• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 08:50 Uhr Presseschau
StartseiteCorso"Reisen ist ein Zustand, der mich aufmöbelt"12.10.2017

Liedermacher Manfred Maurenbrecher"Reisen ist ein Zustand, der mich aufmöbelt"

Reisen, Begegnungen, Flucht: Das sind die Themen auf dem aktuellen Album "flüchtig" von Manfred Maurenbrecher. Ein wortmächtiger Musiker, der die zunehmende Präsenz junger Liedermacher positiv sieht. Denn es gab eine Zeit, in der es hieß: "Deutschsprachiges gehört weg aus dem Radio", sagte er im Dlf.

Manfred Maurenbrecher im Corsogespräch mit Anja Buchmann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Der Sänger und Bob-Dylan-Verehrer Manfred Maurenbrecher im Deutschlandradio-Funkhaus in Berlin. (Deutschlandradio/Martin Risel)
Der Sänger und Bob-Dylan-Verehrer Manfred Maurenbrecher im Deutschlandradio-Funkhaus in Berlin. (Deutschlandradio/Martin Risel)
Mehr zum Thema

Martin Bechler von Fortuna Ehrenfeld "Ich spiele den ganzen Tag Tetris mit Worten"

Jan Josef Liefers und Radio Doria "Etwas machen, was Lebensfreude vermittelt und verbindet"

Panama Plus Festival Repariert die Zukunft

Anja Buchmann: "Wenn man bleibt, wo man ist, erfährt man, wie weit weg auch das sein kann", Worte des Berliner Liedermachers Manfred Maurenbrecher. Aus den Linernotes zu seiner neuen Platte "flüchtig", das neuste von mehr als 20 Alben, das der große Wortakrobat gerade veröffentlicht hat. Herr Maurenbrecher, brechen Sie auf dem Album unter anderem eine Lanze für das Unterwegssein?

Manfred Maurenbrecher: Ja, das war die Grundidee zu dieser Zusammenstellung von Liedern, von denen einige ganz neu sind, andere aber auch uralt.

Buchmann: Aus den 70ern zum Teil auch.

Maurenbrecher: Ja, genau.

Buchmann: Der Titel den wir gerade auch in "Corso" gehört haben "Zu früh", darin singen Sie unter anderem: "Es kommt so ungeplant - der Zeitpunkt haut nicht hin - viel zu früh". Es bezieht sich auf die vielen Flüchtlinge, die sich nach Europa aufgemacht haben und es noch tun. 2015 schienen alle völlig überrascht von dieser Situation. Es geht bei Ihnen also um Flucht und flüchtig und Reisen und Bewegung im positiven, wie im negativen Sinne. Sie selbst waren von der Situation, dass auf einmal viel zu früh so viele Flüchtlinge quasi vor Europas Toren stehen nicht sonderlich überrascht, oder?

"Wir müssten zu viel radikaleren Veränderungen bereit sein"

Maurenbrecher: Mir geht's da so wie der Figur in diesem Lied. Ich habe mir das vom Verstand her seit 20 Jahren gesagt. Mir war klar: Irgendwann wird diese sichere Insel Europa angegangen werden, weil wir uns ja auch auf Kosten dieser Menschen, die kommen, diese Sicherheit geschaffen haben oder erschaffen konnten. Und ja, jetzt ist Frage: Wie geht man damit um? Die Figur in dem Lied ist abwehrend 'drauf, ich selber bin eigentlich der Meinung, wir müssten zu viel radikaleren Veränderungen auch bei uns bereit sein.

Buchmann: Welche radikaleren Veränderungen?

Maurenbrecher: Na ja, ich stelle mir das ähnlich vor, wie das Roosevelt in den USA nach der Wirtschaftskrise gemacht hat: große Bildungsprogramme und Investitionsprogramme auflegen für die vielen, die jetzt hierher kommen wollen. Und gleichzeitig Regeln aufstellen, wer bleiben darf und wer nur für kurze Zeit hier sein darf und sich hier zum Beispiel ausbilden lassen kann. Aber die Leute aufzunehmen und sie dann schmoren zu lassen und ihnen sogar zu verbieten, zu arbeiten so lange der Zustand ihres Aufenthalts ungeklärt ist, das finde ich verheerend.

Buchmann: Sie sind ja auch studierter Germanist. Was halten Sie denn von der immer wieder geführten sprachlichen Diskussion: "Flüchtlinge" oder "Geflüchtete"?

Maurenbrecher: Mir ist das eigentlich eher egal. Ich bin nicht so ein politisch korrekter Mensch, und im Ausdruck rutscht mir auch manches raus, wo Freunde zu mir sagen: "Das kannst du so nicht sagen!" Ich würde sogar soweit gehen, dass ich manchmal noch das Wort Negerkuss ausspreche.

Buchmann: Tatsächlich?

Maurenbrecher: Tatsächlich.

Buchmann: Das ist dann aber der Punkt, wo Freunde von Ihnen sagen: "Hör mal Manfred, das geht mir hier zu weit".

Maurenbrecher: "Jetzt reicht's!" Genau. 

"Reisen hat mich aus Depressionen rausgeführt"

Buchmann: Das Reisen ist ja die privilegierte Form des Unterwegsseins. Da hat man in der Regel ein Zuhause, was man über Flüchtende oder Geflüchtete nicht sagen kann. Oder zumindest haben sie kein Zuhause mehr. Was bedeutet Ihnen als Mensch, der viel unterwegs ist, die Bewegung, das Reisen, die flüchtigen Begegnungen?

