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StartseiteKulturfragen"Kritik müssen die Mächtigen aushalten"10.05.2018

Lessing-Preis für Kritik 2018"Kritik müssen die Mächtigen aushalten"

Die Österreicherin Elizabeth T. Spira zählt zu den erfolgreichsten Fernsehmacherinnen des deutschen Sprachraums. Die frischgebackene Trägerin des "Lessingpreises für Kritik" bricht eine Lanze für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Zeitungen in Österreich seien zu unkritisch, so Spira im Dlf.

Elizabeth T. Spira im Gespräch mit Günther Kaindlstorfer

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 Elizabeth T. Spira bekommt den Lessing Preis für Kritik 2018. Sie hat unter anderem die ORF-Serie "Liebesg'schichten und Heiratssachen" miterfunden (dpa / ORF / Thomas Ramstorfer)
Elizabeth T. Spira bekommt den Lessing Preis für Kritik 2018. Sie hat unter anderem die ORF-Serie "Liebesg'schichten und Heiratssachen" miterfunden (dpa / ORF / Thomas Ramstorfer)
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"Öffentlich-rechtlicher Journalismus, das heißt für mich: unparteiisch zu sein und zugleich kritisch." Mit dieser Haltung begann Elizabeth T. Spira 1973 ihre Laufbahn beim ORF – und eckte gleich einmal kräftig an. Damals war der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Wien noch bevölkert von krawattenbewehrten Bedenkenträgern, erinnert sich die Filmemacherin, und die jungen, kritischen Journalistinnen und Journalisten, die – affiziert vom Geist der 68er-Bewegung – frischen Wind in den behäbigen Apparat bringen wollten, wurden von den Älteren nicht gerade mit Begeisterung empfangen.

Auch Elizabeth T. Spira nicht. "Ich habe mich mit sozialen Themen beschäftigt, und ich habe unbotmäßige Interviewfragen gestellt, das ist nicht gut angekommen", erinnert sie sich. Öfter als einmal balancierte die Tochter aus jüdisch-kommunistischem Elternhaus am Rande des Hinauswurfs. "Es gab Kollegen, die gesagt haben: ’Lang wirst du dich im ORF nicht halten können’", lacht sie: "Heute bin ich die längstdienende Mitarbeiterin des Hauses."

"In Österreich ist man eh schon weniger kritisch als in anderen Ländern"

Spira plädiert für einen kritisch hinterfragenden Journalismus, auch im öffentlich-rechtlichen Sektor, der in Österreich durch die neue, rechtskonservative Regierung immer mehr unter Druck gerät: "In Österreich ist man eh schon weniger kritisch als in anderen Ländern. Da würde ich sagen: Ein bisserl Kritik müssen die Mächtigen schon aushalten."

Für den öffentlich-rechtlichen ORF hat die 1943 in Glasgow geborene Fernsehmacherin zwei Formate erfunden, die nach Meinung der Lessingpreis-Jury Fernsehgeschichte geschrieben haben. In der Reihe "Alltagsgeschichten" ließ Elizabeth T. Spira zwanzig Jahre lang Menschen wie dich und mich zu Wort kommen, die sogenannten kleinen Leute, die sie in Waschsalons, Schwimmbädern, Pfandhäusern, Bahnhöfen, Autobahnraststätten und beim Heurigen interviewte.

"Ich mache niemanden klein. Im Gegenteil, ich bemühe mich fair zu sein"

Ebenso populär wie die "Alltagsgeschichten" ist in Österreich die Reihe "Liebesg’schichten und Heiratssachen" – eine Verkuppelungs-Show der besonderen Art, in der Elizabeth T. Spira partnersuchende Menschen in ihren Mietwohnungen und Eigenheimen besucht. Dass die Filmemacherin dabei immer wieder auch kauzige, schrullige und bizarre Zeitgenossinnen und Zeitgenossen vor die Kamera bittet, sorgt zuverlässig für Rekordquoten im ORF.

Dabei ist Elizabeth T. Spira durchaus nicht unumstritten. Wie der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl habe sie einen denunziatorischen Stil entwickelt, argumentieren Kritiker, in dem sie die Menschen, die sie interviewt, vorführe und der Lächerlichkeit preisgebe. Eine Kritik, die Elizabeth T. Spira zurückweist: "Das ist ein Blödsinn. Ich mache niemanden klein. Im Gegenteil, ich bemühe mich fair zu sein. Wenn bei einem partnersuchenden Menschen allerdings Nazi-Literatur im Bücherregal steht, was manchmal vorkommt, machen wir schon einen kleinen Kameraschwenk drüber."

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