt nicht alles verraten. Der Roman birgt trotzdem noch genügend Geheimnisse, durch die man sich beim Lesen hindurcharbeiten muss. Denn so gewunden und halsbrecherisch die Wege und Abenteuer des Helden sind, so kompliziert, verschachtelt und bedeutungsschwanger ist die Art, wie Peter Hoeg davon erzählt. Nicht, dass er das Schreiben verlernt hätte. An erzählerischem Wagemut und Einfallskraft mangelt es nicht. Im Detail gelingen viele plastische Szenen und einleuchtende Betrachtungen. Aufs Ganze gesehen kann jedoch die Konstruktionsform des Romans nicht recht überzeugen. In der Handlungsdramaturgie werden zu viele unterschiedliche Elemente einigermaßen schroff nebeneinander gestellt, so dass sich im Fortgang der Lektüre und insgesamt über lange Strecken nur ein diffuses Bild ergibt. Noch ärger ist es, wenn der Fluss einer Actionpassage, wie es immer wieder passiert, von ganz anders gearteten Exkursen unterbrochen wird. Da geht die Handlungslogik schlichtweg baden in den undurchsichtigen Fluten des erzählerischen Eigenwillens.

Als Roman bietet "Das stille Mädchen" vieles. Es mischen sich Krimidramaturgie, Verschwörungsplot, Künstler- und Liebesroman, Bekehrungsgeschichte, Heilssuche und Weltverbesserungsappelle. Auf der Ebene der Figuren und ihres Handelns funktioniert das auch. Kasper, Stine, das stille Mädchen, Franz Fieber, Kaspers todkranker Vater - sie alle besitzen Anschaulichkeit und Präsenz. Schwieriger wird es, wenn es darum geht die großen Ideen über die Verkommenheit der Welt und ihre Erlösung von den Übeln auf die Bretter der Erzählbühne zu bringen. Der ganze Verschwörungskomplex, zu dem auch das Verschwinden der Kinder gehört, bleibt bis zum Schluss ein kompliziert aus geologischem und wirtschaftlichem Fachwissen zusammengeklebtes Konstrukt. Sogar der Autor selbst scheint sich darin verheddert zu haben.

Kaspers Haupteigenschaft hingegen, seine akustische Sensibilität und seine Leidenschaft für die Musik von Bach, verrutschen bald vom originellen Leitmotiv zum verschlissenen running gag. Und auch die postmoderne Verschränkung verschiedener Genres bringt manchmal nur platte Ergebnisse, zum Beispiel, wenn in Gestalt der an Kaspers Seite kämpfenden afrikanischen Krankenschwester Gloria sowohl die Wehrhaftigkeit der neuen Frau als auch der Zorn Afrikas verkörpert werden sollen.

"Der Mann zu ihren Füßen kam auf die Knie und schlug mit dem schmalen Lauf der Waffe auf sie ein. Kasper hörte, wie der Oberschenkelknochen brach.

Ihre Augen wurden rötlich. Sie bückte sich. Schlang die Arme um den Mann unter sich. Hob ihn hoch.

Sie fing an zuzudrücken. Sie trug einen Mann von neunzig Kilo plus ihr eigenes Gewicht. Mit einem Oberschenkelbruch. Kasper merkte, dass er in die Zukunft lauschte. Er hörte einen Vorgeschmack dessen, was wir zu erwarten haben, wenn Afrika in Kürze die Geduld verliert und sich erhebt."

Ist das nun die Rückkehr der blonden Übermensch-Bestie als postkolonialistisches Überweib? Oder ist diese Gloria eher nach dem Muster von Grace Jones in ihrer Rolle als James-Bond-Kontrahentin modelliert? So ganz genau lässt sich das kaum beantworten. Mit Sicherheit jedoch drängt sich die Vermutung auf, dass Peter Hoeg seinen Roman nicht nur naturnah mit der Hand sondern auch mit einem Mixer geschrieben hat. Oder wie sonst sollte es gelungen sein, Glaube, Liebe, Hoffnung, Esoterik und Fantasy sowie alle dazugehörigen Unschärferelationen des aktuellen Zeitempfindens dermaßen gründlich zu verquirlen.

Die Verbesserung der Literatur ist ihm mit seinem neuen Roman nicht gelungen. Seine erzählerischen Bemühungen um die Verbesserung der Welt könnten aber trotzdem geeignet sein, vielen Manches zu sagen, sofern sie sich erst einmal durch das Buch hindurchgefunden haben. Durchaus möglich, dass "Das stille Mädchen" das Zeug dazu hat, sich seinen Platz zu erobern, nicht zuletzt in den Rucksäcken von Kirchentagsbesuchern und Globalisierungsprotestlern. Schließlich strahlt Peter Hoeg als Aussteiger und Zivilisationskritiker allerhand Charisma aus, ganz abgesehen davon, dass er dem Protestpotenzial der Jugend ehrfürchtig Reverenz erweist. Seine zur Herzlichkeit begabten Kinderhelden haben sich nämlich in Wahrheit gar nicht ausnutzen lassen. Sie wollten vielmehr, wie das stille Mädchen erklärt, die Menschheit zu Einsicht und Umkehr bewegen.

"Wir dachten, wenn man der Welt etwas zeigte, etwas ganz Unglaubliches, könnte man vielleicht Erwachsene dazu bringen, etwas zu verstehen. Damit sie mit dem Krieg aufhören.'

Kasper bekam einen trockenen Mund. Aber gleichzeitig feuchte Augen.

'Das ist ein wunderschöner Gedanke', sagte er. 'Und was wolltet ihr der Welt zeigen?'

'Wenn etwas Großes passieren würde', sagte sie. 'Von dem die ganze Welt hört. In einer Stadt. Wobei keiner verletzt wird. Aber wo sie sehen könnten, wie teuer es sie zu stehen kommen würde, wenn wir nicht aufhören. Das ist das einzige, wovor die Leute richtig Angst haben. Geld zu verlieren. Nur dann kann man sich vielleicht Gehör bei ihnen verschaffen.'

Sie trat dicht an ihn heran.

'Du und ich', sagte sie. 'Wir werden noch viel Spaß miteinander haben.'"

So wie der qualifizierte Missmut über den Zustand der Welt anschwillt, ist Geschichten über Goodwill-Aktivisten wie Kasper Krone und das stille Mädchen durchaus vielfältige Wirkung zuzutrauen, ganz gleichgültig, wie es um die literarische Kunst und Überzeugungskraft bestellt ist.

Peter Hoeg: Das stille Mädchen. Roman. Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle
Carl Hanser Verlag, München, 2007
461 Seiten
24,90 Euro

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