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Lew Tolstoi verdichtet

Lars Ole Walburg inszeniert "Tolstoi. Licht und Finsternis" nach der Biografie des Dramatikers

Von Alexander Kohlmann

Der russische Schriftsteller Lew Tolstoi im Jahr 1908 (AP Archiv)
Der russische Schriftsteller Lew Tolstoi im Jahr 1908 (AP Archiv)

Lars-Ole Walburg verbindet zwei Werke von Lew Tolstoi: das autobiografische Stück "Und das Licht leuchtet in der Finsternis" und das Bauerndrama "Die Macht der Finsternis". Die Schauspieler spielen beide Dramen gleichzeitig. Walburg konfrontiert dadurch Tolstoi mit sich selbst.

Graf Lew will sein Leben ändern. Auf einer Bühnenschräge, die ein schöner großer Teppich bedeckt, fabuliert er über die Ungerechtigkeit der Gesellschaft. Die mache die einen so wohlhabend, dass sie sich gut parfümiert und schick angezogen, dekadente Theaterabende wie diesen leisten könnten, während die anderen geknechtet im Maschinenraum des Staates kaum das Notwendigste zum Leben hätten. Doch Lew will es nicht beim Fabulieren belassen, sondern plant sein Vermögen zu verschenken, eine Volksküche aufmachen und am besten gleich noch eine Volksschule. Lew will konkret werden, sehr zum Missfallen seiner Familie, die wie seine Frau Sofia bereits ahnt: Lew will es nicht bei einer Spende belassen.
"Es ist doch unmöglich, so zu leben. Ich kann es nicht mehr ertragen, dass andere Menschen in Fräcke gezwängt werden, um uns zu bedienen. Jedes Essen ist für mich Folter."

"Ich begreife einfach nicht, was mit Dir los ist. Wir haben doch immer so gelebt. Und sehr gut gelebt."

"Ja, wie Parasiten. Versteh doch, unsere Kinder erziehen wir zu Parasiten. Und dann kommt das Alter, der Tod. Und ich werde mich fragen, wozu habe ich gelebt? Um unglückliche Parasiten in die Welt zu pflanzen?"

Und während in diesem Salon wunderbar konsequenzenlos ein autobiografisches Abbild von Tolstois letzten Lebensjahren entsteht, während die Schauspieler um einen sprichwörtlich auf der Bühne stehenden, ausgestopften russischen Bären tanzen, fährt der ganze schräge Deckel plötzlich hoch und gibt den Blick frei auf eine ganz andere Realität. Denn Walburg belässt es nicht bei der Wiedergabe von Tolstois sehr selbstgefälligem Dramenfragment "Und das Licht leuchtet in der Finsternis". Sondern konfrontiert diesen Text mit dem kurz nach Anna Karenina entstandenen Drama "Die Macht der Finsternis". Um das Treiben der Armen und Geldlosen geht es dort, zu denen auch Graf Lew jetzt jenseits seiner Ideale herabgucken muss.

"Welches Geld ist es denn mit dem Du hier um Dich wirfst? Mit dem Du Geschenke kaufst für dieses Flittchen da. Meins ist es. Meins."

"Dein Geld, von wegen gestohlen hast Du es."

"Ich weiß, was Du getan hast."

"Ach ja."

Hier unten, in den Tiefen der Bühnenmaschinerie lebt die Familie des Bauern Pjotr in einer Art Ikea-Fundgrube. Zwischen abgeschabten Möbeln und bei schummriger Beleuchtung schmieden dessen Frau Anissja und Knecht Nikita einen teuflischen Plan. Genau wie die Damen im Salon über ihnen, wo Lew zum selben Zeitpunkt 30 kleine Gartenstühle für die zukünftige Volksschule aufstellt, wollen auch sie an das Geld des Familienoberhauptes und beginnen den alten Mann langsam zu vergiften. Und während Lew oben über die Ungerechtigkeit der Güterverteilung schwadroniert, beobachten diejenigen, die er begünstigen will, in diesem Gespensterkabinett gespannt, wie der Ehemann langsam und qualvoll krepiert. Geld alleine ist moralfrei, mehr Geld schafft noch lange keine moralischeren Menschen, muss auch Lew immer dann erkennen, wenn er kurz den Blick nach unten richtet. So ganz wahrhaben will er diese Realität aber nicht, stürzt sich dann doch lieber mit einer Axt auf einen Baumstamm, um sich abzureagieren und zwischen dem Splittern der Sägespäne wie ein echter Arbeiter zu fühlen.

Lars-Ole Walburg nimmt an diesem Abend Tolstois Texte so ernst, wie man es lange nicht mehr auf der Bühne gesehen hat. Seine Schauspieler spielen beide Dramen gleichzeitig, in heutigen Kostümen zwar, aber ansonsten ganz nahe dran am Text. Diese Konzentration ist wohltuend und überraschend, gerade wenn man die vorherigen Walburg-Abende kennt: Keine Witze, keine Slapstickeinlagen und keine offene Umzüge stören die Konzentration auf die beiden Texte. Statt auf eine ästhetische Mittelschau setzt Walburg auf die Konfrontation Tolstois mit sich selbst, lässt die eitlen Reden Lews angesichts der brutalen Realität im Bauerndrama ins Leere laufen.

"Der Priester ist zur Kirche zurückgekehrt. Boris habe ich ins Unglück gestürzt. Ljuba heiratet einen anderen. Habe ich mich geirrt? Vielleicht habe ich mich geirrt?"

Am Ende hat Graf Lew einen Sohn an das Irrenhaus verloren und doch die Welt nicht verändert. Ratlos blickt der alte Graf ins Publikum. Und genau diese Ratlosigkeit ist vielleicht am nächsten dran an der Gemütsverfassung des alten Tolstoi. Sie auszuhalten und mit der Kombination der beiden Texte offenzulegen ist die beklemmende Leistung dieses Abends.



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"Anna Karenina"
Dröhnendes Moral-Debakel

 

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