Sonntag, 19.11.2017
StartseiteSonntagsspaziergangWo sich deutsche Einwanderer gern niederließen17.09.2017

Little River Canyon in AlabamaWo sich deutsche Einwanderer gern niederließen

Der Lookout Mountain ist wegen der atemberaubenden Aussicht über Chattanooga und Tennessee River über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Doch der Bergzug durch die Staaten Tennessee, Georgia und Alabama birgt noch mehr magische Erlebnisse, die schon im letzten Jahrhundert deutsche Einwanderer zu schätzen wussten.

Von Rudi und Rita Schneider

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Goldener Herbst: Verfärbte Blätter - Indian Summer genannt - im Gebiet des Lookout Mountain im US-Bundesstaat Alabama. (Deutschlandradio / John Dersham)
Goldener Herbst: Indian Summer im Gebiet des Lookout Mountain im US-Bundesstaat Alabama. (Deutschlandradio / John Dersham)
Mehr zum Thema

Ave Maria Grotto in Cullman, Alabama Der Pater und seine Mini-Welt

Tuscumbia/Alabama Das Geburtshaus der Schriftstellerin Helen Keller

Alabama Der Kampf um die Abtreibung im "Bible Belt"

Alabama Shakes Roots-Rock mit Soulpowerstimme

Wenn man auf den Höhenzügen des Lookout Mountain am Rande der Appalachen rund um Fort Payne in Alabama im Herbst unterwegs ist, erlebt man ein Feuerwerk an Farben. Es ist die Zeit, wenn die Laubbäume den "Indian Summer" einläuten. Lange, bevor weiße Siedler in diesen Landstrich kamen, waren die üppigen Wälder, Wiesen und wildromantischen Flussläufe unter anderem das Land der Cherokee, erzählt uns Rangerin Brittany Hughes.

"Wir haben natürlich Funde von prähistorischen Indianer Stämmen aus der "Woodland und der Mississippi Periode". Die Cherokees lebten hauptsächlich in dieser ganzen Gegend. Die Stadt hieß ursprünglich "Will´s Town" und wurde später in Fort Payne umbenannt. ". Fort Payne erhielt seinen Namen vom Fort, in dem die Cherokees gesammelt wurden und von dort aus den "Trail of Tears" begannen. Wir informieren unsere Besucher hier über den Trail of Tears und über die Kultur der Cherokees."

Spuren auf dem Tränenweg: Cherokee wurden zwangsweise umgesiedelt

Vom alten Fort, das nach Captain John Payne benannt wurde, steht nur noch ein Steinmonument, das an den Trail of Tears erinnert. Willstown war der Wohnort des berühmten Cherokee-Häuptlings Sequoyah, der das Cherokee-Alphabet erfand. Sequoyah hatte übrigens eine Cherokee-Mutter und einen deutschen Vater, und so klingt das Alphabet das er erfand. Die Cherokee haben in ihren Songs gerne die Melodien bekannter Lieder adaptiert. 50 Jahre nachdem die Cherokee auf dem Trail of Tears nach Oklahoma unter hohen Verlusten zwangsweise umgesiedelt wurden, erlebte Fort Payne wegen seiner Bodenschätze einen explosiven industriellen Aufschwung. Der wurde auch dadurch begünstigt, dass Fort Payne an einer der Hauptstrecken der Alabama Great Southern Railroad lag. Der alte Bahnhof ist ein bemerkenswert schönes Exemplar der Richardsonian Romanesque Architektur aus rötlichem und gelbem Sandstein. Dort treffen wir John Dersham der uns durch die Mainstreet führt:

"Wir sind hier im 'Fort Payne City Park'. Auf der linken Seite befand sich das legendäre DeKalb Hotel, das 1918 abgebrannt ist, es hatte 125 Zimmer. Hier vorne steht das Original Bürogebäude der "1889 Boston Coal and Iron Company". Die Company hat dieses ganze Stadtviertel entwickelt und aufgebaut, auch das Opernhaus. In Neuengland gehörte es wohl immer dazu, eine Oper haben."

Einst gab es 350 Strumpf-Firmen in Fort Payne

Das Opera House ist die älteste Oper in Alabama, die nach wie vor geöffnet ist.

DeKalb Theater, ein bemerkenswert schönes Exemplar der Richardsonian Romanesque Architektur aus rötlichem und gelbem Sandstein. Die älteste Oper in Alabama ist immer noch ein Theater, sie wird unter anderem für Unterhaltungsshows genutzt. (Deutschlandradio / John Dersham)Das DeKalb Theater wird unter anderem für Unterhaltungsshows genutzt. (Deutschlandradio / John Dersham)

"Dieses Gebäude kann man heute für Hochzeiten und Partys mieten. Die Oper ist immer noch ein Theater, sie wird unter anderem für Unterhaltungsshows genutzt. Im hinteren Teil des Gebäudes befindet sich das Strumpf-Museum. Bis vor fünf Jahren nannte man Fort Payne die "Socken-Hauptstadt" der Welt. Damit soll dokumentiert werden, dass es über 350 Firmen in Fort Payne gab, die Strümpfe herstellten."

Die Mainstreet ist jeweils am dritten Wochenende im September Schauplatz der "Boom Days", an denen das Kulturerbe von Fort Payne und seine Geschichte gefeiert wird. Die Leute kleiden sich in den typisch historischen Kostümen und Kleidern der Gründerzeit und auf fünf Bühnen gibt es interessante Darbietungen und viel Musik. Das ist die Country Band "Alabama". Ihr Headquarter ist Fort Payne und die Stadt hat ihnen bereits zu Lebzeiten ein Denkmal im Park gewidmet. Ganz in der Nähe befindet sich das Alabama Fan Club Museum in dem wir Karen Potts treffen, die das Museum der Gruppe Alabama betreut und deutsche Wurzeln hat.

"Alle meine Vorfahren mütterlicherseits kommen aus Schleswig Holstein. Wir haben die alte Heimat besucht. Wir waren aber auch im Schwarzwald, haben eine Flusskreuzfahrt auf dem Rhein unternommen, natürlich waren wir auch in Wiesbaden und Heidelberg. Wir haben viel Zeit in den Wäldern verbracht. Es war einfach wunderbar, während der Reise mitten unter deutschen Nachbarn zu wohnen. Ich liebe die deutschen Leute, ich vermisse Deutschland."

Klettern oder Wildwasserfahrten im Canyon

Mit Karen wandern wir ein wenig durch die Ausstellung, die mit vielen interessanten Exponaten die Bedeutung der weit über die Grenzen der USA bekannten Country Band unterstreicht. Bandleader Randy Owen lebt praktisch um die Ecke.

"Randys Haus befindet sich siebeneinhalb Meilen von hier direkt am Fuß der Bergzüge des Lookout Mountain. Genau genommen, an der Rückseite der "Little River Canyon Gorge". Das ist die tiefste Schlucht östlich des Grand Canyons und der Fluss ist der einzige in Nordamerika, der nahezu über seine gesamte Länge in der Gipfelregion des Bergzuges fließt. Das müsst Ihr Euch anschauen."

Wasserfall im Desoto State Park in Alabama  (Deutschlandradio / Rudi und Rita Schneider)Wasserfall im Little River Canyon, über den die Kajaker herunterfahren (Deutschlandradio / Rudi und Rita Schneider)

Gesagt, getan, wir folgen Karens Vorschlag, ziehen uns um, und mit Outdoor Kleidung geht es zum Little River Canyon. Die Straße schlängelt sich entlang der Felskante des Canyons, der stellenweise mehr als 300 Meter tief ist. Flora und Fauna sind mit ihrer unglaublichen Vielfalt der Reichtum des Little River Canyons, erzählt uns Peter Conroy. Er ist Direktor der Jacksonville State University, die das das Little River Canyon Center betreibt. Für Outdoor Freunde ist der Canyon ein Mekka, sagt Peter Conroy.

"Für Felskletterer gibt es hier Steilwände mit einem sehr hohen technischen Schwierigkeitsgrad. Und der Little River ist für das Wildwasser Kajaking wirklich nichts für Anfänger. Teile der Wanderwege sind mitunter mit sehr steilen Passagen ebenfalls äußerst anspruchsvoll. Auf der anderen Seite können die Naturwunder des Canyons aber auch auf sehr einfachen und gut ausgebauten Wegen erkundet und erlebt werden."

Bevor man ihn sieht, hört man ihn. Das Rauschen lässt bereits vor dem optischen Eindruck ahnen, mit welcher Macht das Wasser über die Felskante in die Tiefe stürzt. Die Bäume lichten sich und geben einen atemberaubenden Blick auf den spektakulären Wasserfall frei, der offensichtlich unter Wassersportlern weit über die Landesgrenzen beliebt ist.

"Das ist ein 15 Meter hoher Wasserfall. Wenn es richtig regnet, schauen die Kajaker in Atlanta oder Birmingham in einer App auf den steigenden Wasserpegel. Die alarmieren sich dann gegenseitig und nach einigen Stunden sind sie hier. Und diese Jungs gehen mit ihren Booten diesen Wasserfall runter. Das ist nichts für Leute wie Du und ich, ich würde sterben, aber diese Kajaker sind erfahren. Die Leute schauen ihnen zu und bewundern den Mut dieser Sportler. Es ist einfach ein unbeschreiblicher Canyon, der weiter runter tiefer und tiefer wird, bis zu 300 Metern. Für uns ist der Canyon aber auch wie eine Petri Schale, weil sich hier so unglaublich viele und auch seltene Spezies entwickelt haben. Das ist ein sehr einzigartiger Ort."

Fleischfressende Kannenpflanzen, Luchse und Schwarzbären

Unweit des Little River Canyons, praktisch flussaufwärts, gibt es noch eine Steigerung, es ist der Wasserfall des Desoto State Parks. Zu ihm gelangen wir über den Scenic Byway, der über die Höhenzüge des Lookout Mountain führt und der das Attribut "Scenic" mehr als verdient. Wir parken das Auto, setzten unsere Wanderung fort und folgen dem weithin hörbaren Geräusch. Die Wassermassen stürzen in weiten Kaskaden in ein riesiges Felsenbassin. Am Aussichtspunkt treffen wir den Superintendenten des Desoto State Parks Josh Hughes.

