• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kultur nach 3
StartseitePolitische Literatur (Archiv)Lexikon zum Terrorismus08.01.2007

Lexikon zum Terrorismus

Das im Eichborn-Verlag erschienene "Terrorismus-Lexikon - Täter, Opfer, Hintergründe" zeichnet die Geschichte dieser Art, Krieg zu führen, nach - egal, ob er im Namen der Freiheit geführt wird oder einer religiös, sozialrevolutionär oder ethnisch-nationalistisch begründeten Ideologie zum Sieg verhelfen soll. Reinhard Backes hat einen Blick in das Buch geworfen.

Die Terroristin Ulrike Meinhof bei ihrer Festnahme am 15. Juni 1972 in Hannover. (AP Archiv)
Die Terroristin Ulrike Meinhof bei ihrer Festnahme am 15. Juni 1972 in Hannover. (AP Archiv)

Diese Art der Kriegführung ist nicht neu, neu ist aber seine wissenschaftliche Bearbeitung. Dazu bietet das neue Lexikon zum Terrorismus einen Beitrag.

Auf 450 Seiten haben Wilhelm Dietl, Kai Hirschmann und Rolf Tophoven dabei Erkenntnisse zusammengetragen, die einer langjährigen Beschäftigung mit dem Thema entspringen. Ihre Quellen legen die drei dabei nur bedingt offen, um - wie sie betonen - die Informanten zu schützen. Hinlänglich bekannt sind hingegen die Autoren: Wilhelm Dietl ist freier Journalist und Buchautor, Kai Hirschmann Lehrbeauftragter am Seminar für Politische Wissenschaften der Universität Bonn sowie stellvertretender Direktor am Essener "Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik". Rolf Tophoven hat diese Institution 2003 wieder begründet. Bereits Mitte der 1980er hatte der Historiker ein Institut gleichen Namens in Bonn ins Leben gerufen.

In ihrem Lexikon spüren die Autoren den Anfängen des modernen Terrorismus in den 1930er Jahren nach wie den Vorläufern der heutigen Terroristen in den 1960er und 70er Jahren. Sie lassen dabei nicht unerwähnt, dass der Begriff eigentlich nicht eindeutig verwendet wird. Zu vielfältig sind die Formen dieser Art von Gewalt, zu unterschiedlich die Motive der Akteure.

Beschrieben werden etwa die Hintergründe der Gewaltakte der amerikanischen, christlich-nationalistischen Rechten, des sozialrevolutionären Terrors der "Rote Armee Fraktion" in Deutschland, der italienischen "Brigate Rosse" oder der in Frankreich aktiven "Action Directe". Dargestellt werden aber auch die Anfänge der japanischen Variante namens "Nihon Sekigun".

Dietl, Hirschmann und Tophoven zeigen die historische Entwicklung dieser Formen politisch motivierter Gewalt, die letztlich erfolgreich überwunden wurden. Sie legen die sozialen und politisch-wirtschaftlichen Wurzeln wie psychologischen Ursachen frei. Und sie verdeutlichen die aktuellen Konflikte, die sich erst nach der Überwindung des Ost-West-Gegensatzes offenbarten. Es sind Diskrepanzen, die aufgrund der jahrzehntelangen Frontstellung zwischen den USA und der UdSSR nicht offen ausbrechen konnten, danach aber wohl. Eine Ursache: Durch koloniale Grenzziehung entstandene, scheinbar stabile, aber im Grunde nicht lebensfähige Staaten, wurden während der Phase des Kalten Krieges von der einen oder anderen Seite protegiert und künstlich am Leben gehalten.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion besetzten allerdings Akteure das Feld, die bis dahin benachteiligt oder unterdrückt worden waren. Eindeutiger Schwerpunkt des gemeinsamen Werkes ist der seit dem 11. September 2001 ins öffentliche Bewusstsein gerückte islamistische Terror. Zur Begründung heißt es:

"Die Anschläge des 11. September 2001, vielfach als ein Wendepunkt in der Geschichte von Konflikten verstanden, haben nicht die Rahmenbedingungen schlagartig verändert, sondern vielmehr Prozesse sichtbar werden lassen, die bereits länger existierten. [...] Die internationale Dschihad-Bewegung führt spätestens seit 1991, nicht wahrgenommen von der Öffentlichkeit, einen sich intensivierenden "frommen Weltkrieg", um Symbole der "Ungläubigen" zu zerstören und mit ihnen so viele Menschen wie möglich zu ermorden. Rund um den Globus hinterlassen die Dschihad-Fanatiker seither in regelmäßigen Abständen eine Spur der Verwüstung und des Todes mit strategisch ausgewählten Zielen wie zum Beispiel den europäischen Anschlägen in Madrid (März 2004) und London (Juli 2005)."

Dietl, Hirschmann und Tophoven erläutern Methoden und Strategien islamistischer Terroristen, die weltweit Netzwerke gebildet haben, über eine funktionierende Logistik verfügen und modernste Kommunikationsmittel wie das Internet geschickt nutzen. Die Experten diskutieren künftige Gefahren, etwa mögliche Sabotageakte gegen die internationale Schifffahrt zur Unterbindung von Handelswegen sowie die Gefährdung durch biologische, chemische oder nukleare Waffen.

Dabei warnen sie sowohl vor Hysterie wie vor Verharmlosung. Terrorismus ist und bleibt eine Bedrohung, ob er nun direkt von Staaten geführt, staatlich gefördert oder geduldet oder von kaum noch zu fassenden Gruppen gesteuert wird. Gerade diese entziehen sich geschickt jeglichem Zugriff. Sie werden gar nicht erkannt und bilden deshalb die gegenwärtig gefährlichste Variante:

"Wenn eine Bedrohung dann doch erkannt wurde, ist es interessant, womit sich die Angegriffenen wehren: Mit Bekämpfungswerkzeugen, die der Bedrohung angepasst und angemessen sind? Falsch! Zur Anwendung kommen außenpolitisch klassische Machtinstrumente wie Militär- und Polizeiaktionen sowie repressive Diplomatie; also im Grunde die Toolbox des Kalten Krieges. Innenpolitisch vertrauen die Regierungen nur allzu oft auf schärfere Gesetze. Beides ist als alleinige reaktive Strategie ungeeignet, die Gewaltideologien der heutigen Zeit zu bekämpfen. Gewaltideen können nicht mit Gewaltmaßnahmen bekämpft werden, und der Rechtsstaat wird nicht dadurch geschützt, dass man ihn demontiert. Im Gegenteil: Klassische Machtinstrumente wirken gegen die gesamte Bevölkerung einer Region, da hier eine Differenzierung zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten fehlschlägt. So wird häufig das Gegenteil erreicht, nämlich ein immer größer werdendes Reservoir an willigen Gewalttätern. Einer Hydra gleich wuchert das Problem weiter, anstatt kleiner zu werden."

Kein gutes Zeugnis stellen die Autoren der Politik der westlichen Staaten, insbesondere den Vereinigten Staaten aus. Eine verfehlte Politik hat den Irak wie die gesamte Region nicht sicherer gemacht - das Gegenteil ist der Fall, Fanatikern spielt diese Entwicklung in die Hände. Dietl, Hirschmann und Tophoven fordern eine Kursänderung, geben aber nicht vor, die Lösung zu kennen. Einen Königsweg der Terrorabwehr gebe es nicht. Eine Variante ist aus ihrer Sicht eine intensive Auseinandersetzung mit dem Islam. Ein besseres Verständnis dieser Weltreligion könne ihre Perversion durch die im Namen Allahs handelnden Terroristen bloßstellen.

Fazit: Wer sich schnell - ob punktuell oder umfassend - über Akteure und Hintergründe des Terrorismus informieren will, sollte das Lexikon erwerben. Aufschlussreich ist eine dem Buch angehängte Sammlung von Kurzbiographien der bekanntesten Terroristen. Es sind Lebensläufe von Frauen und Männern, die Ideale für sich reklamieren, die sie durch ihre Taten zerstören.

Dietl, Wilhelm; Hirschmann, Kai; Tophoven, Rolf (Hrsg.):
Terrorismus-Lexikon

Täter, Opfer, Hintergründe
Eichborn Verlag Frankfurt a. M., 448 Seiten, 24,90 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk