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StartseiteCampus & KarriereLernprozesse sichtbar machen17.04.2013

Lernprozesse sichtbar machen

Bildungsforscher John Hattie stellte in Oldenburg seine Studie "Visible Learning" vor

In der Studie über das Lernen und den Unterricht an der Schule hat der neuseeländische Pädagoge John Hattie festgestellt, dass nicht Klassengröße oder Schulkonzept entscheidend sind, wie gut Schüler lernen. Für ihn übernimmt der Lehrer eine wichtige Rolle. An der Universität Oldenburg hat der Pädagoge über seine Studie referiert.

Von Jessica Holzhausen

Ein guter Lehrer steuert laut Hattie nicht nur den Unterricht, er versucht auch immer wieder den Blickwinkel seiner Schüler einzunehmen.  (AP)
Ein guter Lehrer steuert laut Hattie nicht nur den Unterricht, er versucht auch immer wieder den Blickwinkel seiner Schüler einzunehmen. (AP)

Bereits Tage vor dem Vortrag an der Universität Oldenburg ist dieser bereits ausgebucht. Kein Wunder, denn John Hattie gilt als einer der einflussreichsten Pädagogen der Welt. Und in Oldenburg ist sein einziger Auftritt in Deutschland. Auch die Studenten sind aufgeregt.

"Es ist ja schon ein bekannter Mensch und das Buch ist ja auch weltweit ein Bestseller in den Erziehungswissenschaften und wenn der dann mal hier herkommt."

"Ja es ist schön zu sehen, dass auch Oldenburg so einen Menschen anziehen kann. Es liegt sicherlich auch daran, dass es in Oldenburg sehr viele Lehramtsstudenten gibt, sehr viele Pädagogikstudenten.""

Hatties Studie ist ein Mammutwerk. Mehr als 800 Meta-Analysen hat er ausgewertet. Das sind Studien, die verschiedene Untersuchungen zu einem bestimmten Thema zusammen fassen. So konnte Hattie 50.000 Einzeluntersuchungen auswerten. Seine Versuch: Lernprozesse sichtbar machen. Visual Learning nennt er das. Im Mittelpunkt stehen die Lehrer. Ein guter Lehrer steuert laut Hattie nicht nur den Unterricht, er versucht auch immer wieder den Blickwinkel seiner Schüler einzunehmen. So wie er bei seinem Vortrag vor einem überfüllten Auditorium auch den der anwesenden Lehrer einnimmt.

"Ihre Aufgabe ist es jedem Kind zu helfen seine eigenen Erwartungen zu übertreffen. Wenn Sie an die Lehrer denken, die Sie in ihrer Schulzeit beeindruckt haben, dann wette ich: Diese Lehrer haben etwas in Ihnen entdeckt, das Sie selbst gar nicht gesehen haben, und hatten eine Leidenschaft Sie für das Lernen zu begeistern."

Feedback sei wichtig und das in beide Richtungen. Nicht nur der Lehrer muss seinen Schülern mitteilen, wie gut sie sich am Unterricht beteiligen. Auch der Lehrer braucht die Rückmeldung aus der Klasse, um effizient unterrichten zu können. Lob statt Kritik, Fehler sind ausdrücklich erlaubt. Gleichzeitig hat Hattie auch ganz klare Faktoren ausgemacht, die sich negativ auf das Lernen auswirken: Fernsehen und Sitzenbleiben zum Beispiel.

"Das Letzte, was ein solches Kind braucht, ist mehr Zeit, in der unterrichtet wird wie bisher, die gleichen Gruppenerlebnisse, die gleiche Art zu beurteilen, die gleichen Aktivitäten."

Nicht nur Deutschland setzt in der Bildungspolitik auf eine Strukturreform: kleine Klassen, offener oder jahrgangsübergreifender Unterricht. Doch all das hat nach Hattie nur einen geringen Effekt. Der Bildungsforscher hat für seine Arbeit vor allem Studien aus dem englischsprachigen Raum verwendet. Deshalb seien die Ergebnisse auch nicht in allen Punkten auf Deutschland übertragbar, sagt der Oldenburger Schulforscher Klaus Zierer.

"Hattie hat ja insgesamt über 138 Faktoren und bei jedem muss ich einzeln schauen, inwieweit ich die übertragen kann. Wenn man zum Beispiel auf den Lernenden guckt, das ist ja eine Kategorie bei Hattie, dann lässt sich die Übertragbarkeit sicherlich leicht bewerkstelligen. In Sachen der Konzentration, der Selbstmotivation, des Konzepts, was relativ klar ist."

Gleiches gelte bei Faktoren, die den Lehrer betreffen:

"Wenn es um eine Zielklarheit des Unterrichts geht, wenn es um verschiedene Unterrichtsprinzipien und -methoden geht. Schwierig wird’s bei Aspekten, die zum Beispiel nur in angloamerikanischen Räumen vorkommen, wie ein Faktor Hausbesuche von Lehrkräften, das machen wir in Deutschland nicht. Ähnlicher Faktor sind sicherlich die Sommerferien, wo es länderspezifisch deutliche Unterschiede gibt."

Klaus Zierer hat gemeinsam mit einem Kollegen Hatties umfassende Studie ins Deutsche übersetzt. Dabei hat der Schulforscher nicht nur statistische Ungenauigkeiten ausgeglichen, sondern auch deutsche Vergleichsstudien herangezogen. Auf einer Internetseite haben die Forscher zusätzliche Informationen bereit gestellt. Hattie hat inzwischen ein zweites Buch verfasst: "Visible Learnings for Teachers" richtet sich als eine Art Leitfaden an Lehrer. John Hattie ist der erste Lernforscher überhaupt, der verschiedene Studien zusammengefasst hat.

"Das ist letztlich der größte Wert und der große Wurf von Hattie, dem man angesichts der rasanten Zunahme von Ergebnissen einzelnen Wissenschaften durchaus größten Respekt zollen muss: den Versuch zu wagen aus der Vielzahl von Studien, die es gibt, und es werden ja von Tag zu Tag mehr, eine Systematik zu erstellen, eine Zusammenschau zu erstellen, die eben verschiedene Faktoren des Unterrichtens in den Blick nimmt."

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