Montag, 11.12.2017
StartseiteBüchermarktLiterarischer Müll24.06.2007

Literarischer Müll

Buch der Woche: "Bunny und Blair" von DBC Pierre

DBC Pierre bekam für seinen Erstlingsroman "Jesus von Texas" 2003 den englischen Booker-Preis. In seinem neuen Werk erzählt er die Geschichte von Bunny und Blair, zwei siamesischen Zwillingen. Das Buch ist ohne tieferen Sinn zusammengeklaubter, literarischer Müll.

Von Florian Felix Weyh

Der Australier Peter Finlay schreibt unter dem Pseudonym DBC Pierre. (AP)
Der Australier Peter Finlay schreibt unter dem Pseudonym DBC Pierre. (AP)
Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Schiefe Bilder und albernste Obszönitäten

"Ludmillas Feldbett war durch einen Vorhang von den zwei Räumen der Hütte getrennt. Im Hauptraum gab es eine Küchenecke, in der eine große, an einen Schuhkarton erinnernde Eisenkiste stand, die als Herd und Dungofen diente und durch ein Rohr mit dem Dach verbunden war. Darum herum standen ein Tisch mit Plastikdecke, drei Klappstühle und zwei Benzinfässer, die bei Bedarf als Behelfstische dienten. Ein kleines Fenster gegenüber von Ludmillas Verschlag warf Hände voll Lichtstaub auf den Fußboden. Im Schlafzimmer standen zwei durchgelegene, unterschiedlich hohe Betten. Im niedrigsten schliefen Irina und Kischka - jedenfalls hatte diese mit dann geschlafen, bis sie vor kurzem entschieden hatte, schneller zur Frau zu werden, wenn sie im Verschlag ihrer Schwester übernachtete. Im höheren Bett schliefen Olga und Alexander. Maximilian schlief inzwischen auf dem Boden neben der Hüttentür. Er hatte geschworen, das Schlafzimmer nie wieder zu betreten, nachdem er im letzten Sommer einen Blick auf den blanken Arsch seiner Großmutter erhascht und mit seiner unwirschen Bemerkung einen tagelangen bitterbösen emotionalen Hickhack ausgelöst hatte."

Es hat wenig Sinn, die Kaukasusrepublik Ublilsk, Teil der ehemaligen Sowjetunion und noch immer deren Geisel in Sachen Verwaltungs- und Versorgungsstrukturen, auf der Landkarte zu suchen. Ublilsk gibt es nicht, wiewohl es irgendwo in der Region rund um Bergkarabach so aussehen könnte, wie sich der heute in Irland lebende, australische Autor DBC Pierre den Niedergang des sozialistischen Weltreichs vorstellt.

In Ublilsk lebt die Familie Derew, vier Frauen und zwei Männer. Die Frauen - Großmutter, Mutter und Töchter - sind keifende Megären, die Männer - Großvater und Enkel - triebgesteuerte Schwachköpfe. Deswegen stirbt der Großvater zu Beginn der Geschichte durch die Hand seiner Enkelin Ludmilla, vielmehr durch ihren Handschuh, den sie ihm während einer rektalen Vergewaltigung so tief in den Rachen stößt, dass er daran erstickt. Auf der nach oben offenen Weltliteratur-Skala unglaubwürdiger Todesarten erreicht dieser groteske Auftakt einen Spitzenwert, aber Peter Finley, so der bürgerliche Name des Pseudonymikers DBC Pierre, weiß, was er seinem Rufe schuldig ist: schmutzig, derb und schrill muss er sein, nachdem sein Erstling "Jesus von Texas" genau um dieser Eigentümlichkeiten willen zum Bestseller der ungebildeten Stände wurde, freilich auch der gebildeten, sonst wäre es nicht zum Booker-Preis für diesen Erstling gekommen, der sich immerhin als scharfe Mediensatire gerierte. Das neue Buch entzieht sich hingegen jeglicher Einordnung in bekannte Genres, wiewohl es ein paar unerwartet traditionelle Quellen erkennen lässt, den Russen Gogol etwa wie den Deutschen Brecht - doch davon später. Zunächst hat es noch einen ganz anderen Handlungsstrang, in dem das Schrille seine Heimat findet.

