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StartseiteBüchermarkt"Literatur weckt die Leute auf"26.08.2013

"Literatur weckt die Leute auf"

Nuruddin Farah: "Gekapert", Suhrkamp

In Nuruddin Farahs jüngster Roman-Triologie sind somalische Rückkehrer aus Amerika die Hoffnungsträger. Das dritte Buch "Gekapert" erzählt, geschöpft aus zahlreichen, nachgewiesenen Quellen sowie persönlichen Interviews des somalischen Autors, über die Piraten aus seinem Heimatland.

Von Martin Zähringer

Nuruddin Farah selbst beklagt oft die Ignoranz der westlichen Medien und nutzt das Forum der Literatur bisweilen zur Gegenaufklärung - wie auch in seinem Buch über Piraten. (picture alliance / dpa)
Nuruddin Farah selbst beklagt oft die Ignoranz der westlichen Medien und nutzt das Forum der Literatur bisweilen zur Gegenaufklärung - wie auch in seinem Buch über Piraten. (picture alliance / dpa)

"Literatur weckt die Leute auf, macht sie sensibel für die Verhältnisse. Literatur macht aufmerksam, indem sie die Menschen mit der Geschichte verknüpft. Sie ermöglicht emotionale Zugänge zum Geschehen, so schlimm es auch sein mag. Und natürlich ist Literatur auch Unterhaltung für den Kopf. Ich denke, Literatur kann nur Gutes tun."

Die Hoffnungsträger in Nuruddin Farahs jüngster Roman-Trilogie sind somalische Rückkehrer, oft sind es Somalis mit amerikanischem Pass. Cambara, die aus Kanada zurückgekehrte Heldin des vorherigen Romans "Netze", hat sich in Mogadischu etabliert. Im aktuellen Werk mit dem vielsagenden Titel "Gekapert" bietet sie sich als Gastgeberin des Neu-Amerikaners Malik und seines Schwiegervaters Jebleeh an. Der Literaturprofessor Jebleeh wiederum ist die Hauptfigur aus "Links", dem ersten Roman der Rückkehrer-Trilogie. Er ist ein alter Kampfgenosse von Bile, mit dem Cambara jetzt zusammenlebt. Jebleehs Schwiegersohn Malik spielt den aktiven Part in "Gekapert". Als freier Journalist führt er Interviews mit Politikern, Warlords und Piraten. Dabei gerät er ins Visier militanter Gotteskrieger. Gleichzeitig ist sein Bruder Ahl, ebenfalls aus den USA eingereist, auf der Suche nach seinem verschwundenen Stiefsohn. Ein sogenannter Talentsucher der Schabaab-Milizen hat den jungen Mann in Minnesota für den Heiligen Krieg in Somalia angeworben. Die Bewegungen dieser Männer durch Mogadischu und die Region Puntland ermöglichen dem Autor einen spannenden Aufriss der Lage im Jahr 2006. Für seine Figuren sieht es einstweilen noch undurchschaubar aus:

"Jebleeh begreift, dass er auf das Gerede der Somalier in der Diaspora hereingefallen ist, die glauben wollen, dank der Union habe ihr Land die Kurve gekriegt. Es war töricht gewesen, ihnen Vertrauen zu schenken. Er ruft sich in Erinnerung, dass die unehrlichsten Worte, die über die Lippen eines Politikers kommen, jene sind, mit denen er sein Gottvertrauen beteuert."

Gemeint ist die Union der Islamischen Gerichte. Ihre Vertreter erscheinen mit weißen Mänteln und Peitschen in der Hand und simulieren staatliche Ordnung. Ihnen ist es scheinbar gelungen, die Macht der Warlords Strongman-South und Strongman-North zu brechen, die das Land nach dem Sturz des Diktators Barre in einen permanenten Bürgerkrieg stürzten. Die Union hat die Scharia eingeführt und zwingt die Frauen in die aus Afghanistan bekannten Körperzelte, aber ihre Macht beruht nur auf Terror und Gewalt. Über weite Strecken ist die alles beherrschende Gewalt der Stoff des Romans. Dabei werden ihre Urheber keineswegs generell über den antiislamischen Kamm geschoren. Der Entwurf eines konkreten und differenzierten Lageberichts wird durch die Profession des Journalisten Malik begünstigt. Der trifft sich mit zahlreichen Akteuren aus den militanten Kreisen, seien sie nun religiös motiviert wie die Al-Schabaab-Milizen oder rein wirtschaftlich wie die Piraten. Für Action ist also gesorgt, während Maliks Bruder Ahl als Stichwortgeber eines politischen Diskurses figuriert:

"Während er zuhört, denkt er, dass jedes Jahrzehnt eigene politische Schwierigkeiten mit sich bringt: Palästinenser entführen aus politischen Gründen Flugzeuge, die roten Brigaden entführen Aldo Moro, die RAF ermordet Bankiers und hohe Regierungsbeamte. Genau das Gleiche machen Al-Kaida und ihre Ableger, zu denen Al-Schabaab sich zählt, in Somalia. Westliche Reporter, die über die jüngsten Ereignisse berichten, bringen den Islam ins Spiel, als wäre Terrorismus Bestandteil des genetischen Aufbaus der Muslime, und vergessen, dass mehr Muslime als Nichtmuslime durch Terrorakte ums Leben kommen."

Nuruddin Farah selbst beklagt oft die Ignoranz der westlichen Medien und nutzt das Forum der Literatur bisweilen zur Gegenaufklärung. Diese Grundhaltung hat ihn schon zu Beginn seiner Laufbahn in Schwierigkeiten gebracht, als er die politische Karriere des Ex-Diktators Siad Barre kritisch begleitete. Auch die auf seinen Sturz folgenden Warlords machte er sich zu Feinden, indem er ihre Praktiken beschrieb. Somalia ist gekapert, und Literatur ist Kampf:

"In letzter Zeit habe ich mich mehr zu den Religionisten geäußert. Ich nenne sie nicht Islamisten, ich nenne sie Religionisten, weil sie glauben, sie könnten politische Macht dadurch erringen, dass sie religiöse Sympathien ansprechen. Aufgrund dessen, was ich über sie sagte und schrieb, bin ich auf ihrer schwarzen Liste."

In der deutschen Übersetzung beim Suhrkamp Verlag heißt es trotzdem "die Islamisten". Wir unterscheiden feinsinnig zwischen Muslim und Islamist, Nuruddin Farah sieht in diesem Sprachspiel noch immer den Islam als Ganzes auf der Anklagebank. An einer weiteren symbolischen Aufklärungsfront geht es in diesem Roman gegen das bei uns gepflegte Feindbild von den somalischen Piraten. Der Roman "Gekapert" erzählt, geschöpft aus zahlreichen, nachgewiesenen Quellen sowie persönlichen Interviews des Autors - eine andere Geschichte über die Piraten aus Somalia. Angefangen hat es demnach damit, dass eine aus allen Ländern dieser Welt kommende Flotte von Fischtrawlern und Frachtschiffen die riesige, ungeschützte Küste Somalias für ihre eigenen räuberischen Zwecke gekapert hat.

"Bewaffnet waren sie auch, für den Krieg gerüstet, ihre Rennboote einsatzbereit, wann immer somalische Fischer versuchten, sich zu wehren. Und wenn sie fischten, benutzten sie Methoden, die weltweit verboten sind. Zudem verklappten sie nukleare, chemische und andere Abfälle vor unserer Küste."

Die somalischen Fischer haben sich erst danach bewaffnet, und was heute vor den Küsten des Landes als Piraterie betrieben wird, ist ein global kalkuliertes Geschäft des organisierten Verbrechens. Dazu gehören Reeder, Kapitäne und Schiffsmakler, ein internationales Netzwerk von Lotsen, Bankern, Versicherungsagenten und Waffenschiebern. Nichts könnte diesem Unternehmen besser passen als ein gescheiterter Staat. Die somalischen Piraten aber befinden sich ganz am Ende der Nahrungskette. Auch diese Information, im Roman durch die Recherchen des Journalisten Malik vermittelt, ist ein kalkuliertes Politikum in Farahs literarischem Werk. Für die waffenstarrenden Afrikastrategen aus Militär, Politik und Sicherheitsindustrie ist dieser Roman ein Schlag ins Gesicht. Ob die somalischen Rückkehrer aus Amerika mit ihren individuellen Einsätzen und privaten Netzwerken aber wirklich die politische Vernunft nach Somalia bringen? Gut wäre es, einstweilen versucht es Nuruddin Farah mit guter Literatur.

Nuruddin Farah: "Gekapert", Aus dem Englischen von Susann Urban. Suhrkamp Verlag 2013, 464 Seiten, 26,95 Euro.

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