• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
StartseiteKultur heuteLiebe, Verrat, Tod04.10.2013

Liebe, Verrat, Tod

Roger Vontobel inszeniert Friedrich Hebbels "Die Nibelungen" als fünfstündiges Theaterspektakel

Roger Vontobel kehrt die Szenenfolge in Friedrich Hebbels "Nibelungen" um. Die eigentliche Geschichte wird im Bochumer Schauspielhaus in einer Rückblende erzählt. Es ist ein epischer Abend, trotzdem spannend und bildreich, mit einem wachen Ensemble.

Von Christiane Enkeler

Die "Nibelungen"  eröffnen die Spielzeit im Bochumer Schauspielhaus (Diana Küster)
Die "Nibelungen" eröffnen die Spielzeit im Bochumer Schauspielhaus (Diana Küster)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Fünf Stunden Mord, Verrat und Rache

"Kríemhílt geheizen, si wart ein schœne wîp."

Das ist Mittelhochdeutsch. Es singen: die Burgunder. Damit beginnt Roger Vontobels neue Inszenierung in Bochum: mit Epik statt mit Dramatik. Die Bühne bleibt währenddessen hinter dem Eisernen Vorhang verborgen. Kriemhild lösbocht sich und schreitet auf einem langen Steg durch die Mitte des Publikums in den Saal hinein. Sie geht buchstäblich "in Sack und Asche", mit kurzem schwarzen Höschen und zerrissenem schwarzen Sweatshirt. Alle Burgunder tragen zeitloses Schwarz. In weißem Anzug wirbt Rüdeger für seinen Herrn um ihre Hand. Wie ein strahlender Gandalf steht Heiner Stadelmann auf dem Steg.

Das Spiel beginnt. Als Kriemhild sich umdreht, geht sie auf einen großen Spiegel zu. Vontobel lässt Kriemhild zurückblicken. Im Rückblick schimmern Siegfried und Brunhild in metallischen Farben auf Haut und Kostüm. Denn schon zu Beginn des Abends ist Kriemhilds Mann Siegfried vom Burgunder Hagen ermordet, ist die chronologische Handlungsabfolge aus Hebbels Drama umgestellt.

Am Ende bleibt: Kriemhilds furchtbare Rache für den Mord am geliebten Gatten. Ihre Brüder und alle Begleiter sterben. Am Beginn von Vontobels Abend entscheidet sie sich für die Heirat mit Hunnenkönig Etzel, um ihn am Ende als Werkzeug zu benutzen. Das Publikum blickt dazwischen zurück. Für Kriemhild vergehen Jahre, die sie mit Etzel in der Fremde verbringt, lange genug, dass ein Kind aufwächst.

Die "Nibelungen" sind mit fünfeinhalb Stunden inklusive zweier Pausen als großer Abend angelegt und eröffnen gemeinsam mit der Inszenierung eines Maxim-Gorki-Stückes durch Jan Neumann die Spielzeit. Hausregisseur Roger Vontobel hat in den vergangenen Jahren unter der Intendanz von Anselm Weber in Bochum bereits zwei große "Blockbuster" gezeigt, in denen er eine Chronologie, die er hier aufbricht, erst geschaffen hat. In den "Labdakiden" erzählte er eine "Politsaga" aus Theben, der Stadt von König Ödipus, und kombinierte dazu Dramen von Sophokles, Aischylos und Euripides zu einem einzigen großen Bogen von dreieinhalb Stunden. Ähnlich, als Vontobel Shakespeares "Richard III." mit "Heinrich VI." kombinierte, für einen Abend von fast vier Stunden.

In den "Nibelungen" ist die Figur, die von einem solchen Verfahren am meisten profitiert: Hagen. Der Mörder bekommt eine weitere Dimension. Werner Wölbern setzt in seinem großartigen Spiel vor allem auf die Vernunft der Figur und damit auf etwas Nachvollziehbares. Wir sehen ihn auch noch einmal in der Vergangenheit, als Familienmenschen: Er spielt mit Kriemhild und ihren drei Brüdern Gunther, Gerenot und Giselher, ein wildes Jagen: lebhafte Idylle ganz nach Kinderwunsch.

Umso seltsamer mutet es an, wie jeder Einzelne im letzten Teil auf Ortrits Tod reagiert. Ortrit, der kleine Sohn des Paares Kriemhild/Etzel, hat gerade vor den burgundischen Gästen gesungen, da berichtet Spielmann Volker blutüberströmt vom Überfall der Hunnen auf sie. Hagen tötet Ortrit daraufhin sofort. Aber Etzel spielt weiter am Flügel. Kriemhild hat ihr Kind nicht geliebt, wie der Zuschauer weiß. Ortrits Tod verpufft total. Und plötzlich fällt auf, dass man über das Kind, dessen Vater Etzel und auch über Brunhilde an diesem Abend – im Vergleich zu Vontobels früheren Abenden – wenig erfahren hat. Und eigentlich auch über Siegfried nicht. Trotz der über fünf Stunden. In denen viel erzählt wird: Kriemhild erzählt ihren Traum. Siegfried von seiner Nibelungenschatzeroberung. Etzel von seinen Feldzügen und einem entdeckten Faible für Architektur. Nachdem er sie zerstört hat.

Sanft wehen, unterstützt von Keith O’Brien an der Gitarre, die Winde von Rückblick und Erinnerung durch die schwarzen Lamellen, die die Herrschaftssäle auf der Bühne in den Zuschauerraum fortsetzen, links und rechts aber ein paar Sitzplätze "abschneiden".

Anders als an seinen anderen großen Abenden in Bochum schafft Vontobel hier erst eine Vergangenheit, indem er Rückblicke konstruiert. Die Handlung später einsetzen lässt. Anders als an den anderen Abenden ist der Erkenntnismoment geringer. Weil er sich mehr nach der Form als nach den Figuren richtet. Es ist eben ein epischer Abend, trotzdem spannend und bildreich, mit einem wachen Ensemble.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk