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StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Unglück, das vor Gericht aufgearbeitet werden muss30.04.2017

LoveparadeEin Unglück, das vor Gericht aufgearbeitet werden muss

Es sei richtig und wichtig, dass jetzt endlich die Anklage der Staatsanwaltschaft im Fall des Loveparade-Unglücks von Duisburg zugelassen worden sei, kommentiert Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung" im DLF. Es sei Aufgabe der Justiz, für Aufklärung zu sorgen, denn das Sterben von Duisburg war nicht unausweichlich - es war vermeidbar.

Von Heribert Prantl, "Süddeutsche Zeitung"

Besucher versuchen dem Gedränge bei der Loveparade am 24. Juli 2010 in Duisburg zu entkommen. (dpa / picture-alliance / Erik Wiffers)
Besucher versuchen dem Gedränge bei der Loveparade 2010 in Duisburg zu entkommen. 32 Tote gab es. Jetzt ist endlich die Anklage zugelassen worden. (dpa / picture-alliance / Erik Wiffers)
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Manchmal funktioniert die Suche nach dem Schuldigen auch bei Großkatastrophen gut: Bei der Havarie des Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia" lag die Verantwortung für die 32 Opfer ersichtlich bei einer einzelnen Person – beim Kapitän Francesco Schettino, der das Schiff zu nah ans Ufer gefahren hatte. 

Das Versagen von Behörden oder von Unternehmen ist viel schwerer greifbar. Diese Dinge liegen gut verborgen im System und bleiben dort meist gut verborgen - weil es oft nur kleine Nachlässigkeiten sind, die furchtbare Folgen haben; und weil es nicht nur um die Nachlässigkeit eines Menschen, sondern um Nachlässigkeiten vieler Menschen geht, die sich addieren und potenzieren. Die jeweilige Schuld kann sehr klein sein; die Folgen sind unermesslich.

Die Hinterbliebenen der Loveparade-Katastrophe von Duisburg sagen: Irgendjemand muss doch schuld sei! Die Justiz kann solche Fragen und Klagen nicht einfach als "naiv" und mit dem Hinweis auf die "Komplexität des Geschehens" abtun, wie das die Verteidiger der Beschuldigten machen, oder mit der Behauptung, dass das Strafrecht "für solche Großunglücke eben nicht gemacht" sei. Das wäre nun doch eine seltsame Strafjustiz, wenn sie vor dem Umfang der Akten einknickte. Die Strafjustiz kann doch nicht einfach sagen, dass sie, zum Beispiel, nur Fälle mit maximal fünfhundert Aktenordnern verhandelt: Dann bräuchte sie ja künftig auch keine Wirtschaftsprozesse mehr zu führen. 

Katastrophe war Folge einer Summe von Fehlentscheidungen

Die Justiz ist dafür da, ein komplexes Geschehen zu entwirren. Die Justiz darf nicht sagen: Es kommt ja womöglich eh nichts heraus. Eine Justiz, die so denkt und redet, wäre keine rechtsstaatliche, sondern eine faulpelzige oder lethargische Justiz. Es ist daher gut, dass nun das Oberlandesgericht Düsseldorf die Anklage der Staatsanwaltschaft im Fall Loveparade endlich zugelassen hat.

Nun muss die 6. Große Strafkammer des Landgerichts Duisburg verhandeln und entscheiden. Sie muss deshalb verhandeln und entscheiden, weil die Katastrophe, weil die Massenpanik bei der Loveparade nicht Ergebnis höherer Gewalt war. Das Sterben von Duisburg war nicht unausweichlich, es war vermeidbar. Die Katastrophe war das Produkt einer Summe von Fehlentscheidungen, deren erste es wohl war, diese Loveparade an einem objektiv ungeeigneten Ort zu planen und zu genehmigen.

Es gilt, die kriminelle Dimension der Katastrophe in öffentlicher Verhandlung auszuloten. Es geht um fahrlässige Tötung. Natürlich beteuert jeder fahrlässige Straftäter entsetzt, dass er das Furchtbare "doch nicht gewollt" habe; das ist auch wirklich so. Aber darin besteht ja das Wesen des Fahrlässigkeitsdelikts: Dem Täter, der einen Fehler gemacht hat, werden die tödlichen Folgen dieses Fehlers zugerechnet: dem Arzt, der übermüdet operiert hat, genauso wie dem Politiker, der aus falscher Liebe zur Heimat Bedenken gegen eine Großveranstaltung unterdrückte. Sie haben "es" nicht gewollt, sie können aber etwas dafür.

Angeklagt sind im Fall Loveparade seltsamerweise nur subalterne Mitarbeiter – aber keiner, der eine verantwortliche Position für die Organisation der Veranstaltung innehatte. Ob das so bleiben kann, wird nun hoffentlich ein Nebenergebnis der bevorstehenden Gerichtsverhandlung sein. 

In einem Rechtsstaat muss die Justiz für Aufklärung sorgen

1998 in Eschede: ICE entgleist. 1999 in Wuppertal: Schwebebahn abgestürzt. 2000 in Kaprun: Brand im Tunnel der Gletscherbahn. 2006: Einsturz der Eishalle in Bad Reichenhall. So viele Tote. In Wuppertal war die Schwebebahn wegen einer Stahlkralle abgestürzt, die nach Bauarbeiten nicht entfernt worden war. Nur eine Bewährungsstrafe für einen Monteur kam heraus. 

Aber ein Strafverfahren ist ja nicht erst dann ein gutes Strafverfahren, wenn hohe Strafen herauskommen. Es ist gut, wenn Aufklärung stattfindet – die dann Grundlage für Schadenersatzansprüche sein kann. Nach der Brandkatastrophe von Kaprun gab es Freisprüche. Schuld waren nämlich, wie der Richter sagte, nicht die Angeklagten, sondern der liebe Gott: "Da hat Gott", sagte er Richter, "für einige Minuten im Tunnel das Licht ausgeschaltet."

Bei akribischer Prüfung zeigt sich dann doch etwas anderes: 28 Jahre nach der Katastrophe im Hillsborough-Fußball-Stadion, wo 96 Menschen ums Leben kamen, hat in Großbritannien der Report einer unabhängigen Kommission Fehler der Notfalldienste und deren Vertuschung durch die Polizei aufgezeigt. Die unabhängige Kommission, die in einem Rechtsstaat in einer vernünftigen Zeit für Aufklärung sorgen muss, heißt eigentlich – Justiz.

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