Seit 20:30 Uhr Lesezeit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 20:30 Uhr Lesezeit
StartseiteKultur heuteLudwigshafener Filmfestspiele - Eine Bilanz17.06.2007

Ludwigshafener Filmfestspiele - Eine Bilanz

Das noch verhältnismäßig junge Festival in der Industriestadt Ludwigshafen wird auch von der Industrie gefördert - ein Publikumsfestival, das auch Filme zeigt, die schon im Kino angelaufen sind. Zu Beginn erhob es fast eine Art Alleinvertretungsanspruch für ambitioniertes deutsches Autorenkino, um das sich angeblich sonst niemand kümmere. Es geht also explizit nicht um Premieren, sondern um gutes und unkonventionelles deutsches Kino.

Klaus Gronenborn

Ludwigshafener Filmfestspiele - Industrie förder ambitioniertes Kino. (AP Archiv)
Ludwigshafener Filmfestspiele - Industrie förder ambitioniertes Kino. (AP Archiv)

"Das hier ist ein Waisenhaus. Hier leben Waisenkinder." - "Ich hab hier auch gelebt." - "Tatsache?" – "Ja. Und Du bist meine Mutter." (aus dem Film "Maria am Wasser")

Der Sohn, der hier seiner Mutter gegenüber steht, wird von ihr nicht erkannt. Genauer: sie will ihn vorerst nicht wieder erkennen, weil sie Angst hat. Angst vor der Vergangenheit und Angst, vor sich selbst das Gesicht zu verlieren.

Am Tag vor dem Geburtstag seiner Mutter Maria taucht der als Kind in der Elbe ertrunken geglaubte Markus nach zwei Jahrzehnten in seinem sächsischen Heimatdorf Neusorge wieder auf.

"Maria am Wasser", das Spielfilmdebüt des Dresdners Thomas Wendrich blieb einer der formal wie thematisch eindrucksvollsten Beiträge auf dem Ludwigshafener "Festival des deutschen Films." Thomas Wendrich inszeniert die Geschichte des verlorenen Sohnes, der aus seiner DDR-Kindheit in die Gegenwart der Nachwendezeit der 90er Jahre auftaucht, als poetische Annäherung an eine Landschaft.

Ein Heimatfilm über die Väter- und Müttergeneration der untergegangenen DDR, in der Markus' Mutter Maria, die autoritär ein Waisenhaus leitet, auch nach der Wende mental noch zu leben scheint. Markus' Rückkehr und sein Plan, die Orgel in der Kirche "Maria am Wasser" mit Smetanas "Moldau" wieder zum klingen zu bringen, konfrontiert ihn und die Bewohner von Neusorge mit den langen Schatten der Vergangenheit, mit Schuldgefühlen, Vertuschungen und Lügen.

Um Familienlügen und deren Zusammenbruch kreist auch Thomas Arslans Spielfilm "Ferien". Zehn Sommergäste aus vier Generationen treffen in der Abgeschiedenheit der uckermärkischen Provinz im Haus der Großmutter zusammen. Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle, aufbrechende Konflikte verdichten sich zu einem Familienmelodram in der für die Regisseure der "Berliner Schule" typisch kargen Bildästhetik.

Orchestriert wird der wie ein Bühnenstück von Anton Tschechow choreografierte Reigen aufbrechender Beziehungen vom Rauschen heftiger Windböen, die lautstark in die lichtdurchfluteten Bäume fahren und akustisch ankündigen, das nichts so bleiben wird, wie es ist in dieser scheinbaren Sommeridylle auf dem Lande.

Ein Großteil der Filme im Wettbewerb des "Festivals des Deutschen Films" erzählt von - wenn überhaupt noch vorhandenen, dann fatal verkümmerten - Familienbanden. Bemerkungen wie: "ich möchte nicht schon wieder weggeschickt werden" ausgesprochen von Söhnen oder Töchtern gegenüber dem einem verbliebenen Elternteil, meist der Mutter, ziehen sich leitmotivisch durch das Repertoire der Wettbewerbsbeiträge.

Die Filme trafen im abends stets ausverkauften Tausend-Platz-Zeltkino auf ein bemerkenswert generationsübergreifendes Publikum. Das Kino als sozialer Ort, dessen drohender Verlust unter dem Vorzeichen der Digitalisierung des Films und der daraus folgenden Privatisierung des Publikums auf der begleitenden "Sommerakademie" des Festivals nüchtern konstatiert wurde: dieses Kino als Ort virtueller wie realer Gemeinschaft war auf der Ludwigshafener Parkinsel Wirklichkeit.

Vor allem, als Katja Riemann den "Preis für "Schauspielkunst" entgegennahm und anschließend als Protagonistin in "Ich bin die Andere" zu sehen war; Margarethe von Trottas nach einem Drehbuch der Fassbinder-Autoren Peter Märthesheimer und Pea Fröhlich leider prätentiös überfrachtet inszeniertem Vater-Tocher-Melodram über eine multiple Persönlichkeit.

"Leben", italienisch "Vivere": wofür lohnt sich das? Diese Frage stellen sich im gleichbetitelten Film die Geschwister Francesca und Antonietta. An Heiligabend brennt die 17-jährige Antoinetta, aus ihrem Heimatdorf bei Köln mit einem Rocksänger nach Rotterdam durch. Francesca macht sich auf die Suche nach ihr. Unterwegs liest sie die wesentlich ältere Gerlinde hinter dem Steuer ihres verunfallten Wagens auf.

Drei Frauen auf der Suche nach sich selbst und einem neuen Leben: Angelina Maccarones Spielfilm "Vivere" blieb neben "Maria am Wasser" als einer der stärksten Beiträge im Wettbewerb um den "Filmkunstpreis" in Erinnerung: Ein aus drei ineinander verschränkten Erzählperspektiven in Bild, Ton und Musik brillant durchkomponiertes, nachtdunkles Road Movie; schauspielerisch hervorragend besetzt mit Esther Zimmering, Kim Schnitzer und Hannelore Elsner.

Das rasant-rauhe Kinostück war einer der raren ohne Fernsehgelder - und entsprechend konventionelle Fernsehspiel-Ästhetik - realisierten Beiträge im Wettbewerb. Ein Film, dem ein rascher Kinostart zu wünschen bleibt.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk