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StartseiteMusikjournalChance für Nachwuchsdirigenten28.08.2017

Lütticher Oper Chance für Nachwuchsdirigenten

Im königlichen Opernhaus von Lüttich fand zum ersten Mal der Internationale Dirigierwettbewerb für Oper statt. Dem Gewinner winken ein Preisgeld, aber vor allem die Chance eine Produktion an der Lütticher Oper zu dirigieren.

Von Bjørn Woll

Innenraum der Lütticher Oper (picture alliance/dpa - John Thys)
An der Oper im belgischen Lüttich fand zum ersten Mal ein Wettbewerb für Nachwurchsdirigenten statt. (picture alliance/dpa - John Thys)

Die Spannung ist förmlich zu greifen an diesem Nachmittag im königlichen Opernhaus in Lüttich. Es ist der erste von zwei Halbfinaltagen beim "Internationalen Dirigierwettbewerb für Oper". Der findet in diesem Jahr zum ersten Mal statt und ist außerdem der einzige große Wettbewerb für Dirigenten, der ausschließlich dem Opernrepertoire gewidmet ist. Gerade probt Leonardo Sini den 2. Akt aus Puccinis "La bohème", während sich die Juroren eifrig Notizen machen. Schon nach wenigen Minuten klebt ihm das Hemd am Körper, denn die Szene hat es in sich: Das wuselige Treiben auf der Bühne fordert dem Dirigenten alles ab, gesteht der 27-jährige Italiener:

"Es ist ein ziemlich komplexer Akt in dieser Oper: Es gibt natürlich das Orchester, dann aber auch noch die Solisten, den Chor und einen Kinderchor. Es sind wirklich alle auf der Bühne. Außerdem passieren hier viele Dinge zur gleichen Zeit, wie in einem Film. Genau das ist die Herausforderung: Alles zusammenzuhalten und gleichzeitig den Solisten genügend Freiraum zu geben, damit sie ihre Charaktere ausdrücken können." 

Preisgeld und eine Spielzeit an der Lütticher Oper

144 Kandidaten aus 26 Ländern haben sich für den Wettbewerb angemeldet. Aus diesen wurden 49 ausgewählt, die in fünf Runden gegeneinander antreten müssen. Dem Gewinner winken am Ende nicht nur 10.000 Euro Preisgeld, sondern er darf in der kommenden Spielzeit auch eine Produktion an der Lütticher Oper dirigieren. Die Idee für den Wettbewerb hatte Operndirektor Stefano Mazzonis schon vor einigen Jahren. Doch zunächst mussten Sponsoren gefunden werden, und auch die Planung nahm einige Zeit in Anspruch. Für ihn ist der Wettbewerb eine Herzensangelegenheit, weil er Nachwuchskünstlern damit eine Chance geben möchte:

"Dirigenten haben nicht sehr oft die Möglichkeit, sich zu zeigen. Ein Sänger kann überall auftreten, er braucht nur einen Pianisten. Das Gleiche gilt für Instrumentalisten. Aber ein Dirigent braucht ein Orchester!" 

Warum es bisher keinen internationalen Wettbewerb ausschließlich für Operndirigenten gab, ist fast schon ein wenig verwunderlich. Immerhin ist die Oper die komplexeste unter den musikalischen Gattungen, vereint Musik, Gesang und Szene zu einem hybriden Gesamtkunstwerk. Wie in einem raffinierten Schweizer Uhrwerk muss jedes noch so kleine Rädchen in das andere greifen, sonst fliegt alles auseinander. Viel Verantwortung also für den Dirigenten, der hier sozusagen als Uhrmacher fungiert. In einer kurzen Wettbewerbspause erklärt Stefano Mazzonis, worin für ihn die besondere Herausforderung beim Operndirigieren liegt:

"Vor allem hat er es mit Menschen zu tun, die singen. Natürlich muss der Dirigent seine eigenen Vorstellungen von Tempo und Phrasierung haben. Dabei darf er aber nicht vergessen, dass ein Sänger atmen muss – und auch seine eigene Interpretation hat. Er muss also seine eigene Vorstellung mit den Ideen und den Bedürfnissen der Sänger in Einklang bringen." 

Keine leichte Aufgabe also für die Wettbewerbsteilnehmer, die noch nicht über die Routine eines erfahrenen Dirigenten verfügen. Doch Leonardo Sini lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Es ist faszinierend zu beobachten, mit welcher Souveränität er bereits agiert. Wie er mit dem Orchester an Timing und Tempo arbeitet, den Chor zu einer präziseren Artikulation führt oder mit den Gesangssolisten den richtigen Ausdruck für die Arien sucht. Eine Stunde hat er im Halbfinale Zeit, an dem vorgegebenen Repertoire zu arbeiten und seine Ideen mit dem Ensemble umzusetzen. Am Ende bewertet die Jury nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Art und Weise, wie die Kandidaten mit den Musikern arbeiten.

Schlagtechnik und Ausdruck

Der Erfolg eines Wettbewerbs hängt jedoch nicht nur von der Qualität seiner Teilnehmer ab, auch die Zusammensetzung der Jury hat einen maßgeblichen Anteil daran. Und wer da am Jurytisch im Parkett des Lütticher Opernhauses Platz genommen hat, kann sich durchaus sehen lassen. Neben Operndirektor Stefano Mazzonis, der auch den Juryvorsitz innehat, sitzen da etwa die neue Chefdirigentin der Oper in Lüttich, Speranza Scappucci, oder der berühmte Bass-Bariton Ruggero Raimondi. Stefano Mazzonis erklärt, worauf er und seine Kollegen bei den Kandidaten besonders achten:

"Ein Dirigent kann absolut perfekt sein, aber es kommt trotzdem nichts an von der Bühne. Das Publikum muss aber etwas empfangen, das ich nur als Magie beschreiben kann. Das ist schwer zu fassen oder zu beschreiben, aber man merkt es, wenn es da ist." 

Es geht also nicht allein um die richtige Schlagtechnik, sondern vor allem um den Ausdruck. Für die Kandidaten ist das eine schwierige Situation: vor die Jury zu treten und auf Kommando Höchstleistungen abzurufen. Denn bei einem Wettbewerb zählt nur der Augenblick: Egal wie intensiv sie sich vorbereitet haben, am Ende bleibt nur dieser eine Moment, um die Juroren von den eigenen Qualität zu überzeugen. Darin unterscheidet sich dieser Wettbewerb von keinem anderen, das weiß auch Leonardo Sini: 

"Ich muss zugeben, dass es nicht leicht ist. Ich versuche einfach, meine Konzentration so hoch wie möglich zu halten. Das ist eine echte Herausforderung bei den langen Tagen, die wir hier haben: Immer hochkonzentriert zu sein und die Augen und Ohren offen zu halten, für das, was um uns herum passiert. Das ist wirklich wichtig."

"Eine seltene Chance"

Am Ende hat es für Leonardo Sini nicht gereicht, im Halbfinale war Schluss für ihn. Und trotzdem war die Teilnahme am Wettbewerb für ihn ein großer Erfolg:

"Ich bin froh, dass ich so weit gekommen bin, und ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich sammeln konnte. Mit einem Orchester und einem Chor auf dem Niveau arbeiten zu können, ist eine seltene Chance. Für mich war das auf jeden Fall ein fantastisches Erlebnis." 

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