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StartseiteBüchermarktLiebe als das einzige Fenster zur Ewigkeit14.08.2013

Liebe als das einzige Fenster zur Ewigkeit

Wolf Wondratschek: "Mittwoch". Jung und Jung Verlag

Wolf Wondratschek mischt in seinem jüngsten Buch "Mittwoch" Sprachbilder von lässiger Anmut und sanfter Beiläufigkeit wie selbstverständlich mit Milieuszenen und coolen Sprüchen von der Poesie und Griffigkeit einer Songzeile. Ein Mix, der seine Wirkung nicht verfehlt.

Von Michaela Schmitz

Wolf Wondratschek ist am 14. August 2013  70 Jahre alt geworden. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
Wolf Wondratschek ist am 14. August 2013 70 Jahre alt geworden. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
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Ein Großstadtcowboy wird Vater

"Welches Alter hat die Seele des Menschen?", fragt der Erzähler in Wolf Wondratscheks neuem Roman "Mittwoch". Die Antwort gibt er sich gleich selbst: "Das Alter vieler Träume." Die Suche danach treibt seine Erzählung an. Der erfahrene literarische Traumfänger und Seelenkundler setzt dabei auf eine erprobte Methode: den Zufall. Seine Geschichte folgt einem 100-Euro-Schein. Der Hunderter wechselt wie beim Märchen-Singspiel vom wandernden Taler von einer Hand in die andere: Ein Mann hinterlegt das Geld für die Reservierung eines Zimmers beim Portier eines Hotels, der ihn an einen Mechaniker weitergibt. Dieser verliert den Hunderter bei der Pferdewette an den Sohn eines Gastwirts. Der wiederum bezahlt mit dem Schein eine Prostituierte, die damit ihre Schulden bei ihrer Friseuse und diese bei ihrem Chef begleicht. Der Friseur schickt das Geld zum Tabakhändler, der einen ausstehenden Betrag beim Portier des Hotels damit bezahlt. Exakt in diesem Moment wird der Hunderter vom Mann, der ihn morgens dort hinterlegt hat, wieder zurückgefordert, denn er hat sich für eine andere Unterkunft entschieden.

"Wie nennt man das, was man Zufall nennt, wenn man nicht an Zufälle glaubt?", hören wir den Erzähler aus dem Off durch eine seiner Figuren rätseln. Denn mit dem Wandern des Geldscheins von Person zu Person wechselt der Erzähler auch die eigene Identität. Die Figuren sind seine Alter Egos, ihre Lebens- und Liebesgeschichten, ihre Träume Spiegel seiner Seele. Nicht zufällig geht es in einer Schlüsselszene des Buchs um einen alten Handspiegel. Der Friseur hat ihn in einem Petersburger Trödelladen entdeckt. Der Händler namens Belanow will ihn nicht aus der Hand geben.

Plündernde Soldaten zerschlugen Geschirr, schlitzten Gemälde auf, Spiegel aber ließen sie unbeschädigt, bemerkte Herr Belanow. Seltsam nicht wahr? Sie hatten vor den Spiegeln mehr Respekt als vor den Frauen; die haben sie sich genommen.
Was meinte er? Dass es Gegenstände gab, die Magie hatten, vor der selbst Barbaren zurückschreckten? Wollte er das Seltene noch kostbarer machen?
Spiegel sprechen. Sie sprechen nicht nur, sondern erzählen, was der, der sein Spiegelbild betrachtet, zu erzählen selbst nie wagen würde.
Spiegel sind ein Gemütszustand. Schließe, bevor du eine Entscheidung triffst, die Augen.


Möglicherweise sei der Spiegel sogar das Geschenk der Zarin Katharina an eine ihrer Hofdamen gewesen, fügt der Händler hinzu. Der Friseur ist verzaubert. Ein schöner Gegenstand brauche schließlich seine Geschichte. Und nichts gehe über eine Geschichte, auch wenn sie nur erfunden sei. Trödler Belanow hält dem Erzähler selbst den Seelenspiegel vor: der Händler als Erzähler, "die Taschen mit Geschichten gefüllt", mit dem Glück und Unglück, der Liebe und den Leidenschaften von Menschen. Seine Währung sind ihre ungelebten Träume. Wie er handelt auch Wondratscheks Erzähler mit Geschichten von menschlichen Schicksalen, ihren Passionen, von Krankheit, Tod und der Hoffnung auf Erlösung.