"Die Heaths waren zwar noch klein, doch Wesen und Takt ihrer Situation dämmerten ihnen rasch, beides wurde ihnen wie mit einem leisen Harfentusch bewusst. Blair Albert und Gordon-Marie Heath waren siamesische Zwillinge, vom Bauchnabel an zusammengewachsen. Sie teilten einzelne Organe, aber nicht das Herz. Zu einer anderen Zeit oder in einer anderen Kultur hätte man sich vielleicht gefragt, für welche Untat aus einem früheren Leben, für welche Sünde der Eltern die beiden ansonsten klugen und gesunden Jungs bestraft worden waren."

Eine Harfe tuscht für gewöhnlich nicht, dafür nimmt man Blechblasinstrumente zur Hand, doch das gehört noch zu den kleineren Eigenwilligkeiten eines Autors, der mit ausladender Geste alle überkommenen Poetiken von sich weist. Blair Albert und Gordon-Marie - letzterer genannt Bunny, beide bezogen auf zwei sehr bekannte Labour-Politiker - sind die komplementären Helden zur kaukasischen Ludmilla. Sie leben in London und schultern ein literarisches Programm: als Außenseiter der britischen Gesellschaft diese zu entlarven. Jedenfalls die künftige, denn "Bunny und Blair" spielt in einem schwach futuristischen Milieu, irgendwann jenseits 2010. Die siamesischen Zwillinge, inzwischen im besten Mannesalter und operativ voneinander getrennt, werden nach einem Leben im abgeschlossenen Pflegeheim auf Welt und Menschheit losgelassen.

"Die Konfrontation der Heaths mit der neuen Welt war so furchtbar anzusehen wie der Zusammenstoß eines Lkw mit einem Kinderwagen."

Wohl war, pflichtet der Kritiker dem Autor bei und begreift sich fürderhin als Unfallberichterstatter. Viel Schaden an Schuldigen und Unschuldigen ist zu vermelden, Blut fließt reichlich über 400 Seiten des bilderlosen Comic-Strips, die Toten gehen in die Dutzende. Doch halt: Auch diese Genreangabe ist unzureichend, denn Comics folgen einer erzählerischen Logik, was der Roman "Bunny und Blair" nicht tut. Seine Chaos-Ästhetik ist eher Ausdruck des Unfallschocks der beiden Protagonisten Bunny und Blair, und die im Bürgerkriegsgebiet lebende Ludmilla kann für sich auch nicht gerade mentale Normalität beanspruchen. Zunächst einmal stellt sich dem naiven Leser die Frage, wie der Autor zwei Schauplätze miteinander verbindet, die nicht nur Tausende Kilometer voneinander entfernt liegen, sondern inhaltlich überhaupt keine Berührung haben. Ein Medium muss her, natürlich, ohne Medium geht es nicht.

"An einer Stange hing ein Duschvorhang. Der Mann zog ihn um eine Ecke und zeigte Ludmilla einen Spiegel, dann legte er einen Film in die Kamera. Ludmilla betrachtete sich im Spiegel. Sie sah müde aus, ihr Gesicht war gerötet. Die Wärme des Raums ließ rosige Flecken auf ihren Wangen und ihrer Nase erscheinen, und im grellen Licht glänzten die Spuren der vergossenen Tränen. Sie schniefte, wienerte sich das Gesicht mit einem Ärmel und lächelte in den Spiegel. Ein Gänselächeln, dachte sie und versuchte es mit einem Stirnrunzeln. Das verlieh ihrer Miene ein gewisses Gewicht. Sie richtete ihr Haar, wobei sie ein paar Strähnen über einem Auge baumeln ließ, und setzte sich vor der Kamera auf einen Stuhl.

'Ihr Engel im Himmel!' sagte der alte Mann. 'Wollen Sie die Leute mit Ihrem Foto erschrecken? Soll es ein Bauer als Vogelscheuche benutzen?'

'Sie haben Ihr Geld bekommen. Machen Sie das Foto.'

'Schenken Sie mir ein Lächeln, ja? Ist das Foto für eine Parteimitgliedschaft? Für einen Personalausweis?'

'Nein, es soll Vögel verscheuchen. Und nun knipsen Sie endlich.'

Der Mann riss die Augen weit auf, er brach in Lachen aus. Sein Lachen war so echt, und Ludmilla kam es vor, als wäre ihre Erwiderung so bissig gewesen, dass auch sie lachen musste. Zuerst zischte sie durch zusammengepresste Lippen, dann lachte sie mit feuchtem, offenem Mund. Und als sie versuchte, ihre Mimik wieder in den Griff zu bekommen, drückte der Mann auf den Auslöser.

'Mehr Fotos knipse ich nicht', sagte er. 'Denn das hier ist das großartigste Bild, das es je von Ihnen geben wird.'

'Gut, aber ich habe für zwei Fotos bezahlt.'

'Warten Sie ab, bis Sie es sehen.' Er zog die Platte aus dem Apparat. Er sah auf die Uhr, stand lächelnd da und wartete. Dann pulte er eine Schicht vom Papier und strahlte das Foto an. 'Schauen Sie mal.'

Ludmilla nahm das Foto. Ihr Gesicht stach wild hervor, der gesenkte Kopf war leicht zur Seite geneigt, ihre Augen blitzten hinter fransigen Strähnen, darunter war der Ansatz eines frechen Lächelns zu erkennen. Das Bild strahlte etwas Ungezähmtes aus. Es hatte fast einen Duft."

Dieses Foto der zwar verwahrlosten, dennoch erkennbar erotischen kaukasischen Naturschönheit dient nur dem Zweck des Männerfangs. Um aus Ublilsk herauszukommen, gibt Ludmilla ihr letztes Geld für einen Internetdeal aus: Weltweit wird ihr Foto von lüsternen Sexsuchern betrachtet werden können - Achtung, vergessen wir nicht: einen dieser Sorte hat Ludmilla schon umgebracht! -; und wenn alles gut geht, kommt dieser Mann nicht nur aus den Vereinigten Staaten oder Europa, sondern ist auch reich, heiratswillig und sanftmütig. Der Traum von Freiheit heißt für Ludmilla Bindung, freilich muss sie sich materiell rentieren.

Die Webseite www.kutschniskgirls.com.ru besucht schließlich wirklich ein Mann, allerdings erst auf Seite 246 des Romans. Es ist der frisch getrennte und deswegen sexuell unerfahrene Siamesenzwilling Blair. Hier drängt zueinander, was zusammengehört, meint DBC Pierre und lässt die beiden psychisch immer noch unzertrennlichen Brüder in den Kaukasus fliegen. Mit dem Zusammentreffen aller drei Helden beginnt das blutige Finale:

"'Sollen wir kurz mal ehrlich sein, Blair? Wir sind hier gelandet, weil du eine Jungfrau bist, für deren Geschmack die Frauen zu Hause ein bisschen zu selbständig, ein verficktes bisschen zu einschüchternd sind. Deshalb hast du dir ein paar hübsche eitle Irrglauben zurechtgelegt, wie etwa den, dass die Bettelarmen sich dir zu Füßen werfen, sobald du mit einer Pfundnote wedelst.' Bunny ließ seinen Blick über den Schnee zu Blair schlittern. 'Sieh den Tatsachen ins Gesicht, Blair: Der Knabe da ahnt, was los ist. Du bist hergekommen, um seine Schwester zu bumsen.'"