"Dieser Wasserfall, an dem wir jetzt stehen, ist mehr als 30 Meter hoch. Wir haben im Park stromabwärts einige weitere Wasserfälle, die zwischen 2 und 3 Metern hoch sind. Das ist einfach eine unglaublich schöne Naturlandschaft, in der man auch sehr interessante und seltene Tiere und Pflanzen findet, zum Beispiel die "Mountain Green Pitcher Plant", das ist eine fleischfressende Kannenpflanze. Die findet man nur in dieser Region."

Die "Mountain Green Pitcher Plant", eine fleischfressende Kannenpflanze, findet man nur im Desoto State Park.  (Deutschlandradio / Rudi und Rita Schneider)Die "Mountain Green Pitcher Plant", eine fleischfressende Kannenpflanze, findet man nur im Desoto State Park. (Deutschlandradio / Rudi und Rita Schneider)

Was man in dieser Region auch findet, erzählt uns Rangerin Brittany Hughes, die sich wieder zu uns gesellt hat.

"Wir haben hier eine Population von Schwarzbären, die wir seit vier Jahren studieren. Wir sehen nicht viele von ihnen, sie sind auch keine "Problem Bären". Die regulären Besucher sehen sie eher weniger, wir Park Ranger sehen sie relativ oft. Es gibt auch Rot-Luchse in diesem Gebiet und Opossums, die sehen wir schon öfter als die anderen."

Der Spirit von Mentone zieht Maler, Musiker, Schriftsteller an

Dass der Desoto State Park in dieser Form erschlossen und für Besucher zugänglich gemacht wurde, verdankt er einer Idee von Präsident Franklin D. Roosevelt. Das Civilian Conservation Corps war Präsident Roosevelts Antwort auf die große wirtschaftliche Depression in den 30iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und das Corps kam hier im Desoto State Park zum Einsatz.

"Wir stehen hier am alten Haupteingang zum Desoto State Park. Das Gebäude war damals auch das Hauptquartier des Parks. Der Park und dieses Gebäude wurde zwischen 1933 bis 1941 vom Civilian Conservation Corps erbaut, das war eine von der Bundesregierung der Vereinigten Staaten organisierte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für junge Arbeitslose. Das Gebäude ist heute ein Museum, das an die Projekte der Männer des "CCC" in dieser Gegend erinnert."

Desoto State Park - das Wasser stürzt mehr als 30 Meter in die Tiefe.  (Deutschlandradio / Rudi und Rita Schneider)Desoto State Park - das Wasser stürzt mehr als 30 Meter in die Tiefe, hier sind auch seltene Tiere und Pflanzen zu finden. (Deutschlandradio / Rudi und Rita Schneider)

Nach unserer Wanderung entlang der Wasserfälle und durch eine einzigartige Wildblumenlandschaft wollen wir den Tag und die Erlebnisse in einem Café mit ganz besonderer Atmosphäre abschließen, dem "Wildflower Café" in Mentone. Bevor das "Wildflower" ein Café war, baute Laura Catherine Moon hier im Wald frisches Gemüse, Obst und Kräuter an. Irgendwann hatte sie die Idee, sie könnte daraus auch leckere Spezialitäten für Gäste kochen, alternative Küche, nur frische Produkte und eigene Rezepte. Und das füllte ihr Haus im Wald mit Gästen. Während wir Laura Catherines Wildflower Salat Kreation genießen wird nicht nur der Gaumen verwöhnt, sondern auch die Ohren. Das ist Tony Goggans. Obwohl er gerade Johnny Cash´s Ring of Fire singt, sieht er doch etwas wie Willi Nelson aus, speziell seine Gitarre, die offensichtlich unzählige Einsatzstunden hinter sich hat. Laura Catherine kommt aus der Küche und erzählt.

"Der Spirit von Mentone, das ist eine spezielle Schwingung. Diese Atmosphäre hat Leute aus der ganzen Welt angezogen. Maler, Musiker und Schriftsteller sind wegen der Naturwunder hier her gekommen. Mentone und diese Schwingung muss man einfach selbst erfahren und erleben."

Somit ist Laura Catherines Wildflower eigentlich nicht nur ein Café, sondern auch eine Galerie und auch eine Bühne für Künstler, die sich in Mentone und Umgebung niedergelassen haben. Draußen vor dem Café befindet sich eine alte Plantagen Glocke. Laura Catherine meint, sie sei noch nie geläutet worden, aber unsere Frage brachte sie auf eine spontane Idee.

"Unser 10jähriges werden wir im Oktober feiern und dann werden wir diese Plantagen Glocke läuten."

Zum Abschied und zum Abschluss unseres Besuches in Fort Payne und den Naturwundern des Lookout Mountain dürfen wir Laura Catherines Plantagen Glocke anschlagen und dem Klang lauschen, der sich in den üppigen Kronen alter Hickory- und Eichenbäume verliert.

                                                                           

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk