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Luft des sterbenden Freundes in 13 Tupperdosen

Cornelia Travnicek: Chucks. DVA

Von Simone Hamm

Rote Chucks
Rote Chucks (picture alliance / dpa /Maximilian Schönherr)

Cornelia Travnicek arbeitet als Researcher in einem Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung. Und ihr erster Roman handelt vom Umgang mit dem Tod, der die junge Frau Mae schließlich zu einer Erwachsenen reifen lässt.

"Chucks" heißt der erste Roman der Österreicherin Cornelia Travnicek. Es ist ein Buch, das den Tod zum Thema hat und das vom Werden und Wachsen einer jungen Frau handelt. Cornelia Travnicek ist 25 Jahre alt. Sie ist Buddhistin, wobei sie den Buddhismus weniger als Religion denn als Philosophie betrachtet. Ein Buch, dass sie nie mehr hergeben möchte, ist Siddharta von Hermann Hesse.

"Ich war stark beeindruckt und ich glaube, dass das auch einer der ersten Berührungspunkte mit Gedankengut aus dieser Richtung war. Hesse hat etwas getan, was vielleicht nicht beabsichtigt war vor ihm, er hat ganz tolle Jugendbücher geschrieben. Ich meine, wir haben existenzielle Themen, Selbstfindungsthemen, die eben in diesem Alter eine ganz große Rolle spielen."

An eben diese existenziellen Themen hat sich Cornelia Travnicek gewagt. Chucks, das ist die Geschichte des Mädchens Mae, die die Schule abbricht, sich auf der Straße herumtreibt, zu Jacob, dem Architekten zieht und ihn verlässt, um mit Paul, einem AIDS-Kranken zu leben. Cornelia Travnicek schildert Maes Geschichte nicht chronologisch, sie arbeitet mit schnellen, kurzen, harten Rückblenden, schreibt völlig unsentimental, sie kommt schnell zum Punkt. Da ist nicht ein Wort zuviel.

"Das kommt vielleicht von den Formen, aus denen ich komme. Ich hatte begonnen mit Lyrik. Und habe dann wirklich eigentlich um Länge gerungen. Auch in meinen Texten. Meine ersten Prosatexte waren alle nur Halbseiten-Texte, also wirklich Kürzestgeschichten, beziehungsweise ganz klassische "Shortstorys". Ich habe mich Seite für Seite an längere Zielstränge herangetastet und habe dann auch einen Anlauf gemacht, diesen Roman wirklich linear zu schreiben und habe das dann wieder verworfen. Ich habe wirklich 50 Seiten weggeworfen, weil ich gemerkt habe, das ist nicht die passende Form. Und habe mich dann für dieses Szenische, dieses Mosaik entschieden, weil das für mich genau das Passende war."

Cornelia Travnicek hat die großen Augen mit Kajalstift umrandet. Sie trägt Rastalocken. Sie schreibt einen Blog und - sie ist lesesüchtig:

"Als Leserinnen ist das in diesem Ausmaß schlimm, da ich an nichts vorbeigehen kann, was irgendwie Geschriebenes ist. Und sei es ein Schild. Alles wird automatisch aufgenommen. Ich glaube, dass es vielen anderen Leuten auch so geht. Dass man sich gegen die Schrift gar nicht wehren kann. Sobald da Schrift ist, da muss sie gelesen werden. Als Schriftstellerin ist es natürlich so, dass die Geschichten im Kopf schon da sind. Dass sie länger da sind, vorher da sind, nachher da sind, bevor sie aufgeschrieben werden. Aber sie müssen aufgeschrieben werden, sonst gehen sie nicht weg. Sonst gehen sie nie weg."

Maes Bruder ist an Krebs erkrankt und das Familienleben wird bestimmt durch die Tage im Krankenhaus. Es gibt keine Freizeit mehr. Kein eigenes Leben. An dem Tag, an dem ihr Bruder sterben wird, darf Mae nicht mitkommen und sich nicht von ihm verabschieden. Sie darf auch nicht mitkommen zur Beerdigung.

Die Nachbarin passte auf mich auf. Sie saß am Küchentisch und füllte Kreuzworträtsel aus, allerdings so falsch, dass am Ende nichts zusammenpasste. Ich saß auf dem kühlen Boden des Vorraums, was mir verboten war, denn Mädchen bekommen eine Blasenentzündung, wenn sie auf dem kalten Boden sitzen. Saß also auf den Fliesen und strich über die roten Turnschuhe. Beim Betreten des Hauses wären meine Eltern fast über mich gestolpert, meine Mutter schrie und beschimpfte mich. Und als ich davon kroch, Wuttränen in den Augen, warf sie mit dem rechten Schuh nach mir und dann mit dem linken, der mich unter dem Auge traf, sodass ich für die nächsten Tage eine bläuliche Schwellung hatte. Die Chucks meines Bruders nahm ich mit in mein Zimmer und zog sie am nächsten Tag in die Schule an und am übernächsten und von da an immer.

Mae trägt den ganzen Roman über die roten Chucks die die Eltern ihrem todkranken Bruder geschenkt hatten. Da konnte er schon nicht mehr laufen, lag im Krankenhausbett. Er hat sie trotzdem angezogen. Die Nähte hellweiß. Kein Schmutz an den Sohlen.

"Diese Schuhe habe ich ganz bewusst ausgesucht. Chucks nämlich, weil diese Schuhe, die möchten Kinder in bestimmtem Alter haben. Chucks sind Markenware, die haben alle an, das muss sein. Sie sind nicht warm, sie haben Löcher da regnet's rein. Im Sommer bekommt man Schweißfüße drinnen. Also es ist etwas, das Mütter nicht als praktisch erachten. Und sie sind ja auch nicht billig. Und dann ist da dieses Kind im Krankenhaus. Und man weiß genau, man kann eigentlich fast nichts mehr tun, es bleibt nichts mehr. Und dann bleiben am Ende nur noch Geschenke und deswegen bekommt er diese Schuhe auch. Es ist eigentlich ein Zeichen für Hilflosigkeit. Mae nimmt dann diese Schuhe an sich, die, wie es die Art dieser Schuhe ist, einfach Stück für Stück auseinanderfallen und man muss sich das so vorstellen, dass die natürlich auch geflickt werden mit der Zeit. Also, ich hab schon Chucks gesehen, die mit groben Fäden wieder vernäht waren oder zusammen geklebt mit Heißkleberpistole. Die Leute hängen da jahrelang dran, solange bis die Schuhe wirklich von den Füßen fallen."

Am Ende sind die roten Chucks Patchworkschuhe, das Schuhband ist abgerissen, die Sohlen schon ganz schief gelaufen. Sie sind Erinnerungen an den Bruder, Erinnerungen an dessen langes Sterben, Erinnerungen an eine eher traurige Kindheit. "Chucks" beginnt mit dem Tod des Bruders und es endet mit dem Tod des Freundes. Und dazwischen ist ziemlich viel Sterben.

"Ich war ja auch Ministrantin als kleines Kind, in dem Alter wo man das so ist, von Acht bis 13 vielleicht. Ich war auf vielen Beerdigungen und habe eben diese Verabschiedungsrituale genau beobachtet. Bei uns in Österreich ist das Sterben immer ziemlich katholisch. Sterben interessiert eigentlich nur im katholischen Rahmen. Und man versucht oft, Kinder davor zu schützen, habe ich den Eindruck. Weil sie dürfen dann eben zum Beispiel nicht mitgehen auf Beerdigungen. Und das ist das, was bei Mae und ihrem Bruder passiert. Das ist so ein zweischneidiges Schwert. Wo fängt das Beschützen an und wo hört es mit einem Schaden wieder auf für das Kind. Und da wollte ich eben nie so eine Verdrängungskultur zelebrieren, sondern zeigen, dass das schädlich sein kann."

Dabei könnten Kinder gut mit dem Tod umgehen. Sie verdrängen weit weniger als Erwachsene. Vielleicht, weil sie mehr Fantasie haben. Vielleicht, weil sie noch nicht darüber nachgedacht haben, was nach dem Tode kommt.

"Ich glaube, das kommt davon, da sie noch eine bildlichere Vorstellung davon haben, so einen einfachen Glauben. Also, wenn es jetzt eine christliche Familie ist, dass der Opa zum Beispiel im Himmel ist. Die Kinder stellen sich das vielleicht sogar so vor, dass jemand auf der Wolke sitzt und runterguckt. Und sie auch irgendwie beschützt. Wie ein Schutzengel."

Als der Sohn stirbt, zerbricht die Familie. Der Vater verlässt Mutter und Tochter. Die Mutter, hilf- und wortlos, hält eine heile Spießigkeit mit ihren Tupperwarepartys aufrecht. Ihre Tochter kommt dabei zu kurz. Die Mutter zieht in eine kleine Wohnung. Es gibt keine Sachertorte mehr und keinen Prosecco. Nur noch Sekt. Mae ist labil, fängt vieles an, führt nichts zu Ende. Sie fühlt sich angezogen von denen, die auf der Straße leben, ihrer Freiheit, ihrer Unabhängigkeit. Vor allem von ihrer Freundin Tamara. Doch den letzten Schritt wagt sie nicht. Zwar geht sie fort von Hause mit nichts als dem, was sie anhat, an den Füßen die roten Chucks. Doch sie bleibt die Betrachterin, die am Rande sitzt und genau beobachtet. An den letzten Vorfall, der sie vor Gericht gebracht hat, möchte sie sich lieber nicht erinnern: Körperverletzung. Im AIDS-Hilfehaus soll sie Sozialstunden abarbeiten.

Maes Verhältnis zur Mutter, von der sie sich vernachlässigt gefühlt hat, ändert sich nicht:

"Meistens ist sie aber wütend auf sich selbst, auf ihre Familie und dann wieder auf sich selbst, weil sie ihrer Familie nicht verzeihen kann. Obwohl sie natürlich eigentlich in dem Alter ist, wo man verstehen sollte, dass die eigenen Eltern auch nur Menschen sind, dass sie überfordert sein können. Und dass sie Fehler machen und dass man ihm verzeihen muss."

Mae zieht zu Jacob, einem Architekten. Sie verliebt sich in Paul. Er fällt in ihr Leben hinein, die Treppe im AIDS-Hilfehaus herunter, Mae direkt vor die Füße. Paul hat AIDS. Das wird überhaupt nicht dramatisiert. Mae lebt mit Paul und es ist selbstverständlich für sie, bei ihm zu bleiben, als er schwächer und schwächer wird. Mae sammelte seine Fingernägel, sie sammelt am Ende sogar die Luft aus dem Krankenzimmer. Und das füllt sie in kleinen Tupperdöschen und friert es ein.

"Das ist ihr eigenes Ritual gegen das Vergessen. Paul ist sehr genau derjenige, an dem sie diesen Fehler aus der Kindheit wieder gut machen kann. Jemand, für den sie da sein kann auf diesem letzten Weg, was sie unglaublich wachsen lässt. Und am Ende zu dieser ganzen erwachsenen Person werden lassen kann, die sie einmal sein wollte. Das ist einfach ein Weg, den sie für sich selbst gefunden hat."

Ohne Paul ist die Wohnung leer. Aber es ist ihr Zuhause, das Zuhause in dem der Kühlschrank steht, in dem sie Paul gesammelt hat in 13 kleinen Tupperdöschen. Auf der Kante ihrer rechten Hand schimmert es blau von Kugelschreiberfarbe. Mae hat einen Brief an ihre Mutter geschrieben.

Buchinfos:
Cornelia Travnicek: Chucks. DVA, 187 Seiten, Preis: 15,50 Euro

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