Natürlich, in diesen geografischen Regionen bedeutet verletzte Bruderehre eine tödliche Gefahr, doch noch gefährlicher sind die generellen Umstände, in die die beiden weltfremden Zwillinge hineingeraten: Das Haus der Familie Derew befindet sich in der Frontlinie eines Partisanenkrieges, und so erweitert der Roman "Bunny und Blair" in seinem letzten Fünftel das erzählerische Spektrum auch noch um den Bonus-, vielmehr Malustrack, eines Landserheftes. Niemand aus der potenziellen männlichen Leserschaft bleibt ausgeschlossen. Dass sich Frauen aufs testosterongetränkte Schreibexperiment DBC Pierres einlassen, erscheint eher unwahrscheinlich. Genauere Details ersparen wir uns, indem wir die Unfallberichterstattung etwas abstrakter fassen und zum Ausgangspunkt zurückkehren.

Der auf Kollision und Kollaps programmierte Text von DBC Pierre ruht nicht nur auf den Schultern seiner drei Helden, sondern auch auf drei tragenden Säulen: einer Londoner Gesellschaftssatire, einer Gogol-Parodie und der Sprache. Beginnen wir mit letzterer: Ein Schriftsteller darf alles, solange er es kann:

"Blair entknatterte dem Dunstkreis seines Bruders wie eine Salve aus der Maschinenpistole."

Seite 12.

"An der Aura von Wendepunkten, die sich bekanntlich gern Arabesken wie jenen des Quäkens armenischer Klarinetten bedient, hätte sie merken müssen, dass der Ärger längst in der Luft lag."

Seite 22.

"Blair brasste sein Kinn wie ein Jachtbesitzer sein Segel."

Seite 79.

"Blair schnaubte, aus einem Nasenloch quoll eine Blase. Er hob sie zum Fenster, und als er sie einsog, versuchte er Londons knisternde Oberfläche mit einzusaugen, diese verruchte Oberfläche mit ihrem Hauch von skrupelloser Kumpanei und Bremsruß.""

Und so weiter. Vom Manierismus als - freilich längst überlebter - Kunstform ist es nur ein kleiner Schritt hinein in die Irrgärten der gemeinen Stilblüte. Dabei genießt DBC Pierre mit Henning Ahrens sogar noch den Vorzug eines literarisch aktiven Übersetzers, der selbst Lyrik und Romane publiziert, und der dementsprechend ahnen mag, wo die Grenze zwischen Aha-Effekt und Lächerlichkeit liegen mag. Dem Übersetzer kann kein Vorwurf gemacht werden, er ist ja kein Umdichter, und so lässt er die Dialoge der beiden Zwillinge in ihrer Mischung aus Pseudointellektualität und Argot genauso unvermittelt stehen, wie sie der Autor geschrieben hat. Greifen wir ein beliebiges Beispiel heraus, den Disput der Brüder über die Wahl zwischen einem Taxi und einem Minicab:

"'Las dich nicht aufhalten', sagte Blair über die Schulter. 'Drüben stehen Taxis.'

'Das sind Minicabs. Ich lebe doch nicht im verdammten Nigeria.'

'Das war jetzt total daneben, Bunny.'

'Wieso? Was war falsch daran?' Bunny blieb stehen und zeigte seine Hasenzähne.

'Erstens war das absolut rassistisch. Mann, das hier ist das multikulturelle London - wenn du so weiterquasselst, wird man dich einbuchten oder abmurksen oder so.'

'Blair, Schätzchen - Nigeria ist keine Rasse.'

'Na, ich meine, komm schon.' Blair, ein paar Schritte voraus, drehte sich um und zog ein Gesicht. Vor ihm verschwand Lamb durch eine Doppeltür.

'Ich muss verdammt noch mal schon sagen. Du hältst es für rassistisch, wenn ich sage, dass ein Minicab-Fahrer aus Nigeria kommt?'

