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StartseiteBüchermarktLiteratur von Beamten05.08.2009

Literatur von Beamten

Nicholas Boyle: Kleine deutsche Literaturgeschichte, C.H.Beck

Eine kurze Einführung in die deutsche Literatur auf 250 Seiten - lässt sich das machen? Durchaus, wenn man so belesen ist und so prägnant formuliert wie der englische Germanist Nicholas Boyle.

Von Martin Krumbholz

Goethe- und Schillerdenkmal vor dem Theater in Weimar (AP)
Goethe- und Schillerdenkmal vor dem Theater in Weimar (AP)

Sein Buch ist schlüssig aufgebaut, enthält keine sachlichen Fehler (jedenfalls nicht solche, die dem Rezensenten aufgefallen wären) und kommt in der Regel zu pointierten Urteilen, denen der Leser sich anschließen mag oder auch nicht. Streiten kann man über literarische Werturteile immer, entscheidend aber ist, dass man sich bei der Lektüre kaum einmal langweilt - und das, obwohl Boyle die deutsche Literatur - trockener ginge es wohl kaum - grosso modo als eine Literatur von Beamten beschreibt. Sicher ist das eine sehr englische Perspektive auf deutsche Gesetzmäßigkeiten, aber an Belegen fehlt es nicht; nicht nur war Goethe ein hochgestellter Beamter am Hof von Weimar, bereits Hartmann von Aue wirkte als Ministerialer. Konsequent bindet Boyle seine Literaturgeschichte in die deutsche Realgeschichte ein, die er in großen Zügen, aber sachkundig skizziert.

Die sieben Kapitel des Buchs, jeweils kaum länger als 30 oder 40 Seiten, teilen den Stoff sinnvoll ein. Das Zeitalter der Aufklärung lässt Boyle 1781 enden, mit dem Tod Lessings; gleichzeitig beginnt die Epoche des Idealismus, die sonst auch als die deutsche Klassik firmiert und ihrerseits 1832, mit dem Tod Goethes, endet, gefolgt vom Zeitalter des Materialismus - sonst Realismus genannt -, bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Österreich und die Schweiz sind abgekoppelt und bilden eine Art Appendix zum Übrigen.

Nicholas Boyle versteht es, das Besondere an einem Autor oder einem Werk in knappen Wendungen auf den Begriff zu bringen und dabei die weiterlaufenden Prozesse nicht aus dem Blick zu lassen. Über Büchners Drama "Dantons Tod" schreibt er, die Sprache sei voller Farbe und Kraft, reich an Wortspielen und extravaganten Metaphern, abwechselnd grob und eloquent und eindringlich sexuell. Und über die Novelle "Lenz" bemerkt er, für ihre leidenschaftslose, aber zutiefst mitfühlende Erzählweise in der dritten Person gebe es in deutscher Sprache kein Vorbild. So werden die spezifischen Eigenschaften einzelner Texte und zugleich das Innovative an ihnen deutlich benannt. Drittens werden solche Qualitäten stringent auf den historischen Hintergrund bezogen. Über Hebbels "Maria Magdalene" heißt es, das Trauerspiel fange die Veränderung des kleinstädtischen Deutschland zu einer Zeit ein, als sich die Lesefähigkeit ausbreitete, die Sitten sich aber nicht rasch genug änderten, um eine ledige werdende Mutter davor zu bewahren, dass sie sich aus Angst vor dem Skandal das Leben nahm.

Die Schwächen einzelner Autoren werden ironisch, aber unnachsichtig benannt. Über den jungen Brecht stellt Boyle fest, er behaupte, die Kunstgriffe seiner Inszenierungen seien dazu gedacht, das Publikum zum Nachdenken über politische Fragen zu bringen, doch in Wahrheit werde es nur dazu gebracht, über die Theatralik der Darbietung nachzudenken. Das kann man so sehen. Boyle seinerseits verliert die politischen Zusammenhänge nie aus den Augen, ebenso wenig wie philosophische Konnotationen - denn die Philosophie ist ausdrücklich Bestandteil der literarischen Produktion. 1781 ist nicht nur das Todesjahr Lessings, sondern auch das Erscheinungsjahr der "Kritik der reinen Vernunft". Der Anteil Kants an Schiller, ebenso der Nietzsches und Schopenhauers an Thomas Mann oder der von Marx an Brecht, sind durchgängig fester Bestandteil der jeweiligen kritischen Würdigungen.

Als nüchterner Engländer ist Boyle jeder Form von Ideologie naturgemäß abhold. Eine gewisse Vorliebe hegt er für den Begriff "Manier", der im Deutschen einen etwas anderen Klang hat als im Englischen; auf der Insel ist es keine Schande, auf die eine oder andere Art und Weise "gemacht" zu sein, während die Welt dem Deutschen und insbesondere der deutschen Klassik die heutige umfassende Bedeutung des Begriffs "Kunst" verdankt - die es wiederum Oscar Wilde ermöglichte, zu sagen, sie - die Kunst - sei völlig nutzlos. Die nüchterne Distanz zur Emphase des deutschen Kunstbegriffs kann man bei der Lektüre dieses Buchs als sehr wohltuend empfinden.

Summa summarum lässt sich diese britische deutsche Literaturgeschichte jedem Leser nachdrücklich empfehlen, der an einer kompakten, kurzweiligen und durchaus eigenwilligen Gesamtschau der deutschsprachigen Literatur interessiert ist.

Nicholas Boyle: Kleine deutsche Literaturgeschichte. Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. C.H.Beck, 272 S., 17,80 Euro.

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