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StartseiteBüchermarktLiebe und das Leben im Exil03.04.2008

Liebe und das Leben im Exil

Der Roman "Die Frau unseres Lebens" der chilenischen Schriftstellerin Carla Guelfenbein

1,6 Millionen Chilenen verließen nach dem blutigen Militärputsch von Augusto Pinochet 1973 ihr Land. Bereits Mitte der 90er Jahre war Carlos Cerdas Roman über seine Jahre in der ehemaligen DDR, "Santiago - Berlin. Einfach", in Chile sehr erfolgreich. 2005 führte Carla Guelfenbeins "Die Frau unseres Lebens" monatelang die Bestsellerliste in Chile an. Nun liegt der Roman auf Deutsch vor.

Von Eva Karnofsky

Der ehemalige chilenische Diktator, Augusto Pinochet (AP)
Der ehemalige chilenische Diktator, Augusto Pinochet (AP)

Der Titel lässt es vermuten: In "Die Frau unseres Lebens" geht es um eine Dreiecksgeschichte. Der britische Student Theo verliebt sich in die Chilenin Clara, die ihn jedoch um ihres Landsmanns Antonio willen verlässt. Antonio war Theos bester Freund. Zwar ist diese Liebesgeschichte omnipräsent, doch für Carla Guelfenbein ist sie vor allem Vehikel, um sich einem anderen Stoff zu nähern - dem Leben im europäischen Exil und der Rückkehr in die Heimat.

"Das Buch ist autobiographisch, denn ich habe 1986, in dem Jahr, in dem der Roman spielt, selbst in England im Exil gelebt. Sämtliche Beobachtungen, die sich auf diese Zeit beziehen, auf diese Generation, die Energie dieser Generation, auf das Leben im Exil, basieren auf meinen eigenen Erfahrungen."

Es ist Theo, der Brite, der als Ich-Erzähler Rückschau hält auf jene Zeit. Durch seinen Kommilitonen Antonio kommt er in Kontakt mit der Welt der Exil-Chilenen. Wie so viele Studenten im Europa der Siebziger- und Achtzigerjahre, hilft er den Exilanten dabei, hier gegen die Diktatur zu Felde zu ziehen. Das Sich-Einfühlen in Theos Suche nach einem sinnvollen Leben, einem Leben, das ein klares Ziel hat, nämlich die Welt zu verbessern, ist die große Stärke des Romans. Im satten Europa war es damals schwer geworden, etwas zu verändern, und so verliert Theo immer mehr den Bezug zu seiner direkten Umgebung und verschreibt sich, wie so viele junge Leute damals, dem Kampf gegen die Diktatur in Lateinamerika, der begleitet war von Revolutionsromantik und Musik aus den Anden.

"Die Tatsache, dass es kein Chilene, sondern ein Engländer war, der auf diese Welt der Exil-Chilenen schaut, war für mich eine literarische Herausforderung. Dies erlaubte mir einen neutraleren Blick. Hätte ich aus Sicht eines Chilenen geschrieben, hätte ich viel politscher werden müssen, denn schließlich sind wir Chilenen, und waren es vor allem damals, sehr politisiert. Der Engländer aber ist lediglich Beobachter."

Nicht nur Antonios scheinbare Selbstsicherheit und sein Tatendrang ziehen Theo in dessen Bann - es sind auch die vielen tragischen Geschichten der Exilanten, bei denen es immer um Leben und Tod geht, die den Engländer aus gutem Hause nicht mehr loslassen. Claras Mutter, mit der diese in England lebt, war von den Militärs verschleppt worden, Antonios Bruder im Untergrund gestorben. Und Antonio kennt nur ein Ziel – zurückzukehren, um sich ebenfalls dem bewaffneten Kampf gegen das Unrechtsregime anzuschließen. Die Liebe zu Clara, die Ballett studiert, ist für Theo eine logische, emotionale Konsequenz aus seiner Parteinahme. Clara bleibt allerdings politisch passiv. Ihre Solidarität mit der Heimat beschränkt sich darauf, Theo den Rücken zu kehren und sich Antonio zuzuwenden, als dieser, in England zur Untätigkeit gezwungen, wie so viele Exilanten in eine psychische Krise gerät. Theo, so glaubt Antonio, hat ihn verraten, denn er hat Antonios Rückkehr nach Chile zunächst verhindert, auf inständiges Bitten von Antonios Vater, der fürchtet, auch noch den zweiten Sohn zu verlieren. Doch das weiß Antonio nicht.

Erst nach 15 Jahren, an dessen Grab in Chile, erfährt Theo, dass Antonios spätere Rückkehr dann keinesfalls heroisch ausfiel. Er fristete vielmehr ein armseliges Dasein als Vertreter, frustriert, depressiv und abseits des politischen Geschehens. Er musste feststellen, dass sich in Chile die Dinge weiterentwickelt hatten, während ihm im Exil der Bezug zur dortigen Realität verloren gegangen war. Es bleibt offen, ob Antonio schließlich Opfer eines Unfalls wird, seinem Leben ein Ende setzen oder endlich doch einmal seinen Heldenmut beweisen will, als er ein Kind vor dem Ertrinken rettet.

"Ich kenne viele Chilenen, die Antonios Schicksal erlitten, in dem Sinne, als sie nach der Rückkehr zur Demokratie keinen Platz in der Welt mehr fanden. Die Rückkehr zur Demokratie war ausgehandelt, und da gab es keinen Raum mehr für radikale Positionen. Und wer radikale Ideen hatte, blieb außen vor."

Clara dagegen findet sich zurecht, war es doch immer ihre Rolle, sich anzupassen. An das Exil der Mutter, an Antonios Entscheidungen. Sie leidet darunter, doch sie schweigt, flieht in den Tanz und vertraut lediglich ihrem Tagebuch ihre Gefühle an. Nach fünfzehn Jahren gibt sie es Theo, damit er versteht, warum sie ihn verließ: weil Antonio ein Stück Heimat war, und auch, weil er ihr leid tat, als er sich von Theo verraten glaubte und zunächst in England bleiben musste.

"Ich bin Clara sehr ähnlich. Ich lebte zwar in einer sehr politisierten Umgebung, meine Eltern mussten Chile aus politischen Gründen verlassen, und ich war auch schon mit vierzehn Jahren politisch aktiv, aber im Grunde bin ich kein sonderlich politisches Wesen, in dem Sinne, dass ich immer ein wenig jenseits der Realität lebte, wie Clara."

In ihrem Tagebuch klagt Clara, dass die Mutter sie nicht hat Kind sein lassen, und sie der Oberflächlichkeit zeiht, weil Clara nicht mit ihr nach Gerechtigkeit für den verschwundenen Vater schreit. Claras Tagebuch, so Guelfenbein, gab ihr Raum, die eigenen Gefühle auszudrücken. Doch dies misslingt ihr gründlich. Guelfenbein schreibt besser aus der Distanz. So verleiht sie Theo und Antonio eine klare, schnörkellose Sprache, und sie gestaltet die Dialoge des Romans natürlich und glaubhaft. Nur Claras zum Glück kurze Tagebucheinschübe geraten ihr zu einer Ansammlung von Allgemeinplätzen und missratenen Metaphern. Auch versteht sie ihren männlichen Charakteren Leben einzuhauchen, aber die ihr gefühlsmäßig näherstehende Clara bleibt blass und schemenhaft. Sieht man davon ab, ist "Die Frau unseres Lebens" ein lesenswerter Roman, dem es nicht nur gelingt, das politische Klima im Europa der Siebziger- und Achtzigerjahre nachzuempfinden, sondern vor allem auch die vielen menschlichen Konflikte darzustellen, die ein Leben im Exil heraufbeschwört.


Carla Guelfenbein: Die Frau unseres Lebens.
Roman. Aus dem Spanischen von Thomas Brovot.
Insel Verlag, Frankfurt 2008.
303 Seiten, 19,80 Euro

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