Maurenbrecher: Mich hat das schon an ein paar Punkten meines Lebens über Krisen hinweggerettet und aus Depressionen rausgeführt, dass ich in ein Land gekommen bin, in dem ich Sprache nicht verstehe, in dem ich die Zeichen nicht richtig deuten kann und wo ich aber doch in der sicheren Position einer Kreditkarte bin oder irgendwelchen Geldmöglichkeiten, dass ich mich Einquartieren kann, beobachten kann und langsam herausfinden: wie geht's hier zu? Das ist ein Zustand, der mich aufmöbelt. Und den ich jedem, der dazu bereit ist, auch wünsche.

Die Musiker Manfred Maurenbrecher (links) und Marco Ponce Kärgel. (Deutschlandradio - Leila Knüppel)Die Musiker Manfred Maurenbrecher (links) und Marco Ponce Kärgel. (Deutschlandradio - Leila Knüppel)

Buchmann: Trotzdem man ja sagt: Man nimmt sich immer selbst mit? Weil Sie jetzt gerade sagten, das hat Ihnen auch über Krisen hinweggeholfen.

Maurenbrecher: Ja, natürlich. Man nimmt sich selbst mit, aber man verändert sich dadurch ja auch. Man nimmt sich natürlich schon deshalb mit, weil man eben aus so einem wohlhabenden Land kommt, dass man sich ein Hotel in den meisten anderen Ländern - von einigen abgesehen - leisten kann.

"Es findet wieder ein Aufschwung statt"

Buchmann: "Wichtig ist nur: Du bleibst flüchtig, einmal angekommen, heißt für immer weg", singen Sie auch in einem Song. Ich glaube in dem Titelsong "Flüchtig" ist das. Ist Unterwegssein das wahre Ankommen?

Maurenbrecher: Oh! Ja, also doch. Würde ich spontan erst mal ja sagen. Bei dieser Zeile habe ich allerdings auch an diese Lebensreise an sich gedacht und dieses Ankommen, das strebe ich gar nicht so sehr an. Eigentlich hoffe ich dann doch auf die nächste Reise, auch wenn ich nicht daran glauben kann.

Buchmann: Sie sind ein Musiker, der viel zu sagen hat. Sozusagen einer aus der alten Liedermachertradition. Ein Künstler mit deutlicher Haltung würde ich sagen. Sie waren nie Mainstream, aber ist diese Art von Musik heute noch schwieriger, als vielleicht vor 30 Jahren? Radio Airplays sind ja doch eher selten. Ich weiß nicht, wie gut sie früher liefen.

Maurenbrecher: Das ist richtig. Radio Airplays sind selten, aber sie waren mal seltener. Also ich finde, dass da in der Richtung tatsächlich wieder ein Aufschwung stattfindet, und mal von mir abgesehen - wie das da läuft, ist ja gar nicht so wichtig: Insgesamt wird doch deutschsprachige Musik von Bands und von Einzelleuten heute wieder sehr viel mehr gespiel,t und es gibt ja auch die jetzt schon fast wieder in Verruf geratene neuen deutschen Poeten, denen man vorwirft, dass sie immer nur über sich selbst singen und den Verlust der letzten Freundin.

"Junge Bands haben wieder die Chance gespielt zu werden"

Buchmann: Genau, sich immer nur über ihre persönlichen Befindlichkeiten ausjammern.

Maurenbrecher: Ja, aber die gibt es immerhin. Und dieses Ausjammen findet auch öffentlich statt und nicht nur im kleinen Kämmerlein. Es gab mal vorher eine Generation von Journalisten, die jetzt so um die 50 sind, wo so führende Leute der Meinung waren: Deutschsprachiges gehört weg aus dem öffentlichen Radio und Fernsehen. Und diese Klippe ist jetzt glaube ich genommen. Junge Bands haben wieder die Chance gespielt zu werden.

Buchmann: Das auf jeden Fall. Aber sehen Sie es nicht trotzdem ein wenig kritisch, wenn diese neuen deutschen, jungen Liedermacher, die sich eigentlich lieber Singer-Songwriter nennen, in erster Linie ihre persönlichen "Meine-Freundin-hat-mich-verlassen"-Dinge vor sich hersingen?

Maurenbrecher: Ja, das sehe ich sehr kritisch. Und ich sehe auch sehr kritisch, dass die Öffentlich-Rechtlichen zumindest, wenig Forum für Leute wie mich oder Kolleginnen und Kollegen bieten, die ein bisschen was anderes sagen - aus Vorsicht und Mainstream-Gedanken heraus. Das sehe ich alles sehr kritisch, aber immer noch besser. So ein junger Deutschpoet hat ja die Chance mit Mitte 30, vielleicht einen größeren Horizont entwickelt zu haben. Und auch davon dann mal zu erzählen. Er kann sich wenigstens damit präsentieren heute. Das finde ich schonmal gut.

Buchmann: Manfred Maurenbrecher ist mit seinem neuen Programm "flüchtig" natürlich auch auf Reisen, wie es sich gehört für diesen Titel des Albums. Die genauen Termine seiner Tour finden Sie auf seiner Homepage maurenbrecher.com - herzlichen Dank Herr Maurenbrecher für das Gespräch.

Maurenbrecher: Danke auch Frau Buchmann. Tschüss.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk