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StartseiteBüchermarktLexikon des internationalen Films07.08.2003

Lexikon des internationalen Films

Verlag 2001, 4.395 S., EUR 99,-

<em>Was ist das Kino? Nichts. Was kann es sein? Etwas. Was will es? Alles. </em>

Klaus Englert

So einfach kann man Kino erklären. Da diese Antwort von Jean-Luc Godard stammt, ist klar, dass sie nur ein Mosaiksteinchen in einem Tableau vielschichtiger Antworten ist. Godards Histoire(s) du cinéma von 1989 vermißt die Höhen und Tiefen, erfaßt die Glanzlichter und Abgründe des neuen Mediums. Im kommentierten Lexikon des internationalen Films werden die Werke des Genfer Regisseurs zu Recht als "Marksteine der filmischen Moderne" gewürdigt. Im knapp gefaßten Lexikonartikel zu Histoire(s) du cinéma kann der Benutzer nachlesen, welche Intention Godard mit seiner höchst eigenwilligen Filmgeschichte verfolgt: Er möchte das 20. Jahrhundert im Medium des Films als unablässigen Streit von Bild und Ton darstellen. Eine geschichtliche Einordnung des Mammutwerks ist schließlich in Claus Lösers beigefügtem Essay nachzulesen, der Godards Filme im Kontext der nouvelle vague interpretiert: Histoire(s) du cinéma wird darin als "kolossales Filmgedicht, als eine grandiose Soundcollage, als eine von Ideen berstende Enzyklopädie des Kinos" gesehen. Histoire(s) du cinéma ist aber auch eine Liebeserklärung ans Kino, wie man sie niemals zuvor gehört hat:

Das ist es, was ich am Kino liebe: Eine Unmenge herrlicher Zeichen, die im Lichte ihrer Unerklärlichkeit baden.

Nicht nur Godards Filmepos, auch die Beiträge des Filmlexikons gehen natürlich auf die Schattenseiten der Kinogeschichte ein. Auf fünfzig Seiten läßt sich in verschiedenen Beiträgen nachvollziehen, welche Macht die Megaindustrie Hollywood tatsächlich hat. Die Artikel, teilweise Nachdrucke der Zeitschrift "Filmdienst", bestechen zwar nicht durch höchste Aktualität. Aber die gut recherchierten Kolumnen Franz Everschors verdeutlichen sehr schön, wie die Machtkonzentration der amerikanischen Medienkonzerne im letzten Jahrzehnt unermeßlich anstieg. Die großen Filmgeschäfte werden nur noch unter den Giganten abgewickelt. Als da wären: Time Warner , Viacom , Sony und Seagram . Daneben gibt es noch eine Handvoll Multimilliardäre, die nach Gutdünken im Konzert der Filmgewaltigen mitmischen: Kirk Kerkorian, der gleich mehrmals Metro-Goldwyn-Mayer schluckte; Ted Turner, dem CNN , TNT und New Line gehören; und schließlich Rupert Murdoch, der bereits vor sechs Jahren allein in den USA über 22 TV-Stationen besaß. Michael Hanisch ergänzt die endlose Erfolgsstory Hollywoods mit einem schönen Bericht über Harry, Jack und Albert Warner, die sich vor genau achtzig Jahren anschickten, die Neue Welt durch einen noch immer lebendigen Mythos zu bereichern.

Jean-Luc Godard, einst Mitarbeiter der legendären Cahiers du cinéma und Mitinitiator der Nouvelle vague , stand stets distanziert zu Hollywood. Er vergißt keineswegs, in Histoire(s) du cinéma die epochalen Filme aus der Hollywood-Fabrik zu erwähnen. Doch in seinen Augen stirbt das Kino unter dem Druck ökonomischer Rentabilität unweigerlich an quantitativer Mittelmäßigkeit. Und schlimmer noch: Godard sieht in der Massenkunst Hollywood und Hitler vereinigt.

