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StartseiteBüchermarktDüstere Zukunftsvision 25.04.2018

Lionel Shriver: "Eine amerikanische Familie"Düstere Zukunftsvision

"Eine amerikanische Familie" von Lionel Shriver ist das jüngste Beispiel für die aktuelle Welle von Dystopien auf dem Buchmarkt. Doch dieser Roman ist nicht nur düster, sondern auch höchst unterhaltsam - und politisch unkorrekt.

Von Antje Deistler

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Eine zerfledderte Flagge der USA weht im Wind (imago stock & people)
Die Menschen ernähren sich nur noch von Kohl und werden von marodierenden Banden aus ihren Häusern vertrieben: Lionel Shriver wagt einen spielerisch provozierenden Blick in Amerikas Zukunft (imago stock & people)
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Die Dinge stehen schon längst nicht mehr gut für "Eine amerikanische Familie", für die Mandibles. So der Familienname des mehrere Generationen umfassenden Clans, um den sich Lionel Shrivers Geschichte dreht. Mandible, das Wort erinnert an das Adjektiv "edible", essbar, in Kombination mit "Man" für Mensch. Das lädt zu Interpretationen ein. Essbare Menschen? Verschlingt sich diese Familie selbst?

Zu essen haben sie jedenfalls nicht viel im Jahr 2029. Florence, ihr Mann Esteban und ihr 13-jähriger Sohn Willing können sich seit dem Kollaps des Dollars kaum den Kohl leisten, der zum Hauptnahrungsmittel für so viele geworden ist. Wasser ist streng rationiert, Klopapier ein Luxusartikel. Aber wenigstens hat Florence ein Dach über dem Kopf und Arbeit in einem Obdachlosenheim. Und das mit einem Doppelabschluss in Amerikanistik und Umweltpolitik.

"Das Einzige, was in New York City nie ausgehen würde, waren Obdachlose"

"Ihren vielversprechendsten Job hatte sie bei einem Start-up gehabt, das gut schmeckende Proteinriegel aus Grillenpulver herstellte. Als dann jedoch Hershey's einen ähnlichen, allerdings berüchtigt fetthaltigen Riegel massenproduzierte, brach der Markt für Snacks auf Insektenbasis ein. Auf die Anzeige für den Posten in einem städtischen Obdachlosenheim in Fort Greene bewarb sie sich aus einer Mischung von Verzweiflung und Cleverness: Das Einzige, was in New York City nie ausgehen würde, waren Obdachlose.

Es sind scharfsinnige, einfallsreiche Passagen wie diese, mit denen Lionel Shriver den tragischen Abstieg der Mandibles für ihre Leser immer wieder erträglich, ja sogar unterhaltsam macht. Auch beobachtet die Autorin ihre zahlreichen Figuren mit ironischer Distanz. Sie typisiert eher als dass sie ihnen charakterliche Tiefe gibt. Das mag eine literarische Schwäche sein, aber es hilft, um von der beschriebenen Elendsspirale beim Lesen nicht in panische Zukunftsangst versetzt zu werden.

Die Mandibles waren einmal reich. Den Grundstein für ihren Wohlstand legte ein Ur-Ur-Urgroßvater mit der Produktion von Dieselmotoren. Florence' Großvater Douglas vergrößerte das Vermögen als Literaturagent. Sein Sohn Carter, Florence' Vater, war Journalist bei der New York Times, dessen Schwester Nollie eine erfolgreiche Schriftstellerin. Alles einst hochangesehene Berufe - die im Jahr 2029 endgültig untergegangen sind.

"Alles, was wir tun, löst sich in Luft auf"

"'Hast du dich schon mal gefragt, ob ein Fluch auf unserer Familie lastet?', sinnierte Carter. (...) 'Ich bin Zeitungsjournalist, aber wo sind sie hin, die Zeitungen? Und Nollie: Auch mit dem erfolgreichen Romanschreiben ist es vorbei. Und du, Pop, warst ein König! Aber auf einer der Inseln, die durch das Ansteigen des Meeresspiegels auf keiner Land- oder Seekarte mehr zu finden sind. Es gibt keine Literaturagenten mehr. Selbst Dieselmotoren: Ohne eine Spur sind sie verschwunden. Alles, was wir tun, löst sich in Luft auf.'"

Als Carter dies zu seinem Vater Douglas sagt, spielt der 97-jährige Patriarch noch Tennis in einer hochkomfortablen Seniorenresidenz. Obwohl der Dollar kaum noch etwas wert ist, verfügt Douglas Mandible weiterhin über beträchtliche Mittel, angelegt in Gold und staatlichen Anleihen. Doch dann zieht die Regierung um Präsident Alvarado sämtliche Goldreserven ein, auch die in Privatbesitz, um den endgültigen Staatsbankrott abzuwenden. Die Mandibles verlieren mit einem Schlag alles. Das neue Gesetz lässt ihnen nichts.

"Horten von Gold wird nicht geduldet. Wer den Auflagen nicht nachkommt, wird mit Strafen von bis zu zweihundertfünfzigtausend Dollar belegt. Gold, gleich in welcher Form, über den Stichtag des 30. November 2029 hinaus zurückzuhalten wird als Straftat verfolgt, die mit Gefängnis nicht unter zehn Jahren geahndet wird."

Die Sippe wird mit Waffengewalt aus dem Haus vertrieben

Im ersten Teil des Buchs muss man sich durch einige Dinnerkonversationen lesen, in denen sich Familienmitglieder über die Misere streiten, um die wirtschaftlichen Zusammenhänge anno 2029 darzustellen. Dieser Wissenstransfer per Dialog gelingt Lionel Shriver sogar, ohne dass die wörtliche Rede dabei allzu gestelzt wirkt. Ob man alles versteht, was sie über Finanzwesen und Weltwirtschaft zu vermitteln versucht, ist eine andere Frage. Für die Geschichte ist das sowieso zweitrangig. Wie sich die komplexen, nur scheinbar abstrakten volkswirtschaftlichen Vorgänge auf die Menschen auswirken, ist wichtig. Die Mandibles führen es exemplarisch vor: Großvater Douglas wird nach der Pleite umgehend aus der Seniorenresidenz geworfen. Zusammen mit seiner dementen, stark pflegebedürftigen zweiten Frau Luella kriecht er schließlich bei Florence unter. Genau wie Florence' Vater und Mutter, ihre Tante Nollie sowie ihre Schwester samt Mann und drei Kindern. Bis die gesamte Sippe mit Waffengewalt aus dem Haus vertrieben wird. Denn in New York gilt natürlich längst das Recht der Stärkeren.

"Willing schob sein Fahrrad hinter den anderen her und warf immer wieder Blicke über die Schulter. Zu dieser Uhrzeit verließen keine vernünftigen Leute mehr das Haus. Über den Linden Boulevard schoss gelegentlich ein Auto, das die Gegend so schnell wie möglich zu durchqueren versuchte. Sonst gab es nur Gruppen von Obdachlosen, Leidensgenossen, die grimmig dreinblickten. Ihre Einkaufswagen waren verlockender als Brieftaschen."

Die Modalitäten des Niedergangs der Mandibles sind relativ vorhersehbar: Rücksicht auf Schwache oder gar Altruismus kann sich bald niemand mehr leisten. Als der alte Douglas Mandible sich und seine demente Frau erschießt, die bereits in guten Tagen eine kaum erträgliche Belastung darstellte, ertappt man sich beim Lesen dabei, wie man die Erleichterung der Restfamilie mitfühlt. Der junge Willing wird die Hinterbliebenen schließlich retten und aufs Land führen, wo sein Onkel Jarred sich ein eigenes Reich geschaffen hatte. Den Redneck hatte die eher liberale Florence bisher nur verlacht.

"Jarred wandelt sich zum Überlebenskünstler. Die Farm nennt er Zitadelle, als wäre es eine Festung. Die letzten paar Mal, als wir geredet haben, klang er ziemlich düster. All dieser Endzeitquatsch. (...) Tut Buße, das Ende ist nahe! Die Mitte zerbricht, wir gehen zugrunde! Das ist zwar nicht wirklich religiös, aber emotional gesehen, ist das evangelikales Iowa. Kein Wunder, dass er auf einer Farm gelandet ist."

Konservative bis reaktionäre Haltung des Romans

Das Interessanteste an Lionel Shrivers Roman "Eine amerikanische Familie" ist seine knallharte gesellschaftliche Analyse und seine konservative bis reaktionäre Haltung, die vor allem von politischer Unkorrektheit geprägt ist. Das Porträt von Nichtweißen beispielsweise: Der erste US-Präsident mit mexikanischen Wurzeln treibt die Verstaatlichung voran, ein Horror für alle, die schon in einem funktionierenden Gesundheitssystem den Sieg des Kommunismus sehen. Abwertende Sprüche über sogenannte "Lats", wie Latinos jetzt genannt werden, durchziehen das Buch.

Die einzige afro-amerikanische Figur ist Luella, die irre Stiefgroßmutter. Weil sie eine Gefahr für sich und andere darstellt, wird sie von den weißen Mandibles an der Leine durch die Gegend geführt. Dieses Bild sollten sie besser nicht auf die Kinoplakate drucken, wenn das Buch verfilmt wird, kommentierte ein Kritiker in der Washington Post.

Doch man bezweifelt immer wieder, dass Lionel Shriver es wirklich ernst meint. Sie spielt mit ihrem Publikum und hat Spaß an der Provokation. "Eine amerikanische Familie" ist intelligent erdacht und mit viel schwarzem Humor geschrieben. Es ist eine Menge Ironie dabei, wenn ihre Figuren sich auf uramerikanische Werte besinnen und ihr Heil endgültig in einer Art neuem Wilden Westen suchen. Das passiert im zweiten Teil, wenn der Roman ins Jahr 2047 springt und nochmal Fahrt aufnimmt.

Steuern werden über implantierte Chips abgebucht

Die dunkelste Zeit haben die Mandibles dann überstanden. Nur Florence ist tot, gestorben an einem Kratzer, da Antibiotika schon lange nicht mehr wirken. Die Wirtschaft erholt sich, seit es den "dólar nuevo" gibt und jedem Bürger der USA ein Chip eingepflanzt wurde, über den die allmächtige Finanzbehörde automatisch die horrenden Steuern abbucht, kaum dass man seinen Lohn kassiert hat. Willing, inzwischen Anfang 30, und seine Tante Nollie aus der berüchtigt langlebigen Babyboomergeneration, wohnen wieder in New York. Doch sie brechen aus und riskieren ihr Leben, um ihr Glück in den Vereinigten Staaten von Nevada zu suchen...

"... zu denen einige Indianerstämme genau wie der ursprüngliche Staat selbst gehörten, der im Volksmund immer schon der 'Freistaat' genannt wurde (...). Seit der Abspaltung 2042 gab es keinerlei Information über Nevada. Sobald etwas ans Licht kam, wurde die Information sofort unterdrückt. Die NSA musste Internetfilter eingerichtet haben: Wer eine Recherche über die neue Konföderation anstellen wollte, musste äußerst vorsichtig sein.

Das Motiv einer abtrünnigen "neue Konföderation" kennt man aus einer anderen aktuellen Dystopie, aus "American War" von Omar El Akkad. Doch während es dort rückständige Südstaatler sind, die die USA in einen zweiten Bürgerkrieg stürzen, ist der Freistaat Nevada hier eine Bastion des freien Kapitalismus, in der kaum Steuern erhoben werden.

Die Schattenseiten ihres ur-amerikanischen Traums zeigt Lionel Shriver aber auch. Ohne soziales Netz und ohne staatliche Gesundheitsfürsorge, vor allem aber ohne Kapital, wären Nollie und Willing dem Untergang geweiht. Das Leben rettet ihnen eine schwere Kiste mit Manuskripten, die die ehemalige Schriftstellerin Nollie jahrzehntelang mit sich herumgeschleppt hat. Ausgerechnet die Literatur, von allen totgesagt, wird sich als pures Gold entpuppen. Das ist eine schöne Pointe am Schluss.

Lionel Shriver: "Eine amerikanische Familie"
Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence. Piper Verlag, München, 496 Seiten, 24 Euro

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