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Liebe und Gewalt als Kitt jeder Gesellschaft

"Marketplace 76” auf der Ruhrtriennale

Von Karin Fischer

Jan Lauwers und Needcompanys neues Stück "Marketplace 76” ist ein fernes Echo auf Gewalt in der belgischen Gesellschaft. Keine frohe Botschaft, aber ein sehr menschenfreundlicher und unterhaltsamer Theaterabend.

Die größtmögliche Katastrophe ist vor Beginn des Stücks passiert: Genau ein Jahr ist es her, da explodierte die Gasflasche des Metzgers auf dem Wochenmarkt, 24 Menschen starben, darunter sieben Kinder. Jeder in diesem kleinen, abgelegenen, armen Dorf ist traumatisiert, hat Tochter oder Sohn verloren, zwei Beine oder einen Arm. Schon die Gedenkfeier auf dem Marktplatz am Dorfbrunnen artet in peinliche Selbstentblößung aus. Dann passiert das nächste Unglück: Der Sohn der Bäckerin stürzt aus dem Fenster - oder springt er?

Angelehnt an Lars von Triers "Dogville” läuft jetzt ein Kammerspiel der Grausamkeiten ab, eine Art Kettenreaktion von Katastrophen, die sich zu einem Gebirge von Schuld zu türmen scheinen. Am Schluss wird jeder Einzelne seine Unschuld verloren haben. Der Monteur entführt die Bäckerstochter und missbraucht sie in den Katakomben unter dem Dorfbrunnen. Die Szene spielt sich praktisch nur im Kopf der Zuschauer ab, Assoziationen mit dem Fall Dutroux sind aber natürlich gewollt, der die belgische Gesellschaft in ihre tiefste moralische und politische Krise stürzte. Pauline kann sich ausgerechnet an dem Tag befreien, an dem ihre Mutter sich in den Fluss stürzt. Mit und an der koreanischen Frau des Klempners, Kim-Ho, die alles gewusst und nichts gesagt hat, um ihre eigene Tochter zu schützen, wird ein Bußritual exerziert.

Die Todesrate im Stück nimmt shakespearesche Dimensionen an. Und auch die Mythologie wird schwer symbolisch in Haft genommen, wenn ausgerechnet Kim-Ho am Ende zur Erlöserfigur wird, durch Sex, eine heilige Hure, mit reinigender Kraft wie die Tempeldienerinnen der Antike.

Das alles kommt aber keineswegs schwermütig, sondern nachgerade bunt und leicht daher. Jan Lauwers selbst tritt als ironisierende Erzählerfigur auf, die Truppe singt immer wieder auch sehr Tröstliches. Rechts und links von der Bühne sind Musikinstrumente platziert. Die Spielformen, es gibt auch Tanz, gehen fast unmerklich ineinander über. Und Oskar, der tote Sohn der Bäckerin, gibt als sprechende Puppe immer wieder seinen Senf dazu.

Lauwers kombiniert ja sehr gerne handfeste Dialoge mit verrätselten Liedzeilen und aphoristischen Allerweltsweisheiten, auch vor Kitsch hat er keine Angst.

Und während in "The Deer House” noch viele ausgestopfte Rehe auf der Bühne lagen, schwebt hier eine große Wolke aufgeblasener Delphine über der Szenerie, die irgendwann vom Himmel fällt und sich als Schlauchboot entpuppt. Auf solch spielerische Art landet mit einem "Boat People” ein Stück europäische Realität und ein weiterer "Überlebender” im Dorf. Denn auch er, stellt sich heraus, ist schuldig.

Was klingt wie eine Anhäufung absurder Vorkommnisse ist in Wirklichkeit nur ein fein gesponnenes Gewebe aus relativ alltäglichen Beziehungen, in dem Moral und Mord, Schuld und Strafe nur die Fäden sind, mit denen eine Gesellschaft, ein Kollektiv miteinander verwoben ist. Die kreisförmige Struktur des Stücks, das nach Jahreszeiten abläuft und in dem jeder mal zum Außenseiter wird, beinhaltet auch Längen, das Verhältnis von Songs und Theatertext wirkt in der Mitte des Stückes noch unausgewogen. Aber insgesamt ist das ein Abend, der auf irritierende Art verstörend und zugleich versöhnlich wirkt. Weil er so scheinbar naiv Gewalt und Liebe zusammenführt. Diese antagonistischen Kräfte sind Sprengstoff und Kitt jeder Gesellschaft. Und zwar nicht als Entweder-Oder.

Keine frohe Botschaft, aber ein sehr menschenfreundlicher und unterhaltsamer Theaterabend.

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