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StartseiteEssay und DiskursLou Andreas-Salomé oder: "Die Analogie des Liebens mit dem Geistesschaffen"30.01.2011

Lou Andreas-Salomé oder: "Die Analogie des Liebens mit dem Geistesschaffen"

Sie war Weggefährtin von Nietzsche und Rilke und galt als Paradebeispiel einer emanzipierten Frau, auch wenn sie der Emanzipation als Bewegung eher reserviert gegenüberstand.

Von Christa Bürger

Lou Andreas-Salomé um 1900 (Atelier Elvira/GFDL)
Lou Andreas-Salomé um 1900 (Atelier Elvira/GFDL)

Die Rede ist von Lou Andreas-Salomé, die vor 150 Jahren geboren wurde. "Ihr Eros war einer der Erkenntnis, der Erkenntnis des Lebens", schreibt Christa Bürger in ihrem Essay mit dem Titel "Lou Andreas-Salomé oder: 'Die Analogie des Liebens mit dem Geistesschaffen'".

Christa Bürger war bis 1998 Literatur-Professorin an der Goethe-Universität in Frankfurt. Ihre Buchveröffentlichung "Mein Weg durch die Literaturwissenschaft" erschien 2003 im Suhrkamp Verlag.

Lou Andreas-Salomé oder "Die Analogie des Liebens mit dem Geistesschaffen"

Ein Essay von Christa Bürger


Viel gelesen und bewundert zu ihrer Lebenszeit, in Vergessenheit geraten nach ihrem Tod, wiederentdeckt durch die Frauenbewegung der 1970er- und 80er-Jahre, für die einen Identifikationsobjekt, für die anderen negative Symbolfigur - Lou Andreas-Salomé hat ein Lebenswerk zurückgelassen, das uns heute, nachdem die letzten feministischen Echos verklungen sind, seltsam fremd anmutet. Ihr "Lebensrückblick" erzählt von einer ungewöhnlich selbstständigen Frau, aber in dem Pathos, das diese Autobiografie durchzieht, verrät sich ein unbearbeitetes Dilemma: Sie vermag, was sie lebt, mit ihren Worten nicht einzuholen. Als Schreibende bleibt sie dem Frauenbild ihrer Zeit verhaftet. Die Siebzigjährige, geprägt durch ihr Studium bei Freud, blickt auf ihr Leben zurück, um darin den "immer neu anhebenden, immer neu mündenden Kreislauf" eines weiblichen Daseins zu erkennen. Es beginnt mit dem Erlebnis Gott. Mit sichtlichem Behagen spürt sie dem Kind, das sie war, nach, seiner "genießenden Beharrung in sich selbst", seiner Trauer um den Verlust seiner Allmacht und Weltverbundenheit, aber auch seiner Fähigkeit, diesen Verlust umzuwerten in die Bejahung des Lebens in seiner Unvollkommenheit.

"Unser erstes Erlebnis ist ... ein Entschwund. Eben noch waren wir alles, unabgeteilt...da wurden wir ins Geborenwerden gedrängt...So erlebt man gleichsam etwas schon Vergangenes, eine Abwehr des Gegenwärtigen; die erste Erinnerung ist gleichzeitig ein Schock, eine Enttäuschung durch Verlust dessen, was nicht mehr ist, und ein Etwas von nachwirkendem Wissen, Gewissheit, dass es doch zu sein hätte."

Lou Andreas-Salomé erklärt das kindliche Begehren - wie Jacques Lacan - aus einer Spiegelerfahrung:

"Wenn ich [in einen Spiegel] hineinzuschauen hatte, dann verdutzte mich gewissermaßen, so deutlich zu erschauen, dass ich nur das war, was ich da sah: so abgegrenzt... so gezwungen, ...beim Nächstliegenden einfach aufzuhören."

Aus dieser unerträglichen Empfindung flüchtet die kleine Lou in ein tag- und nachtträumerisches Fantasietreiben. Sie erzählt ihrem "Lieben Gott" erfundene Geschichten, die durch die heimliche Mitteilung auf einmal wahr werden. Die kleine Erzählerin hält lange fest an ihren Allmachtsfantasien, und so geht ihr der kindliche Gottesglauben erst in dem Augenblick verloren, wo sie zwischen Fiktion und Wirklichkeit unterscheiden lernt. Sie weiß, dass dieser "Gottes-Entschwund" unwiderruflich ist, aber sie wertet ihn sofort um zu dem, was Nietzsche später ihr "Lebensgebet" nennen wird:

"Was für mich nun vor allem daraus bewirkt wurde, ist das Positivste, davon mein Leben weiß: eine damals durchschlagende Grundempfindung unermesslicher Schicksalsgenossenschaft mit allem, was ist...als gebe es nichts, was extra zu rechtfertigen, zu erhöhen oder zu entwerten sei nebst dem Umstand seiner Existenz als Vorhandenheit."

In diesem Augenblick trifft das kleine Mädchen eine Wahl, gegen Gott, für das Leben. Sie beschließt, fortan nur dem eigenen freien Erkenntnisdrang zu folgen.

Das Kind, das derart aus dem "Erlebnis Gott" heraus und in eine selbst verantwortete Lebensgeschichte eintritt, ist 1861 geboren als jüngste Tochter eines noch von Zar Nikolaus I. geadelten russischen Generals mit hugenottischen Vorfahren im Baltikum. Sie ist, verwöhnt von fünf älteren Brüdern, aufgewachsen in Sankt Petersburg, damals eine glänzende Stadt von internationalem Gepräge. In der Familie spricht man vorwiegend Deutsch oder Französisch, Russisch nur mit den Dienstboten. Nach dem Tod des Vaters verlässt sie, noch nicht ganz volljährig, das elterliche Haus, begleitet von einer hingebungsvollen Mutter, die trotz ihrer Missbilligung der Denk- und Lebensweise der Tochter unverbrüchlich "der Welt gegenüber" zu ihr hält. Die bedeutungsvollsten Stadien des Werklebens, das nun vor ihr liegt, verbinden die junge russische Aristokratin mit dem Leben und Werk von Nietzsche, Rilke und Freud.

In Lou von Salomés Aufbruch in die Welt, der sie zunächst zum Philosophiestudium nach Zürich führt, vereinigen sich zwei vielleicht nur auf den ersten Blick einander widerstreitende Motive: das Verlangen nach Wissen und das nach Freundschaft. Ein früher Wunschtraum hat deren Verknüpfung zum manifesten Inhalt.

"Da erblickte ich nämlich eine angenehme Arbeitsstube voller Bücher und Blumen, flankiert von zwei Schlafstuben und, zwischen uns hin und her gehend, Arbeitskameraden, zu heiterem und ernsten Kreis geschlossen."

Der latente, nicht zugelassene Trauminhalt ist jedoch ein Verlust, die zweite große Enttäuschung nach dem Gottesentschwund. Der philosophische Lehrer der jungen Lou war ein protestantischer Geistlicher, Hendrik Gillot, der für die Heranwachsende die "nämliche Allesenthaltendheit und Allüberlegenheit" darstellt wie ihr kindlicher Vatergott. Als Gillot der 17jährigen unerwartet einen Heiratsantrag macht, ist er für sie "blitzähnlich ein Anderer", eine sie bedrohende Gewalt. Und der angebetete Lehrer verschwindet genau so jählings aus ihrer Verehrung, wie es dem kleinen Mädchen mit Gott widerfahren war. Das späte Geständnis, es sei ihr unmöglich gewesen, "die Liebessache real und menschlich zum Abschluss zu bringen", lässt die Radikalität ihrer Abwehr erkennen, die Flucht der vom Gott verfolgten Nymphe in die Metamorphose.

Aber während die Daphne des Mythos zurückkehrt in die zeitlose Passivität pflanzenhaften Daseins, trifft Lou von Salomé ihre zweite Entscheidung; sie wählt die Freiheit und das Wissen. Gott ist tot; daher enthält ihr "total entriegelter Freiheitsdrang" seine Rechtfertigung in sich selbst - und schließt die Verneinung der Sexualität ein. Nach der frühen "unabgeschlossenen Liebeserfahrung" hat sie in sich etwas entdeckt wie eine "uralte Erfahrenheit", die ihre Naturanlage von Anfang an und für immer geprägt habe: "wie eine steinerne Unmöglichkeit unter dem schreitenden Fuß". Die junge Lou begreift durch die Wendung, die ihre erste Berührung mit der Sphäre des Erotischen genommen hat, dass ihr Liebesverhalten "von vornherein nicht auf den üblichen Abschluss gerichtet ist", dass vielmehr ihr Eros einer der Erkenntnis ist, der Erkenntnis des Lebens.

"Denn Leben - das war ein Geliebtes, Erwartetes, mit voller Kraft Umfangenes." Und sie verspricht sich, "vom ersten bis zum letzten Tag daran schaffend [zu] bleiben als Lebende."

Als im römischen Frühling 1882 das Fräulein von Salomé im Salon der Frauenrechtlerin Malwida von Meysenbug den Philosophen Paul Rée kennenlernt, steht für sie fest, dass ihr lange gehegter Lebensplan sich mit ihm verwirklichen lässt. Doch die unerwartete Ankunft Nietzsches, der sich sofort zum selbstverständlichen Mittelpunkt einer philosophischen "Dreieinigkeit" macht, verändert die Situation. Lou erlebt eine ihre Lebensentscheidung durchkreuzende Wiederholung. Noch einmal muss sie sich gegen die Überschreitung der von ihr gesetzten Grenze wehren. Rée und Nietzsche freilich begründen ihre Heiratsanträge mit dem Zwang der Konvention, wollen einer ungewöhnlichen Arbeitsgemeinschaft den Schein von Legalität geben. Wie unauflöslich gleichwohl in der Gemütsverfassung der Freunde Eros- und Erkenntnistrieb miteinander verschwistert sind, verraten Briefe und Tagebuchaufzeichnungen. Diese schöne, mädchenhafte Frau mit ihrem stürmischen Wissensdrang und ihrer Lebensbegeisterung bricht in den Idealistenkreis um die ältere Freundin ein wie eine überwältigende Erscheinung aus einem fernen Land.

Wenige Wochen zuvor, während einer seiner periodisch wiederkehrenden Phasen "großer Gesundheit", hatte Nietzsche bei sich beschlossen, zu den Menschen zurückzukehren, seine "fürchterliche Existenz der Entsagung" hinter sich zu lassen und nur noch ein Ja-Sagender zu sein. Und da tritt ihm, an der Schwelle zu den Menschen, diese Mädchengestalt entgegen, die ein "neues Bild und Ideal des Freigeistes" vor ihm aufrichtet. Es ist ein Zarathustra, der seiner Weisheit und Einsamkeit überdrüssig ist, auf der Suche nach Menschen für seine Lehre, bereit auch, sich vom Zauber des Lebens verführen zu lassen. Er begrüßt die "unerwartete Gestalt" mit einem Ausruf, der einer zufälligen Begegnung in einem römischen Salon die Aura schicksalhafter Auserwähltheit zu verleihen sucht:

"Von welchen Sternen sind wir uns hier einander zugefallen?"

Den Sommer dieses Jahres verbringt Lou von Salomé teils mit Rée auf dessen elterlichem Gut in Pommern, teils mit Nietzsche im thüringischen Tautenburg. Der Philosoph und die junge Frau tauschen auf langen Wanderungen Gedanken miteinander aus, die so vollkommen übereinstimmen, als entstammten sie einem "Geschwistergehirn". Die Gleichgestimmtheit dieses "Geschwistergehirns" gründe jedoch in einer tieferen Dimension des Erlebens als die moralphilosophischen Abgründe, an die sie in ihren Gesprächen immer wieder geraten; sie gründen in der instinktiven Abwehr der Sexualität. Von einem Jugendfreund ist die vielfach glossierte Anekdote überliefert, der zufolge Nietzsche, ohne sein Zutun in ein Bordell geraten sei und, wie abwesend, auf einem dort befindlichen Klavier ein paar Töne angeschlagen und das Freie gewonnen habe.

Lou ahnt, dass in Nietzsche eine von ihm selbst nicht durchschaute Verwechslung der Empfindungen vor sich geht seit jenem Tag, als sie gemeinsam von Orta an den oberitalienischen Seen aus den Monte sacro bestiegen hatten. Nietzsche schreibt ihr:

"Damals in Orta hatte ich bei mir in Aussicht genommen, Sie Schritt für Schritt bis zur letzten Consequenz meiner Philosophie zu führen - Sie als ersten Menschen, den ich dazu tauglich hielt."

Aber dann, in Tautenburg, gesteht er:

"Monte sacro - den entzückendsten Traum meines Lebens danke ich Ihnen."

Die junge Lou weiß, dass sie angewiesen ist auf eine geistes-erotische Beziehung, die ihr den Zugang zur Welt des Denkens eröffnet. Sie sucht Denkwege; Nietzsche aber, den ihr der Zufall zugeführt hat, sucht Jünger und in ihr - die Frau. Sie ahnt nur undeutlich, dass die Geistesfreiheit, die sie lebt, in Gefahr ist, in die Bahnen eines ihr fremden Logos gelenkt zu werden. Sie entgeht der Vereinnahmung durch Nietzsche, aber nicht dem sie fortan begleitenden und der Psychoanalyse zum Trotz nicht zu bearbeitenden Selbstvorwurf, auf den Konflikt nicht als Frau reagiert zu haben.

Zweimal hat ein Anderer, Anspruch auf sie erhebend, ihren Lebensplan durchkreuzt. Die Einwilligung zu ihrer 1887 mit dem Orientalisten Carl Friedrich Andreas eingegangenen Ehe sei "wie unter einem unheimlichen Zwang erfolgt, der sie von sich selbst getrennt habe", gesteht sie in einem Nachtrag zum "Lebensrückblick". Die dämonische Wirkung ihres Mannes führt sie auf seine Herkunft aus einer Familie zurück, in der Orient und Okzident, ein Nachfahre aus einem armenischen Fürstengeschlecht und einer norddeutsche Arzttochter, gleichermaßen beteiligt sind. Dass sie der "Gewalt des Unwiderstehlichen", die von der ersten Begegnung an als "unabänderliche Tatsache" dagestanden habe, erlegen ist, versucht sie nachträglich zu erklären: Auch in dieser Situation habe sie sich nicht als Frau verhalten.

Sie erinnert sich an einen frühen Traum, in dem sie sich "laut Nein! rufen hörte". Über das Unmögliche ihrer Verbindung wahren Lou und Andreas ein unverbrüchliches Schweigen, im Wissen, dass sie in einer unauflösbaren gegenseitigen Verantwortung besteht.

Das Schweigen umhüllt auch jenen Augenblick, wo Andreas versucht, das unausgesprochene Gesetz dieser Ehe zu überschreiten, den Ausschluss der Sexualität. Die auf ihrem Ruhebett eingeschlafene Frau weckt ein seltsamer Ton. Sie ist dabei, den Mann über ihr zu erdrosseln.

"Der Ton war ein Röcheln gewesen. Was ich erschaute, Blick in Blick, dicht vor mir, unvergesslich fürs Leben, - ein Antlitz -..."

Der Text bricht hier ab. Aber indem sie in diesem Augenblick die Abwehrgeste der jungen Lou wiederholt, wird ihr bewusst, dass sie endgültig über ihr Leben mit Andreas entschieden hat. In der Gewissheit, dass er sie anders töten würde, verspricht sie, sich nicht von ihm zu trennen unter der Bedingung, im gemeinsamen Göttinger Haus ihr eigenes Leben zu führen. Noch im Alter, in einem schönen Geständnisbrief an Anna Freud, spricht Lou Andreas-Salomé von einer ihr absolut nicht entsprechenden Lüge in ihrem Dasein. Erst "In der Schule bei Freud", wie der Titel ihres Tagebuchs von 1912/13 lautet, sei sie sich über die rätselhafte Spaltung ihres Seelenlebens klar geworden. Eine tief in ihr verankerte weibliche Passivität habe sie wehrlos gemacht gegenüber der männlichen Souveränität, die ihr in der Erscheinung von Andreas als Naturgewalt entgegengetreten sei. Der dem Begriff der Ehe widersprechende Vorbehalt nur habe ihr geholfen, ein gewisses Maß an Eigenständigkeit zu bewahren.

