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Seit 10:00 Uhr Nachrichten
StartseiteLied- und Folkgeschichte(n)Junge türkische Singer/Songwriter05.02.2016

Lieder zwischen Orient und OkzidentJunge türkische Singer/Songwriter

Sie sind Teil der globalisierten Welt: türkische Liedermacher wie Can Kazaz oder Nilipek. In ihren Liedern begegnen die poetischen und musikalischen Traditionen ihres Heimatlandes jenen westlich von Istanbul. Mittlerweile hat sich am Bosporus eine lebendige Singer/Songwriter-Szene entwickelt.

Von Michael Frank

Die Bosporus-Brücke in Istanbul bei Nacht. (picture alliance / dpa / Sedat Suna)
Die Bosporus-Brücke in Istanbul bei Nacht. (picture alliance / dpa / Sedat Suna)

"Uns hören meistens Leute zu, die gerne neue Musiker entdecken. Ich glaube, die denken dann:  'Das habe ich entdeckt, das gehört mir'. Sie wollen gar nicht, dass etwas überall beliebt ist, und Geld sollte es auch nicht einbringen. Sie wollen nicht teilen. Aber für mich ist das 'Sharing' in den sozialen Medien der einzige Weg mein Publikum zu vergrößern."

Die türkische Sängerin Nilipek, mit einem zarten Lied beginnt ihr Debütalbum "Sabah". Es heißt "Saganak Yagmurlu Sarki" - "Lied mit starkem Regen". Es beruht auf Erfahrungen während Nilipeks Zeit in den Niederlanden, wo sie einen Master-Studiengang in Entwicklungspsychologie abschloss.

"Als ich in den Niederlanden lebte, fühlte ich eine Zeit lang ziemliche Langeweile und ich war unruhig. Der Song handelt von dem Tag, an dem ich mich von diesen negativen Gefühlen wieder befreit habe, einem Tag, an dem es stark regnete. Ich war früh aufgestanden, hatte eine Tasse Kaffee getrunken, mich hingesetzt und in den Garten geschaut. Ich habe einfach dem Regen zugesehen, und dann dachte ich mir: Du hast gerade wirklich viel Glück. Nicht jeder erlebt das. Ich musste nicht viel erledigen, ich hatte ein Dach über dem Kopf, war gesund. Es war wirklich alles in Ordnung. Davon handelt der Song, aber auch davon, dass ich gleichzeitig traurig war, weil mich dieses Glücksgefühl an andere glückliche Zeiten erinnerte, die ich erlebt habe, die aber unwiderruflich vorbei sind."

Ohne Internetportale geht nichts

Nilipek wurde 1988 in Izmir geboren, sie spielte zunächst bei sehr unterschiedlichen Bands. So war sie Bassistin bei Karton, einer Gruppe, die ausschließlich die Titelmelodien von Zeichentrickfilmen coverte. Rückblickend empfindet Nilipek dieses Projekt wie ein Resümee ihrer Kindheit und als Hommage an eine Kultur, die sie sehr geprägt hat. Nilipek war auch Mitglied des Indie-Rock Trios Lemur und Background-Sängerin in einer Pink Floyd-Coverband. Einzelne eigene Lieder veröffentlichte sie anfangs über Internet-Portale wie Soundcloud und youtube. Im Herbst 2015 erschien dann ihr erstes komplettes Studioalbum "Sabah" - im CD-Format und auf Vertriebskanälen wie Itunes.

Anders als Nilipek verzichtet der Multi-Instrumentalist, Komponist und Sänger Can Kazaz bisher auf die Veröffentlichung seiner Musik als CD. Ihm genügt die Präsenz auf den digitalen Portalen. Can Kazaz  gehört zur selben Generation türkischer Songwriter wie Nilipek. Er wurde 1989 geboren und hat in den vergangenen vier Jahren mehrere Liedsammlungen veröffentlicht. 2014 brachte er das Mini-Album "Yollar Ve Su" heraus, "Wege und Wasser". Ein Lied dieser Platte trägt den Titel "Aydan Gelen Fil", "Elefantin vom Mond". Can Kazaz singt es zusammen mit Eda Sena Şenceylan. Es ist letztlich eine Allegorie, die sich für ein friedliches Zusammenleben zweier Volksgruppen ausspricht.

"In dem Lied 'Aydan Gelen Fil' kommen sehr viele Symbole vor. Es handelt von der Liebe zwischen einem türkischen Mann und einer kurdischen Frau. In dem Lied gibt es eine Elefantin, die vom Mond kommt, sie symbolisiert die kurdische Frau, und dann ist da noch ein schwarzer Kater, der im Wasser lebt. Es ist eine Art Märchen, hat aber eine sehr reale Botschaft - es geht um die Beziehung der beiden, sie können nicht zusammenkommen, weil ihre Welten so unterschiedlich sind, aber der Song sagt auch, dass es noch Hoffnung für sie gibt."

"Ich war halt ein Kind, das sich sehr schnell langweilte"

"Bilmem", ein weiteres Lied aus dem Debutalbum von Nilipek: "Bilmen" bedeutet "Ich weiß nicht". Das Lied ist ein Gedankenstrom, inspiriert von Wut über Probleme zwischenmenschlicher Kommunikation und von einem durchdringenden Gefühl der Verwirrung. Nilipek begann im Alter von 5 Jahren mit dem Klavierspiel und spielte hauptsächlich klassische Musik aus der westeuropäischen Musiktradition.

"Meine Familie steckte dahinter, aber es hieß nicht:  'Sie sollte ein Instrument spielen lernen.!', sondern: 'Ach so, sie zeigt Interesse an so etwas.' Ich habe als Kind nämlich ständig gesungen und ging ganz in der Musik auf. Meine Eltern hatten den Eindruck, dass ich es schaffen könnte, also haben Sie mich bei diesem Klavier-Kurs angemeldet. Ich hatte dann vier Jahr lang Klavierunterricht, aber gegen Ende fand ich das langweilig. Ich war halt ein Kind, ein Kind, das sich sehr schnell langweilte. Also habe ich dann begonnen, Geige zu spielen. Und nach sechs Jahren langweilte mich das dann auch das. Danach habe ich mit dem E-Bass angefangen, und das geschah zu 100 Prozent aus eigenem Antrieb. Klavier- und Geigenunterricht beruhten eher auf Entscheidungen meiner Familie."

Nilipek erweiterte rasch ihren musikalischen Horizont, die experimentierfreudige Sängerin Björk wurde für sie zum Idol ihrer Teenagerzeit, die türkische Rockband Replikas gehört zu ihren Favoriten ebenso wie Grateful Dead, The Who oder türkische Singer / Songwriter wie Can Güngör. Nach der Bassgitarre entdeckte Nilipek bald auch die übliche sechssaitige Gitarre für sich, weil sie fand, dass sich Songs am leichtesten auf der Gitarre schreiben ließen.

"Ich bin kein guter Redner"

Der musikalische Werdegang von Can Kazaz ähnelt zumindest teilweise dem von Nilipek. Allerdings bekam er nie traditionellen Instrumentalunterricht. Als Teenager brachte er sich selber das Gitarrespielen bei, ohne je an eine Profikarriere als Musiker zu denken, aber bald nach Beginn eines Physikstudiums schwor er sich, nur noch Musik zu machen, selbst wenn er dann auf der Straße leben und verhungern müsste. Zu dieser Zeit produzierte er schon Hip Hop-Alben für Underground-Rapper, eigene Songs hatte er bis dahin aber noch nicht komponiert. Can Kazaz brach das Studium ab und begann, sich auf die Aufnahmeprüfung an der privaten Bilgi Universität in Istanbul vorzubereiten. Dabei entdeckte er eine neue Klangwelt jenseits von populärer Musik.

"An der Universität bin ich im Studiengang für Komposition aufgenommen worden, ich habe dann auch eigene Partituren mit Neuer Musik geschrieben. Ich weiß zwar nicht mehr genau wann, aber irgendwann schrieb ich auch einen Song, und dabei bemerkte ich, wie mir das hilft. Ich bin kein guter Redner, also bringe ich das,was ich sagen will, in Liedern unter, Worte, die ich einem Publikum oder einer Person sagen möchte. Ich habe dann einfach angefangen, Songs zu schreiben, ohne ein Ziel vor Augen. Es ist ein Hobby für mich, um ehrlich zu sein. Und irgendwann habe ich die Stücke zusammengefasst und als Album veröffentlicht. Ich bringe die Songs immer zuerst einzeln heraus, und merke dann: Oh, das sind ja schon 10, dann habe ich ja ein ganzes Album. So arbeite ich halt. Aber manchmal liegt den  Alben auch eine bestimmte Idee zugrunde. Das sind zwei unterschiedliche Herangehensweisen. Das Komponieren von Avantgarde-Musik ist eher etwas Akademisches, es ist eine Art Experiment. Ich kreiere gerne Klangstrukturen, und ich mag es, wenn andere Musiker sie spielen, und ich einfach nur da sitzen und zuhören kann. Aber die Songs sind etwas ganz anderes."

Trotz Zweifel war Musiker die einzige Option

Der Song "Durma Belediye" von Can Kazaz ist eine humoristische Abrechnung mit der Verwandlung von städtischen Räumen durch die Behörden, der damit verbundenen Profitgier und .dem Mangel an Gegenwehr der Bürger. Eine deftige Zeile über den teuer gewordenen Istanbuler Stadtteil Cihangir brachte dem Song auf Itunes eine Warnung vor "explicit lyrics" ein. Das Lied erschien im August 2015 auf der EP "Eski Usûl". Trotz anfänglicher Zweifel schien Can Kazaz der Beruf des Musikers bald als einzig sinnvolle Option. Nilipek hörte auf ihre Familie und entschied sich, Psychologie und Psychotherapie zu studieren.

"Das Psychologie-Studium hilft mir in vielerlei Hinsicht. Es hilft mir dabei, Situationen aus einer anderen Perspektive zu betrachten, klar zu benennen, was passiert. Außerdem hilft es mir, Figuren zu erfinden, zu wissen, wie sie sich in einer bestimmten Situation fühlen würden. Songs zu schreiben ist manchmal so ähnlich wie Geschichten zu schreiben. Es hilft, sich zwischen verschiedenen Perspektiven hin und her zu bewegen. Deshalb hat das Psychologiestudium meinen Songtexten schon genützt. Natürlich hängt es auch von dem Projekt ab, an dem ich gerade arbeite. Ich habe z.B. Songs für eine türkische Fernsehserie geschrieben. Da musste ich mich in die Figur einfühlen, um einen Song schreiben zu können. Ganz anders war es in den Niederlanden, als ich Teil der Band Hypnotic School war. Das war ein Dream Pop-Projekt, und von mir wurden ganze Szenarien erwartet, die sich an dem Gefühlsgehalt der Musik orientieren sollten: Gedankenspiele, wie sich eine Person mit bestimmten Eigenschaften fühlen würde. Aber wenn ich als Nilipek meine eigenen Songs schreibe, dann geht es um mich, um Dinge, die mir passieren."

Nicht leicht zu dechiffrieren

"Durak" bedeutet soviel wie "Haltestelle", das gleichnahmige Lied von Nilipek enthält ein Zitat aus einem sehr inspirierenden Gedicht des vor einunddreißig Jahren verstorbenen Dichters Turgut Uyar. Es fordert dazu auf, an einer bestimmten Haltestelle aus dem Bus auszusteigen und den Himmel anzuschauen, den Blick zu weiten. Im Lied von Nilipek überwiegt eine eher melancholische Grundstimmung, zu Beginn heißt es: "Wo ist denn diese Haltestelle jetzt, wo ich nicht mehr den Himmel anschaue." Poetisch sind die Texte von Nilipek und manchmal auch gar nicht so leicht zu dechiffrieren.

"In dem Lied 'Durak' gibt es eine Zeile, wenn man sie wortwörtlich übersetzt, dann hieße es: 'Fällst Du aus meinen Augen, kann ich Deine Hand nicht halten.' Dazu muss man wissen: Die Redewendung 'aus den Augen fallen' bedeutet auf Türkisch 'seinen Wert verlieren'. Der Vers bedeutet also: 'Du hast Deinen Wert verloren, ich respektiere Dich nicht mehr so sehr wie früher.' Oder 'ich liebe Dich nicht mehr so wie früher'. Es geht auch um den Verlust von Vertrauen."

"Wo sind Gerechtigkeit und Hoffnung hin?"

Can Kazaz ist nicht nur Liedermacher.  Bekannt wurde er vor allem mit seinen satirischen Mash-Ups : Er mixte O-Töne des türkischen Staatslenkers Recep Tayyip Erdogan mit Funk oder Pop-Tracks und nannte sich MC Recep. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Das Projekt verfolgt Can Kazaz aber nicht weiter. Dennoch ist in seinen Liedern weiterhin politisch-soziales Engagement zu spüren. Noch bevor am 10. Oktober 2015 in Ankara  zwei Selbstmordattentäter weit über einhundert friedliche Demonstranten umbrachten, hatte es in der Türkei mehrere politisch motivierte Attentate gegeben. Darüber habe er ein Lied schreiben müssen, erzählt Can Kazaz. Dieses Lied, das er vor dem Attentat in Ankara in Konzerten gespielt hatte, veröffentlichte er wenige Tage danach via youtube. Es heißt "Kara Ülkenin Ak Cocuklari": darin geht es um "weiße Kinder dieses dunklen Landes". In dieser Formulierung steckt eine Anspielung auf die in Deutschland nur als AKP bekannte Partei des türkischen Präsidenten  Erdogan. Diese Partei ist in der Türkei auch unter dem Kürzel "AK Parti" bekannt, und "ak" ist ein türkisches Wort für "weiß".