Blair rollte mit den Augen. 'Ja, irgendwie schwingt da die Behauptung mit, dass alle Nigerianer Minicab-Fahrer und damit niedere Dienstleister wären.'

'Blair - die drei Minicab-Fahrer, die ich bisher hatte, waren super Typen, und ich würde gemeinsam mit ihnen auf einen Jackpot wetten. Aber alle drei waren erst vor so kurzer Zeit aus dem Flugzeug gestiegen, dass sie null Peilung hatten. Der eine hat eine ganze Stunde bis zum Waschsalon gebraucht, obwohl der nur die Straße rauf ist. Was ist rassistisch daran, wenn mich das nervt? Das ist gesunder Menschenverstand, mehr nicht. Ich bin hier doch auch nur ein Fremder. Ich muss schon sagen.'

'Ich finde es herablassend, alle Mitglieder der Afrikanischen Union mit dem Namen eines Landes zu bezeichnen. Du warst echt höhnisch.'

'Mir doch egal. Außerdem müsstest du dich mal hören, Kumpel - 'Mitglieder der Afrikanischen Union'. Damit packst du diese Menschen in eine völlig von dir getrennte Gemeinschaft, damit bist du der beschissene Rassist.'

'Ja, klar, Bunny, aber wenn das stimmt, warum werden sie in der englischsprechenden Welt dann offiziell so genannt?'

'Wenn man sie hier ehrlich akzeptierte, würde man sagen: 'Afrikanische Mitglieder unserer Gesellschaft'. Worte sind Konzepte, Blair.'

'Das ist doch absurd.'

"Nein, Kumpel, das ist die bittere Wahrheit. Indem du jede Kritik tabuisierst, schreibst du das Rassenproblem fest. Und komm mir nicht damit, dass du beschissen multikulturell wärst, weil du dich mit Leuten wie Nicki herumtreibst - sie ist doch nur ein modisches Accessoire mit Knackarsch für dich. Du hast immer wieder gesagt, farbige Mädchen hätten die besten Arsche.'

'Dagegen lege ich jetzt verdammt ernsthaften Einspruch ein.'

'Genau das solltest du auch. Denn trotz aller hippen Allüren bleibst du eine analfixierte weiße, bürgerliche, faschistische Schnapsnase.'

'Verpiß dich doch einfach nach Hause. Nimm die U-Bahn.'"

In diesem Zitat fällt vor allem auf, dass das Wort "verfickt" einmal nicht vorkommt, wiewohl es sonst zum Standardrepertoire der beiden gehört, die wie Statler und Waldorf in der Muppet-Show - nur mit ungleich geringerem Witz - ihre Umgebung analysieren und kommentieren. Wesentlich mehr als solche Dialoge enthält der Zwillingsstrang des Buches kaum, sieht man von den Dauererektionen Blairs und einer seltsamen Drogengeschichte ab, begleitet von ein paar am Rande gesponnenen Verschwörungsfäden rund ums britische Gesundheitssystem. Denn dass Bunny und Blair überhaupt in Freiheit gelangen, verdankt sich der Privatisierung ihres Pflegeheims, das nun einem ominösen Konzern gehören soll, der auch Waffen in Ublilsk produziert. Mäßig entlarvend, aber literarische Satire hat es ohnehin schwer gegen die Konkurrenz lautstarker Massenmedien anzuschreien. So greift man besser auf traditionelle Vorgaben zurück und parodiert diese, wie etwa Gogols Revisor aus dem 19. Jahrhundert.

Weite Teile der Ludmilla-Passagen bedienen sich dieses Vorbilds, denn wo sich DBC Pierre im Londoner Erzählteil jeglicher Konstruktionsarbeit enthält, ist er im fiktiven russischen Ublilsk umso fleißiger. Denn mit Ludmillas Ermordung ihres Großvaters bricht die Versorgung der Familie zusammen. Außer einem betagten Kolchosen-Traktor besitzt sie nichts mehr und lebt sechsköpfig nur von den Versorgungsgutscheinen des Rentners. Die müssen nun mit gefälschter Unterschrift eingereicht werden, was einen staatlichen Inspektor auf den Plan ruft, dessen hochgehaltene Legalitätsprinzipien vor dem Hintergrund der rundum agierenden Gewalt allerdings weit hergeholt wirken.

Noch seltsamer ist das Leitmotiv des "Brotzugs", der den Bezirk mit Nahrung versorgt und natürlich in den kriegerischen Wirren auf der Strecke bleibt. Kolchosen-Traktor und Brotzug kommen einem wie die Ingredienzien einer Brechtschen Parabel aus den 40ern vor, womit die Stil- und Erzählebenen der verschiedenen Romanteile endgültig irreparabel auseinanderklaffen; zugleich pflegen die Kaukasusbewohner noch ziemlich nervtötende, bäuerliche Unterschichtsformulierungen zu gebrauchen. Dennoch sind die diese Passagen um Längen besser geraten als die englischen, auch wenn von durchgearbeiteten Figuren, gar von Psychologie, keine Rede sein kann. Manchmal wenigstens stechen kurze Blöcke ins Auge, die beweisen, dass der Autor auch einen Beobachtungssinn besitzt.

"Pilosanows Haus hatte die Nummer zwölf und zeichnete sich durch eine grüne Tür aus. Pilosanow hatte sich irgendwann zu einem Besuch in einer Stadt bemüßigt gefühlt, in der es grüne Farbe gab, hatte gutes Geld für einen Topf voll bezahlt und seine alte Tür im Anschluss mehrfach gestrichen. Dies führte zu den ersten Gerüchten über seine Alkoholkrankheit, eine Diagnose, die man an dem Tag zum Junggesellenwahnsinn hochstufte, als er einen Topf mit roter Farbe kaufte und eine Zwölf auf sein Haus pinselte, das dadurch im Umkreis von neunzig Kilometern zum einzigen mit einer Hausnummer avancierte. Er beharrte auf der Bewahrung solcher Symbole, da sie seiner Meinung nach die Grundlage der Zivilisation darstellten, die bei ihrer Rückkehr ein warmes Nest vorfinden sollte."

Oder, einmal wirklich originell-pointiert formuliert, die Beschreibung der Großmutter:

"Olga zuckte mit den Schultern und setzte ihr Pokergesicht auf. Es war ein Gesicht, das ihr geholfen hatte, vier Kriege und eine Reihe von Nöten zu überstehen, die, alphabetisch geordnet, keinen Buchstaben ausließ, nicht einmal das Ü, wenn man die Überdosis an Röntgenstrahlen mitzählte, die sie nach der Geburt eines Kindes erhalten und bislang wie durch ein Wunder überlebt hatte."

Aber das bleiben Raritäten im Pierrschen Malstrom. Der niederschmetternde Rest des Buches ist das, was man gemeinhin Trash nennt - ohne tieferen Sinn zusammengeklaubter, literarischer Müll. Angesichts dieser Gattung erscheint die Frage, was Peter Finley alias DBC Pierre damit beabsichtigt, ebenso unbeantwortbar wie überflüssig. Der Mann hatte große Geldprobleme, bevor er zum Popstar des Literaturbetriebs avancierte, dann hatte er deutlich weniger, und vermutlich will er nie mehr welche bekommen. Ein nachvollziehbares Motiv, um eine neues Buch auf den Markt zu werfen, doch als Unfallzeuge muss ein Kritiker objektiv bleiben: Bei der Kollision des Autors mit seinem Stoff entstand Totalschaden. Finger weg vom Wrack.


DBC Pierre: Bunny und Blair
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Aufbau Verlag
392 Seiten, 19,90 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk