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Lösung für ein nicht mehr akutes Problem

Das BGH-Urteil zur Stammzellenforschung

Von Michael Lange, freier Journalist

BGH urteilte im Stammzellenstreit
BGH urteilte im Stammzellenstreit (AP)

Embryonale Stammzellen, pluripotente Stammzellen, Nervenvorläuferzellen. Die Welt der Zellbiologen und Stammzellenzüchter ist für Außenstehende nur schwer zu durchschauen. Die Richter des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe mussten sich in eine für sie fremde Materie einarbeiten – und sie haben nun eine Entscheidung getroffen, auf die viele Wissenschaftler lange gewartet haben.

Es ging um ein Verfahren der Zellenzüchtung, das der Bonner Mediziner und Neurowissenschaftler Oliver Brüstle bereits in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt und zum Patent angemeldet hatte. Brüstle hatte Stammzellen in sogenannte Nervenvorläuferzellen umgewandelt. Solche Zellen sollen in Zukunft Nervenkrankheiten heilen, wie die Parkinsonkrankheit oder Multiple Sklerose – so jedenfalls die Hoffnung der Forscher. Mit einem Patent wollte Brüstle seine Forschung schützen lassen und vermarkten. Aber bald gab es Schwierigkeiten. Denn in der Patentschrift war von embryonalen Stammzellen die Rede. Um das Verfahren überhaupt durchführen zu können, brauchte Oliver Brüstle Zellen, die im Ausland aus menschlichen Embryonen gewonnen worden waren.

Greenpeace klagte und Brüstles Patent wurde für ungültig erklärt. 2011 schloss sich der Europäische Gerichtshof in Luxemburg der Argumentation von Greenpeace an: Wenn ein Verfahren darauf beruht, dass Embryonen getötet werden – wann und wo auch immer – dann verstößt es gegen die guten Sitten und ist nicht patentierbar. Scheinbar klar. In Ausnahmefällen darf zwar geforscht werden, aber es darf kein Geld verdient werden, wenn embryonale Stammzellen im Spiel sind. Jedoch hatten die Richter einen wichtigen Faktor außer Acht gelassen: den wissenschaftlichen Fortschritt. Der verursacht nicht nur neue ethische Probleme – manchmal beseitigt er sie auch – zumindest solche, die er zuvor selbst geschaffen hat. So muss Oliver Brüstle für seine Methode der Zellenzüchtung heute nicht mehr unbedingt auf Zellen zurückgreifen, für deren Herstellung menschliche Embryonen getötet wurden. Es gibt seit einigen Jahren Zellen mit den gleichen oder ähnlichen Eigenschaften, die ohne Embryonenverbrauch auskommen.

Dem trägt der Bundesgerichtshof in seiner aktuellen Entscheidung Rechnung. Die Richter haben sich gut informieren lassen und ziehen eine klare Linie: Nicht die Methode der Zellenzüchtung für die Medizin verstößt gegen die guten Sitten, sondern das Töten von Embryonen. Wenn die Forscher bei der Entwicklung heilender Zellen auf das Töten von Embryonen verzichten, ist ihre Methode patentierbar. Eine salomonische Entscheidung, die den aktuellen Forschungsstand mit einbezieht.

Leider nur kommt sie zehn Jahre zu spät. Für die aktuelle Forschung ist sie nahezu bedeutungslos. Denn es gibt inzwischen neue Methoden der Zellenzüchtung für wissenschaftliche und medizinische Zwecke. Den wichtigsten Beitrag zum Fortschritt der Stammzellenforschung leistete ein Wissenschaftler, der in diesem Jahr Medizinnobelpreis erhält: der Japaner Shinya Yamanaka. Während die Konfrontation zwischen Ethik und Wissenschaft nicht nur die Gerichte, sondern auch viele Forscher lähmte, entwickelte Yamanaka neue Lösungen. Statt Embryonen zu verbrauchen, suchte er nach den Ursachen für die Vielseitigkeit embryonaler Zellen. Er fand vier Faktoren, die gealterten Zellen ihre jugendliche Vielseitigkeit zurückgeben können.

Mit diesen Faktoren verwandelte Yamanaka gewöhnliche Körperzellen in vielseitige Stammzellen. Dank seiner Methode lassen sich heute Hautzellen so umsteuern, dass sie die Fähigkeiten von Embryonen besitzen, ohne dass ein Embryo gefährdet oder getötet werden muss. Die Yamanaka-Methode beherrscht längst die Forscherlabors. Ihr gehört vermutlich die Zukunft – auch in der Medizin. Embryonale Stammzellen und mit ihnen Tausende Embryonen in den Gefriertanks der Fortpflanzungskliniken werden nicht mehr gebraucht.

Die Forschung mit embryonalen Stammzellen war eine kurze Episode in einer wichtigen wissenschaftlichen Entwicklung. Nicht mehr und nicht weniger. All das konnten die Juristen und auch die meisten Wissenschaftler vor zehn Jahren nicht vorhersehen. Und so haben die Richter in Karlsruhe 2012 ein Problem gelöst, dass es dank der neuer wissenschaftlichen Erkenntnisse inzwischen nicht mehr gibt.



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