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StartseiteBüchermarktLetzte Gesten, letzte Worte09.02.2004

Letzte Gesten, letzte Worte

Jürg Amman tötet eine Mutter

<em> Rondo </em> hieß das Prosadebüt Jürg Amanns im Jahre 1982. Mit diesem Erstling gewann der Schweizer Schriftsteller auf Anhieb den Ingeborg-Bachmann- Wettbewerb in Klagenfurth. "Ein Sprachkunstwerk", so war man sich einig, mit unüberhörbaren Anklängen an Kafkas Erzählung "Das Urteil". In diesem Fall aber eine Mutter-Sohn-Geschichte, die bis in die kleinsten Verästelungen hinein der Tragik eines symbiotischen Verhältnisses nachspürt. Ein Rondo, um auf den Titel zurückzukommen, das ist eigentlich ein Rundgesang, in dem das Hauptthema immer wiederkehrt. Auf Amanns Debüt angewendet, drehen sich zwei Figuren im Kreis herum, ohne von einander lassen zu können. Der Sohn vermag sich aus der Bindung der durch ihr Leiden überstarken Mutter nicht zu lösen.

Angela Gutzeit

Jürg Amann, "Mutter töten", Coverausschnitt (Haymon Verlag)
Jürg Amann, "Mutter töten", Coverausschnitt (Haymon Verlag)

Jürg Amann hat in der Zwischenzeit viele Bücher geschrieben, aber die meisten variieren im Kern immer nur dieses eine Thema. Auch seine Veröffentlichungen unter anderem zu Robert Walser, Franz Kafka und Friedrich Hölderlin, "seine toten Freunde", wie Amann sagt, seien eigentlich nur Verlagerungen der familiären Leidensgeschichten auf für ihn verwandte
Seelen.

Nun hat Jürg Amann ein neues Buch vorgelegt. Mutter töten heißt es. Angesichts der nun schon über 2ojährigen Auseinandersetzung des Autors mit der autobiografisch grundierten Mutter-Sohn-Tragödie "antiken Ausmaßes",wie Amann sie im Gespräch charakterisiert, lässt der Titel nun den literarischen Befreiungsschlag, den Muttermord erwarten. In einem
der Prosastücke dieses Buches wird auch durchaus mit diesem Gedanken gespielt, aber in Amanns Schreiben hatte die offene Rebellion nie einen Platz und hat sie auch jetzt nicht. Seine Figuren werfen das Kreuz des Leidens nicht ab, sie tragen es bis zum Ende.

Mutter töten besteht aus vier Erzählstücken, die das Leben einer Frau aus der Perspektive ihres Sohnes beleuchten. Vier Teile, inszeniert als dramatische Verdichtungen, die sich abschotten gegenüber jeder Versuchung der stringenten Erzählbarkeit eines Menschenlebens oder eines Beziehungsgeflechtes. Jürg Amann:

Es ist bewusst eine offene Komposition gewählt und nicht eben der Lebensroman, sondern das Lebensbild. Ich hab' mir beim Arbeiten immer vorgestellt, vor einem vierflügeligen Altarbild zu stehen - das vier Stationen eines Lebensweges, eines Kreuzweges erzählt, von links nach rechts (...). Links "Die Reise", dann "Nachtstück", dann "Mutter töten", dann "Requiem". Und jemand hat mir gesagt, der das Buch gelesen hat, er hätte assoziiert damit eine viersätzige Sonate. Und damit kann ich auch etwas anfangen. Es sind einfach dann vier Tonlagen vom gleichen Thema.

Vier Tonlagen zum gleichen Thema, aber - um im Bild zu bleiben - die vier Sätze der Sonate erfahren eine zunehmende Steigerung. Alles drängt von Anfang an zum Ende hin, zum Requiem, zum Trauergesang. Denn der Tod verbirgt sich schon im ersten Stück. Aus der Sicht des Sohnes als Kind wird erzählt, wie er mit der Mutter eine Reise ins Tessin unternimmt. Als sie selbst Kind war, hatte sie diese Reise schon einmal unternommen, an der Hand ihrer Mutter, zu ihrem Vater, der sich nicht zu ihnen bekennen wollte. Nun ist er gestorben, aber auch nach seinem Tod wird der Mutter die Anerkennung als Tochter verweigert, ihre Existenz ignoriert. Die Reise war zum zweiten Mal umsonst.

Ganz sachte kommt diese kleine Geschichte daher. Aber die langen Satzkonstruktionen mit ihren vielen Einschüben haben etwas Rastloses. Wie ein Fluch wirkt die Leidensgeschichte weiter, entzieht der Mutter den Halt, erfasst ihre Kinder, verformt sie und verstört sie. Ammans kunstvolles Sprachgelände mit diesem Gestus des scheinbar naiven Hintereinanderwegerzählens ist auf Schritt und Tritt vermint. Unter der Oberfläche summieren sich die Beschädigungen durch ein verfehltes Leben.

Und dann in der zweiten Erzählung, "Nachtstück", drohen die erlittenen Traumata sich zu entladen in Szenen offener Gewalt. Der Sohn und sein Bruder fürchten sich nachts vor der Mutter, die in immer wiederkehrenden Ausbrüchen damit droht, Hand an sich zu legen oder ihre Kinder zu vernichten, die sie doch liebt, wie sie immer wieder beschwört. - Im dritten Stück fährt der jetzt erwachsene Sohn mit der bereits hinfälligen Mutter ins Gebirge, um ihr einen letzten Wunsch zu erfüllen.

Aber auf den Wegen strauchelt sie immer wieder, schlägt hin , blutet, muss wider aufgerichtet werden. In der vierten Geschichte hält der Sohn schließlich im Krankenhaus die sterbende Mutter im Arm. "Consummatum est" benennt Amann eines der kurzen Unterkapitel fast am Ende des Buches: "Es ist vollbracht!"- Leiden und Vergehen der Mutter oder des Vaters, Abschied von den Eltern, nachgetragene Gefühle voller Zerrissenheit und Zweifel - in der Literaturgeschichte finden sich viele Beispiele für diese literarischen Bewältigungsversuche. Aber unter den Gegenwartsautoren gibt es wohl keinen, der es wagt, ein familiäres Drama derart ins Religiös-Allegorische zu überführen wie Amann es tut. Die Leidensgeschichte von Mutter und Sohn wird hier, nur mit umgekehrter Rollenverteilung, angelehnt an die Passionsgeschichte Christi. Die sieben letzten Worte von Jesus am Kreuz in lateinischer Sprache leiten die zunehmend kürzer gehaltenen Unterkapitel des letzten Stücks ein.

Dass diese Überhöhung dieser doch so einfachen Existenz wie der der Mutter nicht im Pathos versinkt, ist eine bemerkenswerte literarische Leistung. Jürg Amanns Erzählstil ist höchst kontrolliert. Die langen, verschlungenen Sätze des Anfangs werden zum Ende hin immer knapper, keine Abschweifungen mehr. Der Blick verengt sich auf das Wesentliche,
auf die Wahrnehmung letzter Gesten, letzter Worte und Gedanken, auf das Wenige, was noch zu tun ist, wenn ein Mensch stirbt.

Dieses Zusammenführen einer kleinen Lebensgeschichte mit der großen christlichen Passionsgeschichte ist erzähltechnisch ohne Zweifel beeindruckend gelöst - und doch bleibt ein gewisser Zweifel zurück. Die Überhöhung ins Religiöse verwischt nämlich die Lebensspuren, Dramen und Konflikte des individuellen Schicksals, das in den ersten beiden Teilen des Buches entworfen wird. Sie lösen sich auf im großen Finale. Jürg
Amann:

Es wird geöffnet und wird groß gemacht, ja? Und das hat für mich zu tun mit meiner Haltung gegenüber dem Tod. Es gibt für mich keine kleinen Tode. Tod ist immer was Großes, ist immer aus der Perspektive dessen, der ihn zu erleiden hat, ist immer gleich groß. Es ist eigentlich immer das große Ereignis im Leben, leider das Abschließende. Und deshalb ist für mich diese Überhöhung ins Große absolut gerechtfertigt. (...) Diese kleine Lebensgeschichte einer kleinen Frau, die niemand gekannt hat, die sicherlich keinen historischen Tod gehabt hat, so wenig wie sie ein historisches Leben gehabt hat, eben doch in den großen Bezug zu stellen von Tod und Leben überhaupt.

Mutter töten beschwört am Schluss die Versöhnung als Ausweg aus der zerstörerischen Symbiose, die in Amanns Debüt "Rondo" das Thema war. Der Konflikt, die unheilvolle Verstrickung von Mutter und Sohn aber bleibt unausgetragen. Bei Amann gibt es dafür keine Lösung, die so ganz von dieser Welt wäre. Auch wenn man als Leser diesem Schlusspunkt nicht so ganz trauen will, so ist Jürg Amann mit seiner 20jährigen, geradezu obsessiven Umkreisung der familiären Tragödie an ein Ende gelangt. Und zumindest das sieht der Autor genauso:

Ich muss andere Themen finden und das ist wohl auch tatsächlich die Chance, dass ich mich endgültig von diesem Familienthema freigeschrieben habe. Und das ist in der Versöhnung sicherlich besser möglich als im Kampf, weil etwas, womit man versöhnt ist, kann man nachher auch zurücklassen.

Jürg Amann
Mutter töten
Haymon Verlag, 107 S., EUR 15,90

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