Ihre an der Wende zum 19. Jahrhundert entstandenen "Gedanken über das Liebesproblem" lassen sich daher auch als Versuch verstehen, ein im Letzten unvollendetes Bündnis positiv zu besetzen.

"Wir sind in der Liebe eben keine Wirklichkeitswelt, wir sind nur der Raum und der Erreger für ihre allmächtige, unbehinderte Traumwelt."

In der "Analogie des Liebens mit dem Geistesschaffen" entdeckt Lou Andreas-Salomé die Grundformel ihrer eigenen Existenzweise. Schaffen meint darin Liebestat, Liebe Schaffenstat.

"In der Macht der Liebe, mit der der Künstler sie umfasst, scheint die Fremdheit aller Dinge außer ihm sich zu etwas tief Vertrautem zu verdichten, als käme die Welt draußen ihm geheimnisvoll in seiner eigenen Gestalt entgegen, - oder als löse sich sein eigenes Sein hingebend in sie auf."

Der künstlerische Formungsprozess ist hier als reine Intensität gefasst, der eine Haltung der Passivität zugrunde liegt, wie sie der zeitgebundenen Weiblichkeitsauffassung der Autorin zufolge die Natur der Frau ausmachen soll. Denn fast gleichlautend mit Georg Simmel bestimmt sie den Unterschied der Geschlechter nach dem Grad der Ausdifferenzierung, der Herauslösung aus dem Naturzusammenhang.

"Daher ist die Frau in ihrer Schönheit und Ganzheit ‚noch', was er ‚schon' nicht mehr ist, ein Symbol gleichsam dessen, dem er sich entrungen hat, indem er Mann ward."

Mit dieser Definition, die sie als entschiedene Gegnerin der Frauenemanzipation kenntlich macht, verbindet sie jedoch ein Postulat: Die Frau soll sich ihre Verschiedenheit vom Mann ganz zu eigen machen, um zu erfahren, "wie weit die Grenzen ihrer Welt in Wahrheit sind". Und sie soll die Besonderheit weiblicher Künstlerschaft anerkennen. Dieser gehe die Geistesbefähigung ab, "von ihrem Leben Werke abzulösen". Dieser Satz - es ist eher ein Spruch - der noch im "Deuxième Sexe" Simone de Beauvoirs ein erstaunliches Echo findet, bestätigt noch einmal eine alte Verdrängungsgeschichte. Denn er nimmt im Grunde die Gleichsetzung von Lieben und Schaffen zurück, indem er dem Schreiben der Frau den Status des Werks abspricht. Und als ein Gesetz, unter das sie sich selbst gestellt hat, erhellt er das Scheitern von Lou Andreas-Salomé als Erzählerin.

Ihre Frauengestalten stellen die "unvollendete Liebeserfahrung" einer Autorin nach, die erzählend sich ihre eigene Geschichte als einen exemplarischen weiblichen Bildungsroman anzueignen versucht. Dessen mit zwingender Logik konstruierter Handlungsverlauf ist jedes Mal zentriert um die Urszene: Der Augenblick, in dem ein verehrter Lehrer sich als Liebhaber zu erkennen gibt und um die Schülerin wirbt, löst in dieser einen Reflex der Abwehr aus. Die latente Liebesbereitschaft des jungen Mädchens wird in eine andere Richtung gelenkt, das Begehren nach Wissen.

Die frühe Erzählung "Ruth" zum Beispiel stimmt mit den Erlebnissen des "Lebensrückblicks" so detailgenau überein, dass es naheliegt, Leben und Werk der Autorin in eins zu setzen. Wir identifizieren mühelos die verführerische Intensität des protestantischen Geistlichen Gillot, das Lehrerpathos Nietzsche-Zarathustras und die unvermittelte Gewalt der physischen Präsenz von Carl Friedrich Andreas. Schwerer als der Schriftstellerinnen gegenüber häufig erhobene Vorwurf, sie verwechselten Literatur und Leben, wiegt der im Falle von Lou Andreas-Salomé zutreffende der Neigung zum Thesenroman.

Die im Frühjahr 1887 beginnende Liebesfreundschaft einer 36-Jährigen, die sich in der als "unabänderliche Tatsache" hingenommenen Ehe mit Andreas niemals als Frau verhalten hatte, mit Rilke, das heißt einem mehr als zehn Jahre jüngeren nahezu unbekannten Lyriker, bildet das heimliche Gravitationszentrum des "Lebensrückblicks": die Verwandlung einer "Unvollendeten" in eine Liebende, die es zeitlebens sein wird. Diese Verwandlung ist spürbar bereits in der Darstellungsform. Die Erinnerung wird zur Zwiesprache mit einem geliebten Toten.

"War ich jahrelang Deine Frau, so deshalb, weil Du mir das erstmalig Wirkliche gewesen bist...Wortwörtlich hätte ich Dir bekennen können, was Du gesagt hast als Dein Liebesbekenntnis: ‚Du allein bist wirklich.' Darin wurden wir Gatten, noch ehe wir Freunde geworden, und befreundet wurden wir kaum aus Wahl, sondern aus ebenso untergründig vollzogenen Vermählungen. Nicht zwei Hälften suchten sich in uns: die überraschte Ganzheit erkannte sich erschauernd an unfasslicher Ganzheit. So waren wir denn Geschwister - doch wie aus Vorzeiten, bevor Inzest zum Sakrileg geworden."

In Rilke kann Lou Andreas-Salomé die gegengeschlechtlichen Züge des Künstlers entziffern, als läse sie in ihrem eigenen Spiegelbild. Rilke aber sieht in ihr die Verkörperung der Liebenden schlechthin, deren Liebe, unabhängig vom Liebesobjekt - und also auch von ihm selbst - ihre Weise, auf der Welt zu sein, ist. Es bezeugt die ungewöhnliche mimetische Begabung dieser Liebenden, dass sie in dem heimat- und ziellosen Autor sentimentaler Verse, die sie schwärmerisch umwerben, den künftigen Dichter der "Duineser Elegien" erkennt. Die gemeinsamen Reisen nach Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedeuten für sie das Wiederfinden der Heimat und Kindheit, für Rilke aber den schöpferischen Durchbruch.

Die kleinen Epiphanien dieser Reisen - die Kremlglocken in der Osternacht, der Kuss und Segen einer alten russischen Bäuerin, ein Pferd auf einer besonnten Wiese - werden im Briefwechsel immer wieder beschworen, Eindrücke, die viele Jahre später erst ihre Bedeutung freigeben, ihren Auftrag. Dieser Auftrag, ahnt die Liebende, besteht darin, das Sichtbare ins Unsichtbare zu verwandeln, die unscheinbaren Dinge einfach zu nennen, sie vor dem Verfall zu bewahren im rühmenden Weitererzählen.

"Sind wir vielleicht hier, um zu sagen: Haus, Brücke, Brunnen, Tor, Krug, Obstbaum, Fenster/ ... aber zu sagen, versteh's, oh zu sagen so, wie selber die Dinge niemals/ meinten zu sein..."

heißt es in der 9. Elegie.

Nach einem vierjährigen "totalen Ineinanderleben" löst Lou Andreas-Salomé das Liebesverhältnis auf. Die Erinnerung daran rührt an eine alte Schuld. In einem zerblätterten Tagebuch stößt sie zu ihrer eigenen Bestürzung auf den Satz: "Damit R[ilke] fortginge, ganz fort, wäre ich einer Brutalität fähig. (Er muss fort!)" Sie kennt Rilkes wiederkehrende Heimsuchungen, seine Angst, von sich selbst enteignet zu werden durch einen Körper, der "sich zum Affen des Geistigen macht", indem er selbstständig die ausgesuchtesten physischen Schmerzen "produziert". Und so sucht sie, in einem letzten Zuruf die aufkommenden Selbstvorwürfe zu beschwichtigen. Sie werde, verspricht sie, für ihn da sein "in der Stunde höchster Not". Schon im Sommer 1903 erreicht sie ein Hilferuf mit der Bitte, ihr wieder schreiben zu dürfen.

"Denn sieh ich bin ein Fremder und ein Armer. Und ich werde vorübergehen; aber in Deinen Händen soll alles sein was einmal hätte meine Heimat werden können, wenn ich stärker gewesen wäre."

Rilkes Zweifel, ob er das "Stundenbuch" veröffentlichen kann, wird zum Anlass für ein erstes Wiedersehen in Göttingen.

"Rainer, dies war unser Pfingsten von 1905. Es wurde es in einem andern Sinn, als Du es in Deiner ungestümen Ergriffenheit ahntest. Denn mir war es zugleich wie eine Himmelfahrt des Dichterwerkes über dem Dichtermenschen...Von unserm Pfingsten an las ich alles, was Du schufst, nicht nur mit Dir, ich empfing es und bejahte es wie eine Aussage über Deine Zukunft... Und hieran wurde ich noch einmal Dein, auf eine zweite Weise ..."

Das danach wieder einsetzende Gespräch in Briefen bricht erst wenige Tage vor Rilkes Tod am 29. Dezember 1926 ab.

Das Rilkebuch nimmt dieses Gespräch von seinem Ende her auf, vom Tod und von einem nichtwiederliebenden Gott. Denn für Lou Andreas-Salomé ist Rilke der Dichter einer negativen Gotteserfahrung, die in den "Duineser Elegien" ihren endgültigen Ausdruck findet. Wenn sie von ihm sagt, es habe nie jemanden gegeben, der "heiligere Sorgen" gehabt habe als er, so meint sie damit das ihn von frühester Kindheit an quälende Schuldgefühl. Sie erinnert sich an ein Gespräch über seine Angst, dem eigenen inneren Erleben nicht gewachsen zu sein, sondern auszuweichen, Erfundenes an seine Stelle zu setzen wie ein Fälscher.

"Mir wird der Blick unvergesslich bleiben, womit er... in einem schweren Ton sagte: Siehst du, es ist damit wie im Märchen, wo es sich darum handelt, einen Verwunschenen in die Brunnentiefe zu stürzen um Mitternacht - drei Nächte hindurch schlägt die erlösende Stunde. Vergeblich - denn woher den Mut nehmen?"

Den Grund von Rilkes Ängsten sieht sie in seinem Gefühl, keine Wirklichkeit zu haben und keine Verwirklichung suchen zu dürfen als im Werk. In seiner Sprache: als Dinge zu machen aus Angst, wie es ihm einmal gelungen ist mit dem Malte-Roman. In einer Reihe wunderbarer Briefe an die Freundin, Vorstudien zum Roman, erzählt er, wie er auf seinen Irrgängen durch die Straßen von Paris hinter einem Epileptiker hergeht, willenlos fortgezogen von der Angst dieses anderen, die er von der eigenen nicht mehr habe unterscheiden können, wie sie ihn "abgenutzt" habe, bis er zuletzt als ein bloß Überlebender zurückgeblieben sei - mit der Qual einer jahrelangen Schaffenskrise. Sie versteht, dass dieses Buch dem Freund zur Wasserscheide wird, ob er zur Selbstaufopferung für das Werk bereit ist: das "maßlose Armsein" durch ein völliges "Drangeben des Persönlichen".

Sie folgt der Spur dieser Heimsuchungen in Rilkes Gedichtübertragungen, die der Verherrlichung von Frauen dienen, ihrer Fähigkeit, sich rückhaltlos als Liebende zu verausgaben, ihrer "Leistung ohne Gegenliebe". In ihrem Zwiegespräch mit dem Toten lässt sie den Freund diese Leistung erreichen. Es habe sie wie eine Bedrohung der Zukunft beunruhigt, dass seinem Gesicht die natürliche Alterung gefehlt habe, "die nicht nur Verfall, sondern Inschrift ist". Seine Züge hätten aufgehört, ganz die seinen zu sein. Darauf angesprochen habe Rilke geantwortet: "bin eben der 'Andere'". Einer, der seine Sehnsucht, "Wirklicher unter Wirklichen zu sein", ganz dem Werk anheimgegeben hat.

So feiert ein fast verstörend euphorischer Brief aus dem Turm von Muzot im Wallis das Wirklichwerden der Dinge in den "Elegien":

"Lou, liebe Lou, also: In diesem Augenblick, diesem Samstag, den elften Februar, um sechs, leg ich die Feder fort, hinter der letzten vollendeten Elegie ... Jetzt weiß ich mich wieder. Es war doch wie eine Verstümmelung meines Herzens, dass die Elegien nicht da waren. Sie sind, sie sind."

Aber noch etwas sei ihm gelungen: ein Stück der gemeinsamen Vergangenheit zu erlösen.

"Plötzlich schrieb ich, machte das Pferd, weißt Du, den freien glücklichen Schimmel mit dem Pflock am Fuß, der uns einmal, auf einer Wolga-Wiese im Galopp entgegensprang... Über so viel Jahre sprang er mir, mit seinem völligen Glück, ins weitoffene Gefühl."

Für die Angeredete erfüllt sich mit den "Elegien", was für sie den Begriff von Dichtung ausmacht: das Notwendige. Sie sagt es in Anspielung auf die Schöpfungsgeschichte. Am Anfang war das Wort, das Wort, das Vergangenheiten und Vorhandenheiten zur Existenz erlöst. Aber sie weiß auch, dass, wo Kunst die Grenze zum ästhetischen Schein überspringt als "eine Art von Seins-Usurpierung", das Subjekt dieser Grenzverletzung dafür zahlen muss - mit der Hölle der Schmerzen. Rilkes qualvollem Sterben nachsinnend, zitiert sie die berühmten Verse aus der "Dritten Elegie":

"Liebend stieg er hinab in das ältere Blut, in die Schluchten,/ wo das Furchtbare lag, satt von den Vätern. Und jedes/ Schreckliche kannte ihn, blinzelte, war wie verständigt./ Ja, das Entsetzliche lächelte ..."

Der lakonische Titel ohne Gattungsbezeichnung: "Rainer Maria Rilke" lässt die Bedeutung dieses Totengesprächs kaum ahnen. Lou Andreas-Salomé erkennt in der Dichtung des verstorbenen Freundes eine Werkform eigener Ordnung: keine Wirklichkeit haben, lieben ohne Gegenliebe, Dinge machen aus Angst, alle diese Motive kreisen um einen Gedanken, in dem Leben und Werk sich zugleich austauschen und ausschließen. Es lässt sich darin der Entwurf eines neuen, modernen dichterischen Kosmos sehen und die wahnhafte Hypostasierung des Werks. Die außerordentliche Leistung der Autorin besteht darin, aus der Nähe - nicht aus der sicheren Distanz der später Geborenen - die Notwendigkeit von Rilkes Dichtung und seine davon unabtrennbare Passion erfasst zu haben.

In den letzten Lebensjahrzehnten, nach dem Studium bei Freud praktiziert Lou Andreas-Salomé, die Rilke geraten hatte, auf eine Psychoanalyse zu verzichten - um des Werks willen, erfolgreich als Analytikerin. Ihre Erzählungen und Romane sind fast ausnahmslos vor dieser Zeit entstanden. Die "Analogie des Liebens mit dem Geistesschaffen" bezeugt sich jetzt im Leben selbst. Im Februar 1937 ist sie in ihrem Göttinger Haus gestorben. Freuds Emigration und seinen Tod im Jahr darauf hat sie nicht mehr erleben müssen.

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