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StartseiteInterviewLeopoldina in Halle wird Deutsche Akademie der Wissenschaften16.11.2007

Leopoldina in Halle wird Deutsche Akademie der Wissenschaften

Bildungsministerin fordert bessere Kooperation von Wissenschaft und Politik

Die Leopoldina in Halle wird zur Deutschen Akademie der Wissenschaften. Die älteste Einrichtung ihrer Art in Europa sei prädestiniert, die Bundesrepublik im Kreis der internationalen Akademien zu vertreten, sagte Forschungsministerin Annette Schavan. Das Institut soll nach ihren Angaben künftig die Zusammenarbeit von Politik und Wissenschaft, etwa im Bereich des Klimaschutzes, intensivieren.

Moderation: Christian Schütte

Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung (Deutschlandradio / Bettina Straub)
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Generalsekretärin: Leopoldina gut vorbereitet

Christian Schütte: Föderalismus hin oder her, die deutsche Wissenschaft soll künftig mit einer Stimme sprechen. Das war jedenfalls der Plan von Bundesforschungsministerin Annette Schavan, CDU. Eine Deutsche Nationalakademie der Wissenschaften sollte ins Leben gerufen werden. Im Vernehmen nach ist eine Entscheidung gefallen. Die Ministerin begrüße ich nun am Telefon. Guten Morgen, Frau Schavan!

Annette Schavan: Guten Morgen, Herr Schütte!

Schütte: Die Deutsche Akademie der Wissenschaften, wo wird sie stehen?

Schavan: Die älteste wissenschaftliche Akademie Europas, die Leopoldina in Halle, wird von mir den Auftrag erhalten, die Rolle einer Deutschen Akademie der Wissenschaft wahrzunehmen. Sie ist die älteste in Europa. Sie ist die Akademie, deren Präsident bereits heute den Vorsitz der Akademiepräsidenten in Europa wahrnimmt. Sie hat 40 Prozent Mitglieder, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus aller Herren Länder sind. Sie ist prädestiniert, diese Aufgabe wahrzunehmen.

Schütte: Eine bestehende Akademie wird geadelt, weshalb keine Neugründung?

Schavan: Weil wer neu gründet, sagen muss, was denn der Mehrwert ist. Ich finde, wer eine so international angesehene Akademie wie die Leopoldina hat, der sollte auch diesen Schritt tun, da, wo die Kompetenz ist, da, wo die internationale Verbindung ist, auch den Auftrag zu geben. Hinzu kommt, dass Sachsen-Anhalt, das Land, das in dem Fall auch Partner ist, hier auch zugestimmt hat, und wir damit endlich das tun, was seit zehn Jahren in Deutschland diskutiert wird, nämlich die Politikberatung zu bündeln. Die Leopoldina wird je nach Situation mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie zusammenarbeiten und mit der neu gegründeten Akademie für Technikwissenschaft, und eben es ist damit auch das offiziell nachvollzogen, was ja praktisch schon so ist, dass der Präsident der Leopoldina auch wirklich der Sprecher für Deutschland im Kreis der internationalen Akademien ist.

Schütte: Bei der Vergabe des Titels "Deutsche Spitzenuni" sind die Hochschulen im Osten damals leer ausgegangen. Ist das jetzt eine Art Wiedergutmachung oder zumindest Aufwertung im Osten?

Schavan: Nicht Wiedergutmachung, aber ein Zeichen, dass wir, das, was an Exzellenz da in Halle mit der Leopoldina verbunden ist, auch wahrnehmen, und von daher ist es auch ein gutes Zeichen für die neuen Länder.

Schütte: Sie haben vorhin vom Mehrwert gesprochen. Warum brauchen überhaupt eine Nationalakademie? Welche Aufgaben soll sie haben?

Schavan: Vor allem weil wir wissenschaftsbasierte Politikberatung sehr viel stärker brauchen als in der Vergangenheit. Am Thema Klimaschutz ist das schon sehr schön deutlich geworden. Die Politik braucht, um verantwortungsbewusst zu entscheiden und zu handeln, sehr viel stärker den Dialog mit der Wissenschaft, die Erkenntnisse das Wissen der Wissenschaft. Ich möchte, dass der Dialog zwischen Wissenschaft und Politik kontinuierlicher wird, enger wird, und wir jederzeit zurückgreifen können auf die Kompetenz der Wissenschaft. Und das Zweite, Deutschland muss im Kreis der internationalen Akademien, zumal in Zeiten, in denen wir an einer internationalen Forschungsagenda arbeiten, in denen Forschung international sehr viel stärker präsent ist, die Stimme Deutschlands, und die Leopoldina ist ihn hohem Maße geeignet, in den vielen internationalen Akademiegremien Deutschland zu vertreten.

