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StartseiteKultur heuteLiebe zum Klassenfeind25.08.2011

Liebe zum Klassenfeind

Robert Thalheims Film "Westwind"

In dem Film "Westwind" reisen die beiden ostdeutschen Zwillingsschwestern Isabell und Doreen im Jahr 1988 zum Rudern an den Balaton in Ungarn. Es kommst zu einer folgenschweren deutsch-deutschen Begegnung mit Westtouristen - die auf realen Begebenheiten beruht.

Von Josef Schnelle

Einen „richtig guten deutschen Liebesfilm“ habe sie erzählen wollen, sagt die Produzentin Susann Schimk. (picture-alliance / dpa)
Einen „richtig guten deutschen Liebesfilm“ habe sie erzählen wollen, sagt die Produzentin Susann Schimk. (picture-alliance / dpa)

"Na da, da ist er, der Balaton. Juhu."

Reisen hat immer mit dem Gefühl von Freiheit und Abenteuer zu tun. Und wenn man dann das Ziel sieht, das Meer, die Berge, den See – dann jubelt die Seele. Besonders bei den Zwillingsschwestern Isabell und Doreen, die zur Weiterentwicklung ihrer Ruderkünste im Zweier einen Aufenthalt im Ferienlager am Balaton in Ungarn geschenkt bekommen haben. Es ist das Jahr 1988. Nicht einmal die Funktionäre der DDR wissen, dass in einem Jahr die Mauer aufgehen und das Staatsgebilde nur noch bis 1990 bestehen wird. Es geht also noch alles seinen realsozialistischen Gang im Ferienlager mit Training, sozialistischen Liederabenden mit der Klampfe und nächtlicher Rückkehrpflicht von der brodelnden Touristenmeile an der man höchstens mal ein Souvenir besorgen darf. Denn nach Ungarn dürfen auch Westdeutsche Touristen einreisen. Es kommt zu einer folgenschweren deutsch-deutschen Begegnung.

"Sag' mal können wir euch irgendwohin mitnehmen? Wo soll's denn hingehen. – Einfach geradeaus bis zum Balaton. – Was is' denn da? – Ein Pionierlager – Dann seid ihr von drüben."

Susann Schimk, Produzentin der Firma Credo-Film in Berlin, erzählt - kaum verändert – in diesem Film ihre ganz persönliche wahre Geschichte und die ihrer Zwillingsschwester Doreen, die heute Disco-Queen und D-Jane in Hamburg ist. Statt ums Rudern ging's damals allerdings um einen anderen Sport: Basketball. Aber sonst stimmt alles an diesem Film nach einer realen Begebenheit, bei dem Robert Thalheim die Regie übernommen hat. Nachts büxt man aus, aus dem abgeschotteten Lager. Man trifft sich am Hotelpool für Westtouristen und entdeckt gemeinsame Musikvorlieben für Depeche Mode und The Cure. Das alles ist in der DDR nicht leicht zu bekommen. Höchstens im "Westwind" merkt Isabell an.

Nicht nur wegen der Musik verliebt sich Doreen bald in Arne, einen der Jungen aus der Bundesrepublik. Die beiden küssen sich durch die Löcher im Zaun und können bald nicht mehr voneinander lassen. Ein abenteuerlicher und gefährlicher Fluchtplan wird geboren. Tief unter der Hinterbank des Autos sollen die Mädchen den Grenzübertritt überstehen. Noch ist das extrem riskant. Von der nahen wiedervereinigten Zukunft wissen die handelnden Personen natürlich nichts. Worum geht es also?

"Ich mein' das ernst. Ich nehm' dich und Lisa mit. – Du kennst ihn doch erst ein paar Tage. – Aber es hat sich noch nie so angefühlt."

Einen "richtig guten deutschen Liebesfilm" habe sie erzählen wollen, sagt Susann Schimk, jedem der es hören will. Den Unterton einer spannenden politischen Fluchtgeschichte aus dem geteilten Deutschland hat er trotzdem. Auch die verschiedenen Kulturen werden noch einmal heraufbeschworen: die versnobten Westjungs, der jugendliche Leichtsinn der beiden Mädchen, die Entscheidung Doreens für die Flucht unter der Hutablage des VW-Käfers und für die große Liebe. Während die Schwester des bislang so symbiotischen Zwillingspaares schweren Herzens zurückbleibt. Sie kriegt im stickigen Versteck einfach keine Luft. Susann Schimk blieb im wahren Leben wie auch im Film zurück und musste sich unangenehmen Stasi-Befragungen unterziehen. Aber mit der Welle der Ungarnflüchtlinge ein Jahr später hat auch sie die DDR verlassen. Der Film im Stil einer Sommerkomödie, in die sich nach und nach Ernstes mischt, vermittelt eine Ahnung davon, welche Geschichten aus dieser spannenden Zeit der Überwindung der deutsch-deutschen Teilung noch darauf warten, erzählt zu werden. Und das ohne einen unangenehmen pathetischen Zungenschlag. Robert Thalheim gelingt es, wie schon in seinen preisgekrönten Filmen "Netto" - um einen perspektivlosen Alkoholiker und seinen Sohn 2005 und in "Am Ende kommen Touristen" der Geschichte eines Ersatzdienstleistenden in Auschwitz 2007 - realistisch und aufrichtig zu erzählen und trotzdem unterhaltsame Kinostücke hinzubekommen.

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