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StartseiteBüchermarktLippenzauber15.11.2004

Lippenzauber

Alexander McCall Smith: "In Edinburgh ist Mord verboten"

Als Professor für Medizinrecht und Mitglied der Internationalen Bioethik-Komission der UNESCO, sowie als Gründer und Fagottist des in Schottland kultigen "Really Terrible Orchestra", war Erfolg für den 56-jährigen Alexander McCall Smith ohnehin kein Fremdwort. Bis der sich allerdings auch im literarischen Bereich einstellte, musste der Schotte erst ungefähr 50 Bücher schreiben.

Von Brigitte Neumann

Dudelsackspieler (AP)
Dudelsackspieler (AP)

Lange Zeit dümpelten die Verkaufszahlen seiner Kinderbücher und Erzählungen in unauffälligen Niederungen, auch seine heute weltbekannte Detektivserie The No. 1 Ladies’ Detective Agency kam erst 2002 aus ihrem Auflagentief. Seit Regisseur Anthony Minghella und die BBC die Geschichte um die afrikanische Privatdetektivin mit mütterlichem Naturell, Precious Ramotswe, verfilmen wollen, ist kein Halten mehr.

Alexander McCall Smith hat seine akademische Karriere auf Eis gelegt und hört nicht mehr auf zu schreiben: Fortsetzungsromane für die örtliche Presse, weitere Ladies’ Detective Agency-Folgen, eine Serie mit dem Namen "Professor Dr. von Igelfeld Entertainment" und eine weitere – nun in Deutschland erscheinende - namens "Miss Isabel und der Club der Sonntagsphilosophen". Auch diese vier-teilige Story wird im britischen Fernsehen zu sehen sein.

Die Hauptfigur, Miss Dalhousie – eine unverheiratete Dame Anfang Vierzig, die auf der Anrede Fräulein besteht – ist Herausgeberin der "Zeitschrift für angewandte Ethik" und eine Mischung aus Privatdetektivin, Pastorin und Alltags-Philosophin.

Ja, sie ist eine ziemlich interessante Frau. Sie hat Witz. Und sie will wissen, warum Menschen gewisse Dinge tun. Sie denkt also über die moralischen Implikationen des Handelns nach. Aber auch über die gewisser Gedanken, denen sie nachhängt, zum Beispiel wenn sie sich vorstellt, Toby, der Verlobte ihrer Lieblingsnichte werde ein für alle Mal unter einer Schneelawine begraben. Sie mag diesen Mann nicht. Und das führt zu Problemen.

Aber Toby ist längst nicht das größte Problem Miss Isabels. Während eines Konzerts der Reykjaviker Symphoniker in Edinburgh erlebt sie den tödlichen Absturz eines jungen Mannes vom Zweiten Rang der Usher Hall mit und macht sich sofort daran, den Fall aufzuklären.

Sie verfügt über ein gutes Maß an Neugierde, an Interesse für andere Menschen. Ich denke, dass Neugierde eine wichtige Voraussetzung für die Entwicklung von Mitgefühl und Verständnis für andere ist. Unsere Gefühle lassen uns also moralisch wachsen. Neugierde ist aber auch Voraussetzung von moralischem Vorstellungsvermögen insgesamt.

Die Beharrlichkeit, mit der Miss Dalhousie ihre Recherchen vorantreibt, geht ihrer Umwelt auf den Geist. Besonders der Polizei, die das Ganze als tragischen Unfall schnell zu den Akten gelegt hat. Aber auch den Kollegen des toten Mark Fraser. Denn der Angestellte bei einem großen Finanzdienstleister war einem Fall von Insiderhandel unter Kollegen auf der Spur. Auch die Bank-Eminenzen und Unternehmensberater Edinburghs sind alarmiert, als die so liebenswürdige wie penetrante Dame Erkundigungen in ihren Clubs einholt.

Miss Dalhousie ist bei all ihren Detektivarbeiten ausschließlich ihrem Gewissen verpflichtet, denn durch Erbschaft wohlhabend, kann sie ihr Leben vollständig selbst bestimmen.

Alexander McCall Smith zeigt seine Heldin und Ethikspezialistin auch im gedanklichen Austausch mit einigen großen Denkern: Kant, Wilhelm Reich, Hannah Arendt. Dabei wirft dieser Austausch wenig mehr als ein paar geläufige Überschriften ab.

Im Grunde genommen ist Alexander McCall Smiths’ Detektivroman Erbauungsliteratur, die sich gegen den Niedergang der Sitten und Umgangsformen wendet. Rührend altmodisch, wie schon die Fräulein Anrede seiner Heldin im Titel andeutet. Und karikaturenhaft einfach in der Charakterzeichnung: Isabel Dalhousie verfügt über die typisch englische ‚stiff upper lip" – ihre Contenance lässt nie zu wünschen übrig. Auch nicht Aug in Aug mit dem Mörder. Sie ist jederzeit über alle Zweifel erhaben und immer mit sich im Reinen. Aber, Sie ist auch eine sehr warmherzige Heldin.

In den 80ern und 90ern galten McCall Smiths’Geschichten, wie das 1988 erschienene "Portuguese Irregular Verbs", als altmodisch, bürgerlich. Der Autor fühlte sich milde belächelt und war frustriert. Die Zeiten haben sich geändert. Heute ist er der erfolgreiche Gentleman-Autor, der aus einer heilen Welt berichtet, in der Ehrlichkeit, Allgemeinbildung und gutes Benehmen wenigstens Qualitäten der Mittelschicht waren.

Die Leute haben heute ein spürbares, sogar wachsendes Interesse an moralphilosophischen Überlegungen, die sie auf ihren Alltag anwenden können. Und sie haben das Bedürfnis, ihrem Leben einen moralisch befriedigenden Rahmen zu geben. Denn das Ende der Religion hat da eine Lücke hinterlassen.
Einer der Gründe, warum die Leute meine Geschichten gerne lesen, ist wahrscheinlich: Es sind freundliche Geschichten. Es gibt keinerlei Gewalt in ihnen, auch an Aggression bin ich nicht interessiert. Ich schreibe über Menschen, die sich im Großen und Ganzen mögen und gut behandeln.
Wenn ich meine Leser treffe, und das passiert sehr häufig, berichten sie, dass sie sich sehr wohl fühlen, wenn sie meine Bücher lesen. Sie erleben keinen Kummer beim Lesen, haben aber etwas zum Nachdenken übrig behalten. Ich hoffe, sie haben gelächelt, während sie lasen, vielleicht sogar gelacht. Und ich hoffe auch, dass sie nachher das Licht ausmachten und dachten:Das Leben ist doch eine komische, prickelnde und interessante Sache. Ich bin gar nicht dafür, dass nur diese Art von Büchern gelesen wird. Wir sollten auch Bücher lesen, in denen es um die Probleme des Lebens geht. Aber wir sollten – was unsere Lektürewahl angeht - vielleicht eine bessere Balance herstellen.


Siegt das Gute bei einem herkömmlichen Krimi zwar in der Regel nach einem spannenden Kampf mit dem gegnerischen Lager, so weiß der Leser doch: Das Böse wächst nach! Bei Alexander McCall Smith sind die Gesetze des Genres ausgehebelt. Bei ihm kämpft Gut gegen Sehr gut. Er ignoriert die wirklich gefährlichen, heimtückischen und zerstörerischen Elemente des menschlichen Zusammenlebens, und zwar formvollendet. Als könne das Böse durch Nichtbeachtung verschwinden.

Aber das hat auch seinen Preis: Weil die dunkle Seite des Lebens ausgeblendet ist, wirken die Geschichten so, als wolle der Autor es sich und seinen Lesern in einer nostalgischen Nische der einfachen Freuden und der aufrechten Werte bequem machen. Eine Art psychologischer Selbstversicherung, mit der McCall Smith in den anglophonen Ländern erfolgreich war.

Bislang nicht aber in Deutschland. Nun könnte man spekulieren, deutsche Leser ließen sich doch lieber von wirklich spannenden Krimis oder andererseits dann etwas komplexerem Denkstoff unterhalten.

Aber hierzulande vielgelesene Sachbücher über gutes Benehmen und brave Prosa über die menschliche Suche nach dem Glück von Paul Coelho oder – wie jetzt aktuell auf der Bestsellerliste - Francois Lelords, deuten in eine andere Richtung. Auch für Alexander McCall Smith wird es einen Platz im Herzen der deutschen Leser geben. Das ist nun nicht direkt schädlich. Aber wie der Autor selbst schon sagte: Wir sollten auch was anderes lesen.

Alexander McCall Smith
In Edinburgh ist Mord verboten
Karl Blessing Verlag, 285 S., EUR 16,-

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