Da ist zum Beispiel die Geschichte des Gastwirts und seiner sterbenskranken Frau. Wo bleibt die Liebe, wenn alles Liebenswerte mit Körper und Geist verfällt? Am Ende nur noch im Geschmack von in Schokolade getauchten Birnenstücken als letzte süße Erinnerung an ihre erste glückliche Zeit. Ihr gemeinsamer Sohn ging bei der Krankheit gleich mit drauf. Sie hatten einfach vergessen, ihn zu lieben.

Oder die Geschichte von der Friseuse, die sich auf einer Maltareise in einen geschlagenen Boxer verliebt. Der erstaunlich schlechte Liebhaber vom Typ Mann "mit Fernweh nach Frauen" macht sich vor der Liebe aus dem Staub. Unfähig zum Spiel außerhalb des Boxrings, den man entweder als Sieger oder Verlierer verlässt. Und die Friseuse? Erinnert sich allein in ihrem Hotelzimmer daran, dass Liebe auch einfach heißen kann, ganz bei sich zu sein. Sie wechselt nach ihrer Rückkehr aus Malta vom Friseurfach als Prostituierte ins Bordell. "Gab es einen Ort auf der Welt, der keine Kampfzone war?", hatte ihre Mutter einmal gefragt, als ihr Mann sie mit einer Jüngeren betrog.

Eine ganz andere Geschichte erzählt von der Petersburger Geigerin Olga, einer gläubigen Jüdin. Ihre ganze Liebe gilt der Musik, ihre Hoffnung Gott, ihre Sehnsucht der Freiheit. Sie stellt einen Ausreiseantrag. Er wird abgelehnt. Von einem frustrierten Beamten, der darüber nachsinnt, wie man eine Ehe in eine Liebesgeschichte zurückverwandeln kann. Er schickt Olga auf Tournee in die Provinz. Die Musik kann er ihr nicht nehmen.

Es gibt Musik, dachte Olga, die wie eine nur durch Schneeflocken beschienene Dunkelheit klingt. Und sie beißt sich die Zähne daran aus, sie auf der Geige so hinzukriegen, wie es sein muss: Kaum zu hören, in der richtigen Temperatur, leicht und kalt, weich und klar. Wie Flocken, die Eiskristalle sind. Einmal hat sie einer, mit dem sie gerade geschlafen hatte, gefragt, woran sie denke. Sie waren gerade auseinander gerollt. Woran? An Schuberts C-Dur Fantasie und warum es mir nicht gelingt, den Bogen wie Schnee auf die Saite fallen zu lassen.

Es scheint, allein die Musik versteht etwas von der Liebe. Von der letztlich alle Mittwochs-Geschichten Wondratscheks auf irgendeine Weise handeln: von der Ur-Liebe zwischen Kindern und Eltern über den "sexuellen Klamauk" bis zur Sehnsucht nach dem idealen Partner. Unzählige Liebesarten, die am Ende vielleicht alle nichts anderes sind als die Suche nach Erlösung. Aus Angst vor dem Tod und davor, "einfach nur so zu sterben, nur so. Keine Engel weit und breit. Kein Kranz aus Licht. Keinerlei Anzeichen einer Verklärung", so der neunzigjährige Professor in einer Geschichte. Wahrscheinlich können wir deshalb nicht aufhören, uns verlieben zu wollen. Im "Raum zwischen Todeszone und Banalität" erscheint uns die Liebe als das einzige Fenster zur Ewigkeit. Auch wenn wohl den wenigsten Liebesverhältnissen Dauer beschieden ist. Darauf zumindest lassen Wondratscheks Geschichten schließen. "Das Paradies! Irgendwo, glaub mir, hält es sich versteckt", entgegnet Bruno, Polizist und Stammkunde des Tabakladens, in einer ganz anderen Geschichte. Wie das aussehen könnte? Mit der Vision einer Auenlandschaft als "Chaos in Vollendung" antwortet der Professor im Gespräch mit dem Tabakhändler. Hier macht die Erde selbst Musik.

… eine Wunderwelt scheinbar nutzlos wuchernden Lebens, in der alles wirke wie tot und doch, über und unter Wasser, unruhig sei und lebendig; er sah das Utopia einer sich selbst überlassenen Welt. Und wenn Sie die Augen schließen und lange genug geschlossen halten, hören Sie eine nur noch selten aufgeführte Musik aus Vogellauten, dem Quaken von Kröten und Fröschen, dem Sirren und Surren von Insekten. (…)
… wir haben es hier mit einer Musik zu tun, die zu den ältesten Tonschöpfungen der Erde zu zählen ist, und das im wahrsten Sinne des Wortes: die Schöpfung macht Musik. Alles ist Zufall und nichts. Es klingt, wie es klingt. Es ist gemacht, aber nicht gewollt. Es ist eine Musik, die selbst Erde ist. Erde, Luft und Licht, alle Schattierungen von Licht.


Ist der linke Provokateur Wondratschek auf einmal religiös geworden? Fragt sich der Leser spätestens nach dieser nahezu biblisch klingenden Passage. Der Erzähler antwortet mit Ironie. Und einer Geschichte: Von der Wunderheilung des Tabakhändlers durch die Liebe. Nach jahrelanger unbefriedigender sexueller Zerstreuung wird er durch eine zufällige, als überirdisch erlebte erotische Begegnung von seiner Migräne geheilt. Und damit nicht genug: Die Frau erwartet ein Kind von ihm. Nach wenigen Kontakten macht er ihr einen Heiratsantrag. Damit geht das Heilsversprechen einer vom Tabakhändler aufgesuchten, vom Professor empfohlenen Wunderheilerin in Erfüllung.

Für Wunder scheint ein Tabakladen wohl der denkbar unbrauchbarste Ort zu sein. Genau das macht den Charme dieser Geschichte aus. Diese wie alle Mittwochs-Geschichten spielen mit ironischer Brechung: indem sie philosophisch Hintergründiges oder religiöse Bezüge auf der Bühne von Alltags-, Bordell- oder Boxermilieus platzieren. Auch auf sprachlicher Ebene mischen sich divergierende Stile wie flapsige Dialoge und kernige Sprüche mit elegant formulierten philosophischen Reflexionen. Der Effekt ist eine fruchtbare Überlagerung und gegenseitige Ironisierung unterschiedlicher Figuren, ihrer Träume, Passionen und Liebesarten. Eine mehrschichtige Erzählung ineinander gestaffelter, sich gegenseitig reflektierender Spiegelbilder.

Wondratscheks große Kunst ist die unmerkliche Verknüpfung dieser unterschiedlichen Figuren und ihrer Geschichten. Genauso zufällig wie zwingend und mit der gleichen "geisterhaften Genauigkeit, mit der das Leben die Karten verteilt", verbindet er weit auseinanderliegende Lebens- und Liebesräume: über einen hauchdünnen Erzählfaden, das winzigste Detail einer Geschichte, oft nur über ein Wort. Wondratschek ist ein Meister des zärtlichen Übergangs und der kunstvollen Ausschweifung. Sprachbilder von lässiger Anmut und sanfter Beiläufigkeit mischt er wie selbstverständlich mit Milieuszenen und coolen Sprüchen von der Poesie und Griffigkeit einer Songzeile. Ein Mix, der sich nicht nur sehr süffig liest, sondern am Ende auch seine Wirkung nicht verfehlt.


Wolf Wondratschek: "Mittwoch"
Jung und Jung Verlag, Salzburg, 244 Seiten, 22 Euro, ISBN: 978-3-99027-041-7

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