Schütte: Wenn zum Beispiel im EU-Parlament die deutsche Stimme gefragt war, dann hatten beispielsweise die deutsche Forschungsgemeinschaft oder die Max-Planck-Institute die Wortführerschaft. Diese Institutionen haben künftig eine weniger gewichtige Stimme?

Schavan: Nein, das sehe ich so nicht, weil natürlich die deutsche Forschungsgemeinschaft Max Planck, auch Helmholtz und andere international mit ihren Büros vertreten sind, mit ihrer Fachkompetenz vertreten ist, dass bleibt unbestritten. Aber so wie in England, in Frankreich, auch in anderen Ländern hat eine Akademie immer noch einmal eine besondere Situation, weil sie alle Fachgruppen vertritt, weil sie von vornherein in ihren Gremien international angelegt ist. Die Leopoldina wird der DFG und den anderen nichts nehmen, aber sie wird uns genau das ermöglichen, was bislang nicht möglich war, nämlich in diesem bedeutsamen, auch für Forschungsagenda bedeutsamen, internationalen Gremium der Akademien wirklich mit einer Stimme zu sprechen und Politikberatung zu bündeln. Wir nutzen zu wenig die Wissenschaft. Wir nützen zu wenig die Erkenntnis der Wissenschaft. Das muss besser werden, und das wird der zentrale Auftrag an die Leopoldina sein.

Schütte: Kommen wir noch auf ein anderes Thema zu sprechen. Gestern hat der Haushaltsausschuss den Etat Ihres Hauses, Frau Schavan, um rund 55 Millionen Euro aufgestockt, um die Reform des BAföG zu finanzieren. Studierende sollen ab Wintersemester 2008 zehn Prozent mehr Geld vom Staat bekommen, darüber berät der Bundestag heute. Das Deutsche Studentenwerk kritisiert angesichts der Preisentwicklung, ist das noch zu wenig.

Schavan: Zehn Prozent Erhöhung der BAföG-Beträge und acht Prozent Erhöhung der Freibeträge ist eine der höchsten Erhöhungen, die es je in der Geschichte des BAföG gegeben hat. Sie entspricht genau den Berechnungen des wissenschaftlichen Beirates, die uns im Frühjahr vorgelegt worden sind. Insofern ist das ein großer Schritt, den der deutsche Bundestag übrigens heute dann auch per Gesetz beschließen wird.

Schütte: Aber die Berechnungen stammen aus dem Jahre 2006, und das wird dann bei Einführung des neuen BAföG schon wieder zwei Jahre her sein.

Schavan: Es bleibt aber eine der größten Erhöhungen oder die vermutlich größte Erhöhung und vor allem, es sind ja weitere Elemente. Wir haben das Element der Kinderbetreuungskosten, Monatspauschalen für Kinderbetreuung. Wir haben die Modernisierung im Blick auf Studierende mit Migrationshintergrund. Also es ist moderner, es ist eine eklatante Erhöhung gelungen. Und wer einmal vergleicht, die Erhöhung für die Studierenden, zehn auf der einen Seite, acht Prozent Freibeträge, mit allen anderen gesellschaftlichen Gruppen, der könnte jetzt eigentlich auch zufrieden sein.

Schütte: Armut beginnt oft mit Bildungsarmut, so hieß es gestern im Report zur Kinderarmut. Übertragen auf die Hochschulen, darf man auch in Zukunft noch zögerlich sein, das BAföG weiter zu erhöhen, um Chancengleichheit herzustellen?

Schavan: Nein, BAföG ist ein zentrales Instrument der Studienfinanzierung. Das nehmen wir ernst, und deshalb gibt es in dieser Legislaturperiode nach vielen, vielen Jahren ohne Erhöhung diese große Erhöhung. Übrigens spürt man auch schon in diesem Semester, dass die Zahl der Studienanfänger wieder steigt. Es gibt wieder mehr Zuversicht, mehr Lust aufs Studium, und das ist doch wichtig, weil wir viele Hochqualifizierte brauchen.

Schütte: Aber vor einiger Zeit wollten Sie das BAföG noch abschaffen?

Schavan: Nein, ich wollte es nicht abschaffen, sondern ich habe vor vielen Jahren gesagt, wir sollten uns Gedanken machen über die Weiterentwicklung von BAföG. Diese Koalition hat beschlossen, dass nicht Weiterentwicklung, sondern dass die Struktur bleibt. Das ist in Ordnung und deshalb wird erhöht.

Schütte: Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung. Danke für das Gespräch!

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