Auferstehung des Dokumentarfilms. Oh wie wunderbar, betrachten zu können, was man nicht sieht. Oh liebliches Wunder unserer blinden Augen. Abgesehen davon ist das Kino eine Industrie. Und nachdem der 1. Weltkrieg dem amerikanischen Kino ermöglicht hatte, das französische Kino zu ruinieren, ermöglichte ihm mit der Entstehung des Fernsehens der Zweite Weltkrieg die Finanzierung, das heißt der Ruin des gesamten europäischen Films.

Dieser Ruin betrifft – nach Meinung Godards – vornehmlich die Filme des italienischen Neorealismus. In Histoire(s) du cinéma erscheinen Rossellinis Rom, offene Stadt und Deutschland im Jahre Null als die wichtigsten Kriegsproduktionen. Hier werden soziale und individuelle Dramatik in kaum zu überbietender Weise gezeigt – in einer Zeit äußerster Bedrängnis. Das Filmlexikon widmet zwar den verschiedensten Regisseuren, Filmen, Themen und Gattungen wertvolle Kommentare, aber der italienische Neorealismus, ohne den ein Martin Scorsese undenkbar wäre, fehlt vollkommen. Dafür kommen die verschärften Arbeits- und Lebensbedingungen amerikanischer Schauspieler in der Zeit des Kalten Krieges zu Wort. René Classen erzählt von den sogenannten "Hollywood Ten", die wegen angeblicher kommunistischer Propaganda allesamt zu Haftstrafen verurteilt wurden. Das Kino unter den Bedingungen von Krieg, Tod und Gewalt – dies ist das Thema des Jean-Luc Godard:

Dass das Kino zunächst gemacht wurde, um zu denken, wird man sogleich vergessen. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Flamme erlischt in Auschwitz. Aber diese Geschichte ist gerade einmal einen Pfifferling wert.

Godard, der vielleicht radikalste Avantgardist der Nouvelle vague , kontrastierte nicht nur unaufhörlich Bilder, Töne und Stimmen. In einer schönen Analyse von Pierrot, le fou , mit Jean-Paul Belmondo und Anna Karina, zeigt Claus Löser, wie Godard bewußt mit Farben komponierte. Deutlich wird eine Rot-Blau-Polarität, die den gesamten Film durchzieht. Lösers Kommentar: Für Godard stehe die farbliche Unvereinbarkeit als Synonym für die quälende Einsicht, dass Frauen und Männer doch nicht zusammenpassen.

Noch eine Bemerkung zu den Angaben des Lexikons: Leider wird der Benutzer unter dem geläufigen Titel Pierrot le fou nicht fündig. Erst unter dem kuriosen deutschen Verleihtitel "Elf Uhr nachts" findet sich ein Eintrag. Dieser enthält aber trotz der Qualität des Films nur eine sehr dürftige Inhaltsangabe. Die übliche Bewertung außergewöhnlicher Filmproduktionen fehlt hier völlig. Aber man solle nicht lästern: Immerhin gibt das dreibändige Mammutwerk einen Überblick über sämtliche Filme, die irgendwann einmal den Weg in den deutschen Verleih fanden. Wer nun den vier Kilo schweren Schinken in den Händen hält, wird sich vielleicht fragen. Was ist denn nun das Kino? Der Meister weiß die Antwort:

Unserem Weg zum Tod folgend, auf den Blutspuren, die ihn zeichnen, weint das Kino nicht, weint es nicht über uns, es tröstet uns nicht, denn es ist mit uns, es ist wir selbst. Es ist da, wenn die Wiege ins Licht rückt, es ist da, wenn das junge Mädchen, vor uns auftaucht, aus den Fenstern gelehnt, mit seinen unwissenden Augen und einer Perle zwischen den Brüsten. (...) Es ist da, später, wenn sie gealtert, ihr Gesicht zerfurcht ist, ihre welken Hände nur sagen, dass sie dem Leben nicht gram ist, ihr übel mitgespielt zu haben. Es ist wiederum da, wenn wir alt sind und in die heraufziehende Nacht starren. Und es ist da, wenn wir tot sind und unser Leichnam den Kindern das Grabtuch entgegenstreckt.

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