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StartseiteBüchermarktLicht in den Schatten bringen09.05.2006

Licht in den Schatten bringen

"Schwarze Jahre" nennt man in Frankreich die Zeit der Besatzung. Die Mehrheit war weder bei den Kollaborateuren noch bei der Résistance, sondern verschloss Augen und Ohren und hoffte, dass die schwarzen Jahre von selbst vorbei gehen würden. Gegen diesen kollektiven Gedächtnisverlust richtet sich die politische Stossrichtung von Cécile Wajsbrots Roman "Der Verrat", der im französischen Original schon 1997 erschienen ist, aber noch ein paar Jahre früher spielt.

Von Martin Ebel

Die Erinnerung geht seltsame Wege. Manchmal verbirgt sie das, was war, wie unter einer Schneedecke, einen Winter lang, der aber viele Jahre, ja Jahrzehnte dauern kann. Und dann schwemmt das Tauwetter den Schnee hinweg, und mit einem Mal ist alles Vergessene wieder da. "Die Erinnerung geht seltsame Wege", sagt Louis Mérian, ein Radiomoderator im Ruhestand, als seine Schneedecke längst geschmolzen ist. Das Tauwetter ereilt ihn in Gestalt der jungen Kollegin Ariane, die im Rahmen einer Serie über Radiolegenden auch Louis Mérian ins Studio geholt hat. "Was haben Sie im Krieg gemacht?" fragt sie ihn plötzlich, mitten ins harmlose Geplauder hinein. Der Veteran gibt ausweichende Antworten, er sei jung gewesen, erinnere sich an nichts besonderes, sein Leben habe erst richtig nach dem Krieg begonnen. Die Sendung endet mit einem Misston.

Aber mit einem Nachklang: Denn längst hat Ariane bei Louis Mérian etwas ausgelöst. Eine bestimmte Bewegung der jungen Kollegin hat eine Gestalt aus ferner Zeit heraufgerufen: Sarah Lipsick, eine junge Jüdin, die mit ihm die Theaterschule besuchte, in die er sich verliebte und die er wieder verlor. Damals, in den "schwarzen Jahren", wie die Franzosen sagen, wenn sie die Besatzung meinen, eine Zeit, über die lange gar nicht gesprochen wurde und auch heute noch nicht so gern gesprochen wird. Denn diese Zeit, von der Jean-Paul Sartre einmal schrieb, dass es eine gute Zeit war, weil jedermann die klare Wahl zwischen richtig und falsch treffen konnte: Diese Zeit haben die allermeisten Franzosen verbracht, ohne ihre Wahl zu treffen. Die Mehrheit war weder bei den aktiven Kollaborateuren noch gar bei der Résistance, die Mehrheit machte halt weiter, verschloss notfalls Augen und Ohren und hoffte, dass die schwarzen Jahre irgendwie von selbst vorbei gehen würden.

Gegen diesen kollektiven Gedächtnisverlust: Das ist die politische Stossrichtung von Cécile Wajsbrots Roman "Der Verrat", der im französischen Original schon 1997 erschienen ist, aber noch ein paar Jahre früher spielt. Da hatte der Staatspräsident noch nicht Position bezogen und klare Worte für das Versagen seiner Landsleute gefunden.

Chiracs Vorgänger Mitterrand, der eine doppelte Vergangenheit hatte, als Résistant, aber davor auch als Mitarbeiter der kollaborationistischen Pétain-Regierung, verkörperte geradezu das Bemänteln und Beschweigen als Staatsräson. Auch wenn sich seither einiges geändert hat: "Der Verrat" ist durch die späte Übersetzung für uns nicht zum historischen Roman geworden. Es ist vor allem der Roman einer Moralistin, und Cécile Wajsbrot steht damit in der allerbesten französischen Tradition.

Die französische Literatur, das muss auch einmal gesagt sein, wird nur in den Augen einer schlecht informierten Öffentlichkeit repräsentiert durch Skandalautoren wie Michel Houellebecq oder Cathérine Millet. Sie verursachen die medialen Staubwolken, hinter denen Autoren wie Patrick Modiano, Philippe Claudel oder eben Cécile Wajsbrot dann weniger gut zu sehen sind.

Cécile Wajsbrot also ist eine Moralistin im Sinne des 17. und 18. Jahrhunderts, was bedeutet, dass sie das Verhalten der Menschen beobachtet und ihre Schlüsse daraus zieht. In Cécile Wajsbrots Roman tut dies auch der Betroffene, Louis Mérian. Seine Erinnerung an Sarah nimmt immer präzisere Konturen an, und damit auch die an sein eigenes schmähliches Versagen. Aus Liebe zu Sarah hat er sich an einem Widerstandsnetz beteiligt; bald aber gewann die Angst die Oberhand, er fühlte sich überfordert und zog sich aus allen geheimen Aktivitäten zurück. Nur halbherzig versuchte er, seine opportunistischen, latent antisemitischen Eltern zu überreden, Sarah zu verstecken. Vergeblich.

Dann wird Sarah deportiert, er hört nie wieder etwas von ihr. Und begräbt sein eigenes schlechtes Gewissen unter einer dicken Schneedecke.

Wie die Erinnerung sich wieder meldet, wie sie immer unausweichlicher zu ihm spricht, wie er ausweichen will - was konnte er denn machen; hatte nicht überhaupt seine Familie schuld? - und doch dem Urteil nicht ausweichen kann, das er sich schließlich selber spricht: Das entwickelt Cécile Wajsbrot mit dem subtilen Scharfsinn einer Psychologin und mit der Zwangsläufigkeit eines analytischen Dramas. Es gelingt ihr, sich den ins Ungefähre mäandernden Gedankengängen des müden Pensionärs stilistisch ebenso anzuschmiegen wie den harten Sprüngen der Erkenntnis: der Erkenntnis, dass sein ganzes Leben nach Sarahs Verschwinden ein einziges Ausweichen war - Ausweichen vor der Bindung an andere Frauen, vor einer sinnvollen Tätigkeit, vor sich selbst.

Ariane, die Auslöserin dieses Erinnerungs- und Erkenntnisprozesses, nimmt etwas überdeutlich die Stelle der Autorin ein, die ja nicht gut selbst im Buch auftreten kann. Ariane ist Jüdin und in einer Familie von Holocaust-Opfern aufgewachsen. Die Vergangenheit ist immer da, sie wird zur Obsession; auch die Eltern ihrer Liebhaber fragt sie stets nach den "schwarzen Jahren" und wie sie sie bestanden haben, und sie trifft meist auf die ihr sattsam bekannten Mechanismen der Verdrängung und des Weglügens. Es mache ja nichts, dass sie Jüdin sei, sagt einer dieser potenziellen Schwiegerväter allen Ernstes - oder vielmehr in aller Gedankenlosigkeit.

Cécile Wajsbrot weiß, wovon sie schreibt; sie ist 1954 in Paris geboren, als Tochter polnischer Juden; ein Großvater wurde in Auschwitz ermordet, und ihre Mutter ist der berüchtigten Razzia vom Juli 1942 nur knapp entgangen, die auch in diesem Roman eine Rolle spielt. Das Thema lässt die Autorin nicht los, in diesem Roman (es ist ihr vierter) ist es zentral. Und von exemplarischer Bedeutung. Denn Moralistin ist Cécile Wajsbrot auch in dem, was sie von der Literatur verlangt. Diese darf sich nicht zugunsten der Unterhaltsamkeit und leichten Konsumierbarkeit um die wichtigen Fragen des Lebens herumdrücken. Es liegt ein fast existenzialistischer Ernst in dieser Auffassung. Cécile Wajsbrot, die ihren Roman mit einem Netz von maritimen Bildern überzogen hat, einer Art von Super-Metapher, die an kunstreiche, ja kunstverliebte Phasen der Literaturgeschichte erinnert: Sie hat auch für ihr Forderung an das Leben und Schreiben ein passendes Bild gefunden: Nur nicht an der Oberfläche bleiben und die Augen vor dem verschließen, was in der Tiefe liegt. Schätze können das sein, aber auch Monster. Der Schriftsteller muss ein furchtloser Tiefseetaucher sein. Nicht nur der Schriftsteller: jeder Mensch.

Cécile Wajsbrot:
"Im Schatten der Tage"
(Verlag Liebeskind)

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