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StartseiteThemen der WocheLinkspartei droht Untergang in Zeitlupe26.05.2012

Linkspartei droht Untergang in Zeitlupe

Die zukünftige Spitze der Partei Die Linke muss ein politisches Wunder vollbringen

Die Partei Die Linke scheint zurzeit mit sich selbst verfeindet und hat zusätzlich mit dem Verlust Zehntausender Mitglieder zu kämpfen. Die mögliche weibliche Doppelspitze von Katja Kipping und Katharina Schwabedissen wäre ein Zeichen für eine Neuerfindung der Partei, meint Stefan Reinecke.

Von Stefan Reinecke, "die tageszeitung"

Die nordrhein-westfälische Landeschefin Katharina Schwabedissen (links) und Bundesvize Katja Kipping werden als mögliche Doppelspitze der Linken gehandelt (picture alliance / dpa / Soeren Stache / Jens Wolf)
Die nordrhein-westfälische Landeschefin Katharina Schwabedissen (links) und Bundesvize Katja Kipping werden als mögliche Doppelspitze der Linken gehandelt (picture alliance / dpa / Soeren Stache / Jens Wolf)

Die Linkspartei befindet sich an einem Wendepunkt. Nein, sie wird nicht mit einem Trommelwirbel untergehen. Es wird auf dem Parteitag in Göttingen keine Spaltung geben. Was ihr droht, ist vielmehr ein Untergang in Zeitlupe. In den letzten zwei Jahren sind ihr zehntausend Mitglieder abhandengekommen. Die Partei hat in den Gewerkschaften dramatisch an Einfluss verloren. Im Westen sind Dutzende Funktionäre frustriert wieder zur SPD zurückgekehrt.

Die Linkspartei franst aus. Die neue Parteispitze, die in einer Woche gewählt wird, muss daher ein Wunderwerk vollbringen. Die Linkspartei wirkt nach außen so, als würde dort eine Art Bandenkrieg herrschen. Ost gegen West, Realos gegen Fundis. Nichts mögen Wähler weniger als eine mit sich selbst verfeindete Partei. Die neue Führung muss diesen Streit entschärfen. Sie muss aber auch nach außen attraktiv wirken. Sie soll offen, frisch und neu wirken, nicht so mausgrau gewerkschaftlich und altbacken ostig wie das Duo Klaus Ernst und Gesine Lötzsch.

Nach dem Rückzug von Oskar Lafontaine scheint vieles nun auf eine weibliche Doppelspitze zuzulaufen. Katja Kipping und Katharina Schwabedissen sollen dieses politische Wunder vollbringen. Die Idee, dass es eine weibliche Doppelspitze richten soll, hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Vor einer Woche war das Frauenduo an der Spitze nur eine Art Notlösung – ein Plan B für den Fall, dass bei der Schulhofschlägerei zwischen Lafontaine und Dietmar Bartsch das Parteimobiliar zu Bruch gehen sollte. Dass Kipping und Schwabedissen nun als Favoritinnen gelten, zeigt, dass die Linkspartei trotz all des internen Streits im Grunde eine harmoniesüchtige Partei ist.

Die ideologische Schlacht, die scharfe persönliche Rivalität mag man vor allem im Osten gar nicht. Auf Parteitagen ist man meist auch sehr nett zueinander. Die Linkspartei ist eigentlich eine disziplinierte ordentliche Organisation. Sie neigt wie alle sozialdemokratischen Parteien zum friedlichen Ausgleich. Das von den Parteiflügeln hart umkämpfte Grundsatzprogramm fanden am Ende 97 Prozent der Genossen prima. Diese Sehnsucht nach Ausgleich kann nun Kipping/Schwabedissen, die sich als dritter Weg jenseits der Lager anbieten, an die Parteispitze spülen.

Allerdings wäre das Duo Kipping/Schwabedissen keineswegs nur ein mittlerer Weg. Es wäre ein Zeichen für eine Neuerfindung der Partei. Dieses Führungsduo wäre nicht nur weiblich und jung, sondern auch viel stärker an außerparlamentarischen Bewegungen orientiert, an Arbeitsloseninitiativen und dem Prekariat. Es verkörpert einen neuen politischen Stil, weniger Apparat, weniger gusseiserne Wahrheiten, mehr Bewegung, mehr Offenheit. Diese Linkspartei wäre im besten Falle in der Lage, den Piraten wieder Wähler abspenstig zu machen. Aber ist die Linkspartei reif für diesen Schwenk?

Für die Partei, die vor allem im Westen männlich, gewerkschaftlich und grauhaarig ist, wäre diese Führung eine Kulturrevolution. Aber eine, die halb aus Verlegenheit geboren wurde. Könnte diese Führung also wirklich führen? Stände ihre Macht nicht bloß auf dem Papier? Katharina Schwabedissen ist eine Parteilinke, die der Occupy-Bewegung näher steht als den Gewerkschaften. In Nordrhein-Westfalen hat sie gerade eine Wahl verloren. Katja Kipping will ein bedingungsloses Grundeinkommen, die Mehrheit der Partei lehnt das ab.

Kipping und Schwabedissen an der Spitze – Das wäre so, als würden die Piraten basisdemokratisch den DGB führen wollen. Es ist also kein Wunder, dass in der Westlinken nun der Ruf laut wird, dass Sarah Wagenknecht Parteichefin werden soll. Aber die möchte gar nicht. Sie will lieber im Bundestag Angela Merkel in der Euro-Krise Kontra geben als sich um den mühsamen Parteiaufbau zu kümmern. Es stimmt, Schwabedissen und Kipping, das wäre ein Experiment. Es kann scheitern. Doch weitermachen wie bisher kann die Linkspartei nicht. Sie muss etwas riskieren.

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