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StartseiteInterview"Ich habe Kohl als einsamen und verbitterten Mann erlebt"17.06.2017

Letztes Fernsehinterview des Altkanzlers"Ich habe Kohl als einsamen und verbitterten Mann erlebt"

Bei seinem letzten großen Fernsehinterview 2003 habe er Helmut Kohl als einen "ziemlich einsamen und in weiten Teilen verbitterten Mann" erlebt, sagte der Journalist und Filmemacher Stefan Lamby im Deutschlandfunk. Kohl habe nach der Spendenaffäre um sein Bild in der Geschichte gekämpft.

Stephan Lamby im Gespräch mit Stephanie Rohde

Der Fernsehautor Stephan Lamby spricht im Oktober 2014 nach seiner Auszeichnung mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. (picture alliance / dpa /  Daniel Bockwoldt)
Trotz Kritik: Der Fernsehautor und Journalist Stephan Lamby ist überzeugt, dass Kohl in erster Linie als großer Europäer und Kanzler der deutschen Einheit in Erinnerung bleiben wird. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
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Stefanie Rohde: Er war der Wegbereiter der Deutschen Einheit und ein großer Europäer – so wird Helmut Kohl, der gestern im Alter von 87 Jahren gestorben ist, in die Geschichtsbücher eingehen. Aber welches Bild haben Medien von ihm gezeichnet, vor allem in seiner aktiven politischen Zeit, und welches Verhältnis hatte Kohl zu den Medien?

Einer, der Helmut Kohl publizistisch begleitet hat, ist der Journalist und Filmemacher Stephan Lamby. Der ist jetzt am Telefon, guten Morgen!

Stephan Lamby: Guten Morgen!

Rohde: Herr Lamby, viele Medien haben Helmut Kohl zu Beginn seiner Karriere ja als Rebell, als Kämpfer und als Provokateur gefeiert. Einige Jahre nach dem Ende seiner 16-jährigen Kanzlerschaft haben Sie dann  im Jahre 2003 ein Fernsehinterview mit Kohl geführt, es war das wohl letzte große Interview des Altkanzlers. Was haben Sie da noch gespürt von diesem einstigen Politrebell und Provokateur?

Lamby: Also, zunächst, das Interview ging über insgesamt vier Tage, im Frühjahr und Herbst 2003, gemeinsam mit Michael Rutz. Also, von dem einstigen Rebell Kohl war da nicht mehr viel zu spüren. Die Spendenaffäre war ja gerade drei Jahre her, der Tod von seiner Ehefrau Hannelore Kohl auch nicht lange, ich habe ihn als ziemlich einsamen und in weiten Teilen verbitterten Mann erlebt, der um sein Bild in der Geschichte kämpfte und sich deshalb auch auf dieses lange Interview damals eingelassen hat.

"Helmut Kohl hatte – wie ich finde: zu Recht – das Gefühl, von den Medien damals unterschätzt zu werden"

Rohde: Waren Sie überrascht davon, wie offen Kohl teilweise gesprochen hat?

Lamby: Ja, ich habe ihn nicht als grundsätzlich verschlossenen Menschen kennengelernt, sondern ja im Übrigen als einen Menschen, der ganz klar zwischen Freunden und Feinden unterschied. Und denjenigen, denen er vertraute, hat er auch nahezu grenzenlos vertraut.

Das "nahezu" muss man so betonen, weil er natürlich zu bestimmten Themen dann wiederum sehr verschlossen war, über die Spendenaffäre hat er zwar gesprochen, aber ich glaube, er hat darüber nicht wirklich offen gesprochen.

Rohde: Helmut Kohl hatte ja lange ein schwieriges Verhältnis zu den Medien. Wie erklären Sie sich das, warum war das so?

Lamby: Na ja, Sie haben es eben gesagt, der galt lange als Rebell, als Hoffnungsträger für viele in der CDU. Erst in Rheinland-Pfalz Ende der 60er-Jahre, und er war es auch ohne jeden Zweifel, wurde da auch von den Medien als solcher dargestellt. Aber in den 70er-Jahren, als er dann die Bonner Bühne betrat, kippte das Verhältnis.

Da wurde er als Birne, als Mann aus Oggersheim beschrieben, und Helmut Kohl hatte – wie ich finde: zu Recht – das Gefühl, von den Medien damals unterschätzt zu werden. Er hat damals ja auch mit den, wie er es immer nannte, Hamburger Medien gesprochen, also mit "Zeit" und "Spiegel", das war ein durchaus professionelles, respektvolles Verhältnis, aber irgendwann hat er entschieden: Mit denen vom "Spiegel" und der "Zeit" wird er – Zitat – in diesem Leben nicht mehr sprechen. Und das hat er durchgehalten bis zum Schluss.

"Er hat damals das Interview ganz gezielt genutzt, um sein Bild soweit es ihm möglich war zu korrigieren"

Rohde: Sie haben jetzt gesagt, er hat sich in seinen aktiven Zeiten oft unterschätzt gefühlt von den Medien. Wie haben Sie das denn erlebt, wie wollte er vielleicht auch im Nachhinein dieses Bild korrigieren?

Lamby: Ja, das war eine schwierige Situation. Er wusste natürlich um seinen Ruf, um sein Bild als Kanzler der Einheit, als großer Europäer. Auf der anderen Seite hatte er diese dunkle Seite, diese Geheimnisse, die er, wie wir jetzt wissen, ja auch mit ins Grab genommen hat. Und mit dieser Spannung ist er nicht wirklich klargekommen und konnte er auch nicht wirklich klarkommen.

Er hat damals das Interview, ich glaube, ganz gezielt genutzt, um sein Bild soweit es ihm möglich war zu korrigieren. Ganz gelungen ist ihm das nicht. Das war sein Bestreben und ich glaube, irgendwann hat er es dann aufgegeben und er konnte das dann auch nicht mehr korrigieren, weil er ja aktiv zumindest sprachlich dazu nicht mehr in der Lage war.

"Man muss natürlich auch die dunkle Seite von Helmut Kohl sehen"

Rohde: Wenn wir jetzt noch einmal bilanzieren aus publizistischer Perspektive: Was bleibt von Helmut Kohl?

Lamby: Also, bei all den Nachrufen, die man gestern hören und lesen konnte, ist immer von dem großen Europäer die Rede. Und ich glaube, das ist das Erste, was bleibt, zusammen natürlich mit seinen Verdiensten um die Deutsche Einheit. Dann kommt wahrscheinlich lange nichts, aber dann muss man natürlich auch die dunkle Seite, den Machtpolitiker von Helmut Kohl sehen, man muss seinen wirklich … na ja, das Wort "dubios" ist noch blass … seinen zweifelhaften Umgang mit Geld, mit schwarzen Kassen, die für seinen Machterhalt wichtig waren, genauso sehen.

Aber ich glaube, wenn etwas Zeit vergangen ist, man wird ihn vor allem als, ja, in Anführungszeichen: Vater der Einheit und großen Europäer in Erinnerung behalten.

Rohde: Werden Sie noch einen Film machen, haben Sie darüber nachgedacht?

Lamby: Ja.

Rohde: Und?

Lamby: Aber dazu später mehr.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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