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Mittwoch, 13.12.2017
StartseiteBüchermarktLicht im Dunkel15.01.1999

Licht im Dunkel

"Ihr war etwas zugestoßen, was man in wortkarger Übereinkunft ein Unglück nennt, sie sprach jedoch nicht darüber."

Florian Felix Weyh

Man kennt das Phänomen: Auf den ersten Seiten eines Buches, noch unentschlossen, ob man sich der Lektüre hingeben solle oder nicht, stößt man auf ein Signal. Eine Wendung, ein Wort, die in nuce den Odem enthalten, der den ganzen Roman durchzieht. Bei Virginie Lou muß man nicht lange suchen; der sechste Satz ihres Romandebüts "Licht im Dunkel" macht die Entscheidung leicht. Denn der Ton einer altmeisterlichen Novelle, spröde und distanziert, ist für sich genommen schon eine Seltenheit in der zeitgenössischen Literatur. Nur auf den ersten Blick scheint der Topos dazu kühn erwählt; eine Vergewaltigungsgeschichte – wie sie der Text erzählt – verlangt gerade nicht nach krudem Realismus, sondern nach einer literarischen Form. Von ferne klingt die Kleistsche "Marquise von O." durch, der eben auch etwas zustößt, was man in wortkarger Übereinkunft ein Unglück nennt.

Zwei Begriffe, zwei Erzählstränge: Wortkargheit und Unglück. Beide charakterisieren das Leben von Solange, einer vierzigjährigen Möbelrestauratorin am Rande einer Trabantenstadt. Mit ihrem Mann Serge, der gerne Filmemacher geworden wäre, nun aber nur noch Filme vorführt, hat sie sich in ein rudimentäres Dorf zwischen Autobahn und Wohnsilos zurückgezogen; eine keineswegs mehr intakte Idylle. Die verwahrlosten Jugendlichen aus dem Armutsghetto nebenan stechen auch hier Autoreifen durch und sorgen für ein diffuses Gefühl der Bedrohung. Weil Solange und Serge aber einer linksromantischen Vergangenheit entstammen, blenden sie diese Bedrohung weitgehend aus, ärgern sich zwar über die ihnen zugefügten Unanehmlichkeiten, lassen aber weiterhin ihre Türen ungesichert. Eines Nachts, Serge ist auf einem Filmfestival, dringt ein maskierter Mann ins Haus, bedroht und fesselt Solange, zerschlägt in sinnloser Aggression den gesamten Hausstand und vergewaltigt sein Opfer mehrmals. Dabei wird offenkundig, daß es sich um einen Jugendlichen handelt, nicht mal halb so alt wie Solange. Mit kühler Distanz gelingt es ihr, das Zerstörungspotential dieses Jungen von ihr ab-, ihm selber zuzuwenden. Nach und nach betrinkt er sich, um am nächsten Morgen verkatert – und fast mit einer Entschuldigung auf den Lippen – den Ort seiner Schandtat zu verlassen. Ein Soziopath, gewiß, aber in diesem Moment wirkt er wie ein kleiner, verschämter Junge.

Mitleid mit dem Täter? Das griffe zu kurz. Mitleid mit dem Opfer? Selbstverständlich – aber hier setzt die literarische Könnerschaft ein. Virginie Lou zielt nicht auf eine Schuld-und-Sühne-, Haß-und-Rache-Geschichte, sie beschreibt eine hoch komplexe soziale Verstrickung. Solange ist vordergründig nicht zerstört, sondern glücklich; ihre Umwelt kann das weder ertragen noch verstehen, ja Serge verdächtigt sie sogar, die Vergewaltigung genossen zu haben. Um das Schreckliche der Nacht zu überstehen, hat Solange sich auf den einzig positiven Aspekt konzentriert: ihr Überleben. Das daraus resultierende Glücksgefühl am anderen Morgen ist rauschhaft und läßt sie sogar von einer Anzeige Abstand nehmen. Die nämlich scheint ihr angesichts der eigenen Verstrickung verwerflich: Sie hat, zwischen den Vergewaltigungen, mit ihrem Peiniger gelacht, seinem Begehren nach einer simulierten Heile-Welt-Situation nachgegeben, wie seine Frau an seiner Seite gelegen. Folgerichtig geht die Geschichte nicht gut aus. Solanges Ehe zerbricht, einige Jahre später begeht sie Selbstmord. Die Unmöglichkeit, jenseits vom Klischee zu vermitteln, was in der Nacht geschah – wie die Gewißheiten der Zivilisation zusammenbrachen, sie sich einer brachial erzwungenen Intimität nicht widersetzen konnte, ja momenteweise Sympathie für ihren Peiniger empfand –, all dies macht ein normales Weiterleben unmöglich. Die Reaktionen der Freunde und Familie lassen deutlich erkennen, daß man ein genormtes Opferverhalten von ihr erwartet, mitnichten die Widersprüchlichkeit der Situation erläutert haben will. "Sie sahen mich alle an", sagt die Ich-Erzählerin, "mit einer Art Mitleid, gemischt mit Furcht, als würde ich die entsicherte Handgranate des Unglücks in der Tasche tragen."

Sprache und Ton dieser Autorin sind so individuell wie das Innenleben ihrer Heldin, die seltsame Beobachtungen macht und eigenwillig formuliert. In den Vergewaltigungsszenen erspart Virginie Lou ihren Leserinnen – und hoffentlich auch Lesern – keineswegs demütigende Details. Sie verletzen die Schamgrenze beider Geschlechter aber derart, daß es auch dem übelwollensten Voyeur schwerfallen dürfte, sich daran sexuell zu ergötzen. Allein dies eine literarische Meisterleistung, wie das ganze Buch ein Prädikat verdient: wichtig, gelungen, schmerzhaft.

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