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StartseiteBüchermarktLesen mit den Ohren16.03.2011

Lesen mit den Ohren

Bertold Auerbach. "Einst fast eine Weltberühmtheit". Eine Collage des Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Hermann Kinder.

Berthold Auerbach, heute fast vergessen, war zu seiner Zeit ein international bekannter jüdisch-deutscher Schriftsteller, den man mit Dickens, Turgenjew oder Tolstoi verglich. Auerbach wurde 1812 im Schwarzwald geboren; seine Werke sind dem frühen deutschen Realismus verpflichtet.

Vorgestellt von Sabine Peters

Bertold Auerbach. "Einst fast eine Weltberühmtheit" (Klöpfer & Meyer)
Bertold Auerbach. "Einst fast eine Weltberühmtheit" (Klöpfer & Meyer)
<p>Denn die Verfahrensweisen der Klassik und Romantik schienen ihm nicht mehr angemessen, um die Probleme seiner Zeit, die Auflösung des traditionellen Landlebens, Auswanderung, Verstädterung und die beginnende Industrialisierung tatsächlich zu erfassen. Auerbachs Dorfgeschichten sind von volkspädagogischen Idealen bestimmt, sie wollen Widersprüche versöhnen und haben in aller sozialkritischen Intention etwas Erbaulich-Erzieherisches an sich, das sie heute buchstäblich alt aussehen lässt. Auerbach war allerdings zeitlebens auch ein reger Briefschreiber, und die Post an seinen Namensvetter Jakob Auerbach zeigt viele andere Facetten seiner Person – sie zeigt einen durchaus selbstironischen, wachen und klugen Beobachter seiner Zeit. Jakob Auerbach veröffentlichte die Briefe 1884 ohne seine eigenen Antworten, und er entfernte intime Details, so, wie es seinerzeit aus Diskretionsgründen üblich war. Die Originale sind mittlerweile längst verschwunden. <br /><br />Der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Hermann Kinder hat jetzt diese Briefe Berthold Auerbachs, die über 900 Seiten umfassen und aufgrund des Umfangs kaum noch einmal veröffentlicht werden, zitiert, nacherzählt, kommentiert – daraus ist eine große, lehrreiche und staunenswerte Collage entstanden. Diese Collage verbindet die Originaltöne aus den Briefen mit Ergänzungen, die sich zwar ihrerseits auch aus dem Inhalt der Briefe ergeben, die aber jetzt in der distanzierten dritten Person daherkommen. Man hört das tiefbetrübte oder hochgemute Ich sprechen, dann folgen Fakten über "ihn" – das Ganze liest sich etwa so, Zitat: "Ich will die ganze Welt fassen, und Leben und Tod und Alles will ich zusammenhalten ... ich kann ein guter Mensch werden.< >Er nimmt Wohnung in Heidelberg." Hermann Kinders eigene Sätze vermitteln nicht nur trockene Fakten, sie geben dem Leser auf verdichtete Weise das Lebensgefühl Auerbachs zu verstehen – Kinder hat hier eine Schreibweise gefunden, die an keiner Stelle übergriffig wird, die vielmehr Berthold Auerbauch entgegengeht. Da heißt es von ihm, Zitat: "Ist eine Arbeit fertig, missfällt sie ihm, zweifelt er wieder. Da bräuchte er freundschaftlichen Anschluss. Aber er sitzt in seiner studentischen Dachstube auf dem Lande, wartet aufs Essen und kann nichts weiter tun als rauchen." Dieses Ping-Pong zwischen Ich und Er, zwischen Originalzitat und Paraphrasierung gibt der Collage ihren Schwung und ihre Musikalität. Die beiden Stimmen gehen dynamisch ineinander über, verweben sich, laufen auseinander und kommen wieder zusammen, was man im Textbild optisch gut unterscheiden kann. Es entsteht eine produktive Gespanntheit, die den Leser ganz dabei sein lässt. Das liegt aber auch an der Form des Präsens, die mitten hineinführt in die Umbruchzeit des 19. Jahrhunderts. Selbst wenn man die Literatur Auerbachs in ihrem Anspruch auf sittliche Erziehung als idealistisch kritisieren kann, in seinen Briefen zeigt sich immer wieder ein Skeptiker, ein sensibles Gemüt, selbstkritisch und widersprüchlich. Auerbach liebt die Natur, er wandert stundenlang durch die Wälder, er beschreibt sie genau und bildreich – aber er lebt in Karlsruhe, Stuttgart, Tübingen, Dresden und besonders lang in Berlin. Da sieht er Tiere nie lebendig, immer nur gebraten. Er sucht Geselligkeit und flieht sie. Ausgehend vom Reform-Judentum eines Moses Mendelssohn und immer wieder beschäftigt mit den Schriften Spinozas, interessiert er sich für zeitweilig für pantheistische Weltbilder, kann die Natur als neue Religion denken – und er ist gleichzeitig fasziniert von den modernen technischen Errungenschaften, vor allem von der Eisenbahn, die ihrerseits doch aber das Landleben so einschneidend verändert. Und daher zweifelt er auch immer wieder an seinen so erfolgreichen, auflagenstarken Volkserzählungen. Vielleicht veralten sie sehr schnell? Und so schreibt er, Zitat: "Schule, Militär und Eisenbahn das sind drei gewaltig auflösende und nivellirende Mächte, und wer weiß, wie bald man meine Volkserzählungen lesen wird wie eine Indianergeschichte". <br /><br />Auerbach ist in vielem ein Kind seiner Zeit; daher ist er auch nicht frei von dem entstehenden Nationalchauvinismus, von einem Gemeinschaftstaumel, dem die deutsche Einheit über die Freiheit geht. Und doch ist er den Ideen des Humanismus, des Liberalismus und der Demokratie verpflichtet. Immer schwankt er zwischen politischer Hoffnung und Desillusionierung – er fühlt er sich als ein deutscher Volksdichter und muss dann allerdings erleben, wie der Antisemitismus an Einfluss gewinnt. <br /><br />Hermann Kinders Collage ist von einer spürbaren Sympathie für Auerbach getragen, ohne dass der Blick dabei erblindet: Auerbachs Franzosenverachtung kommt zur Sprache wie auch sein Ärger über die "sozialdemokratische Chaosmacherei" – aber Auerbach findet es doch wieder falsch, sozialdemokratische Arbeiter aus den Fabriken zu entlassen. Auch seine konservativen Vorstellungen von den Geschlechterrollen werden nicht unterschlagen: In einer Diskussion über ein zeitgenössisches Theaterstück sagt Auerbach sehr bestimmt, Zitat: "Ein Don Juan ist gestattet, aber eine Donna Juana nicht, weil es wider die Natur ist, dass eine Frau geschlechtlich initiativ ist, und das Widernatürliche ist unschön." Manches kann man diesem Autor nicht übelnehmen, entwaffnet von der Unmittelbarkeit seiner Briefe, von der Lebhaftigkeit und Lebendigkeit der Darstellung. Auerbach wirkt, auch wenn er sich im Altwerden Gedanken über das Alter macht, doch insgesamt erstaunlich jung, wenn man "jung" mit Neugier und Leidenschaft verbindet. Im Unterschied zu den didaktisch beseelten Romanen zeigt sich in den Briefen ein Witz, der vor der eigenen Person nicht haltmacht. Da geht er über Land, versteckt sich auf einer unwegsamen Höhe und jauchzt und jodelt, bis eine Kuh ihn anschnauft. Oder: Wieder einmal draußen in der Natur, zieht er sich alle Kleider aus, fühlt sich, als sei er jetzt erst lebendig. In dieser Situation fürchtet er auch den Tod nicht mehr, Zitat: "Und muss ich sterben, so legt mich nackt in die Erde, wie ich auf ihr war. Gepriesen seist du, Zigarre, du brachtetest mich wieder in die gewohnte Welt zurück." Aber in dieser "gewohnten Welt" lebt der Antisemitismus auf, und Auerbach schreibt dem Freund mehrfach über Richard Wagner, der den Judenhass als etwas mit Bildung Verträgliches proklamiert. <br /><br />Man würde manche zeitgeschichtlichen Details aus den Briefen kaum verstehen, wenn Hermann Kinders Buch nicht einen ausführlichen, gründlich recherchierten Anmerkungsapparat enthielte. Er führt in die Geschichte, in die Kultur- Sozial- und Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts hinein und erklärt unter anderem komplexe Zusammenhänge wie das deutsche Reformjudentum oder die Entstehung des Deutschen Kaiserreichs. Man erfährt hier aber auch tröstliche Details: So ist der Streit um die richtige Orthographie kein Privileg des 20. Jahrhunderts: Eine vom preußischen Kultusminister initiierte Rechtschreibreform wurde seinerzeit fast überall boykottiert.<br /> <br />Noch einmal zu Hermann Kinders Verfahren der Collage: Kein Publikumsverlag könnte es wagen, den Lesern 900 Seiten Briefe eines heute vergessenen Autors mit ihren naturgemäß häufigen Wiederholungen zuzumuten. Eine Biografie, solches Sprechen "über" Auerbach, trüge alle Gefahren dieses heiklen Genres mit sich: Der Biograf bestimmt die Akzente, deutet und führt durch ein Leben. Kinders Collage lässt Auerbach über weite Strecken selbst zu Wort kommen, sie ist sozusagen ein "Sprechen-mit". Auch hier wird unvermeidlich eine Auswahl getroffen – dem Problem der Subjektivität ist einfach nicht zu entkommen. Wobei der "objektive Blick", das neutrale Kameraauge natürlich auch ein Mythos ist. Kinders Auerbach-Collage hat ihren ganz eigenen literarischen Wert; man liest sie sozusagen mit den Ohren: Einmal hört man einen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts sprechen – und darüber hinaus taucht man in eine Sprachwelt ein, die herzustellen Kinders Verdienst ist. <br /><br /><strong>Hermann Kinder: Berthold Auerbach. "Eins fast eine Weltberühmtheit".</strong> Eine Collage. Klöpfer & Meyer, 296 S, 12 sw-Abbildungen, 19,90</p>

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