In dem Lied von Can Kazaz sind es zu Beginn die "weißen Kinder dieses dunklen Landes": "Sie haben uns ein Grau aus Schmutz, Rauch und Rost gegeben, uns wieder ausgeraubt mit ihren vielen Lügen." Der zweite Teil des Liedes spricht von den Unschuldigen, die starben, und fragt, wo die Gerechtigkeit und unsere Hoffnung hin ist, überall steckten Killer. Die folgenden beiden Zeilen des Textes kontrastieren den Anfang. Anstelle der weißen Kinder werden nun die farbenfrohen Kinder dieses dunklen Landes besungen: "Sie haben euch abgeschlachtet, und wir marschierten auf den Straßen." Can Kazaz betont, Thema sei weniger eine bestimmte Partei als vielmehr eine bestimmte Geisteshaltung.

Von Musik alleine können sie nicht leben

Seinen Lebensunterhalt verdient Can Kazaz als akademischer Mitarbeiter in der Musikabteilung der liberalen Bilgi Universität in Istanbul. Die Arbeit als Sänger und Songschreiber ist für ihn eher eine kleine Beigabe. Allein davonkann er nicht leben. Ebenso geht es Nilipek, auch sie arbeitet an einer Universität: als wissenschaftliche Hilfskraft im Bereich Neurobiologie und im Bereich Medien. Ihr Publikum verorten Can Kazaz und Nilipek in der Mittelschicht. Es sind überwiegend junge Leute, Teenager bis Mitdreißiger, die auf der Suche nach neuen Musikerinnen und Musikern jenseits des Mainstream-Pops sind. Nilipek und Can Kazaz sind Teil einer sehr lebendigen Szene von Singer/Songwritern in der Türkei: In ihren Liedern treffen poetische und musikalische Traditionen ihres Heimatlandes auf solche der Welt westlich von Istanbul. Ein Streifzug durch unendlich viele professionell aufgenommene youtube-Videos verschafft heute jedem Einblick in diese Szene. Liedermacher und Liedermacherinnen wie Cihan Mürtezaoğlu oder Burcu Tatlises zu entdecken,ist nur den sprichwörtlichen Mausklick entfernt.

"Es gibt ein lockeres Netzwerk von Singer / Songwritern. Wir kennen uns alle, wir treten bei denselben Festivals auf, spielen in denselben Clubs, wir schauen uns sogar die Konzerte der anderen an. Aber das ist alles sehr zwanglos. Es gibt Versuche, ein offizielles Netzportal für unabhängige Musiker zu schaffen, aber ich weiß nicht, ob das klappen wird. Wir  sind ziemliche Individualisten.Aber auch wenn wir Songschreiber uns nicht offiziell zusammengeschlossen haben, arbeiten wir auf vielerlei Art zusammen."

"Wenn Du einen Monat lang hier in Istanbul wärst und zu Konzerten gingest, dann würdest du wahrscheinlich immer wieder die gleichen Leute auf der Bühne sehen. Cans Gitarrist Efe Demiral spielt auch bei Cihan Mürtezaoğlu und Burcu Tatlises, und manchmal auch für mich. Und meine ganze Band arbeitet ab und zu mit Can Güngör zusammen, aber immer auch mit anderen. Manchmal überschneiden sich die Konzerttermine, dann ruft man jemanden an: 'Ich habe heute Abend keinen Bassisten, kannst Du heute bei mir den Bass spielen ?' Und selbst, wenn derjenige sonst Gitarre spielt, kommt er und übernimmt den Bass-Part .So etwas ist besser als ein formelles Netzwerk. Wir leben fast alle im selben Viertel von Istanbul, in Kadiköy. Wir begegnen uns auf der Straße und helfen uns gegenseitig. Das ist wirkliche Gemeinschaft."

Ein Beispiel für so einer Zusammenarbeit ist ein Trinklied von Can Kazaz, das er zusammen mit Can Dedeoğlu singt: "Doldur".

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