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StartseiteKultur heuteLiebe und Triebe22.02.2009

Liebe und Triebe

Eine musikalisch-theatralische Begegnung von Bartók, Schönberg und Heiner Müller

Dieses Opernexperiment fällt vor allem durch rothaarige Frauen auf. Man nehme: Béla Bartóks Einakter "Herzog Blaubarts Burg", Arnold Schönbergs Monodram "Erwartung" und Heiner Müllers Schauspiel "Quartett" und füge alles zu einem von dem Rockmusiker FM Einheit begleiteten Programm zusammen. Es ist ein geheimnisvolles, vor allem inneres Drama, das da entstehen soll.

Von Jörn Florian Fuchs

"Herzog Blaubarts Burg" - In der Stuttgarter Inszenierung schwimmt ein glubschäugiger Fisch im virtuellen Tränensee des Herzogs (Marco Brescia / Teatro alla Scala)
"Herzog Blaubarts Burg" - In der Stuttgarter Inszenierung schwimmt ein glubschäugiger Fisch im virtuellen Tränensee des Herzogs (Marco Brescia / Teatro alla Scala)

Wieder geht er um und sucht sich ein neues Opfer, diesmal in Stuttgart. Obwohl er ja eigentlich nur Liebe will. Wahre Liebe statt der Ware Liebe. Doch am Ende von Béla Bartóks einstündiger Oper bleibt Blaubart zurück in seiner Seelenburg. Auch Judit konnte ihm nicht helfen, auch sie reiht sich nun ein in die Trophäen-Sammlung hübscher Frauen mit jeweils ganz eigenen Attributen und Qualitäten. Für Bartók und seinen Librettisten Béla Balázs schließt sich mit Judits Einverleibung auch ein metaphysischer Kreis, denn die Dame steht fürs Nokturne, die drei Vorgängerinnen decken die weiteren Tageszeiten ab.

Es ist ein geheimnisvolles, vor allem inneres Drama, das da entstehen soll. Sieben Türen werden geöffnet, hinter denen sich ebenso weltliche Schätze wie seelische Zustände Blaubarts verbergen. Ein Regisseur hat da viel Spielraum, er kann, darf und sollte reichlich assoziieren. In Stuttgart assoziierte Thomas Bischoff leider rein gar nichts, er ließ sich von Uta Kala eine Art Hotelflur bauen, mit einer großen Tür in der Mitte und weiteren daneben. Ganz oben thront ein Foto-Glaskasten mit Partyludern. Blaubart ist ein etwas statisch agierender Geschäftsmann und hat eine Vorliebe für schwarze Handschuhe, so rabenschwarz wie seine Seele.

Judits zarte Hände schmückt edles Handschuh-Rot, passend zu ihrer Haarpracht. Mit reichlich viel gestischem Pathos und vokalen Schärfen öffnet Andrea Meláth die Räume, hinter denen jedoch verbirgt sich, ach, keine Welt. Rucklige Videos zeigen Juwelen, Blumen oder Waffen. Und im virtuellen Tränensee Blaubarts schwimmt sogar ein glubschäugiger Fisch. Am Ende tötet Judit Blaubart und stracks sind wir bei Heiner Müllers "Quartett” angelangt, einem Psychoreisser reich an körperlicher Gewalt und Wortgefechten. Müller inspirierte sich hier am Briefroman "Gefährliche Liebschaften” und ließ einen Mann und eine Frau ihre eigentlich erledigt geglaubten Leidenschaften wieder hochkochen. Thomas Bischoff dampft das Stück auf 45 Minuten ein und legt den Text zwei Frauen mit roten Haaren in ihre mittels Mikroports kräftig übersteuerten Münder. Anke Hartwig und Catherine Janke rezitieren Müllers teils drastische Wortkaskaden durchaus ordentlich, die Figuren bleiben aber gestisch und szenisch blass. Ganz ausgezeichnet funktioniert allerdings die eigens komponierte Musik des Anarchoklangartisten FM Einheit, der mitten auf der Bühne ein Tonstudio besetzt und mit zwei Stahlfedern, einer Bohrmaschine und Live-Elektronik spektakuläres kreiert: eine Wortoper nämlich, im Wortsinn.

FM Einheit war der Lichtblick dieser Produktion, die mit Arnold Schönbergs Monodram "Erwartung” endete. Hier sucht eine Frau, glänzend gesungen von Elena Nebera, ihren Geliebten, den sie vielleicht selbst getötet hat. Sie verirrt sich in ihren Gedanken, Albträumen, Ängsten und findet schließlich das Subjekt ihrer Begierde, wie einen Baumstamm am Boden liegend. Nochmehr als beim "Blaubart” kommt es in der "Erwartung” auf das dazwischen, auf Schattierungen und Nuancen an. In Stuttgart stolpert erneut eine rothaarige Frau vor flimmernden Videobildern herum. Mehrfach sieht man einen bzw. den konkreten Mord.

Bleibt noch zu erwähnen, dass Tito You einen formidablen Blaubart schmetterte und Marc Piollet am Pult Wunderdinge vollbrachte, das recht zähe szenische Stückwerk jedoch hätte einen klugen Dramaturgen gebraucht. Ach so, den gab es ja. Er heißt Albrecht Puhlmann und ist im Nebenjob Intendant der Staatsoper Stuttgart.

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