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StartseiteBüchermarktLob der Taugenichtse05.01.2004

Lob der Taugenichtse

L. Hammerstein über die 120 Tage von Berlin

Ein Lob der Nischenkultur hat Lukas Hammerstein in seinem Buch angestimmt, und er hat dafür eine ganz besondere Nische erfunden: In einem neuen Bürohochhaus am Potsdamer Platz tummeln sich Personen, die da nicht hingehören, denn es sind weder Angestellte noch Beamte. "Wir", so definiert sie der Ich-Erzähler, sind "Leute, die per Haftbefehl gesucht werden, Familienväter auf Urlaub, Verlierer, Taugenichtse". An anderer Stelle ist von "Zwischenwesen" die Rede, von "stolzen Verlierern, arroganten Versagern", von "Systemverächtern" und "Vorreitern einer kommenden Antiangestelltenkultur." Diese Zwischenwesen sind als Pseudomieter engagiert, und bewohnen den Glaspalast, den sie auf den schönen Namen PLACEBIS getauft haben, damit hier die Lichter nicht ausgehen, bevor sie richtig angegangen sind. Früher ließ man arme Familien neue Zinshäuser trockenwohnen, heute lässt man Büropaläste mit Leben füllen, um Mieter zu finden, – was wirklich vorkommen soll, wenn es sich auch bestimmt anders abspielt als in Hammersteins Roman "Die 120 Tage von Berlin".

Eva Pfister

Lukas Hammerstein, "Die 120 Tage von Berlin", Coverausschnitt (S. Fischer Verlag)
Lukas Hammerstein, "Die 120 Tage von Berlin", Coverausschnitt (S. Fischer Verlag)

120 Tage dauert die Nischenexistenz der Pseudomieter, dann haben sie ihren Zweck erfüllt, und Placebis – wörtlich übersetzt: Du wirst gefallen – hat die gewünschten, solventen Mieter gefunden. Der Roman spielt am letzten der 120 Tage, an dem noch ein riesiges, alle Grenzen sprengendes Fest stattfinden soll. Die Einstimmung auf dieses ultimative Fest soll Handlung und Spannung des Romans tragen. Aber da hakt es. Der Titel erinnert natürlich an das berühmte Werk von Marquis de Sade, "Die 120 Tage von Sodom", in dem rituelle Lustmorde aller Arten geschildert werden, aber trotz dieser zusätzlich geschürten Erwartungshaltung bleibt der Suspense-Effekt ein Placebo. Denn es geschieht eigentlich nichts, - oder immer dasselbe: Der Ich-Erzähler und seine Mitbewohner streifen durchs Haus, rauchen und trinken oder greifen zu stärkeren Drogen, sie huldigen der Leere und kurzen Begegnungen, sie tanzen zu wummernden Bässen im tiefsten Keller und steigen zum Chill-Out aufs Dach. Sie führen eine Art Pseudo-Leben in einem künstlich erhitzten Zustand, von dem es heißt: "So ist das hier in diesem Haus, alle sind dauernd erregt, nur führt es oft zu nichts; es ist, als stecke jeder in sich selber fest, so tief, dass er große Mengen Alkohol und alle Arten von Drogen braucht und dann den Weg nicht findet...."

Künstlich erhitzt kommt auch die Sprache daher, die in oft stakkato-haftem Rhythmus wortreich die glitzernde Oberfläche des Hauses spiegelt. Lukas Hammerstein jongliert mit Kontrasten und Variationen, schmückt gerne mit Arabesken aus und scheut kein Pathos. Ständig ist von überschwänglichen Gefühlen die Rede, von großen Leidenschaften und tiefstem Glück, was sich beim Lesen jedoch nicht vermittelt und auch im Widerspruch steht zum Leerlauf dieser Pseudoexistenzen. Für den Autor Lukas Hammerstein ist das jedoch kein Einwand:

Das schließt einander nicht aus, ich glaube, dass man auch in der Leere sich leidenschaftlich einrichten kann. ... Natürlich, die sind von Leere geprägt, und das mag sie auch ein bisschen verderben, natürlich ist das Buch auch von soner Leere angesteckt ... trotzdem sind die Leute leidenschaftlich in dem, was sie tun, in dem was sie in dieser Nacht tun, in dieser Entscheidung, ein Fest zu feiern, auch in der Entscheidung, auf Rituale zurückzugreifen.. Und die Ich-Figur erzählt von Leidenschaften und reflektiert Leidenschaften. Und in meinen Augen ist an diesen Stellen im Text Leidenschaft durchaus da, sehr stark sogar.

Der Ich-Erzähler lebt im Glashaus und zugleich in seiner eigenen Welt: Er trauert einer vergangenen Liebe nach und schreibt der Frau, die ihn verlassen hat, einen Brief. Ihr berichtet er vom Leben im Placebis, von seinem Glück, hier zu sein, von seinen erotischen Begegnungen, vor allem mit der coolen Powerfrau Maria, die ihn in ihrer absoluten Gefühlslosigkeit magisch anzieht. Aber immer noch ruft er seine verflossene Liebe beschwörend an: "Licht meines Lebens, Feuer meines Unglücks, meine Seele, mein Untergang" und erinnert sich an Momente der gemeinsamen Vergangenheit, die in aller Kürze sehr innig wirken, aber überraschenderweise stets mit der Floskel beendet werden: "Liebe war es nicht". Auch hier sieht der studierte Jurist und Philosoph Hammerstein, offensichtlich dialektisch geschult, keinen Widerspruch:

Ja, die Verhältnisse sind verkehrt, aber das ist in diesem Roman ist das überall so. Es erinnert sich jemand an eine große Liebe, und in der Reflexion ... stellt er diese Liebe natürlich in Frage... Aber wenn man das praktisch synthetisch sieht, ist das auf der nächst höheren Stufe eben die Liebe. Also, er versucht sich von dieser Liebe zu befreien, in dem er sie nochmals beschwört. Dem dient das: Es ist ja keine. Das ist wie eine Sprachregelung zwischen den beiden, die sich getrennt haben. Und die Liebe, die im Glashaus stattfindet oder die Leidenschaften, die dort sind, sind natürlich ganz anderer Natur. Das ist sicher auch schmerzhaft zu spüren für den Ich-Erzähler.

Aber beim Lesen vermittelt sich dieser Schmerz kaum. Der Erzähler schwimmt mit im Strom dieser Anti-Mainstream-Gesellschaft, die sich ungerührt zu Tode amüsiert. Bei ihm allerdings wird dieses Sprachbild zur Realität, denn er opfert sich für den Höhepunkt des Festes, für ein rituelles Abendmahl, das jedoch auch keine neue Religion stiftet.

Es ist ein Ritual, es ist auch ein leeres Ritual, und es stiftet eben nichts, d.h. es ist etwas, das sich ganz auf der Oberfläche bewegt. Es ist der Versuch, Emphase zu erzeugen, ohne die dahinter liegenden Traditionen mitzuschleppen.

Und doch hinterlässt der Ich-Erzähler eine Botschaft, denn während des Abendmahls erklingt seine Stimme vom Band mit den Worten: "Ich bin ein Humanoide, ein Roboter, entworfen von Aliens und auf der Erde ausgesetzt, um den Schmerz zu testen, die Einsamkeit, die Liebe und den Tod." Große Worte! Es weilte also ein Jesus aus dem Science-Fiction-Reich unter den Pseudomietern. Mittlerweile ärgerlich vom vielen leerlaufenden Pathos des Buches, ist man bereit, alles unter Zeitgeist-Ironie abzuhaken, aber so will es der Autor auch nicht verstanden wissen:

Bei aller Oberflächlichkeit ist da natürlich Tiefe drin. Die Menschen versuchen, so etwas wie Tiefe zu finden... Sie haben Mühe, aber versuchen, sie zu finden. Und die Tiefe entsteht natürlich durch diese Botschaft, das ist so der letzte Akt einer Leidenschaft, einer Liebe, einer Tiefe, das ist die Botschaft. Alles andere ist reine Oberfläche. Und dieser Gegensatz erzeugt glaub’ ich eben auch gewissermaßen die Botschaft. - Der Gegensatz erzeugt die Botschaft.

Vielleicht. Mich vermochte aber diese Dialektik nicht zu überzeugen, wenn das Buch auch philosophisch unterfüttert wird mit diversen Zitaten u.a. von Camus‘ Roman "Die Pest". So entsteht eine Endzeitstimmung, wobei auch diese nur in ihrer banalen Variante daherkommt. Was das Buch trotz allem leistet, ist eine Zustandsdiagnose. Lukas Hammerstein ist auch als Autor politischer Features tätig, und in manchen der kurzen Kapitelchen gelingen ihm kleine Essays, die durchaus für sich stehen könnten und als Zeitgeistanalyse überzeugen.
Zudem ist das Buch ein Panoptikum. Oft eingeleitet mit der Formel: "Da ist..." werden immer neue Bewohner des Glashauses vorgestellt. Sie vermögen auf Anhieb zu interessieren, aber sie verschwinden rasch wieder,– bis sie vielleicht 20 Kapitel später noch einmal kurz auftauchen. Von manchen hätte man gerne mehr erfahren.

Zum Beispiel von der Familienrichterin, Mutter zweier Kinder, die sich im Glashaus eine Auszeit nimmt, einen Urlaub vom Leben, wie sie es nennt, und unter dem Künstlernamen Killy the Bit politische Botschaften in die Medienwelt einschleust. Oder von Krieger, dem typischen Kreuzberger der 70er Jahre, der jetzt einen Kurierdienst aufgezogen hat; von Fackel, die für ihn fährt und auf dem Fest weinend einen Traum erzählt. Oder von Schaffer, dem überzeugten Arbeiter, der lieber in die DDR ging, als im Westen arbeitslos zu sein, nun aber Manifeste der Glücklichen Arbeitslosen vorträgt; von Andrea, dem Ex-Model, das im Müll des Hauses meditiert, oder vom frustrierten Rundfunkredakteur, der sich nur noch seiner Muskelkraft widmet.

All diesen Gestalten, die oft nur auf ein, zwei Seiten zum Leben erweckt werden, ist die Abkehr von der Gesellschaft gemeinsam, aber sie sind nicht nur Aussteiger und Verweigerer. Sie leben auch ein Leben jenseits der Arbeitsgesellschaft vor, und wenn auch viel von Leere und Drogenrausch die Rede ist, so erfüllt doch jeder Pseudomieter seine Zwischenexistenz im Glashaus mit Aktivität. Darauf legt der Autor auch Wert:

Ich habe zwar vorhin zugegeben, dass Leere eine große Rolle spielt, aber Leere ist die Matrize, von der sich das abhebt, was die dort tun. Die Leere spielt immer wieder hinein, sie wird aber beantwortet mit einer Fülle, die sie erzeugen. Es ist nicht so, dass sie sagen: Es ist uns alles egal und wir wollen auch nichts mehr. Die wollen eine ganze Menge, nur formulieren sie’s anders. Und in dem Fest inszenieren sie nicht die Leere, sondern sie versuchen, das Leben zu berühren.

Man merkt, Lukas Hammerstein sind seine Geschöpfe ans Herz gewachsen. Und offensichtlich will auch er mehr von ihnen erfahren, denn er verriet noch im Gespräch, dass er einige von ihnen zu Protagonisten eines neuen Roman-Projekts machen wird.

Lukas Hammerstein
Die 120 Tage von Berlin
S. Fischer, 220 S., EUR 10,-

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