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Loblied auf die Ordnung

Jakob Augstein: "Die Tage des Gärtners – Vom Glück im Freien zu sein", Hanser

Von Johannes Kaiser

"Ohne Ordnung ist im Garten gar nichts", meint Jakob Augstein, Journalist und Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag".
"Ohne Ordnung ist im Garten gar nichts", meint Jakob Augstein, Journalist und Verleger der Wochenzeitung "Der Freitag". (picture alliance / dpa)

Gartenbücher gibt es Dutzende. Umso auffälliger ist die unorthodoxe Annäherung des Berliner Verlegers Jakob Augstein an das Thema. Seine Liebeserklärung an das Gärtnern ist ein lehrreicher, augenzwinkernder Essay mit bisweilen verblüffenden Ratschlägen.

"Der Garten entsteht natürlich im Kopf, denn die Planung ist eine Frage der inneren Vorstellung, auch das Erstellen eines Bildes, wie soll dieser Garten eigentlich aussehen, welche Art von Garten möchte ich eigentlich haben, die Kombination von verschiedenen Pflanzenarten, welche Wirkung die dann entfalten, welcher Charakter da ausgedrückt werden soll, das sind alles innere Fragen und das sind natürlich die Entscheidenden, denn das Umsetzen selbst ist zwar harte körperliche Arbeit und dauert auch lange, aber ist natürlich begrenzt anspruchsvoll, ich meine, das muss man dann halt machen und man sollte es halt nicht beim Gedanken gelassen."

Eigentlich hatte Jakob Augstein, der Verleger der Berliner Wochenzeitschrift "Freitag" nie vorgehabt, Gärtner zu werden, bis er mit seiner Familie in ein Haus zog, das einen verwahrlosten Garten besaß.

"Ich bin ja so ein schlimmer bürgerlicher Spießer. Ich schau aus dem Fenster und dann sieht es da draußen traurig aus und dann fühle ich mich sozusagen aufgerufen, Hand anzulegen."

Und weil er nun einmal Journalist ist, hat er seine Erfahrungen als Gartenamateur nicht für sich behalten, sondern regelmäßig in einer Kolumne ausgebreitet. In Laufe der Jahre ist so viel Material zusammengekommen, dass er seine Einsichten, Erkenntnisse und Erlebnisse nun in der kompakten Form eines Buches herausgegeben hat: "Die Tage des Gärtners". Warum Augstein seitdem Schwielen an den Händen hat und Dreck unter den Nägeln, verrät der Untertitel: "Vom Glück, im Freien zu sein". Der Hobbygärtner macht allerdings schon von Anfang an klar, dass ein Garten nichts für faule Blumenliebhaber ist. Er kostet viel Mühe und Schweiß, aber auch viel Planung und Denkarbeit, denn

"Ein Garten ist wie so eine Gleichung mit ganz, ganz vielen Variablen und ganz vielen Unbekannten und Sie haben ihn nicht vollständig unter Kontrolle und es gibt so viele Stellschrauben, an denen Sie drehen können und buchstäblich der Baum der Möglichkeiten verzweigt sich nach oben hin ins schier Unendliche und sie können sich darin natürlich verlieren, so wie man sich in einem komplexen Sache verlieren kann und darin liegt ja gerade die Herausforderung, dann einen Weg zu finden, der gangbar ist und der Eigene ist."

Amüsant selbstironisch schildert Augstein in vier nach den Jahreszeiten benannten Kapiteln seine Fehler und schmerzhaften Lehrstunden, zitiert gerne Gedichte und Dichter, diskutiert Naturverständnis und traditionelle Gartengestaltung, schaut den Pflanzen auf ihre Herkunft, erzählt ihre Geschichten. So gehen Kulturgeschichtliches und praktische Tipps ineinander über. Dabei ist der Hobbygärtner alles andere als politisch korrekt. Er löckt gerne gegen den Stachel, konstatiert zum Beispiel ironisch:

"Ich finde das großartig, wenn Leute sich ökologischer Schädlingsbekämpfung annehmen wollen. Kann ich nur sagen, viel Vergnügen dabei und viel Erfolg. Die Vorstellung, den Garten mit natürlichen Mitteln aufrechtzuerhalten, ist so ein bisschen sonderbar, weil schon die permanente Zufuhr von Wasser ist ja nicht natürlich und die Zufuhr von Dünger ist nicht natürlich und ohne Dünger - ehrlich gesagt - geht überhaupt gar nichts. Unkrautvernichtungsmittel oder Pilzmittel oder Schädlingsmittel, das ist alles Teil von diesem Instrumentarium. Das gehört genauso zum Garten dazu wie das richtige Düngen, das richtige Gießen. Das sind alles nur Instrumente in dem Setzkasten sozusagen des Gärtners."

Geradezu frech heißt es denn auch im Buch:

"Was ist ein Unkraut? Lassen Sie uns nicht ideologisch werden. Ein Unkraut ist eine Pflanze, die ich in meinem Garten nicht haben will, die sich aber dennoch breitmacht. Ganz einfach."

Immer wieder amüsiert sich der Autor über die eigene Obsession, auf strikte Ordnung zu achten, verteidigt das Kleinkrämerische des Gärtners, schreibt:

"Wer sich um seine Pflanzen kümmert, zeichnet sich nicht eben durch wilde Leidenschaft aus."

Anstelle dessen singt Jakob Augstein ein Loblied auf die Ordnung:

"Im Garten ist Ordnung das Ganze Leben, also ohne Ordnung ist im Garten gar nichts. Ich halte ja auch ein Plädoyer für den Gartenzaun. Ich glaube, deutsche Sekundärtugenden, mit denen können Sie halt nicht nur Konzentrationslager führen, sondern eben auch die Gärten, um es jetzt mal direkt auf die Spitze zu führen. Die brauchen Sie schon. Sie müssen natürlich auch Fleiß und Disziplin und Ausdauer haben, um den Garten schön zu machen. Das klingt vielleicht nicht so cool und schick, aber das ist die Wahrheit."

Und zur Ordnung gehört nun einmal auch das Einordnen, die Taxonomie, also die genaue Bestimmung von Blumenklassen.

"Der Name ist kein Zufall, sondern der Name identifiziert sozusagen den Gegenstand. Der Name ist auch ein Zeichen für dieses menschliche Bemühen, in diese wirre Vielfalt der Natur auch Ordnung eben reinzubringen. Der Name ordnet. Diese Einteilung, die Taxonomie versucht Ordnung herzustellen. Ich beschäftige mich eben auch mit einer gewissen liebevollen Ironie auch mit dieser Vergeblichkeit dieses Versuches, diese Ordnung herzustellen, weil die Natur halt immer wieder ausbricht und sozusagen den Botanikern immer wieder eine Nase dreht und sagt, ne hier, dass es immer wieder Zwischenformen gibt, es gibt diesen ewigen Streit der Klassifizierung und verschiedenen Schulen. Das finde ich faszinierend, weil es immer wieder dieses menschliche Bemühen zeigt, Strukturen zu schaffen und Ordnung zu schaffen, wo eigentlich diese Strukturen gar nicht bestehen, denn wenn Sie zum Beispiel Kinder fragen, wie sie Tiere gruppieren, haben sie vollkommen andere Ordnungssysteme als die, auf die wir uns geeinigt haben. Es ist ein sehr schönes, intuitives Beispiel dafür, dass unsere Ordnungssysteme vollkommen willkürlich gewählt sind, aber ich finde sie deshalb nicht lächerlich, sondern ich finde im Gegenteil, sie haben dadurch eine besondere Würde und auch Schönheit und das ist sozusagen eben der menschliche Beitrag dann zu diesem Gesamtwerk der Natur."

Im Buch schlussfolgert der Autor:

"Leider leben wir in einer Zeit, die es mit Genauigkeit nicht so genau nimmt. Die uns Zumutungen ersparen will. Aber ohne Zumuten keine Erkenntnis."

Jakob Augstein macht sich zudem lustig über die Vorstellung, den Garten als Natur anzusehen:

"Ich glaube, dass sich Leute, die sich viel im Garten beschäftigen, alle Sehnsucht haben nach der Natur und versuchen, der Natur nahe zu sein, aber man darf nicht den Fehler begehen, zu glauben, der Garten sei Natur. Das ist einfach Unsinn. Die Pflanzen, die bei mir im Garten wachsen, keine einzige von denen ist hier heimisch, sondern die kommen alle von weit, weit her, die haben auch alle eine lange Reise hinter sich, was die Züchtungen angeht. Mit Natur hat das alles nicht so fürchterlich viel zu tun. Das sind künstliche Bilder von Natur."

Jakob Augsteins Buch, das wird rasch klar, versteht sich nicht als praktischer Ratgeber für angehende Gärtner, auch wenn er eine ganze Menge Tipps enthält, sondern ist vielmehr ein Nachdenken über Sinn und Zweck des Gärtnerns. Es ist vor allem der selbstironische, immer wieder geradezu aufmüpfige Stil, der das Buch zu so einer amüsanten Lektüre macht:

"Ich bin gegen Pflanzen im Topf. Sie halten Ihre Kinder ja auch nicht im Laufstall."

Doch bei aller frechen Rede: Man spürt deutlich die Liebe des Autors zu Blumen und Blüten in all ihrer Pracht. Geradezu schwärmerisch wird er, geht es um Blumenfarben und –formen. Er hat seine Lieblinge, gesteht, dass er Pflegeleichtes bevorzugt, lobt deswegen Geranien, preist die Rosen, hält Rhododendron für unverzichtbar. So ist sein Buch zur ungewöhnlichen Liebeserklärung an das Gärtnern geworden, ein brillant geschriebener, lehrreicher, augenzwinkernder Essay mit bisweilen verblüffenden Ratschlägen.

"Tatsächlich ist es natürlich so, wenn Sie sich so angucken, was so der normale Gärtner, wenn sie das neben einander hängen, dann haben sie so eine Art Waffenkammer, Beile, Hacken, Messer, da kommt schon so einiges zusammen. Also wenn sie häuslichen Streit haben, sollten Sie das Zeug außer Reichweite weggeschlossen halten."

Jakob Augstein: Die Tage des Gärtners – Vom Glück, im Freien zu sein
Hanser Verlag, München 2012, 265 Seiten, 17,90 Euro

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